Sprachpflege in Erlangen und anderswo

26 08 2007

Nahezu sprachlos machte mich heute, dass in Erlangen seit 27 Jahren ein Poetenfest stattfindet. Warum sagt einem das denn niemand? Hat man einmal ein Fass aufgemacht, kann es schnell bodenlos werden. Erlangen läßt mich nicht mehr los. Andere sprachpflegerische Nachrichten erreichten mich aus der Bachstadt Köthen und aus der Domstadt Köln.

In einem Beitrag zum Erlanger Poetenfest von Deutschlandradio Kultur gestand Martin Mosebach, der diesjährige Büchnerpreisträger: „In Erlangen war ich noch nie!“ Und das, obwohl das Poetenfest von Kritikern als „die größte Deutschstunde der Welt“ bezeichnet wird. Vielleicht auch gerade deshalb. Denn die Kritik zielt auf eine Beliebigkeit, die Literatur zum Event aufbläht. Bodo Birk, Festivalleiter und Sachgebietsleiter im Erlanger Kulturamt, ist offen für diese Kritik, betont aber, dass „was den Kern des Poetenfests anbelangt“, das Bemühen groß ist „es nicht überzueventisieren“. Damit ist ihm, in sprachpflegerischer Hinsicht, ein ganz großer Coup gelungen.

Zeitgleich mühten sich in der Bachstadt Köthen die Mitglieder der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft auf ihrem 1. Köthener Sprachtag der Übereventisierung der Sprache Paroli (= französisches Lehnwort, das soviel bedeutet, wie Widerstand entgegen setzten) zu bieten. Die Neue Fruchtbringende Gesellschaft knüpft an die Tradition der Altvorderen an. Die alte Fruchtbringende Gesellschaft wurde am 24. August 1617 im Stadtschloß zu Weimar gegründet und galt als die einflußreichste sprachpflegerische Vereingung des Barock. „Der Name Fruchtbringend / darum / damit ein jeder / so sich hinein begiebet / oder zu begeben gewillet / anders nichts / als was fruchtmeßig / zu Früchten / Bäumen / Blumen / Kräutern oder dergleichen gehörig / aus der Erden wächset / und davon entstehet / ihme erwehlen / und darneben überall Frucht zuschaffen äußerst beflissen seyn solle.“ (Georg Neumark: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1668.)

Als Ethnologe würde mich schon interessieren, wie der Palmenbaum (siehe Abbildung), als teutscher Baum, plötzlich im Signet dieser verdienstvollen Vereinigung auftauchen konnte. Aber das stellen wir jetzt zurück.

Seit dem 18. Januar 2007 wird das alte Programm durch die Neue Fruchtbringende Gesellschaft neu gecovert und das hört sich ganz gut an: Der Slavistik Professor Friedrich Wenzel konstatiert: Früher seinen die Erzeugnisse solide gewesen. Die Qualität und Dauerhaftigkeit habe für sich gesprochen. Heute sei die Wirklichkeit durch Wort und Grafikdesign ersetzt worden. Dies deute auf einen tiefgreifenden Mentalitäts- und Kulturwandel hin. Aber, so Wenzel: „Deutschland hat keine andere Ressource als die Köpfe. Und die Köpfe arbeiten ganz entscheidend mit der Sprache. Und so gut und scharf dieses Instrument Sprache ist, so gut ist die Arbeit dieser Köpfe.“

Vermeintlich gute Arbeit, in sprachpflegerischer Absicht, leistet sich die GEZ, mit Sitz in Köln – ausgeschrieben: Die Gebühreneinzugszentrale (GEZ) der öffentlich-rechtlichen Landesrundfunkanstalten (ARD), des Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) und des Deutschlandradio (DR). Viele Jahre hatte ich das Gefühl, als Gebührenzahler der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, sei ich im wesentlichen verdächtig meine Gebühren nicht zu zahlen. Seit einigen Wochen mehren sich bedenkliche Hinweise in den Programmen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, dass ich als zahlender Kunde und König wahrgenommen werde. Plötzlich bedankt man sich öffentlich in Rundfunk und Fernsehen bei mir, dass durch meine Gebühren ein derart hochwertiges und werbefreies Programm ermöglicht werde. Gleichzeitig nähert sich die gefühlte Qualität der Programme dem Niveau des Vergnügunsparks Haßloch. Ich selbst werde zur Nischenexistenz, die nur noch bei Arte und 3Sat Zuflucht und Zuspruch findet.

Die GEZ also, die all die Gebühren eintreibt, mit denen Programme finanziert werden, die ich nicht sehen will, betreibt mit meinem Geld jetzt auch noch Sprachpflege. Die GEZ hat die Wissensplattform akademie.de abgemahnt Begriffe wie „GEZ-Gebühren“, „PC-Gebühr“, „Gebührenfahnder“, „GEZ-Anmeldung“ oder „GEZ-Abmeldung“ nie wieder zu verwenden. Das Verbot wird damit begründet, dass die Nutzung der Begriffe nur dazu diene, „ein negatives Image der GEZ hervorzurufen“. Tschuldigung, liebe GEZ. Ihr verehrtes Image ist so gut wie die Programme, die durch ihren Gebühreneinzug finanziert werden. Ich verwahre mich entschieden dagegen, dass sie mit meinen Gebühren Sprachpflege betreiben. Kümmern sie sich um ihren Kram und machen sie hier nicht einen auf Sprachdiktatur im Sinne von George Orwells 1984.

Quellen:
Beitrag aus Deutschlandradio Kultur zum Erlanger Poetenfest
Beitrag aus Deutschlandradio Kultur zum 1. Köthener Sprachtag

Die Abbildung des Signets der „Fruchtbringenden Vereinigung“ stammt aus Wikipedia und steht unter Creative Commons Licence.





Nabelschau – Wissenswertes über Schildau

18 08 2007

Vor einigen Wochen las ich in Bastian Sicks Kolumne Zwiebelfisch unter dem Titel “Willkommen in der Marzipanstadt” einen erhellenden Beitrag über die Namenszusätze von Städten, die ihrem Stadtmarketing die Arbeit erleichtern wollen. Am letzten Mittwoch befand ich mich in einer ausgelassenen Gesellschaft, die ausgiebig das Thema Bauchnabel besprach. Wie geht das zusammen? Mal sehen!

Neben der von Bastian Sick im Zwiebelfisch aufgeführten „Rattenfänger- stadt Hameln“, der „Störtebe- kerstadt Ralswiek“ und der „Leineweber- stadt Bielefeld“ gibt es noch jede Menge anderer Städte, die sich mit Namenszusätzen interessant machen wollen. Da gibt es die Bundesstadt Bonn, die mal Hauptstadt war und sich jetzt mit einem zweifelhaften Status begnügen muss, wie sonst nur Bern in der Schweiz. Es gibt die „Skatstadt Altenburg„, die „Otto-Dix-Stadt Gera„, die „Mohrenstadt Eisenberg„, die „Konrad-Zuse-Stadt Hoyerswerda„, die „Wissenschaftsstadt Darmstadt„, die „Barbarossastadt Gelnhausen„, die „Niebelungenstadt Worms„, die „Glasstadt Zwiesel„, die „Lichtstadt Jena„, die „Schöfferstadt Gernsheim„, die „Brüder-Grimm-Stadt Hanau„, die „Schillerstadt Marbach„, die „Ringelnatzstadt Wurzen„, die Barlachstadt Güstrow, die „Musikstadt Markneukirchen“ und die „Pferdestadt Warendorf„. Die Liste ist unvollständig und kann jederzeit über Kommentare ergänzt werden.

Alle diese Städte haben eines gemeinsam. Sie wollen sich durch ihre Namenszusätze zum Nabel der Welt machen – sich in die Mitte rücken und aufbauschen wie die Schweizer. Dabei konkurrieren sie mit Orten wie Delphi und der Osterinsel, die bereits seit Jahrhunderten als Nabel der Welt eingeführt sind.

Weder die Osterinsel noch Delphi haben bisher Schildau auf dem Radar. Dabei hat Schildau das Zeug zum neuen Nabel der Welt zu werden. Schildau liegt im Freistaat Sachsen. Genauer: im Landkreis Torgau-Oschatz. Schildau hat bereits einen Namenszusatz: Gneisenaustadt Schildau. Der bringt allerdings nicht viel. Wer will schon wirklich wissen, wer Gneisenau war.

Schildau ist die Stadt, die sich schon im 16. Jahrhunder mit Schildbürgerstreichen ein Alleinstellungsmerkmal im Wettbewerb der Städte sichern wollte. Die Quellenlage dazu ist aber nicht ganz eindeutig, da auch Schilda in Brandenburg, Beckum und Teterow die Ehre der Schildbürgerschaft für sich beanspruchen. Imagemäßig ist das auf lange Sicht im Wettbewerb der Städte sowieso kein entscheidender Vorteil.

Hoffnung weckt nun eine private Initative, die Schildau als Nabelstadt neu positionieren will. Das Forum www.bauchnabelvergleich.de bietet den Bauchnabelinteressierten allerhand. Die Idee für das fingierte Ortsschild (Abbildung links) stammt von dieser Website. Unter anderem werden geboten: Nabelvoting, Nabelupload, Nabelspiele, Nabellinks und Partynabel. Für jeden ist da etwas dabei. Nur für mich nicht. Ich bin eher Nabelverächter. Daran ist nichts zu ändern. Auch wenn „Bauchnabel“ in anderen Sprachen viel netter klingt: Ombligo auf spanisch, oder bellybutton auf englisch. Bei der Sicherheitseinweisung auf Flugreisen kann ich mir das besonders schön vorstellen: „In case of emergency please press your bellybutton“.

Den eigenen Nabel hat man immer bei sich. In der Regel weiß man auch ganz genau, wo er sich befindet. Städte müssen schauen, wo sie bleiben und wo sie ihren Nabel finden. Die einen versuchen es mit einem Prädikat. Andere wollen sich mit einem Slogan zum Nabel der Welt machen. Hier eine kleine Auswahl von Städten und Gemeinden, denen ein vorangestelltes Prädikat nicht ausreicht. Sie haben sich Slogans erfunden:

Bad Dürkheim – Kur-, Wein- und Erlebnis-Stadt
Bad Liebenzell – im Schwarzwald ganz oben
Bad Wörrishofen – Gesundheit auf dem besten Weg
Bebra – sieh mal da!
Birkenau – Das Dorf der Sonnenuhren
Brandenburg – Die Stadt im Land
Braunschweig – Die Löwenstadt
Castrop-Rauxel – Europastadt im Grünen
Bingen – einfach sympathisch
Datteln – Leben am Wasser
Eberstadt – Leben in traubenhafter Umgebung
Eberswalde – Tradition in Bewegung
Ennepetal – Stadt der Kluterthöhle
Frankenberg – Das Beste zwischen Himmel und Eder
Emden – Das Meer an Leben
Friedberg beflügelt
Göttingen – Stadt die Wissen schafft
Groß-Umstadt – Odenwälder Weininsel
Karlsruhe – Denkfabrik mit Lebensart
Kirn – Nahe am Leben
Lindenfels – Perle des Odenwalds
Mainz – Die Gutenberg- und Medienstadt
Papenburg – offen für mehr
Regensburg – Spitze an der Donau
Rinteln – rundum sympathisch
Rüdesheim – Lebensart in Rheinkultur
Saalfeld – die Feengrottenstadt an der Saale
Scharbeutz – Strand fürs Leben
Schweinfurt – Zukunft findet Stadt
Spechbach – middezwischedrin
Wandlitz – Im Herzen des Naturparks Barnim
Wittenberge – Stadt zwischen Turm und Strom
Wolfsburg – Lust an Entdeckungen

Im Wettbewerb der Städte ist der blanke Wortwitz gut vertreten. Für Karlsruhe gibt es auch noch den Spruch „Karlsruhe – viel vor, viel dahinter!“. Eine löbliche Ausnahme ist Spechbach im Odenwald, mit dem Slogan middezwischedrin. Man muss allerdings wissen, dass es Spechbach gar nicht nötig hätte einen Zusatz zu erfinden. Spechbach heißt überall in der Region Schimmeldiwoog – ein wirkungsvolleres Alleinstellungsmerkmal kann man nicht verlangen!

Apropos Wortwitz und v-Erlangen: Erlangen soll hier zum Abschluß positiv gewürdigt werden. Obwohl Siemens dort einen wichtigen Standort hat, ist Erlangen wirklich innovativ. Erlangen hat keinen Slogan, sondern ein Jahresmotto. Das heißt für 2007: natürlich Erlangen. Dem Frankenblog und Lisa Neun sei gedankt, dass Erlangen nicht weiter als langweilig in langweiligen Blogs gedemütigt wird.

Und ganz zum Schluß: Wiesloch in Baden hat auch keinen Slogan. Könnte aber einen haben. Wiesloch ist in der Region Rhein-Neckar vor allem durch das dort ansässige Psychiatrische Landeskrankenhaus bekannt. Der Slogan „Wiesloch – einfach irre!“ hat aber keine Chance. Das ist schade.


Quellen: Das Forum www.bauchnabelvergleich.de hat mir wertvolle Einsichten in die Welt des Nabels eröffnet. Auch die Idee für das – noch – fiktive Ortsschild von Schildau stammt von dort. Danke.

Dieser Artikel ist ein Update zu Wissenswertes über Erlangen


Das Ortsschild der Bundesstadt Bonn stammt von Wikipedia und steht unter Creative Commons Licence.

Bei dem Ortsschild von Schildau handelt es sich um ein Composing. Das ursprüngliche Bild stammt von Wikimedia Commons und steht ebenfalls unter Creative Commons Licence.





Wissenswertes über Erlangen

2 08 2007

Der Ruf von Erlangen war etwa 800 Jahre lang untadelig. Kaum jemand, außer den Erlangern, kannte Erlangen. Nachdem 1982 der Song Wissenswertes über Erlangen der Gruppe Foyer des Arts die Charts eroberte, ist der Ruf dieser unschuldigen und unauffälligen Stadt auf Generationen hinaus ruiniert.

Natürlich weiß man immer noch nichts genaues über Erlangen. Was man aber zu wissen glaubt ist: Erlangen muss unglaublich langweilig sein – so ähnlich wie Neu-Ulm. Ich vermute, dieser Eindruck kommt der Realität sehr nah. Sonst hätte sich in den letzten 25 Jahren eine andere Wahrnehmung dieser Stadt – beispielsweise als innovative, lebendige und junge Metropole mittelfränkischer Lebensart mit internationalem Touch – ganz locker durchgesetzt. Aber Erlangen liegt nach wie vor im vagen Zwielicht des Ungewissen. Was man weiß, weiß man aus dem Song Wissenswertes über Erlangen. Das Foto zeigt übrigens das Rathaus von Erlangen.

Donald Rumsfeld hingegen ist uns bereits als Theoretiker des Unwissens aufgefallen. Einige Jahre übte Rumsfeld den sehr langweiligen Beruf des Secretary of Defense der Vereingten Staaten von Amerika aus. In dieser Funktion galt er als ganz harter Knochen, dem allerdings ein gewisser Humor nicht abgesprochen werden konnte. In dieser Funktion war ihm alles zuzutrauen.

Wenn wir uns heute, über ein halbes Jahr nach seinem Rücktritt, sein Gesamtwerk anschauen, dann ist dieses hohe Regierungsamt nur ein kleiner Ausschnitt seines Schaffens. Donald Rumsfeld hat die Auftritte in seiner Funktion als Verteiligungsminister geschickt genutzt, um seine lyrisch-kritischen Kommentare einem weltweiten Publikum vorzutragen. Als Politiker ist er gescheitert. Aber als Künstler hat er – trotz des Scheiterns – eine Vollendung erreicht, die ihm einen Platz im Olymp der literarischen und darstellenden Künste garantiert.

Die Aussage zu den unknown unkowns wurde bereits gewürdigt. Rumsfeld hat für dieses Gedicht seine guten Verbindungen zum us-amerikanischen Geheimdienst genutzt. Die unknown unknowns werden dort als unk-unks bezeichnet. Unk-unks sind die Ereignisse, die den Verlauf eines Krieges unverhersehbar beeinflußen können. Die unk-unks sind ein wichtiges Thema der Demutsforschung, da prinzipielle Unwägbarkeiten jede Entscheidung über die Eröffnung kriegerischer Handlungen beeinflußen sollten. Das Ungewisse ist immer ein Grund zur Demut. Bei der Entscheidung einen Zweiten Irak-Krieges zu riskieren, wurden die Erkenntnisse einer zukünftigen Demutsforschung völlig mißachtet. Man kann das aber niemandem ernsthaft zum Vorwurf machen.

Die Art des Vortrags von Donald Rumsfeld (man kann sich die Performance im YouTube-Video anschauen) und weitere Beispiele seiner ironischen Sicht auf das Amerika des 21. Jahrhunderts zeigen – Rumsfeld ist ein ganz großer Erkenntnistheoretiker und Künstler. Wahrscheinlich werden ihn zukünftigen Generationen als den ersten Lyriker und Poetry Slam Künstler würdigen, der den Sprung in ein hohes Regierungsamt in den USA geschafft hat. Am Ende zählt das vielleicht mehr, als einfach nur schwarz zu sein und Klavier spielen zu können.

Weitere Beispiele aus Donald Rumsfelds Werk findet man auf der Website von Slade. Eines der dort veröffentlichten Gedichte zeigt, wie feinsinnig dieser Mann seine Poesie gesponnen hat:

A Confession
Once in a while,
I’m standing here, doing something.
And I think,
„What in the world am I doing here?“
It’s a big surprise.

May 16, 2001, interview with the New York Times

Während wir über Donald Rumsfeld täglich mehr wissen, entdecken wir in Bezug auf Erlangen täglich mehr unbekanntes Unwissen. Eines nicht allzu fernen Tages werden wir von Erlangen gar nichts mehr wissen wollen. Übrigens: Für den schlechten Ruf von Erlangen ist Max Goldt verantwortlich, dessen distanziert-ironische Sicht ich sehr schätze. Max Goldt war mit Gerd Pasemann Foyer des Arts.


Dieser Artikel ist ein Update zu: Almut und Helmut


Das Bild vom Erlanger Rathaus steht unter Creative Commons Licence