Das Flache und die Fläche

23 07 2007

Gerade komme ich aus der Schweiz zurück. Ein Ziel meiner Reise bestand darin, das Geheimnis des Märitsalats endgültig zu lüften. Auf der Fahrt über die Schweizer Autobahnen kamen mir allerdings ganz andere Dinge in den Sinn.

Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen reduzieren nicht nur den Ausstoß schädlicher Klimakillergase, sie führen beim Fahrer auch zu einer meditativen Haltung, die den Ausstoß an radikalen gedanklichen Abschweifungen ganz erheblich erhöht. Andere gehen dazu – wie mir berichtet wurde – auf die Toilette. Von den vielen Gedanken, die ich so dachte, während ich an Pratteln vorbei fuhr und die Ausfahrten Sissach, Biberist, Aarwangen, Zollikofen, Wünnewil und Bulle hinter mir ließ, sind nicht alle erwähnenswert. Einige seien aber aus dramaturgischen Gründen aufgeführt.

So dachte ich kurz an einen ehemaligen Unternehmenskommunikator, dem vor einigen Monaten fristlos gekündigt wurde und der jetzt bei einem neuen Arbeitgeber untergekommen ist. Ich dachte über die Vor- und Nachteile von Sechs-Gang-Getrieben nach. Dann überlegte ich, ob es von Vorteil ist, wenn Pornodarstellerinnen eine solide Grundausbildung in Gymnastik vorweisen können. Wie immer, wenn ich durch die Schweiz fahre, beschäftigte mich die Frage, wie die Schweizer ihre Weiden so extrem sauber halten und wie sie dieses unvergleichliche Grün hinkriegen. Ist es die reine Gebirgsluft, in der alle Farben einen Tick reiner erscheinen, oder ist es Gentechnik von Monsanto? Mit 120 auf der Autobahn hatte ich viel Muße nachzudenken und so manche offene Frage begleitete mich ein kleines Stück weit.

Kommt man vom flachen Land ins Gebirge, dann ist das – schon für sich genommen – sehr anregend. Plötzlich wird aus dem gewohnt flachen Horizont eine sich ständig verändernde Linie, die in der oberen Hälfte des Blickfeldes herumtanzt. Für Bewohner der Ebene ist das ein sehr ungewohnter Reiz, der einiges an Aufmerksamkeit beansprucht. Die Geschwindigkeitsbegrenzung auf Schweizer Autobahnen fördert die Möglichkeit, diese neue Dimension der Landschaft wahrzunehmen und gleichzeitig offenen Fragen gedanklich nachzugehen.

Zwischen Biberist und Aarwangen überlegte ich, wie viele Einwohner hat die Schweiz? Von der Autobahn sieht die Schweiz nicht nur sehr sauber sondern auch sehr klein aus – und manchmal auch dünn besiedelt. Wie groß ist die Schweiz eigentlich? Hat die Schweiz mehr Einwohner pro Quadratkilometer als beispielsweise Finnland oder Litauen?

Zwischen Aarwangen und Zollikofen beschloss ich diesen Fragen nach meiner Rückkehr nachzugehen. Die Strecke zwischen Zollikofen und Wünnewil – und der ganze Rest – brachte wenig, was der Erwähnung wert wäre. Ich überlegte noch, weshalb Gewitter in den Bergen extremer sind, als in den Ebenen. Aber das ist eine Frage, die ich nicht weiter verfolgen möchte.

Meine erste Erkenntnis aus dieser Autobahnfahrt ist: Als Bewohner der Ebene kommt man gar nicht dazu, sich mit den Fragen zu beschäftigen, die sich Bergmenschen mitunter stellen sollten. Umgekehrt ist das wahrscheinlich genauso. Der meditative Aspekt von Autobahnfahrten unter dem Verdikt von Geschwindigkeitsbegrenzungen, führt zu einer Entgrenzung des Bewusstseins und eröffnet radikal neue Sichtweisen. Geschwindigkeitsbegrenzungen wirken wie Drogen, aber sie sind nicht nur legal – ihre Anwendung ist sogar erwünscht und frei von Nebenwirkungen.

Die zweite Erkenntnis stellte sich nach meiner Rückkehr ein. Die Fläche der Schweiz wird überall mit 41.285 Quadratkilometern angegeben. Aber ist das eine flachgerechnete Schweiz? Oder ist in dieser Fläche, die sich aufbauschende Topographie mit eingerechnet (siehe meinen Beitrag zu Bern)? Schließlich fuhr ich auf meinem Weg durch die Schweiz ständig an schräg stehenden Flächen entlang, die man umgangssprachlich als Berge bezeichnet. Mit anderen Worten: Wird bei dieser Flächenangabe das Matterhorn flachgelegt oder zählt die ganze Erhebung, inklusive der ungezählten Flächen, die ein aufstrebendes Matterhorn hervorbringt?

Der Unterschied wäre schon beträchtlich: Ein Quadrat mit einer Kantenlänge von einem Kilometer hat eine Fläche von einem Quadratkilo- meter. Ein als Pyramide gedachtes Matterhorn mit einer Grundfläche von einem Quadratkilometer und einer Höhe von 1000 Metern bringt es immerhin auf eine Fläche von 2,24 Quadratkilometern. Dabei sind die Grate und Schluchten, Überhänge und Abrisse, Klammen und Tobel, Kamine und Schroffen noch nicht mit eingerechnet.

Mein “Meyers Neuer Weltatlas” aus dem Jahr 2002 gibt keine Auskunft darüber, wie die offiziell ausgewiesenen Flächen der Länder berechnet werden. Nach den Daten im Fischer Weltalmanach steht die Schweiz mit ihren 41.285 Quadratkilometern auf Platz 132 in der Weltrangliste der durch Landesgrenzen eingezäunten Flächen. Auf Platz eins liegt übrigens mit 17.075.200 Quadratkilometern Russland.

Werden Länder wie Nepal, Tibet, Österreich, Lichtenstein und die Schweiz flachgerechnet, dann würden diese Länder weit unter Wert verkauft? Die Niederlande, Bangladesh, Tuvalu und Australien würden, was die Fläche ihres Territoriums betrifft, ziemlich bevorzugt. Gerade in Bezug auf die Niederländer würde mich das sehr ärgern, da diese auch auf Schweizer Autobahnen das Nachdenken nachhaltig unterbrechen, indem sie mit ihren Wohnwagen an Steigungen schlapp machen. Wir Deutschen hingegen hätten mit unserem Alpenanteil und unseren schönen Mittelgebirgen noch Chancen vom 62. Platz um einiges nach vorne zu rücken.

Reduziert man die Fläche auf das Flache, dann werden die erforderlichen Berechnungen natürlich sehr einfach. Allerdings lehren und lernen wir in den Schulen und Universitäten dann auch seit Generationen ziemlichen Schwachsinn, indem wir von einer flachgerechneten Schweiz ausgehen und dann glauben die Schweiz sei kleiner als die Niederlande.

In der Tat tun die Berechner aller Landesflächen noch immer so, als sei die Erde eine Scheibe und alles Erhabene wird flachgeklopft. Sie ignorieren aus Bequemlichkeit die Stereometrie und praktizieren weiter ihre bequeme und einfach zu rechnende Planimetrie. Galileo Galileis Credo der modernen Naturwissenschaft “Messen was meßbar ist, meßbar machen, was nicht meßbar ist” ist bei den Plattmachern in den Katasterämtern, den Vermessungsbefugten in den Landes- und Bundesvermessungsämtern, den Raumordnern und Flurbereinigern offensichtlich noch nicht angekommen.

Den Schweizern ist die Frage nach dem Flachen und der Fläche auch erst kürzlich eingefallen. Sie haben für ein Bergvolk, das außerdem noch für Präzision steht, dazu ziemlich lange gebraucht. Das Bundesamt für Landestopografie der Schweiz – kurz swisstopo genannt – kartographiert seit einigen Jahren das eidgenössische Hoheitsgebiet mit Luftbildkameras und modernen Hochleistungscomputern neu. swisstopo hat es immerhin schon geschafft die Fläche der Schweiz um 5.600 Quadratkilometer zu vergrößern. Und das ohne die immensen Kosten einer Wiedervereinigung – mit wem auch immer. Angestrebt wird eine Verdoppelung der Fläche auf rund 80.000 Quadratkilometer.

Damit könnten die Schweizer endlich im Konzert der ganz Großen mitspielen und würden nicht immer nur als kleines Land des großen Geldes diffamiert. Sie wären dann wirklich etwas dünner besiedelt und die Maßzahl, des in der Schweiz angelegten Geldes pro Quadratkilometer, würde sich halbieren. Gute Aussichten also für die Schweiz.

Übrigens: Der Märitsalat enthält tatsächlich im wesentlichen das Grünzeug, das gerade auf dem Markt angeboten wird. Märitsalat ist Marktsalat – natürlich frisch.





“Der Mann mit der Mütze” und der “Märitsalat”

4 05 2007

Die Bewohner der Stadt Bern, so sagt man, seien langsam. Vor einigen Monaten hatte ich Gelegenheit dies persönlich zu überprüfen. Berner sind wesentlich langsamer als Berliner. Sie sind ungefähr so schnell, wie die Menschen aus Sankt Peter-Ording


Eine Freundin erzählte mir gestern, sie sei auf einem Konzert von Helge Schneider gewesen. Helge Schneider habe auf diesem Konzert behauptet, die Schweiz gäbe es nur wegen der Tektonik der Kontinental-
platten und hätte sich deswegen erst kürzlich “aufgebauscht”.

In der Tat triftete vor zirka 130 Millionen Jahren die afrikanische Kontinentalplatte nach Norden und trieb die adriatische Platte wie einen Sporn in unsere europäische Heimatplatte. Was sich in der Folge ganz langsam aufbauschte ist heute – neben Österreich, dem Kaukasus und dem Himalaya – die Schweiz. Die Schweiz ist damit – und das sollte man wissen – wesentlich jünger als der Rest Europas – außer Österreich.

Besucht man Bern, dann hat man diese Aufbauschung als Tatsache vor Augen. Die “Innere Stadt” – die Altstadt von Bern – liegt in einer Flussbiegung der Aare, die hier eine abrundtiefe Schlucht bildet. Über diesen Abgrund führen nur drei Brücken. Nähert man sich der Altstadt und fährt über eine dieser Brücken, dann denkt man unwillkürlich “Wow, das bauscht sich hier aber mächtig auf!“ – und dabei hat man auch etwas Sorge, in den Abgrund der Erdgeschichte zu stürzen.

Bei meinem Besuch in Bern war ich mit einer kleinen Reisegruppe unterwegs – genauer gesagt der kleinstmöglichen Reisegruppe überhaupt: Wir waren zu Dritt. Wir fanden die Altstadt von Bern ganz putzig. Es gibt hier einen “Kindlifresserbrunnen”, der das Abgründige in der Berner Volksseele zu symbolisieren scheint. Ein Volk, das plattentektonisch so schnell aufgestiegen ist, muss sich seiner Abgründe ständig vergegenwärtigen. Vielleicht gehört die Berner Altstadt wegen dieser “Putzigkeit” auch zum Weltkulturerbe der UNESCO. Das Putzige rührt daher, dass alle Straßen und Bauwerke in diesem Stadtteil irgendwie historisch aufgemöbelt, aufgehübscht, aufgetakelt und aufgeräumt erscheinen. Wirklich hübsch, aber eben doch ein wenig aufgebauscht.

Bern ist – nebenbei bemerkt – nicht die Hauptstadt der Schweiz. Bei einer Einwohnerzahl, die der Heidelbergs entspricht, wäre dies auch ein wenig übertrieben. Dass Bern keine Hauptstadt ist, liegt allerdings nicht an den Bernern. Es liegt am Rest der Schweiz. Der Rest der Schweiz gönnt keiner Stadt, dass sie sich als Hauptstadt aufbauscht. Deshalb ist Bern, durch eine Entscheidung der Eidgenössische Bundesversammlung, seit 1848 einen sogenannte “Bundesstadt” – und nicht die Hauptstadt. Bern ist Hauptstadt de facto, aber nicht de jure. Die geopolitische Bedeutung von Bern wird aber dadurch entscheident aufgewertet, dass diese Stadt seit 1874 Sitz des Weltpostvereins ist. Sie hat ein Weltpost-Denkmal und ein Welttelegrafen-Denkmal. Auch dies lässt gewisse Rückschlüsse auf die Schnelligkeit der Berner zu.

Bei unserem abendlichen Streifzug durch Berns “Innere Stadt” konnten wir feststellen, dass die Berner in einer einzigen Sache sehr schnell sind: im Schließen von Lokalen. Nach dem Abendessen, es ging gegen Mitternacht, wollten wir uns noch etwas aufmöbeln und einen “Schlummerpunsch” nehmen. Die Bar in unserem Hotels war bereits geschlossen. Das zweite Lokal war de facto noch offen. Aber aus Mangel an Gästen schwitzte es eine Traurigkeit aus, die uns zum sofortigen Rückzug veranlasste. Bei der Suche in Berns putzigen Gassen fanden wir schließlich eine Hotelbar, die noch offen hatte.

Das Licht war hell, die Möblierung alpin-rustikal und die noch anwesenden Gäste waren zünftige Berner Stammgäste. Offensichtlich ist diese Bar seit 130 Mllionen Jahren ein Geheimtipp für nachtaktive Berner, im fortgeschrittenen Alter. An den Wänden hingen bemerkenswerte Gemälde, die an Pieter Brueghel den Älteren erinnerten. Allerdings waren alle Akteure auf diesen Gemälden Bären. Bären, die um roh gezimmerte Tische saßen und sich mit Krügen zuprosteten. Bären, die mit Laternen durch die Nacht liefen. Bären, die alles Mögliche taten – bemerkenswert und putzig.

Am Eingang der Bar stand eine Wurlitzer Musikbox. So etwas hatten wir seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Die Stammgäste warfen fleißig Räppli in diese Maschine. Auch die Songs, die ertönten, hatten wir seit Jahrzehnten nicht gehört. Diese Songs lieferten den eindeutigen Beweis dafür, dass in Bern die Uhren anders gehen. Es gibt nach meiner festen Überzeugung ausserhalb der Schweiz, keine Musikbox mehr, in der man “Der Mann mit der Mütze” von Udo Jürgens hören kann. Dieses Lied ist eine Hommage an Helmut Schön, der von 1964 bis 1978 Trainer der Deutschen Fußballnationalmannschaft war. Udo Jürgens schrieb dieses Lied nach dem Rücktritt von Helmut Schön. Der Refrain lautet:

“Der Mann mit der Mütze geht nach Haus.
Die lange Zeit des Langen, sie ist aus.
Der Mann mit der Mütze geht nach Haus.
Und uns’re Achtung nimmt er mit -
und unseren Applaus.”

Helmut Schön gehörte nie zu den Schnellen. Er war eher bedächtig, langsam und blieb sehr lange im Amt. Es sei ihm gegönnt, dass irgendwo in Bern noch eine Wurlitzer Musikbox steht, die langsamen Bernern das hohe Lied des langsamen “Langen” singt. Langsam sollte ich allerdings die Sache mit dem Meretsalat erklären.

In dieser Hotelbar gab es eine Getränke- und Speisekarte, auf der sich leider keine Cocktails fanden. Cocktails sind in Bern vermutlich noch relativ unbekannt. Wir tranken deshalb Weißwein, Bier und Mineralwasser. Angeboten wurde in der Rubrik “Speisen für den eiligen Gast” – man beachte die feine Ironie – ein Märitsalat. Wir bestellten ihn nicht, weil wir weder in Eile noch hungrig waren. Gesättig wie wir waren, fragten wir nicht einmal, was ein Märitsalat ist.

Bis heute wissen wir es nicht genau. Der Berner kommt wahrscheinlich erst in 130 Millionen Jahren dazu, den Märitsalat im Internet zu erklären. Gegoogelt liefert “Märitsalat” insgesamt 92 Einträge. Dabei handelt es sich um die Speisekarten und Wochenmenüs von Berner Restaurants. Rätselhaft bleibt, was genau ein Märitsalat ist. Meine Reisebegleiterin Nicole vermutete, es könnten Blatt- oder Marktsalat sein. Da die Website der Stadt Bern behauptet, “der Bärner Märit” biete bereits “seit Jahrhunderten Woche für Woche Erlebnisshopping”, und dazu das Bild eines Marktstands mit frischem Gemüse veröffentlicht, ist das eine ganz heiße Spur.

Wenn es in der Tat so ist, dass der Bärner Märit seit Jahrhunderten Erlebnisshopping bietet, dann ist das eine plausible Erklärung, für die Langsamkeit der Berner: Der Berner ist seiner Zeit weit voraus. Er kann es sich leisten, langsam zu sein. Mit Erlebnisshopping seit Jahrhunderten ist er uneinholbar für den Rest der Welt. Wir erinnern uns: Kein Land Europas hat sich so schnell aufgebauscht, wie die Schweiz – außer Österreich.

Trotzdem wären wir sehr dankbar für Hinweise auf die Beschaffenheit und die Zutaten zum Märitsalat. Gäbe es eine Wurlitzer Musikbox in Deutschland, die “Der Mann mit der Mütze” noch spielt, würden wir auch das gerne wissen.

Das Foto stammt von Frederic Pasteleurs und steht unter Creative Commons Licence.