Rosinen im Kopf

30 08 2007

Seit der Geschichte über Rosinen in Käsekuchen – nachzulesen unter dem Titel „Verpönte Kulturtechniken – das Barren“ – gehen mir die Rosinen nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe mir extra zwei Bücher von Douglas Adams gekauft, weil ich dachte, da war doch was. Bisher hab ich jedoch kein kleines, rosiniges Etwas darin gefunden.

Das Erstaunliche an der menschlichen Existenz ist ja, dass man beispielsweise seinen Reisepass sucht und stattdessen Kekse findet, die in dieser Schublade absolut nichts verloren haben. Oder man sucht Tankquittungen und findet den Lieblingssocken, von dem man dachte, die Waschmaschine habe ihn gefressen und der das Lieblingsockenpaar wieder vollständig macht. Genauso erstaunlich ist es, dass Reisepässe oder Tankquittungen meist rechtzeitig wieder auftauchen. Oft dann, wenn man Kekse oder Socken sucht. Leider ist diese Strategie des Findens kein Patentrezept. Denn manchmal findet man, wenn man Kekse sucht tatsächlich Kekse statt Reisepässe – oder man findet Socken. Kein Wunder, dass daraus Religionen entstehen können.

Die beiden Bücher von Douglas Adams habe ich in der Hoffnung gelesen, etwas über Rosinen herauszufinden. Ich war mir absolut sicher, dass Douglas Adams irgendetwas Universelles über Rosinen geschrieben hat. Schließlich stammt aus seiner Feder The Hichhiker’s Guide to the Galaxy. Aber Fehlanzeige! Kein einziges Wort über Rosinen. Stattdessen schreibt er über viele andere Sachen. Er schreibt über holistische Privatdetektive, über Lizards und Blizzards, über Amerikaner, Kanadier und Australier – und über kleine Bammeldinger. Doch davon ein wenig später. Erstaunlicherweise findet man bei ihm auch eine Aufstellung von Unternehmen, die mit ganz anderen Dingen Geld verdienen, als man gemeinhin erwarten könnte.

Eine kleine Liste dazu haben wir ja schon: Ikea produziert Montageanleitungen, VW ist eine Bank, die Deutsche Bahn vermietet Immobilien, Google produziert den Klimawandel und Ryanair verfrachtet Übergepäck. Mit der Hilfe von Douglas Adams kann diese Liste jetzt ergänzen werden:

„Viele Leute machen ganz und gar nicht das, was man von ihnen denkt. Xerox zum Beispiel, macht sein Geld mit dem Verkauf von Tonerpatronen. Ihr ganzes Herumgepfusche an der Entwicklung von High-Tech-Kopier- und Druckgeräten ist nur dazu da, um einen Markt an Tonerpatronen zu schaffen, auf dem sie ihre Profite machen.“ HP, möchte man dazwischenrufen, auch! „Fernsehanstalten machen ihr Geschäft nicht damit, dass sie ihre Zuschauer mit Fernsehprogrammen versorgen, sondern damit, dass sie ihre Werbekunden mit Zuschauern versorgen.“ Und so, wie Xerox eigentlich Tonerkartuschen verkauft, kann man vermuten, dass „Sony eigentlich nichts anderes tut, als kleine Bammeldinger-Netzteile zu produzieren.“

„Die kleinen Bammeldinger“, von denen Douglas Adams spricht, „sind die externen Stromadapter, die von Laptops und Palmtops, von externen Laufwerken und Kassettenrecordern, von Anrufbeantwortern, Aktivlautsprechern und anderen unglaublich notwendigen Dingsbumsen benötigt werden“. Auch ich habe eine ganze Kiste davon. Es sind die traurigen Überreste von Geräten, an die ich mich kaum noch erinnern kann. Eine Bodenlosigkeit, in der Kekse, Socken und Reisepässe auf Jahre unauffindbar verschwinden könnten. Gerade habe ich die Kiste nach Rosinen durchsucht, aber auch da habe ich keine gefunden. Auch keine Reisepässe und keine Kekse.

Trotzdem ist die Rosine kulturhistorisch nicht unbedeutend. Wer kennt schon den Unterschied zwischen Sultaninen, Zibeben und Korinthen? Auch wenn ich mich in die Gefahr begebe als Korinthenkacker zu gelten: Selbst in den Naturwissenschaften mischt die Rosine kräftig mit. Zum Beispiel in der Stochastik und bei dem Thema: Über die Poisson-Verteilung oder die Kunst Rosinenbrötchen zu backen. Die Rosine spielte auch eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Universums. Damit hat sie viel mehr erlebt, als der Porphyr.

Das ist aber kein Grund sie in jeden Teig einzubacken. Der Blog der Kaltmammsel, Abteilung Vorspeisenplatte, birgt beispielsweise ein ganz außergewöhnliches Rezept für einen „Käsekuchen nach New Yorker Art„. Der kommt ganz kosmopolitisch ohne Rosinen daher. Allerdings sollte man wissen, dass Sauerrahm in unserem bundesrepublikanischem Sprachraum als Saure Sahne übersetzt werden sollte. Süße Sahne könnte den ganzen Käsekuchen mit einem Schlag zunichte machen und nichts bliebe übrig von der New Yorker Art.

Dieser Artikel ist ein Update zu „Mit Übergepäck durchs Internet„.

Quellen: Die Zitate von Douglas Adams stammen aus „Lachs im Zweifel“.

Das Foto stammt aus Wikipedia und steht unter Creative Commons Licence.





Mit Übergepäck durchs Internet

29 08 2007

Als einer der größten Hersteller des Klimawandels gilt mittlerweile Google. Eine Suchanfrage bei Google koste, das haben Tüftler der New York Times ausgerechnet, „so viel Strom wie eine Energiesparlampe in einer Stunde.“ So stand es zumindest in der Zeit. „Rechenzentren“, so heißt es da, „verschlingen so viel Energie wie der Flugverkehr.“ Da sollte man doch öfter mal wieder fliegen und das Internet zuhause lassen.

Wir hatten kürzlich festgestellt (und zwar hier), dass Unternehmen oft mit Produkten und Dienstleistungen ihr Geld verdienen, die mit dem vermeindlichen Kerngeschäft herzlich wenig zu tun haben. Um beim Fliegen zu bleiben: Ryanair verdient viel Geld damit, dass Menschen nicht fliegen. Leider gibt es keine Statistik darüber, wieviel Prozent der Buchungen verfallen. Darüberhinaus verdient Ryanair wahrscheinlich horrende Summen damit, sogenanntes Übergepäck zu transportieren (hier die aktuellen Tarife). Dieses Geschäft ist so lukrativ, dass man gerne auf die Beförderung von Passagieren verzichten würde, könnte man ihnen einen guten Grund liefern, trotzdem ihr Übergepäck transportieren zu lassen.

Heute vermeldete die Süddeutsche Zeitung: Apple und VW führen Gespräche in Kalifornien. „Am Ende“, so die Süddeutsche Zeitung, „könnte ein „iCar‘‘ herauskommen in Anlehnung an die begehrten iMac-Computer und iPod-Musikgeräte von Apple.“ Das wäre ein ganz großer Deal. VW könnte sich weiterhin um seine Banksparte kümmern und den Zusammenbau des iCars Apple und seiner weltweiten Lieferkette überlassen. Ich bin gespannt, ob das Lenkrad durch ein ClickWheel ersetzt wird. Der entscheidende Vorteil wird sein: Auch bei Urlaubsfahrten mit dem Auto hätte man sein Internet immer dabei. Das ist zwar schlecht für das Klima, aber besser Apple baut Autos, als Microsoft Flugzeuge (siehe Video unten). Womit wir wieder beim Fliegen wären. Und beim Klimawandel. Und beim Internet.

Quellen: Den Hinweis auf Apple, VW und die Süddeutsche Zeitung verdanke ich dem Blog fscklog. Das Video fand ich im Blog Der Schockwellenreiter.

Das Foto stammt aus Wikipedia und steht unter Creative Commons Licence.





Kommode kommt von Comedy

28 08 2007

Gerade macht ein schwedisches Unternehmen, das vor allem witzige Montageanleitungen produziert, mit der Behauptung auf sich aufmerksam, Mode käme von Kommode. Das ist natürlich Unsinn. Soll aber witzig sein.

Gibt man bei Google „Montagean- leitungen Ikea“ ein, führt der erste Eintrag – na, wohin wohl? Zu Ikea! Dort liest man: „Wir sind gerade dabei, Montageanleitungen auf unserer Website zugänglich zu machen“. Jetzt winken rosige Zeiten für die Liebhaber der witzigen kleinen Comics.

Bisher suchte man die lustigen Zeichnungen vergebens im Internet. Das lag daran, dass die Ikea-Montageanleitungen urheberrechtlich geschützt waren und Ikea kein Interesse daran hatte, den Erwerb der Montageanleitungen freizugeben. In ihren Besitz konnte man nur gelangen, wenn man das dazu passende Möbelstück erwarb. Endlich – so kann man die Ankündigung von Ikea deuten – muss man nicht mehr teure Möbel kaufen, um an die begehrten Zeichnungen zu kommen.

Noch vollkommen unklar ist, mit was Ikea in Zukunft Geld verdienen will. Als nahezu ausgeschlossen gilt, dass dies allein mit Möbeln möglich sein wird. Die Ikea-Montageanleitungen haben den Kultstatus der Marke Ikea maßgeblich mitgeprägt. Von einer eher ungeliebten und gesetzlich geforderten Beigabe, wurde die Montageanleitung zum entscheidenden Alleinstellungsmerkmal der Marke Ikea – zu einem Produktbestandteil, der Ikea sehr wirksam von konkurrierenden Marken, wie beispielsweise Interlübke, Vitra, USM und Bulthaupt, abgrenzte.

Die Ikea-Montageanleitungen haben es sogar geschafft als „Ikea-Klausel“ Eingang in die Rechtsprechung zu finden. Der § 434 des Bürgerlichen Gesetzbuches enthält seit Januar 2002 folgende Formulierung: „Ein Sachmangel liegt bei einer zur Montage bestimmten Sache ferner vor, wenn die Montageanleitung mangelhaft ist, es sei denn, die Sache ist fehlerfrei montiert worden.“ Genau das ist die „Ikea-Klausel“.

Mit was will Ikea also in Zukunft Geld verdienen, wenn die Montageanleitungen frei im Internet verfügbar sind? Andere Unternehmen und Konzerne haben es bereits vorgemacht. Die Deutsche Bahn zum Beispiel, transportiert nur noch aus nostalgischen Gründen Menschen und Güter. Eigentlich betreibt sie, in gut frequentierten Lagen, Shopping Malls. Die Volkswagen AG ist in erster Linie eine Bank. Nur zum Schein werden noch Autos verkauft. McDonalds ist eine Promotionagentur für Filme und Events. Fastfood wird nur noch verkauft, um mit einem profitablen Franchise-Modell globale Promotionareas anbieten zu können.

Harald Schmidt, der gerade im Fernsehen fünfzig wurde, ist ein gutes Beispiel für Veränderungen des Geschäftsmodells. Als Schauspieler mit kleinen Rollen gestartet, war der erste Schritt zu großen Karriere, seine Mitarbeit im Düsseldorfer Kom(m)ödchen. Vom Schauspieler wurde er zum Kabarettist. Aber erst mit Comedy und Late-Night-Shows kam das große Geld. Was er heute macht, weiß niemand so ganz genau. ARD-Kollegen reden ihn mit „Mein Teuerster“ an.

Was SAP, der weltweit führende Hersteller von Unternehmenssoftware, in Zukunft machen wird, weiß man auch nicht ganz genau. Dass SAP ins Unterhaltungsgeschäft einsteigen will und mit Unternehmen wie Endemol oder der Walt Disney Company in Wettbewerb treten wird, ist unbestätigt. Obgleich das Beispiel aus GoogleVideo (siehe unten) hoffnungsvolle Ansätze in Richtung Comedy enthält. Wer weiß, vielleicht entwickelt SAP eine taugliche Version von globalem Denglisch 1.0 – und wir alle müssen Lizenzgebühren zahlen, weil wir so sprechen.


Das Foto stammt vom Autor des Beitrags und steht unter Creative Commons Licence





Sprachpflege in Erlangen und anderswo

26 08 2007

Nahezu sprachlos machte mich heute, dass in Erlangen seit 27 Jahren ein Poetenfest stattfindet. Warum sagt einem das denn niemand? Hat man einmal ein Fass aufgemacht, kann es schnell bodenlos werden. Erlangen läßt mich nicht mehr los. Andere sprachpflegerische Nachrichten erreichten mich aus der Bachstadt Köthen und aus der Domstadt Köln.

In einem Beitrag zum Erlanger Poetenfest von Deutschlandradio Kultur gestand Martin Mosebach, der diesjährige Büchnerpreisträger: „In Erlangen war ich noch nie!“ Und das, obwohl das Poetenfest von Kritikern als „die größte Deutschstunde der Welt“ bezeichnet wird. Vielleicht auch gerade deshalb. Denn die Kritik zielt auf eine Beliebigkeit, die Literatur zum Event aufbläht. Bodo Birk, Festivalleiter und Sachgebietsleiter im Erlanger Kulturamt, ist offen für diese Kritik, betont aber, dass „was den Kern des Poetenfests anbelangt“, das Bemühen groß ist „es nicht überzueventisieren“. Damit ist ihm, in sprachpflegerischer Hinsicht, ein ganz großer Coup gelungen.

Zeitgleich mühten sich in der Bachstadt Köthen die Mitglieder der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft auf ihrem 1. Köthener Sprachtag der Übereventisierung der Sprache Paroli (= französisches Lehnwort, das soviel bedeutet, wie Widerstand entgegen setzten) zu bieten. Die Neue Fruchtbringende Gesellschaft knüpft an die Tradition der Altvorderen an. Die alte Fruchtbringende Gesellschaft wurde am 24. August 1617 im Stadtschloß zu Weimar gegründet und galt als die einflußreichste sprachpflegerische Vereingung des Barock. „Der Name Fruchtbringend / darum / damit ein jeder / so sich hinein begiebet / oder zu begeben gewillet / anders nichts / als was fruchtmeßig / zu Früchten / Bäumen / Blumen / Kräutern oder dergleichen gehörig / aus der Erden wächset / und davon entstehet / ihme erwehlen / und darneben überall Frucht zuschaffen äußerst beflissen seyn solle.“ (Georg Neumark: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1668.)

Als Ethnologe würde mich schon interessieren, wie der Palmenbaum (siehe Abbildung), als teutscher Baum, plötzlich im Signet dieser verdienstvollen Vereinigung auftauchen konnte. Aber das stellen wir jetzt zurück.

Seit dem 18. Januar 2007 wird das alte Programm durch die Neue Fruchtbringende Gesellschaft neu gecovert und das hört sich ganz gut an: Der Slavistik Professor Friedrich Wenzel konstatiert: Früher seinen die Erzeugnisse solide gewesen. Die Qualität und Dauerhaftigkeit habe für sich gesprochen. Heute sei die Wirklichkeit durch Wort und Grafikdesign ersetzt worden. Dies deute auf einen tiefgreifenden Mentalitäts- und Kulturwandel hin. Aber, so Wenzel: „Deutschland hat keine andere Ressource als die Köpfe. Und die Köpfe arbeiten ganz entscheidend mit der Sprache. Und so gut und scharf dieses Instrument Sprache ist, so gut ist die Arbeit dieser Köpfe.“

Vermeintlich gute Arbeit, in sprachpflegerischer Absicht, leistet sich die GEZ, mit Sitz in Köln – ausgeschrieben: Die Gebühreneinzugszentrale (GEZ) der öffentlich-rechtlichen Landesrundfunkanstalten (ARD), des Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) und des Deutschlandradio (DR). Viele Jahre hatte ich das Gefühl, als Gebührenzahler der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, sei ich im wesentlichen verdächtig meine Gebühren nicht zu zahlen. Seit einigen Wochen mehren sich bedenkliche Hinweise in den Programmen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, dass ich als zahlender Kunde und König wahrgenommen werde. Plötzlich bedankt man sich öffentlich in Rundfunk und Fernsehen bei mir, dass durch meine Gebühren ein derart hochwertiges und werbefreies Programm ermöglicht werde. Gleichzeitig nähert sich die gefühlte Qualität der Programme dem Niveau des Vergnügunsparks Haßloch. Ich selbst werde zur Nischenexistenz, die nur noch bei Arte und 3Sat Zuflucht und Zuspruch findet.

Die GEZ also, die all die Gebühren eintreibt, mit denen Programme finanziert werden, die ich nicht sehen will, betreibt mit meinem Geld jetzt auch noch Sprachpflege. Die GEZ hat die Wissensplattform akademie.de abgemahnt Begriffe wie „GEZ-Gebühren“, „PC-Gebühr“, „Gebührenfahnder“, „GEZ-Anmeldung“ oder „GEZ-Abmeldung“ nie wieder zu verwenden. Das Verbot wird damit begründet, dass die Nutzung der Begriffe nur dazu diene, „ein negatives Image der GEZ hervorzurufen“. Tschuldigung, liebe GEZ. Ihr verehrtes Image ist so gut wie die Programme, die durch ihren Gebühreneinzug finanziert werden. Ich verwahre mich entschieden dagegen, dass sie mit meinen Gebühren Sprachpflege betreiben. Kümmern sie sich um ihren Kram und machen sie hier nicht einen auf Sprachdiktatur im Sinne von George Orwells 1984.

Quellen:
Beitrag aus Deutschlandradio Kultur zum Erlanger Poetenfest
Beitrag aus Deutschlandradio Kultur zum 1. Köthener Sprachtag

Die Abbildung des Signets der „Fruchtbringenden Vereinigung“ stammt aus Wikipedia und steht unter Creative Commons Licence.





Die Kunst Knoblauch zu zerkleinern

23 08 2007

Kleine Details sorgen oft für den entscheidenden Unterschied. Dass Alfons Schuhbeck bei der Zubereitung seines Wiener Schnitzels zerbröseltes Weißbrot als Panade empfiehlt und dem Eigelb einen Löffel geschlagene Sahne zufügt, ist so ein wichtiges Detail. Und das hat eine bemerkenswerte Wirkung. Zukunftsforscher, Marketingverantwortliche und Architekten könnten sich da ein Vorbild nehmen.

Knoblauch, das ist eine sehr heikle Angelegenheit. Deshalb wird es weder in der Architektur, noch im Marketing, noch in der Zukunfts- forschung verwendet. Falsches zerkleinern von Knoblauchzehen kann am Ende das komplette Werk verderben. Wenn Architektur, Marketing und Zukunftsforschung am Ende oft ein geistloses Gebilde produzieren, liegt das jedenfalls nicht am Knoblauch. An der Frage des richtigen Zerkleinerns einer Knoblauchzehe scheiden sich die Geister. Es gibt prinzipiell drei Sorten von Menschen: Es gibt die Presser, die Quetscher und die Hacker (siehe auch die Große Leserumfrage: Sind Sie Hacker, Quetscher oder Presser?).

Einer der prominentesten Vertreter der Hacker ist der schon erwähnte Alfons Schuhbeck. Er steht mit dieser Haltung stellvertretend für all diejenigen, die für einen schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen plädieren. In der Aromafrage bezieht er eindeutig Stellung: Hacken schützt die natürlichen Aromen und bringt sie mit hohem Wirkungsgrad in die zu würzende Speise. Hacker sind häufig konservativ. Diese Grundorientierung verschmilzt mit Versatzstücken einer postmateriellen Einstellung die globalisierungs- und technikkritische Elemente enthält.

Ganz anders die Quetscher. Quetscher muss man nochmals unterteilen in Schälquetscher und Quetschschäler. Der Schälquetscher schält zuerst die Knoblauchzehe und quetscht dann. Beim Quetschschäler ist es umgekehrt. Quetscher jedweder Couleur vertreten ihre Technik des Zerkleinerns nicht offensiv in der Öffentlichkeit. Sie gelten eher als Pragmatiker unter den Knoblauchanwendern, denen Aromen wichtig sind, die aber die zeitsparende Variante des Quetschens, der zeitraubenden und gefährlicheren Alternative des Hackens vorziehen. Quetscher sind experimentierfreudige Hedonisten. Sicher sind auch einige Moderne Performer darunter.

Die Presser hingegen sind ganz eindeutig Konsum-Materialisten, denen Komfort und Status gleichermaßen wichtig sind. Deshalb schaffen sie sich für teures Geld Designer-Knoblauchpressen an, die jegliches Aroma killen und gleichzeitig noch schwer zu reinigen sind. Zu den prominenten Vertretern der Presser gehören wahrscheinlich Leute wie Dieter Bohlen, die – so unterstelle ich – eine große Sammlung von Designer-Knoblauchpressen ihr Eigen nennen.

Mein persönlicher Werdegang vollzog sich vom Hacker zum Quetscher. Ganz zu Anfang war für mich das Hacken die natürliche Form des Zerkleinerns von Knoblauch. Ganz ähnlich, wie in sogenannten primitiven Gesellschaften, gab es dazu keine Alternative. Vor vielen Jahren zeigte mir mein Freund Eckart, während eines Urlaubs in Spanien, dass man eine zuvor geschälte Knoblauchzehe anschließend zeitsparend mit einem Löffel und einer Prise Salz zu Knoblauchmus zerquetschen konnte. So wurde ich zum Schälquetscher. Vor zwei Jahren war mein Freund Bernd – ein Koch mit langjähriger internationalen Erfahrung – bei mir zu Gast. Ich sah wie er eine ungeschälte Knoblauchzehe aromaschonend und zeitsparend mit dem Rücken eines breiten Messers zerquetschte und dann ganz leicht die Schale ablösen konnte. Dieser Anschauungsunterricht machte mich zum Quetschschäler.

Dieses Thema hat nichts damit zu tun, dass es bei einer anderen Tätigkeit ebenfalls drei Kategorien von Menschen gibt, nämlich Falter, Knüller und Wickler. Die Stuttgarter Zeitung behauptet fälschlicherweise es gäbe nur Knüller oder Falter. Meine Feldforschung hat diese Simplifizierung inzwischen widerlegt. Dieses Thema hat jedoch wenig bis gar keine Bezüge zu Architektur, Marketing und Zukunftsforschung. Das hat eher Bedeutung für die Toilettenpapierforschung und schlägt erst anschließend beim Marketing auf. Bei den Architekten und Zukunftsforschern schlägt dabei gar nichts auf. Wer trotzdem etwas über Toilettenpapierforschung erfahren möchte, der lese über „Das große Geschäft“ Kurzweiliges in brand eins.

Damit dieser Beitrag wenigstens einen nützlichen Aspekt für den noch immer maßgebenden männlichen Teil der Architekten, Marketingverantwortlichen und Zukunftsforscher aufweist, zeige ich zum guten Ende ein Video. Man sieht hier sehr anschaulich, wie man einen Windsorknoten bindet. Diejenigen, die die Fliege bevorzugen – auch Krawattenschleife genannt – und die Krawattenmuffel ignoriere ich.

Übrigens: Die Begriffe Postmaterialist, Hedonist, Moderner Performer, Konsum-Materialist und Konservativer stammen aus den Sinus-Milieus, mit denen man sich eine „Basissegmentation von Gesellschaften auf der Grundlage von Wertorientierungen“ basteln kann.

Quellen: An die Sinus-Milieus erinnert hat mich dieser Beitrag von Lisa Neun.

Die Abbildung des Knoblauchs stammt aus Wiki Commons und steht unter Creative Commons Licence.





Nabelschau – Wissenswertes über Schildau

18 08 2007

Vor einigen Wochen las ich in Bastian Sicks Kolumne Zwiebelfisch unter dem Titel “Willkommen in der Marzipanstadt” einen erhellenden Beitrag über die Namenszusätze von Städten, die ihrem Stadtmarketing die Arbeit erleichtern wollen. Am letzten Mittwoch befand ich mich in einer ausgelassenen Gesellschaft, die ausgiebig das Thema Bauchnabel besprach. Wie geht das zusammen? Mal sehen!

Neben der von Bastian Sick im Zwiebelfisch aufgeführten „Rattenfänger- stadt Hameln“, der „Störtebe- kerstadt Ralswiek“ und der „Leineweber- stadt Bielefeld“ gibt es noch jede Menge anderer Städte, die sich mit Namenszusätzen interessant machen wollen. Da gibt es die Bundesstadt Bonn, die mal Hauptstadt war und sich jetzt mit einem zweifelhaften Status begnügen muss, wie sonst nur Bern in der Schweiz. Es gibt die „Skatstadt Altenburg„, die „Otto-Dix-Stadt Gera„, die „Mohrenstadt Eisenberg„, die „Konrad-Zuse-Stadt Hoyerswerda„, die „Wissenschaftsstadt Darmstadt„, die „Barbarossastadt Gelnhausen„, die „Niebelungenstadt Worms„, die „Glasstadt Zwiesel„, die „Lichtstadt Jena„, die „Schöfferstadt Gernsheim„, die „Brüder-Grimm-Stadt Hanau„, die „Schillerstadt Marbach„, die „Ringelnatzstadt Wurzen„, die Barlachstadt Güstrow, die „Musikstadt Markneukirchen“ und die „Pferdestadt Warendorf„. Die Liste ist unvollständig und kann jederzeit über Kommentare ergänzt werden.

Alle diese Städte haben eines gemeinsam. Sie wollen sich durch ihre Namenszusätze zum Nabel der Welt machen – sich in die Mitte rücken und aufbauschen wie die Schweizer. Dabei konkurrieren sie mit Orten wie Delphi und der Osterinsel, die bereits seit Jahrhunderten als Nabel der Welt eingeführt sind.

Weder die Osterinsel noch Delphi haben bisher Schildau auf dem Radar. Dabei hat Schildau das Zeug zum neuen Nabel der Welt zu werden. Schildau liegt im Freistaat Sachsen. Genauer: im Landkreis Torgau-Oschatz. Schildau hat bereits einen Namenszusatz: Gneisenaustadt Schildau. Der bringt allerdings nicht viel. Wer will schon wirklich wissen, wer Gneisenau war.

Schildau ist die Stadt, die sich schon im 16. Jahrhunder mit Schildbürgerstreichen ein Alleinstellungsmerkmal im Wettbewerb der Städte sichern wollte. Die Quellenlage dazu ist aber nicht ganz eindeutig, da auch Schilda in Brandenburg, Beckum und Teterow die Ehre der Schildbürgerschaft für sich beanspruchen. Imagemäßig ist das auf lange Sicht im Wettbewerb der Städte sowieso kein entscheidender Vorteil.

Hoffnung weckt nun eine private Initative, die Schildau als Nabelstadt neu positionieren will. Das Forum www.bauchnabelvergleich.de bietet den Bauchnabelinteressierten allerhand. Die Idee für das fingierte Ortsschild (Abbildung links) stammt von dieser Website. Unter anderem werden geboten: Nabelvoting, Nabelupload, Nabelspiele, Nabellinks und Partynabel. Für jeden ist da etwas dabei. Nur für mich nicht. Ich bin eher Nabelverächter. Daran ist nichts zu ändern. Auch wenn „Bauchnabel“ in anderen Sprachen viel netter klingt: Ombligo auf spanisch, oder bellybutton auf englisch. Bei der Sicherheitseinweisung auf Flugreisen kann ich mir das besonders schön vorstellen: „In case of emergency please press your bellybutton“.

Den eigenen Nabel hat man immer bei sich. In der Regel weiß man auch ganz genau, wo er sich befindet. Städte müssen schauen, wo sie bleiben und wo sie ihren Nabel finden. Die einen versuchen es mit einem Prädikat. Andere wollen sich mit einem Slogan zum Nabel der Welt machen. Hier eine kleine Auswahl von Städten und Gemeinden, denen ein vorangestelltes Prädikat nicht ausreicht. Sie haben sich Slogans erfunden:

Bad Dürkheim – Kur-, Wein- und Erlebnis-Stadt
Bad Liebenzell – im Schwarzwald ganz oben
Bad Wörrishofen – Gesundheit auf dem besten Weg
Bebra – sieh mal da!
Birkenau – Das Dorf der Sonnenuhren
Brandenburg – Die Stadt im Land
Braunschweig – Die Löwenstadt
Castrop-Rauxel – Europastadt im Grünen
Bingen – einfach sympathisch
Datteln – Leben am Wasser
Eberstadt – Leben in traubenhafter Umgebung
Eberswalde – Tradition in Bewegung
Ennepetal – Stadt der Kluterthöhle
Frankenberg – Das Beste zwischen Himmel und Eder
Emden – Das Meer an Leben
Friedberg beflügelt
Göttingen – Stadt die Wissen schafft
Groß-Umstadt – Odenwälder Weininsel
Karlsruhe – Denkfabrik mit Lebensart
Kirn – Nahe am Leben
Lindenfels – Perle des Odenwalds
Mainz – Die Gutenberg- und Medienstadt
Papenburg – offen für mehr
Regensburg – Spitze an der Donau
Rinteln – rundum sympathisch
Rüdesheim – Lebensart in Rheinkultur
Saalfeld – die Feengrottenstadt an der Saale
Scharbeutz – Strand fürs Leben
Schweinfurt – Zukunft findet Stadt
Spechbach – middezwischedrin
Wandlitz – Im Herzen des Naturparks Barnim
Wittenberge – Stadt zwischen Turm und Strom
Wolfsburg – Lust an Entdeckungen

Im Wettbewerb der Städte ist der blanke Wortwitz gut vertreten. Für Karlsruhe gibt es auch noch den Spruch „Karlsruhe – viel vor, viel dahinter!“. Eine löbliche Ausnahme ist Spechbach im Odenwald, mit dem Slogan middezwischedrin. Man muss allerdings wissen, dass es Spechbach gar nicht nötig hätte einen Zusatz zu erfinden. Spechbach heißt überall in der Region Schimmeldiwoog – ein wirkungsvolleres Alleinstellungsmerkmal kann man nicht verlangen!

Apropos Wortwitz und v-Erlangen: Erlangen soll hier zum Abschluß positiv gewürdigt werden. Obwohl Siemens dort einen wichtigen Standort hat, ist Erlangen wirklich innovativ. Erlangen hat keinen Slogan, sondern ein Jahresmotto. Das heißt für 2007: natürlich Erlangen. Dem Frankenblog und Lisa Neun sei gedankt, dass Erlangen nicht weiter als langweilig in langweiligen Blogs gedemütigt wird.

Und ganz zum Schluß: Wiesloch in Baden hat auch keinen Slogan. Könnte aber einen haben. Wiesloch ist in der Region Rhein-Neckar vor allem durch das dort ansässige Psychiatrische Landeskrankenhaus bekannt. Der Slogan „Wiesloch – einfach irre!“ hat aber keine Chance. Das ist schade.


Quellen: Das Forum www.bauchnabelvergleich.de hat mir wertvolle Einsichten in die Welt des Nabels eröffnet. Auch die Idee für das – noch – fiktive Ortsschild von Schildau stammt von dort. Danke.

Dieser Artikel ist ein Update zu Wissenswertes über Erlangen


Das Ortsschild der Bundesstadt Bonn stammt von Wikipedia und steht unter Creative Commons Licence.

Bei dem Ortsschild von Schildau handelt es sich um ein Composing. Das ursprüngliche Bild stammt von Wikimedia Commons und steht ebenfalls unter Creative Commons Licence.





Mundhygiene und Datenschutz

16 08 2007

Es ist erstaunlich, was geschultes Personal bei einem tiefen Blick in den Mund alles herausfindet. Ein guter Grund, um öfter mal den Mund zu halten. Man weiß nie, wer reinschaut.

Bedingt durch einen Wohnortwechsel musste ich vor einigen Jahren den Zahnarzt wechseln. Mein alter Zahnarzt war Anfang 40, dreimal geschieden, fuhr einen Sportwagen und war zu dieser Zeit – statistisch gesehen – ein durchschnittlicher Vertreter seiner Berufsgruppe. Was ihn etwas über den Durchschnitt hinaushob war, dass er zweimal von derselben Frau geschieden worden war. Die Folge dieser statistischen Anomalität: Es ging ihm wirtschaftlich nicht ganz so gut, wie dem Durchschnitt der Berufsgruppe.

Bedingt durch meinen Wohnortwechsel suchte ich mir also einen neuen Zahnarzt. Zwei Jahre später wechselte mein neuer Zahnarzt den Wohnort – er ging in die Schweiz, weil er dort mehr verdienen konnte und weniger arbeiten musste. Die Praxis verkaufte er an einen jungen, ambitionierten Kollegen. Dies führte zu einem weiteren Wechsel des Zahnarztes. Damit man das richtig versteht: Nicht ich wechselte den Zahnarzt – meinen Zahnärzten bleibe ich in der Regel länger treu, als sie ihren Frauen – die Praxis wechselte den Zahnarzt und behielt mich als Kunden.

Der junge und ambitionierte Zahnarzt hat ein Zertifikat der American Academy of Cosmetic Dentistry in seiner Praxis. Darauf steht, dass er Member dieser Vereinigung ist und sich demzufolge in kosmetischer Dentisterei sehr gut auskennen muss. Schließlich stammt das Zertifikat aus den USA. Wurzelbehandlungen führt er nicht selbst aus und die Extraktion eines Zahnes fällt auch nicht in seine Kernkompetenz. Ich finde es gut, wenn jemand weiß wo seine Grenzen sind, anstatt in unbekannten Gefilden zu dentisterieren.

Stattdessen hat er viele feenartige Helferinnen, die sich ganz der Zahnpflege und Mundhygiene verschrieben haben. Die ganze Atmosphäre ist ein wenig so, wie in Volker Schlöndorffs Film Die Geschichte einer Dienerin. Ich will nicht sagen, dass sich sexuelle Phantasien über die Maßen in den Vordergrund drängen würden – aber: Es herrschte eine Intimität und Diskretion, die von einem tiefen Wissen über die geheimen Vorlieben des Kunden künden. Dazu gehört, dass jeder Kunde mit seiner persönlichen Fee, in einer langwierigen Prozedur, das Ritual der Reinigung durchlebt.

Eines Tages war meine Fee indisponiert und nicht verfügbar. Eine neue, deutlich jüngere und mir unbekannte sphärische Erscheinung legte mir das Lätzchen um und begann mit der Behandlung. Ihre erste, nicht dem freundlichen Umgang geschuldete Bemerkung war: „Sie rauchen!“ Wohlgemerkt: Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Ich hatte mich übrigens nie dem Trugschluss hingegeben, dass ein schnell zerkautes Fischermans-Friend kurz vor dem Betreten der Feenlandschaft, meinen Nikotingebrauch wirkungsvoll hätte kaschieren können. Von meiner Seite war dies immer nur ein Akt der Höflichkeit, um meine Fee während der langwierigen Behandlung nicht dem ungefiltertem Odem eines Rauchers auszusetzen. Gerade deshalb schockierte mich wahrscheinlich die direkte Art der Feststellung.

Wenig später hatte sie aus meinem Zahnbelag die nächste Schlussfolgerung gezogen: “Sie trinken Kaffee und Rotwein! Das sieht man an ihren Zähnen!” Die Diagnose war eindeutig. Tee hatte sie als Belagskomponente zu Recht ausgeschlossen. Vollkommen entblößt war meine Existenz, als sie feststellte: “Sie sind Rechtshänder! Das sehe ich daran, dass die Zähne auf der linken Seite gründlicher geputzt sind!” Da liegt man schon wehrlos mit Lätzchen auf einem Stuhl, der einen in unvorteilhafteste Lagen bringt und dann wird man noch schonungslos mit Details konfrontiert, die feengleiche Expertinnen aus dem Zahnbelag lesen. Das ist schon ein Grund demütig den eigenen Lebenswandel gedanklich zu überprüfen. Andererseits fragt man sich, ob Feen der ärztlichen Schweigepflicht unterliegen, was sie sonst noch aus dem Zahnbelag an Informationen gewinnen, aber aus Taktgefühl verschweigen und inwieweit staatliche Stellen auf diese Informationen zugreifen können.

Das Ambiente, in dem diese Informationen gewonnen werden, ist das eines Wellness-Tempels der gehobenen Preisklasse. Früher waren Zahnarztpraxen einfach nur saubere, weiße Räume in denen es nach Borax roch. Dem Wohlfühlfaktor sind allerdings auch heute noch enge Grenzen gesetzt. Wie schreibt Roman Pletter treffend in seinem Artikel über Elmex und Aronal in Brand eins: “Zähneputzen ist ein Bußritual.” Bußrituale sind selbstverständlich ebenfalls ein wichtiges Gebiet der weltweit vernachlässigten Demutsforschung.

Ich will zum guten Ende kommen: Eine dieser Feen hat es tatsächlich geschafft, mir den Gebrauch von Zahnseide so Nahe zu bringen, dass ich diese kleine Folter jeden Abend ausübe. Ich weiß, dass sich jetzt einige meine Leserinnen und Leser voll Abscheu abwenden – aber, es tut nicht weh und danach fühlt man sich wie frisch geduscht. Es ist in jedem Fall angenehmer, als zum Beispiel Bauchnabelpulen.


Die Abbildung stammt aus Wikimedia Commons und steht unter Creative Commons Licence





Ross und Reiter – Endemol

16 08 2007

Es geht nicht um die Springreiter Europameisterschaft in Mannheim, wie die Überschrift vielleicht nahelegt. Es geht um Endemol N.V., MTV und um Zocker in teuren Anzügen. Es geht um die schwierige Frage, ob das, was nicht verboten ist, damit gleichzeitig erlaubt ist. Und es geht um diejenigen, die in der Grauzone einer ungeregelten Rechtssituation mit zweifelhaften Methoden Millionen verdienen.

Der Medienjornalist Stefan Niggemeier zeichnet verantwortlich für einen Blog, der in diesem Jahr mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet wurde. Die Begründung der Jury kann man nachlesen. Stefan Niggemeier tut das, wofür er ausgezeichnet wurde: Kritisch über die Welt der Medien berichten. Stefan Niggemeier wurde jetzt von der Firma callactive abgemahnt, weil ein Kommentar zu den Geschäftspraktiken der Firma callactive in seinem Blog erschienen ist, den er nicht sofort, sondern erst einige Stunden später gelöscht hat. Sollte diese Abmahnung gerichtlich bestätigt werden, wäre dies mit einer starken Einschränkung der Meinungsfreiheit verbunden und es wäre das Ende der Blogosphäre, wie wir sie kennen und lieben. Soweit in Kurzfassung für Nichtjuristen.

Natürlich wird dies in vielen Blogs diskutiert und kommentiert. Aber die Argumentation dort greift meist zu kurz. callactive ist ein Unternehmen der Endemol Corporate Communications. Die Abbildung ist ein Screenshot der Website der Endemol N.V. mit Sitz in Hilversum und zeigt das Management Board – lauter Dunkelmänner? callactive, die Tochter von Endemol, ist nach eigenen Angaben auf “den Bereich Transaktionsfernsehen spezialisiert.” Eines der Formate heiß Money Express und es geht um Geldpakete und schwachsinnige Rätsel die erstaunlicherweise kaum jemand errät. Selber kucken macht schlau: Das satirisch-kritische TV Magazin Fernsehkritik hat sich das angeschaut. Seltsam erscheint dem TV Magazin Fernsehkritik, dass die Stimmen mancher Anrufer sich ähneln. Ist das ein Hinweis auf Fake-Anrufe?

callactive hat sich vorgenommen ein dickes Brett zu bohren. Juristisch geht das Unternehmen gegen alle vor, die sich kritisch zu den Sendungen äußern. Nebenbei erwähnt: Das Forum von Marc Doehler mit dem Namen Call-in-TV wurde bereits abgemahnt, da die Animateurinnen der Zockerprogramme auf Verletztung ihrer Persönlichkeitsrechte geklagt hatten, weil sie als Animösen bezeichnet wurden. In Zukunft sollte man sie also lieber als „Anschafferinnen“ bezeichnen, da das ihren ausgeübten Beruf genauer kennzeichnet. Aber das ist nur ein Vorschlag und bedarf noch der juristischen Prüfung.

Aber wir wollten ja Ross und Reiter nennen und das sind – im übertragenen Sinne – nicht die kleinen Luder, die in Daddies-Hobby-Bar am Tresen sitzen und den Kunden das Geld aus der Tasche ziehen. Es sind die Betreiber des Etablisments.

Zu nennen ist da zunächst der verantwortlicher Geschäftsführer der Callactive GmbH Stephan Mayerbacher. Ohne ihn wird nicht abgemahnt. Im Vergleich zu Endemol ist Stephan Mayerbacher allerdings nur ein kleines Licht. Der Deutschland-Chef von Endemol heißt Borris Brandt. Da sind wir schon eine Stufe höher. Der ist wiederum ein kleines Licht im Vergleich zum „global leader in television“, wie sich Endemol auf seiner internationalen Website präsentiert. Der Chef des Ganzen heißt Aat Schouwenaar. Da werden sich schon manche Details finden lassen, die – im übertragenen Sinne – nicht die armen Luder am Tresen für das Zockertum im Deutschen Fernsehen verantwortlich machen, sondern den Dunkelmännern dahinter Feuer geben. Natürlich profitieren von der Zockerei auch Sender wie MTV Networks Germany GmbH mit den Geschäftsführern Catherine Mühlemann und Martin Michel, die diese Gewinnspiele auf ihren Sendern laufen lassen.

Übrigens: Eines der erfolgreichsten Formate von Endemol im deutschen Fernsehen ist ”Wer wird Millionär”. Günther Jauch, der Saubermann des deutschen Fernsehjournalismus – seine Absage, die Nachfolge von Sabine Christiansen zu übernehmen, ist noch gut in Erinnerung – arbeitet für ein Format, für das ein Unternehmen kassiert (Endemol), dessen Tochter callactive in zweifelhaftem Fahrwasser agiert – wirklich pikant! Herr Jauch, wie wäre es mit einem Interview zu diesem Thema?

Wie gesagt: Was nicht verboten ist, ist noch lange nicht erlaubt. Die Auseinandersetzung mit Endemol und callactive hat eine juristische, aber auch eine Komponente, die aus öffentlichem Druck besteht. An beiden Auseinandersetzungen beteilige ich mich gern. Aat Schouwenaar, sie können kommen!


Quellen: Stefan Niggmeier erklärt, wie es sich mit Call-in-TV und Medienaufsicht verhält: Callactive siegt über Meinungsfreiheit. Alle Einträge zum Thema Callactive in Stefan Niggemeiers Blog findet man hier.

Das Forum vom Marc Doehler: Call-In-TV-de


Die Abbildung ist ein Screenshot der Website der Endemol N.V. mit Sitz in Hilversum und erreicht nicht die Geataltungshöhe, die für ein Copyright notwendig wäre.





Verpönte Kulturtechniken – das Barren

13 08 2007

Es gibt naturwissenschaftliche Erkenntnisse, deren Anwendung schon aus purem Egoismus tabu sein sollten. Atombomben zum Beispiel. Oder Giftgas und andere Massenvernichtungsmittel. Für bestimmte Kulturtechniken sollte dies ebenfalls gelten. Da auch die Kochkunst zu den Kulturtechniken zählt, plädiere ich für eine internationale Ächtung des Einsatzes von Rosinen in Käsekuchen.

Gerade in der Kochkunst gibt es viele Dinge, die man machen kann, aber nicht machen sollte. Zum Beispiel kalte Dosenspargel mit Mayonnaise zu verzehren. Oder Krautsalat mit süßer Sahne zu garnieren. Alfons Schuhbeck würzt Gulasch mit Kümmel. Auch da finde ich: Das muss nicht sein. Ganz übel sind auch bestimmte Formen des Nudelsalats, besonders diejenigen die Erbsen, gekochten Schinken und Mayo kombinieren. Das Übelste aber sind Rosinen im Käsekuchen. Wie man es hinbekommt, eine Kulturtechnik auf Dauer zu tabuisieren, zeigt der Pferdesport.

Kein Pferd wäre je auf die Idee gekommen, beim Überspringen eines Hindernisses kleine Helferlein zu organisieren, die mit Stangen von unten auf die Beine hauen. Pferde sind, wie man an den Aufnahmen von Eadweard Muybridge sieht, viel zu vernünftig, um auf hohe Hindernisse scharf zu sein. An der Sequenz von Eadweard Muybridge sieht man auch: Das Leben könnte so schön sein, würden einem nicht ständig Knüppel zwischen die Beine geworfen. Die Kulturtechnik des Hauens mit Stangen auf Pferdebeine nennt man Barren und soll dafür sorgen, dass die Pferde höher springen, als es nötig wäre. Das Barren wurde von Menschen erfunden, vermutlich von Federico Caprilli.

Anfang der 90er-Jahre sah man in sternTV Videoaufnahmen, die zeigten, dass Paul Schockemöhle von Helferlein auf die Beine seiner Pferde kloppen ließ. Der anschließende Skandal führte dazu, dass das Barren offiziell verboten wurde. Paul Schockemöhle hat seitdem einen etwas zweifelhaften Ruf. Inoffiziell, so liest man in den Foren, die sich mit Pferdesport beschäftigen, wird das Barren immer noch praktiziert. Dort heißt es zu diesem Thema: “Es geschieht in Hallen ohne Fenster.” Ein Hinweis darauf, dass Tabus gerne im Verborgenen gebrochen werden.

Bei der am Dienstag beginnenden Europameisterschaft der Springreiter in Mannheim wird man wahrscheinlich eher mit Doping konfrontiert, da das Barren nur schwer nachzuweisen ist. Doping, Barren und natürlich auch Rosinen in Käsekuchen sind ein interessanter Gegenstand der Demutsforschung, da hier sowohl die Grenzen des guten Geschmacks als auch die ethische Dimension bestimmter Handlungen zur Diskussion stehen.

Ich persönlich finde ja, dass man Springreiten als Sport grundsätzlich reformieren sollte. Pferde sollten es unter sich ausmachen, ob und wie hoch sie springen wollen. Reiter sind dabei vollkommen überflüssig. Siehe dazu auch meinen Beitrag über Autopoietische Systeme als mobile Plakatflächen.

Womit wir wieder beim Käsekuchen wären. Rosinen im Käsekuchen sind ebenfalls überflüssig und sollten offiziell geächtet werden. Dass Tabus das Problem meist nicht lösen, sondern in eine Grauzone verlagern, wäre mir in diesem Fall egal. Sollen sich doch die Rosinen-in-Käsekuchen-Fans heimlich in zweifelhaften Videotheken unterm Ladentisch, oder in Hallen ohne Fenster ihren verseuchten Käsekuchen in die Mäuler stopfen. Hauptsache ich bekomme nichts davon mit. Das Gleiche gilt für Cappuccino mit Sahne.


Das galoppierende Pferd stammt von Eadweard Muybridge und steht unter Creative Commons Licence





Zeit totschlagen

13 08 2007

Ich erinnere mich noch gut an einen Spruch, der im Aufenthaltsraum eines Studentenwohnheims an der Wand stand: “Kann man die Zeit totschlagen, ohne die Ewigkeit zu verletzten?” Über diese Frage habe ich lange nachgedacht. So lange, dass dies die Ewigkeit eigentlich bemerkt haben müsste.

Zeit ist eine eher lästige Eigenschaften des bekannten Universums (Die nebenstehende Abbildung zeigt den bisher tiefsten Blick ins Universum – langweilig, oder?). Wissenschaftlich kann man Zeit nicht in 30 Sekunden erklären. Das macht sie ungeeignet für Werbespots. Zeit taucht meist in negativen Zusammenhängen auf – zum Beispiel mit Arbeit. Eine Imagekampagne, die Zeit mit positiven Emotionen auflädt, wäre längst vonnöten. Aber da hat sich noch niemand rangetraut. Zeit wird nach wie vor totgeschlagen, vergeudet, verloren und vertrieben.

Ohne Zeit wäre vieles einfacher. Neudeutsche Begriffe wie Timing oder Momentum gäbe es nicht. Eine positive Konsequenz daraus wäre: Man müsste nicht den richtigen Moment abwarten, sondern könnte immer alles gleich sagen. Das würde auch in Beziehungen viel Zeit sparen. Telefongespräche könnten ewig dauern und man würde trotzdem nichts verpassen.

Auch die Sprache wäre viel einfacher. Es gäbe die verschiedenen Tempi nicht und man müsste nicht zwischen Perfekt, Präteritum und Plusquamperfekt hin- und herschaukeln. Wir wären gleichzeitig alle im Hier und Jetzt und könnten uns im Präsenz unterhalten. Auch die ganze Esoterik und die Religionen wären vollkommen uninteressant, da es ein Danach nicht geben würde. Ohne Zeit könnte man die Zeit endlich sinnvoll nutzen. Auch Zukunftsforscher könnten sich anderweitig nützlich machen und als Präsenzforscher auf Parties auftreten.

Gut wäre auch, dass alles gleich fertig wäre und nichts auf Morgen verschoben werden müsste. In der reichlich vorhandenen Freizeit könnte man dann überlegen, ob man Austreten gehen möchte, oder ob Sommer oder Winter sein soll. Auch das Problem des Raumes und der weiten Entfernungen wäre damit erledigt. Lange Flugreisen wären von Gestern. Man wäre nicht nur immer im Hier und Jetzt, sondern auch gleichzeitig Da und Weg. Staus auf Autobahnen gäbe es auch nicht mehr. Positiv wäre auch: Man käme nie mehr zu spät und müsste nicht nach Ausreden suchen, weil man einfach nur verschlafen hat.

Die Abschaffung der Zeit wäre ein lohnendes Projekt. Soweit ich die internationale Forschungslandschaft überblicke, arbeiten zwar einige Astrophysiker und Astronomen an der Theorie der Schwarzen Löcher und den dort auftretenden Singularitäten der Raumzeit. An der Abschaffung der Zeit arbeiten sie jedoch auch nicht. Ein junger Mann mit dem Kürzel “JK” hingegen hat ohne Budget und ohne Unterstützung der internationalen Forschungsgemeinschaft den Versuch unternommen, die Zeit, wenn nicht abzuschaffen, aber doch so zu komprimieren, dass man sie vielleicht irgendwann einmal in ein Einmachglas stecken könnte, und sie dann unbeachtet für die nächsten 748 Milliarden Jahre im Keller steht. Acht Jahre hat er in einem Video von einer Minute und 43 Sekunden komprimiert. Das sollte man sich anschauen.

Auch wenn solche Videos dann nicht mehr möglich wären – ich wäre schon dafür die Zeit totzuschlagen. Allerdings bin ich mir noch immer nicht sicher, wie die Ewigkeit reagiert. Bei mir hat sie sich noch nicht gemeldet. Aber das muss nichts heißen.


Quellen: Der Hinweis auf das Video stammt von : blogschrott. Vielen Dank.


Der tiefste Blick ins Universum stammt von Wikipedia