Welcome to the Machine

15 09 2007

Gerade komme ich von meiner kleinen Reise zurück und schon gibt es Probleme in meinem heimischen Maschinenpark. Meine Gastherme – gemeinhin als Durchlauferhitzer bezeichnet (siehe Bild unten) – thermt nicht mehr. Will sagen, sie bleibt kalt. Maschinen sind, nach einer unausgesprochenen Übereinkunft zwischen uns Menschen, dazu da, eine angenehme und problemlose Versorgung mit angenehmen und problemlosen Dingen sicherzustellen. Manchmal schaffen Maschinen aber Probleme, von denen man nicht dachte, dass man sie haben würde, wenn man gerade aus dem Urlaub zurückkommt. Mein größtes Problem ist: Morgen muss ich kalt duschen.

Durchlauferhitzer sind die kompliziertesten Maschinen, die man sich vorstellen kann. Bei Gasthermen spielen Gas, Strom und Wasser in einer Weise zusammen, die sich den meisten Menschen niemals erschließen wird. Das nebenstehende Foto vermittelt davon nur einen unzureichenden Eindruck. Dass mir gerade jetzt Welcome to the Machine von Pink Floyd (hier der Text) einfällt, ist Zufall, führt aber weiter hinein, in die Welt der Maschinen. An dieser Stelle wäre es vielleicht angebracht, zu erwähnen, dass meine kleine Reise unter dem Motto stand, „Der Weg ist das Ziel“. Vor vielen Jahren habe ich schon einmal eine ähnliche Reise mit meinem damaligen Reisegefährten Reimer F. unternommen. Als wir nach einem dreiwöchigen Urlaub unsere Urlaubsfotos zeigten, fiel allen auf, dass alle Bilder in voller Fahrt aus dem Auto heraus aufgenommen worden waren. Wir hatten das damals noch bestehende Jugoslawien und Griechenland hin und zurück durchquert. In der Türkei lag der Scheitelpunkt unserer Reise irgendwo an einem nassen, grauen Strand am Schwarzen Meer. Nach einer grauenvollen und nassen Nacht im Auto ging es den ganzen langen Weg zurück.

Mit Hilfe meines Automobils habe ich auch dieses Mal gewaltige Strecken zurückgelegt. Im Unterschied zu damals, hatte ich auf dieser Fahrt ein Navigationssystem. Zerstreuung lieferte die eingebaute Vorrichtung, mit der ich meinen iPod anschließen konnte. Automobile, Navigationssysteme und iPods sind, nebenbei erwähnt, nicht annähernd so kompliziert wie Gasthermen. Wen weder Automobile, noch Navigationssysteme, iPods oder Gasthermen interessieren, sollte jetzt aus dem Text aussteigen und lieber das Essay von Pier Paolo Pasolini Über das Verschwinden der Glühwürmchen lesen.

Wer viel unterwegs ist, weiß nicht immer, wann er wo gewesen ist. Maschinen könnten da helfen: Welcome my son, welcome to the machine. Where have you been? It’s alright we know where you’ve been. Meine iPod-Maschine weiß, dass ich am 29. Mai 2004 um 1 Uhr und 33 Minuten Night and Day von Billie Holiday zum letzten Mal gehört habe. Ich kann mich leider nicht erinnen, wo das gewesen sein soll. Meine iPod-Maschine weiß auch, dass ich am 13. September um 15 Uhr und 23 Minuten Slowpoke von Crosby, Stills, Nash and Young gehört habe. Danach, das weiß ich, drang ich mit meinem Automobil in den Sendebereich des Bayerischen Rundfunks ein. Ich schaltete den iPod ab und das Radio ein. Dort lief wenig später ein interessantes Wissenschaftsfeature über „Orientierung und die Welt der Daten“. Dabei ging es um Geoinformationssysteme.

Geoinformationssystem sind momentan überhaupt das ganz große Ding. Das Navigationssystem in meinem Auto ist so ein Ding. Lasse ich es zu, vollständig informiert zu sein, dann sehe ich vor lauter Hotels, Restaurants, Sehenswürdigkeiten, Rast- und Tankstellen, Nationalparks und Einkaufszentren die Landkarte nicht mehr. Dieses ganz große Ding ist allerdings nur ein Teil eines noch größeren Dings. Dieses größere Ding umfasst ein Infodings, mit dem man Verkehrsdurchsagen, wann immer man will, nochmals hören kann. Es umfasst ein weiteres Dings, das die Verkehrsdurchsagen einblendet, wenn man gerade iPod hört. Ein weiteres Dings leitet die auf dem Mobiltelefon eingehenden Anrufe auf die zum Dings gehörende Freisprecheinrichtung.

Man glaubt es nicht, wie häufig die Hinweise des Navigationsdings, Verkehrsdurchsagen und eingehende Anrufe in einer ganz unwahrscheinlichen Synchronizität eingehen. Kaum nimmt man einen Anruf entgegen, plärrt das Navigationsdings „Achtung, Gefahrensituation in 30 Kilometern!“. Das Verkehrsdurchsagedings quäkt dazwischen „Auf der A1 zwischen Nonnweiler-Primstal und Tholey-Hasborn in Fahrtrichtung Saarbrücken blockiert eine Doppelhaushälfte beide Fahrbahnen.“ Während man sich noch wundert, was Leute alles auf Autobahnen verlieren, soll man gleichzeitig telefonieren. Das ist der ultimative multimediale Overkill. Ich bin schon über rote Ampeln gefahren, weil mich die auf allen Kanälen eingehenden Informationen so abgelenkt haben, dass ich vollkommen vergessen hatte, dass ich gerade Auto fuhr.

Das ultimative Ding in der nächsten Zukunft wird allerdings sein, dass die Informationen auf meinem iPod mit Geoinformationssystemen verknüpft werden. Dann weiß ich nicht nur wann ich einen bestimmten Song gehört habe, sondern auch wo. Die googelige Firma, mit Sitz in Mountain View, sollte es doch hinkriegen mit ihrem Nachbarn aus Cupertino, dafür die Grundlagen zu schaffen.

Ich erinnere mich noch, dass ich in einem bestimmten Lebensalter immer „Wish you were here“ von Pink Floyd gehört habe. Das hat meine damalige Liebste ziemlich genervt. Dieser Song war noch in Vinyl gepresst und lief auf meinem Dual-Plattenspieler über einen Kenwood-Verstärker. Die genauen Abspieldaten lassen sich deshalb leider nicht mehr ermitteln. Im Gegenzug nervte mich meine Ex-Frau monatelang mit dem Bruce Hornsby Titel The Way It Is. Das muss zwischen 1985 und 1987 gewesen sein. Leider läßt sich auch das weder zeitlich noch räumlich genauer verorten. Aber damit ist hoffentlich bald Schluss.

Wo ich morgen duschen kann, weiß ich immer noch nicht. Vielleicht kennt mein Navigationssystem ein Fitnessstudio in meiner Nähe, das gerade Schnupperduschen zum Schnäppchenpreis anbietet.

Das Foto stammt aus Wikipedia und steht unter Creative Commons Licence.





Das Leben der Autos

1 06 2007

Es ist wahr: Autos leben. Und das nicht erst seit gestern. Bereits im Jahre 1930 erschien im Berliner Malik-Verlag Ilja Ehrenburgs Roman “Das Leben der Autos”. Seit dieser Zeit sind Autos, mit jedem Jahr ein klein wenig lebendiger geworden. Neuerdings nervt mich das.

Im Schaufenster einer Fahrschule las ich vor Jahren den Werbespruch “Lkw und Pkw beleben unsere Straßen!” Das war ein sehr anspruchsvoller und existenz- philosophischer Gedanke, der dort in den profanen Dienst gestellt wurde, Menschen zu Führerscheinbesitzern zu machen. Mich plagt seither die Vision, wie es um unsere Straßen, Schnellstraßen, Umgehungsstraßen und Autobahnen – aber auch um die Stichstraßen, Sackgassen, Zubringer, Abfahrten, Ein- und Ausfahrten – bestellt wäre, hätten Gottlieb Daimler und Carl Benz nicht das Auto, sondern Schweizer Kräuterbonbons erfunden. All die schönen Straßen, nutzlos und verweist. Unbelebte, glatte, mit sauberen Mittelstreifen verzierte und von Leitplanken gesäumte Brachflächen – totes Gelände, inmitten blühender Landschaften.

Gottseidank wurde das Kräuterbonbon bereits kurz nach dem Rütlischwur von einem Schweizer namens “Ricola” erfunden. Gottlieb Daimler und Carl Benz hingegen konnten sich – wahrscheinlich inspiriert von all den wunderbaren Straßen – dazu durchringen, lieber das Auto zu erfinden. Das hat ihnen nicht nur eine Menge Ärger mit den Schweizern erspart, es hat auch viele Menschen in Brot und Arbeit gebracht, die jetzt als Ingenieure, Fließbandarbeiter, Kfz-Mechaniker und Fahrschullehrer damit beschäftigt sind, diese wunderbaren Straßen zu beleben.

Ich für meinen Teil, habe gerade letzte Woche ein Mobilitätsexperiment abgeschlossen, das darin bestand, vier Monate ohne Auto zu existieren. Ich habe mich dem quirligen Leben auf auf all den Straßen bewußt entzogen und mich auf die relativ unbelebten Areale der Fußgängerwege zurückgezogen. Das klappte ganz gut. Ich konnte dabei viele Erkenntnisse über das Zufußgehen und über den Öffentlichen Personennahverkehr sammeln.

Bei Mobilitätsengpässen allerdings lieh mir meine Freundin Walli ab und an ihren Volvo. Dabei merkte ich, dass Volvos inzwischen quicklebendige Autos geworden sind. Vorrausschicken sollte ich, dass die Personenkraftfahrzeuge der Marke Volvo bei mir noch nie positive Emotionen geweckt haben. Die Lastkraftwagen hingegen fand ich immer schon richtig schick. Volvos für den Privatgebrauch aber waren für mich so attraktiv wie die Mitteilungsbretter der Hausverwaltung in Eigentumswohnanlagen. Das verrückte ist: Der geliehene, quicklebendige Volvo war ein ebensolches Mitteilungsbrett.

Dabei waren und sind Volvos sehr beliebte Autos. In us-amerikanischen Filmen der 70er und 80er Jahre fuhren die Protagonisten sehr oft Volvo. Tauchte ein Volvo auf, dann wußte man, es gibt jede Menge interpersonellen Stress und Psychoencounter, aber keine Autoverfolgungsjagden. Woody Allan, so glaube ich fest, setzte Volvos als ironisierendes Stilmittel ein, um klarzustellen, dass seine Filme von den Ängsten und Problemen der us-amerikanischen Mittelschicht handelten. Einer dieser Filme hieß “Der Stadtneurotiker”.

Der von mir geliehene, quicklebendige Volvo entpuppte sich als waschechter Neurotiker. Kennzeichnend für Neurotiker ist, dass ihre Macken unkontrollierbar und automatisch ablaufen. Waschzwang zum Beispiel. Der von mir geliehene Volvo hatte gottseidank keine Phobien. Er scheute nicht vor Spinnen, Schlangen oder Menschen mit Regenschirmen und mied auch leere Plätze nicht. Dafür war er ein lupenreiner Zwangsneurotiker. Ich mußte nur die Zündung betätigen und schon wies mich ein Piepston darauf hin, dass ich den Sicherheitsgurt anlegen solle. Wohlgemerkt, ich fuhr nicht! Ich hatte noch nicht einmal einen Gang eingelegt! In Eigentumswohnanlagen stehen auf den Mitteilungsbrettern Anweisungen wie “Bitte nach 22 Uhr unnötigen Lärm im Treppenhaus vermeiden und die Haustür geschlossen halten!” Wieso eigentlich sollte ich unnötigen Lärm in Treppenhäusern veranstalten. Mache ich Lärm, dann ist dieser nötig. Ein Volvo piepst, bei unbotmäßigem Verhalten, rund um die Uhr. Ausserdem sendet er seinem Fahrer Anweisungen, die dieser gar nicht erhalten möchte. Beispielsweise dann, wenn sich auf dem Rücksitz jemand die Jacke auszieht und deshalb kurz den Sicherheitsgurt löst. Prompt wird das Radio leiser, ein akustisches Terrorsignal ertönt und im Display erscheint eine Warnung. Lieber Volvo, falls du mich hören kannst: Man kann es auch übertreiben.

Für einen Volvo ist der Fahrer ein unvernünftiges Mangelwesen, das durch Anweisungen und ein akustisches Erziehungsprogramm auf Kurs gebracht werden muß. Sollte die These stimmen, dass Maschinen menschenähnlich sind, sobald sie in der Lage sind psychische Defekte aufzuweisen, dann ist ein Volvo schon sehr lebendig.

Diese These stimmt aber nicht. Der lebendige Volvo, das ist, um Roß und Reiter zu nennen, das Werk der Ingenieure und der Marketingspezialisten von Volvo. Die Neurosen dieses Autos sind menschengemacht. Zwangsneurosen sind einfach zu programmieren. Programme sind, in ihrer einfachsten Form, der pure Zwang – die Neurose kann man ihnen dann leicht andichten. Solche Programme kennen kein “Wenn” und sie kennen kein ”Aber”. Den Zwang rauszunehmen, das wäre ein zu hoher und unwirtschaftlicher Aufwand. Da nimmt man es lieber in Kauf ganz normale und geistig gesunde Menschen mit neurotischen Akustiksignalen und sinnlosen Nachrichten zu quälen.

Besagte Freundin Walli erzählte mir kürzlich, sie habe in einer Talkshow den Begriff “Tugendterror” aufgeschnappt. Ich hörte ihr nicht weiter zu, was nicht so ungewöhnlich ist. Aber ich dachte: Tugendterror, das bringt vieles auf den Begriff, über das ich mir so meine Gedanken mache. Eben auch dieses Eigenleben der Autos. Volvos haben ein “Tugendterror-Modul”, mit dem sie rücksichtslos die Einhaltung der von ihnen gesetzten Normen erzwingen.

Ilja Ehrenburg schrieb 1930: “Das Auto ist gekommen, um den Uneinsichtigen zu beweisen, dass die Erde rund ist, dass das Herz nur ein dichterisches Requisit ist, dass der Mensch zwei Standardzähler in sich trägt: der eine zeigt die Kilometer, der andere die Minuten an.” Und er hat recht. Die Gefahr besteht nicht darin, dass Maschinen immer menschenähnlicher werden. Es ist umgekehrt. Zahlreiche Experten und Programme arbeiten daran, dass der Mensch den Maschinen immer ähnlicher wird. Das ist ähnlich verquert, wie die Geschichte von den Straßen, die belebt werden müssen.