Weltmeister im Schlangestehen

14 11 2007

Argentinier legen Wert darauf, uns unwissenden Europäern zu vermitteln, dass Argentinien mehr ist als Tango, Steak und Maradona. In gewisser Hinsicht entpuppen sich Argentinier als erstaunlich diszipliniert, kultiviert und sparsam.

Argentinier verbringen viel Zeit damit Schlangen zu bilden. Sie sind die ungekrönten Weltmeister in dieser Disziplin und die längste Schlange im Guinness Buch der Rekorde müßte in Argentinien gebildet worden sein. Gemeint sind nicht politische Manifestationen, wie Menschen- oder Lichterketten, mit denen medienwirksam von Edinburgh bis Palermo für den Frieden demonstriert wird. Es geht, vereinfacht gesagt, um das alltägliche Anstehen. Anstehen für den Bus von der Arbeit nach Hause, wie oben zu sehen. Oder Anstehen, um Karten für das Länderspiel Argentinien gegen Bolivien am Luna-Park in Buenos Aires zu kaufen, wie unten zu sehen.

Eine Geduldsprobe ist auch die Ausstellung oder Verlängerung eines Personal- ausweises, auf argentinisch DNI genannt. Auch hier steht man ganze Tage in einer Schlange, die sich kaum bewegt. Die Geduld, mit der diese bürokratische Folter erduldet wird, ist nicht von dieser Welt. An jedem Werktag sieht man diese geduldigen Staatsbürger, wenn man die Avenida Paseo Colon an der Faculdad de la Ingenieria vorbei, in Richtung La Boca fährt.

Aber auch andere Dinge sind hier anders: Im Café kommt der Milchkaffee zunächst ohne Milch auf den Tisch. Der Kellner hat eine Kanne dabei und füllt am Tisch den Kaffee mit Milch auf. Dazu gibt es ein Glas Wasser und einige kleine Stücke Gebäck. Man fühlt sich sofort sehr gut behandelt und ganz entspannt. Auch das Tonic-Water kommt in der Flasche und ungeöffnet an den Tisch. Der Kellner öffnet die Flasche und schenkt ein. Der Zweck der Übung ist die Herstellung von Vertrauen und Transparenz. Man könnte auch sagen, dem Mißtrauen wird jede Grundlage entzogen. Der Zweck der Übung ist, etwaige Reklamationen mit dieser Konvention im Keim zu ersticken. Jeder kann doch sehen, dass die Basis des Café con Leche ein ehrlicher Café ist, der die Tasse mehr als bis zur Hälfte füllte. Jeder kann sehen, dass die ungeöffnete Flasche Tonic das echte Schweppes enthält und mich hier kein Betrüger über den Tisch ziehen will. Das hat in der Vergangenheit viel Streit erspart und so mancher Messerstecherei die Grundlage vorenthalten

Schließlich entpuppen sich die Porteños – also die Bewohner von Buenos Aires – auch noch als ziemlich klever und sparsam. An vielen Kreuzungen hat man sich einfach die Fußgängerampeln gespart. Wenn man als Auswärtiger den Trick erstmal verstanden hat, dann sind Fußgängerampeln tätsächlich meistens überflüssig. Fließt der Verkehr in die Richtung, in der man sich als Fußgänger bewegen möchte, oder kommt er aus der Gegenrichtung, dann kann man gefahrlos die Straße überqueren. Hilfreich für die antizipierende Bewegung im Straßenverkehr sind die Ampeln für die Autos. Springt die Ampel der Querstraße, die man queren möchte auf rot, dann kann kann man gleich die Straße überqueren. Springt sie auf grün, dann solle man sich beeilen, die gegenüberliegende Seite zu erreichen. Beruhigen dabei ist, dass der abbiegende Verkehr Fußgänger weitgehend als lebenswerte Kreaturen respektiert.

Argentinier regen sich schnell und gerne auf. Was sie dabei so sagen, ist oft nicht druckreif und kann von Auswärtigen meist nicht hundertprozentig verstanden werden. Aber heute hat mir ein Taxifahrer gezeigt, dass der einzig vernichtende Vorwurf mit dem ein Argentinier einen anderen Argentinier belegen kann, darin besteht, ihn als mal educado, als schlecht erzogen, zu bezeichnen. Die Argentinier sind ein Volk mit Kultur und viele von ihnen muss man als Intellektuelle und Lebenskünstler bezeichen. Letzteres trifft auf jeden Fall zu.

Die Photos stammen vom Autor des Beitrags und stehen unter Creative Commons Licence.





Die Toten von Buenos Aires

11 11 2007

Die Zahl der Toten übertrifft die Zahl der Lebenden um ein Vielfaches. Das ist uns meist nicht bewußt und auch ziemlich egal. Es läßt sich auch nicht ändern.

Der Großraum Buenos Aires ist mit rund 13,5 Millionen Lebenden nach Sao Paulo die zweitgrößte Stadt Lateinamerikas. Buenos Aires lebt – wie jede andere Stadt – auf ungezählten Toten. Aber: Hier sorgen die Lebenden gut für ihre Toten – und die Toten von Buenos Aires, sorgen so gut sie können, für die noch Lebenden.

Paris hat den Pere Lachaise und Wien den Zentralfriedhof, London den Highgate Cemetery und die USA haben Arlington. Buenos Aires aber hat gleich zwei berühmte Friedhöfe. La Chacarita und Recoleta. Der eine, La Chacarita, gilt als die nationale Begräbnisstätte Argentiniens. Hier sind alle Volkshelden begraben: Carlos Gardel selbstverständlich und natürlich auch Juan Perón. Ausserdem der Tangosänger Roberto Goyeneche, der Komponist Carlos Acuñader, der Flugpionier Jorge Newbery, der Boxer Óscar Bonavena und der Fußballer Adolfo Pedernera. Es gibt eine Ausnahme: Evita Perón – Don’t cry for me Argentina – die Volkstribunin par exellence, ist auf dem Friedhof von Recoleta begraben. Recoleta, das ist die vergleichsweise konservativere und vaterländischere Begräbnisform. Hier ruhen die Gründer und Bewahrer der Republica Argentina: Alvear, Sarmiento, Saavedra, Pellegrini, Mitre und Yrigoyen.

Evita Perón ist ein Mythos und als solcher wird die wirkliche Person von dem überlagert, was die mediale Wahrnehmung hinzufügte und noch immer hinzufügt. Selbst wenn in kommenden Zeiten die meisten glauben werden, sie habe ausgesehen wie Madonna, ändert das nichts daran, dass sich in Evita Perón Hoffnung und Schicksal in einer Weise verbinden, wie es so kitschig und wahr nur in Argentinien geschehen konnte. Evita und Peròn, das ist Tango als Politik. Einerseits eine Farce, andererseits eine Tragödie. Evita Duarte, die spätere Perón, stammte aus der argentinischen Unterschicht, verdiente sich ihren Lebensunterhalt im Rotlichmilieu, heiratet den Emporkömling Juan Domingo Perón Sosa, der eine militärische Karriere machte, wurde Präsidentengattin und Volkstribunin und starb mit 33 Jahren an Gebärmutterkrebs.

Die kundigen Führer durch den Friedhof von Recoleta können lange Geschichten über Evita erzählen. In einer Tiefe von fünf Metern ruhe ihr einbalsamierter Körper in der Familiengruft der Duartes. Um ihn zu konservieren, sei eigens ein Spezialist aus Europa eingeflogen worden. Ihre Haut sei so glatt wie Marmor und ihr Körper sei vollkommen erhalten, inklusive der inneren Organe. Man könne sogar die Geschwulst sehen, die ihr das Leben gekostet habe.

Die beiden Friedhöfe La Chacarita und Recoleta sind ein warmer und dauerhafter Regen für den Tourismus und für den Arbeitsmarkt von Buenos Aires. Beide Friedhöfe sind eine Touristenattraktion und eine krisenfeste Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für kundige Führer, aber auch für Handweker und Reinigungspersonal.

Mausoleen müssen gewischt und gewienert werden. Was in Gruften passiert ist viel weniger bekannt, da es sich im wesentlichen unterirdisch und im Verborgenen abspielt. Bisher war ich der Meinung, dass da wo der Tod zugeschlagen hat, nicht mehr viel zu tun übrig bleibt. Da ist Tabula rasa und nicht mehr viel zu holen. Natürlich sind auch in Deutschland Begräbnisse ein gutes Geschäft. Bei der Grabpflege wird ab und an ein wenig geharkt und mal ein neues Lorbeerbäumchen gepflanzt. Aber sonst überläßt man die Toten sich und ihresgleichen. Kürzlich gab es zum Geschäft mit Begräbnissen einen interessanten Artikel in brand eins: Aufschwung durch Ableben. Aber die deutsche Sepulkralkultur – also das, was kulturell an den Umgang mit dem Tod gekoppelt ist – hat in dieser Hinsich viel weniger Potenzial als der argentinische Way of Death.

Wenn ich es richtig beobachtet habe, dann wird nicht nur gewischt, geputzt und gewienert, es wird auch gelüftet. Selbst den in der Holzklasse Begrabenen öffnet man kurz das Türchen und läßt die schlechten Winde in die Buenos Aires entweichen.

Zwischen Lebenden und Toten scheinen die Geschäfte gut zu laufen. Die Toten haben oft den Gundstein für beträchtliche Vermögen gelegt. Auf den Friedhöfen La Chacarita und Recoleta haben sich Dynastien ihre Denkmäler gesetzt. Dynastien, die in der Geschichte Argentiniens nicht nur große Vermögen, sondern auch Macht angehäuft haben. Die Pflege lassen sich die Erben etwas kosten. Sie pflegen ihren Status und das Andenken an diejenigen, denen sie ihren Wohlstand verdanken.

Heute erschien in Clarin, der führenden Tageszeitung Argentiniens, auf den Seiten 56 und 57 ein Artikel über die zunehmende Verwahrlosung des Friedhofs Recoleta. Auch das ist ein Teil der Wahrheit. In den ersten sechs Monaten des Jahres 2007 gab es hier nur 127 Beisetzungen. Zum Vergleich: La Chacarita hatte 6711 Begräbnisse. La Chacarita ist damit Marktführerin in Buenos Aires. In La Chacarita gibt es 8925 Mausoleen. In Recoleta 4691. Davon sind 94 Bauwerke als historisch bedeutend klassifiziert und werden vom Staat unterhalten. Die Leute wollen aber heute, so endet der Artikel in Clarin, weniger aufwendige Begräbnisformen. Und deshalb wird die Erhaltung des Friedhofs der Helden der Nation in Zukunft ein öffentliche Aufgabe sein. Man sieht, auch Friedhöfe können sterben.

Die Fotos stammten vom Autor des Beitrags und stehen unter Creative Commons Licence.

Interessante Links: Größte Agglomerationen der Welt





Das Gelbe vom Ei

7 11 2007

Lima finden ganz viele Menschen prima – schließlich gehört das historische Zentrum der peruanischen Hauptstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Lima gehört zu Peru und in Peru liegen so tolle Orte wie Machu Picchu, Cuzco und ein Teil des Titicacasees. Auch das finden viele ganz, ganz prima. Ich finde, Lima ist nicht das Gelbe vom Ei – auch wenn sich diese Stadt mit ganz vielen Rätseln interessant machen will.


So rätselhaft wie die Nazca-Linien im Süden Perus, ist, dass man als Reisender in Lima ganz überraschend auf umgestürzte Polizeifahrzeuge trifft. Solche Attraktionen habe ich sonst noch nirgendwo gesehen. Diese Polizeifahrzeuge sind durch die Einwirkung einer geheimnisvollen Kraft auf gerader Strecke umgestürzt. Vollkommen rätselhaft ist, dass dabei kein Mensch verletzt wurde. Die Aufräumungsarbeiten werden sehr unaufgeregt und routiniert erledigt – ein Beleg dafür, dass dieses Phänomen der umgestürzten Polizeifahrzeuge hier häufig auftritt.

Ähnlich rätselhaft ist die Beliebtheit von Chicha morada. Die normale Chicha wird aus vergorenem Mais hergestellt und ist ein bierähnliches alkoholisches Getränk, das bevorzugt in den Andenregionen Südamerikas getrunken wird. Chicha morada ist die alkoholfreie Variante, die aus violettem Mais hergestellt wird. Sie schmeckt säuerlich und selbst eisgekühlt ein wenig verdorben. Trotzdem trinken die Limaten – wie ich die Bewohner Limas insgeheim nenne – diesen Saft in großen Mengen. Manche Touristen bestätigen, wenn sie von Einheimischen gefragt werden, Chicha morada schmecke gut. Aber das ist reine Höflichkeit und nicht die Wahrheit.

Wahr ist aber ein anderes großes Rätsel, das mit einem sehr schmackhaften Getränk zu tun hat. Pisco Sour ist das alkoholische Nationalgetränk Perus. Mit dem südlichen Nachbarn Chile streitet man erbittert darüber, wer den Pisco erfunden hat. Umstritten ist auch welches der beiden Völker den besseren Pisco brennt. Die Limaten sind überzeugt davon, dass der chilenische Pisco minderwertig ist. Die Chilenen hingegen wissen, dass sie ihren Pisco wesentlich besser vermarkten und den erheblich größeren Anteil der Welt-Pisco-Nachfrage bedienen.

Ein Pisco Sour besteht aus drei Teilen Pisco, je einem Teil Limettensaft, Zuckersirup und Eiklar und wird mit Eis gemixt. Auf die Krone kommt ein Spritzer Angostura bitter und fertig ist eines der schmackhaftesten, aber auch gefährlichsten Mixgetränke der Welt. In jedem Pisco befindet sich geschlagenes Eiweiß. Alleine die Limaten und ihre Besucher aus aller Welt trinken täglich schätzungsweise 4 Millionen Piscos. Das große Rätsel dabei ist: Was geschieht mit dem Eigelb? Keiner der dazu befragten Limaten wollte dazu eine Antwort geben. Die meisten taten so, als vestünden sie die Frage nicht. Das Verschwinden des Eigelbs scheint an eines der großen Tabus der peruanischen Gesellschaft zu rühren.

Von den Limaten war dazu keine Auskunft zu bekommen. In einigen Wochen werde ich den Chilenen die gleiche Frage stellen. Vielleicht kann dann das Rätsel gelöst werden.

Die Photos stammen vom Autor des Beitrags und stehen unter Creative Commons Licence.





Pardauz: Pfefferkuchen

4 09 2007

Es mag am fortgeschrittenen Sommer liegen, der in meiner Erinnerung schon so verblasst ist, als habe er nie stattgefunden. Gestern dachte ich ganz plötzlich an Pfefferkuchen. Heute hab ich im Supermarkt Dominosteine gekauft. Und gerade hab ich die Heizung angeworfen.

Ich weiß nicht, ob die Warenwirt- schaftssysteme des deutschen Lebensmittel- einzelhandels mit Jörg Kachelmanns Firma Meteomedia so verkuppelt sind, dass sie dort die „gefühlte Temperatur“ extrahieren können: Die Temperatur sinkt und plötzlich wird’s Weihnachten in den Regalen. Wahrscheinlich ist es viel simpler. Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem plötzlichen Auftauchen von Apfel, Nuss und Mandelkern und dem Ende der Sommerpause von Reinhold Beckmann, ist wahrscheinlich vollkommen aus der Luft gegriffen. Weshalb sollte das angenehme Auftauchen von saisonalen Süßigkeiten in Supermärkten mit einem unangenehmen Ereignis, wie der Rückkehr von Beckmanns Talkshow im Ersten in einem direkten Zusammenhang stehen? Vielleicht ist man der Ansicht, alles im Leben habe seinen Preis? Und Ying und Yang bringe die saisonalen Süßigkeiten mit Beckmanns Rückkehr aus der Sommerpause in einen untergründigen Zusammenhang des Ausgleichs der Gegensätze? Eine ähnlich windige Theorie wäre, dass die vorweihnachtliche Völlerei zu medialen Katastrophen führe und insgesamt für das lausige Fernsehprogramm verantwortlich sei. Strafverschärfend dann gleich für das ganze Jahr. Oder sorge für Überschwemmungen in Griechenland.

Wenn man die High-Tech-Erklärung ebenso ausschließt, wie die esoterische Vernetzungstheorie von Allem mit Jedem und Jedem mit Allem, dann bleibt nur noch eine sehr einfache Erklärung übrig. Noch bevor der Letzte aus dem Sommerurlaub zurück ist, werden die Regale mit süßen Verheißungen gefüllt, die dem Rückkehrer zurufen: „Halt durch, bald ist Weihnachten!“ Dies scheint umso notwendiger, da die gefühlte Urlaubserholung, nach drei Wochen am Arbeitsplatz komplett aufgebraucht ist (laut Wirtschaftsmagazin Capital Nr. 18 auf Seite 12). Für Süßes und Genussvolles beginnt nach der sommerlichen Urlaubszeit zudem ein jährlicher wiederkehrender Wachstumszyklus. Denken wir nur an die alljährliche stattfindende Inkarnation von Mon Chéri.

Während Bären sich auf der nördliche Halbkugel allerorten ihren Winterspeck anfressen, Eichhörnchen emsig wie Eichhörnchen Nüsse sammeln und Zugvögel in Zugvogelschwärmen nach Süden ziehen, endet für viele Menschen jene Phase, die im Vorfrühling mit Frühlingsdiäten und Fitnesstraining begonnen hat. Nach all den Entbehrungen, wird das Leben wieder süß und üppig. „Süßer die Glocken nie klingen“ – wir hören sie schon jetzt. In ihrem Klang lassen wir uns ein wenig gehen, denn die gefühlte Entfernung zu Weihnachten ist nicht mehr so weit. Als Ethnologe könnte man behaupten, all diese Dinge beschleunigen unsere Zeitwahrnehmung. Valentinstag und Halloween bringen zusätzlichen Stress in den Ablauf der Dinge. Ein Ereignis jagt das nächste. Zwischen Frühlingsdiät und herbstlichem Zulegen, liegen gefühlte drei Wochen Urlaub. Natürlich ist man in diesen drei Wochen mobil erreichbar und im Grunde gar nicht fort, sondern nur ein wenig weg und trotzdem ständig verfügbar. Ich weiß nicht, ob andere Ethnologen, außer mir, dies behaupten. So kurz vor Weihnachten fehlt mir die Zeit für eine gründlichere Recherche. Wie sagte doch mein Freund Markus: „Sag mir mal, wann das war, damit ich ein Gefühl dafür bekomme, wie lange das her ist!“

Jedenfalls ist flugs das gesamte Repertoire der weihnachtlichen Süßigkeiten mit Kawumm in den Regalen des Einzelhandels gelandet. Kürzlich gab es noch Grillkohle in rauen Mengen. Und jetzt, pardauz, ist Vorweihnachtszeit.

Vordergründig habe ich bisher über Zeitwahrnehmung, Sommer und vorweihnachtliche Süßigkeiten gesprochen. Ein wenig hintergründiger geht es um Worte. Bei meinen Recherchen habe ich herausgefunden, dass man Wortpate werden kann, um bedrohte Worte vor dem Untergang zu retten. Bastian Sick beispielsweise hat sich das Wort „einander“ ausgesucht. Eine gute Wahl, wie ich finde. Nina Ruge hingegen will sich für die Wortfolge „Alles wird gut“ einsetzen. Keine gute Wahl! Liest man sich die Liste der prominenten Wortpaten durch, dann weiß man wie schwachsinnig wohlmeinende Initiativen im Internet enden können: Silberhochzeit – Iris Berben, Familiensinn – Dr. Ursula von der Leyen, Inkontinenz – SCA Hygiene Products GmbH, Freiheit – Ulrich Wickert, Drogeriemarkt – Dirk Rossmann GmbH.

Es gibt eine Initiative, die das Thema seriös behandelt. Bodo Mrozek, Autor des Buches „Lexikon der bedrohten Wörter“ veröffentlicht auf seiner „Website“ eine Rote Liste der Wörter, die vom Aussterben bedroht sind. In diese Liste würde ich meine schützenswerten Vokabeln einreihen. Diese sind: Pfefferkuchen, Kawumm, flugs und Pardauz.

Für den lautmalerischen Begriff Kawumm gibt es nicht einmal einen Eintrag im Duden. Pardauz ist dort als veraltet gebranntmarkt. Eine nicht mehr existierende Webseite meint, Pardauz gehöre „zur Kleinkindsprache“ und besage „soviel wie ‘hingefallen’“. Kleine Kinder sagen allerdings nicht „pardauz“, wenn sie hinfallen. Sie schreien. Pardauz sagten früher Erwachsene, wenn ganz flugs, plötzlich und überraschend ein Ereignis mit Kawumm eintrat, das so nicht unbedingt vorhersehbar war. Mit Pardauz fielen Bilder von den Wänden, oder Regale brachen mit Getöse zusammen. Padrauz sagte man hin und wieder, wenn endlich einmal ein Kind hinfiel. Das hieß dann soviel wie, „Da bist du aber mit Schwung aus vollem Lauf auf die Fresse gefallen“.

Ich meine, die Worte flugs, Kawumm und Pardauz könnten in unserer komplexen Welt eine ganz große Zukunft haben. Mit ihnen kann man das folgende aktuelle Geschehen ganz trefflich beschreiben: Da investiert ein sächsische Landesbank, über eine irländische Tochtergesellschaft, in us-amerikanische Immobilienfonts und, pardauz, mit heftigem Kawumm ist das ganze Geld futsch. Flugs wird der ganze Laden an die LBBW verkauft.

Kleine Notiz am Rande: Wäre die Demutsforschung in Deutschland weiter, und wäre sie in den Vorstandsetage der deutschen Konzerne als ernstzunehmender Forschungszweig etabliert, das Risikobewusstsein für solche Transaktionen wäre sicher höher.

Und zum Schluß: Trefflich ist auch so ein Begriff, der zur weiteren Verwendung von mir empfohlen wird. Aber darüber läßt sich trefflich streiten.

Das Foto stammt aus Wikimedia Commons und steht unter Creative Commons Licence.





Kommode kommt von Comedy

28 08 2007

Gerade macht ein schwedisches Unternehmen, das vor allem witzige Montageanleitungen produziert, mit der Behauptung auf sich aufmerksam, Mode käme von Kommode. Das ist natürlich Unsinn. Soll aber witzig sein.

Gibt man bei Google „Montagean- leitungen Ikea“ ein, führt der erste Eintrag – na, wohin wohl? Zu Ikea! Dort liest man: „Wir sind gerade dabei, Montageanleitungen auf unserer Website zugänglich zu machen“. Jetzt winken rosige Zeiten für die Liebhaber der witzigen kleinen Comics.

Bisher suchte man die lustigen Zeichnungen vergebens im Internet. Das lag daran, dass die Ikea-Montageanleitungen urheberrechtlich geschützt waren und Ikea kein Interesse daran hatte, den Erwerb der Montageanleitungen freizugeben. In ihren Besitz konnte man nur gelangen, wenn man das dazu passende Möbelstück erwarb. Endlich – so kann man die Ankündigung von Ikea deuten – muss man nicht mehr teure Möbel kaufen, um an die begehrten Zeichnungen zu kommen.

Noch vollkommen unklar ist, mit was Ikea in Zukunft Geld verdienen will. Als nahezu ausgeschlossen gilt, dass dies allein mit Möbeln möglich sein wird. Die Ikea-Montageanleitungen haben den Kultstatus der Marke Ikea maßgeblich mitgeprägt. Von einer eher ungeliebten und gesetzlich geforderten Beigabe, wurde die Montageanleitung zum entscheidenden Alleinstellungsmerkmal der Marke Ikea – zu einem Produktbestandteil, der Ikea sehr wirksam von konkurrierenden Marken, wie beispielsweise Interlübke, Vitra, USM und Bulthaupt, abgrenzte.

Die Ikea-Montageanleitungen haben es sogar geschafft als „Ikea-Klausel“ Eingang in die Rechtsprechung zu finden. Der § 434 des Bürgerlichen Gesetzbuches enthält seit Januar 2002 folgende Formulierung: „Ein Sachmangel liegt bei einer zur Montage bestimmten Sache ferner vor, wenn die Montageanleitung mangelhaft ist, es sei denn, die Sache ist fehlerfrei montiert worden.“ Genau das ist die „Ikea-Klausel“.

Mit was will Ikea also in Zukunft Geld verdienen, wenn die Montageanleitungen frei im Internet verfügbar sind? Andere Unternehmen und Konzerne haben es bereits vorgemacht. Die Deutsche Bahn zum Beispiel, transportiert nur noch aus nostalgischen Gründen Menschen und Güter. Eigentlich betreibt sie, in gut frequentierten Lagen, Shopping Malls. Die Volkswagen AG ist in erster Linie eine Bank. Nur zum Schein werden noch Autos verkauft. McDonalds ist eine Promotionagentur für Filme und Events. Fastfood wird nur noch verkauft, um mit einem profitablen Franchise-Modell globale Promotionareas anbieten zu können.

Harald Schmidt, der gerade im Fernsehen fünfzig wurde, ist ein gutes Beispiel für Veränderungen des Geschäftsmodells. Als Schauspieler mit kleinen Rollen gestartet, war der erste Schritt zu großen Karriere, seine Mitarbeit im Düsseldorfer Kom(m)ödchen. Vom Schauspieler wurde er zum Kabarettist. Aber erst mit Comedy und Late-Night-Shows kam das große Geld. Was er heute macht, weiß niemand so ganz genau. ARD-Kollegen reden ihn mit „Mein Teuerster“ an.

Was SAP, der weltweit führende Hersteller von Unternehmenssoftware, in Zukunft machen wird, weiß man auch nicht ganz genau. Dass SAP ins Unterhaltungsgeschäft einsteigen will und mit Unternehmen wie Endemol oder der Walt Disney Company in Wettbewerb treten wird, ist unbestätigt. Obgleich das Beispiel aus GoogleVideo (siehe unten) hoffnungsvolle Ansätze in Richtung Comedy enthält. Wer weiß, vielleicht entwickelt SAP eine taugliche Version von globalem Denglisch 1.0 – und wir alle müssen Lizenzgebühren zahlen, weil wir so sprechen.


Das Foto stammt vom Autor des Beitrags und steht unter Creative Commons Licence





Die Kunst Knoblauch zu zerkleinern

23 08 2007

Kleine Details sorgen oft für den entscheidenden Unterschied. Dass Alfons Schuhbeck bei der Zubereitung seines Wiener Schnitzels zerbröseltes Weißbrot als Panade empfiehlt und dem Eigelb einen Löffel geschlagene Sahne zufügt, ist so ein wichtiges Detail. Und das hat eine bemerkenswerte Wirkung. Zukunftsforscher, Marketingverantwortliche und Architekten könnten sich da ein Vorbild nehmen.

Knoblauch, das ist eine sehr heikle Angelegenheit. Deshalb wird es weder in der Architektur, noch im Marketing, noch in der Zukunfts- forschung verwendet. Falsches zerkleinern von Knoblauchzehen kann am Ende das komplette Werk verderben. Wenn Architektur, Marketing und Zukunftsforschung am Ende oft ein geistloses Gebilde produzieren, liegt das jedenfalls nicht am Knoblauch. An der Frage des richtigen Zerkleinerns einer Knoblauchzehe scheiden sich die Geister. Es gibt prinzipiell drei Sorten von Menschen: Es gibt die Presser, die Quetscher und die Hacker (siehe auch die Große Leserumfrage: Sind Sie Hacker, Quetscher oder Presser?).

Einer der prominentesten Vertreter der Hacker ist der schon erwähnte Alfons Schuhbeck. Er steht mit dieser Haltung stellvertretend für all diejenigen, die für einen schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen plädieren. In der Aromafrage bezieht er eindeutig Stellung: Hacken schützt die natürlichen Aromen und bringt sie mit hohem Wirkungsgrad in die zu würzende Speise. Hacker sind häufig konservativ. Diese Grundorientierung verschmilzt mit Versatzstücken einer postmateriellen Einstellung die globalisierungs- und technikkritische Elemente enthält.

Ganz anders die Quetscher. Quetscher muss man nochmals unterteilen in Schälquetscher und Quetschschäler. Der Schälquetscher schält zuerst die Knoblauchzehe und quetscht dann. Beim Quetschschäler ist es umgekehrt. Quetscher jedweder Couleur vertreten ihre Technik des Zerkleinerns nicht offensiv in der Öffentlichkeit. Sie gelten eher als Pragmatiker unter den Knoblauchanwendern, denen Aromen wichtig sind, die aber die zeitsparende Variante des Quetschens, der zeitraubenden und gefährlicheren Alternative des Hackens vorziehen. Quetscher sind experimentierfreudige Hedonisten. Sicher sind auch einige Moderne Performer darunter.

Die Presser hingegen sind ganz eindeutig Konsum-Materialisten, denen Komfort und Status gleichermaßen wichtig sind. Deshalb schaffen sie sich für teures Geld Designer-Knoblauchpressen an, die jegliches Aroma killen und gleichzeitig noch schwer zu reinigen sind. Zu den prominenten Vertretern der Presser gehören wahrscheinlich Leute wie Dieter Bohlen, die – so unterstelle ich – eine große Sammlung von Designer-Knoblauchpressen ihr Eigen nennen.

Mein persönlicher Werdegang vollzog sich vom Hacker zum Quetscher. Ganz zu Anfang war für mich das Hacken die natürliche Form des Zerkleinerns von Knoblauch. Ganz ähnlich, wie in sogenannten primitiven Gesellschaften, gab es dazu keine Alternative. Vor vielen Jahren zeigte mir mein Freund Eckart, während eines Urlaubs in Spanien, dass man eine zuvor geschälte Knoblauchzehe anschließend zeitsparend mit einem Löffel und einer Prise Salz zu Knoblauchmus zerquetschen konnte. So wurde ich zum Schälquetscher. Vor zwei Jahren war mein Freund Bernd – ein Koch mit langjähriger internationalen Erfahrung – bei mir zu Gast. Ich sah wie er eine ungeschälte Knoblauchzehe aromaschonend und zeitsparend mit dem Rücken eines breiten Messers zerquetschte und dann ganz leicht die Schale ablösen konnte. Dieser Anschauungsunterricht machte mich zum Quetschschäler.

Dieses Thema hat nichts damit zu tun, dass es bei einer anderen Tätigkeit ebenfalls drei Kategorien von Menschen gibt, nämlich Falter, Knüller und Wickler. Die Stuttgarter Zeitung behauptet fälschlicherweise es gäbe nur Knüller oder Falter. Meine Feldforschung hat diese Simplifizierung inzwischen widerlegt. Dieses Thema hat jedoch wenig bis gar keine Bezüge zu Architektur, Marketing und Zukunftsforschung. Das hat eher Bedeutung für die Toilettenpapierforschung und schlägt erst anschließend beim Marketing auf. Bei den Architekten und Zukunftsforschern schlägt dabei gar nichts auf. Wer trotzdem etwas über Toilettenpapierforschung erfahren möchte, der lese über „Das große Geschäft“ Kurzweiliges in brand eins.

Damit dieser Beitrag wenigstens einen nützlichen Aspekt für den noch immer maßgebenden männlichen Teil der Architekten, Marketingverantwortlichen und Zukunftsforscher aufweist, zeige ich zum guten Ende ein Video. Man sieht hier sehr anschaulich, wie man einen Windsorknoten bindet. Diejenigen, die die Fliege bevorzugen – auch Krawattenschleife genannt – und die Krawattenmuffel ignoriere ich.

Übrigens: Die Begriffe Postmaterialist, Hedonist, Moderner Performer, Konsum-Materialist und Konservativer stammen aus den Sinus-Milieus, mit denen man sich eine „Basissegmentation von Gesellschaften auf der Grundlage von Wertorientierungen“ basteln kann.

Quellen: An die Sinus-Milieus erinnert hat mich dieser Beitrag von Lisa Neun.

Die Abbildung des Knoblauchs stammt aus Wiki Commons und steht unter Creative Commons Licence.





Thesen und Tatsachen III – Kronkorken oder Pfefferminztee

31 07 2007

Es gibt Aussagen, die schreien geradezu nach Zustimmung. Die dritte These des Projekts rethinking business ist so ein Fall. Im Detail ist dann aber doch etwas schwieriger.

These # 03
Nur offene Gesellschaften sind kreativ. Die Demokratie ist ein vergessener Standortfaktor.

Richtig! Man muß schon mal die Zähne zeigen, gegen die Putins, Kim Jong-ils, Mahmūd Ahmadī-Nežāds und die anderen Fundamentalisten, Despoten und Diktatoren in dieser Welt. Demokratie wollten wir nicht mißen, selbst wenn sie kein Standortfaktor wäre. Also warum nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden?

Diese Be- trachtungsweise ist zumindest originell. Standortfaktoren sind weich oder hart. Harte Standortfaktoren wie Steuern, Abgaben, Infrastruktur, Lohnkosten und viele andere mehr, stehen auf der Checkliste der internationalen Konzerne ganz oben, wenn es darum geht zu entscheiden: Verlagere ich meine Kronkorkenproduktion nach Usbekistan oder nach Indien? Die weichen Standortfaktoren wie Wirtschaftsklima, Bildungsangebot, Umweltqualität, Kulturangebot kommen ins Spiel, wenn statt der Kronkorkenproduktion, die Kronkorkenforschung ausgelagert werden soll. Und da ist Demokratie ein weiterer weicher Standortfaktor.

Für Kronkorkenforscher sind Demokratien viel angenehmer als Diktaturen oder fundamentalistische Regime. Sie können sich im Internet anschauen, was sie wollen, können nach der Arbeit einen Trinken gehen, sich mit anderen Kronkorkenforschern treffen und sich – falls nötig – gewerkschaftlich organisieren. Die Elite der Kronkorkenforschung könnte man kaum mit dem Angebot locken, “Leute kommt nach Machatschkala, wir machen hier ne große Sause.” Nach Fallingbostel kämen sie vielleicht schon.

Nehmen wir wieder das Beispiel iPod aus dem Beitrag zur ersten These. Für die Entscheidung, wo der iPod produziert und zusammengebaut wird, zählen die harten Standortfaktoren. Für die Entscheidung, wo er ersonnen und konzipiert wird, zählen die weichen. Deshalb ist vollkommen unklar, was Demokratie als Standortfaktor im globalen Wettbewerb wirklich bringt.

Sind offene Gesellschaften kreativ? Ich erinnere mich an meine Besuche in der zerfallenden DDR der späten 80er Jahre. Alle Menschen mit denen ich sprach, waren in höchstem Maße darauf trainiert, die Lücken im System in kreativer Weise auszunutzen. Es gab da inmitten der Mangelwirtschaft prachtvolle Datschen und wohlhabende Handwerker. Jeder einzelne hatte die Fähigkeit entwickelt mit den Unzulänglichkeiten des Systems zurechtzukommen. Allerdings: Wenn der Einzelne in einer Gesellschaft kreativ ist, heißt das noch lange nicht, dass die Gesellschaft kreativ ist. Schließlich ist die DDR untergegangen.

Aber ist die Bundesrepublik Deutschland des 21. Jahrhunderts eine kreative Gesellschaft? Ich fürchte die Antwort ist nein. Wir sind sicherlich eine Gesellschaft, die dem Individuum große Freiräume garantiert – eben eine Demokratie. Diese individuellen Freiheiten erzeugen eine gewisse Dynamik, die zu Innovationen führt – zu Innovationen in den klassischen Ingenieursdisziplinen, weil wir hier immer noch Weltmeister sind. Aber sind wir Vorreiter bei sozialen Innovationen und Vorbild in Bezug auf die Dynamik des politischen Systems? Die Antwort ist nein.

Als Ethnologe hüte ich mich die Reichweite meines kulturellen Horizonts auf die ganze Welt anzuwenden. Nehmen wir noch einmal den iPod als Beispiel. Warum wurde der iPod nicht in Marrakesh erfunden, in Damaskus, Islamabad, Tiflis oder Machatschkala? Weil das Produkt iPod nur in das kulturelle Muster einer marktwirtschaftlichen Ordnung passt, die der Freiheit des Individuums als Konsument einen hohen Wert beimißt. Das „i“ steht nicht nur für die Eitelkeit von Steve Jobs („I made it!“) sondern vor allem für das Personalpronomen in der ersten Person Singular: Ich.

Der iPod steht für meine persönliche Freiheit. Er steht für meine Freiheit überall und zu jeder Zeit meine Musik hören zu können, meine Bilder bei mir zu haben und meine Videos anschauen zu können. Den iPod gibt es, weil es eine technische Infrastruktur gibt, eine Zielgruppe im kaufkräftigen Teil der Welt, einen Businessplan, eine globale Lieferkette und ein kulturelles Muster, auf das er passt, wie der Kronkorken auf die Flasche.

Wo in Teehäuser Pfefferminztee getrunken wird, denkt man nicht an Kronkorken. Was nicht heißt, dass es dort weniger kreativ zugeht, als in Cupertino.


Das Foto stammt aus Wikipedia und steht unter Creative Commons Licence





Wortbesetzung statt Hausbesetzung

18 07 2007

Wie kommt man in die Medien? Dafür gibt es riskante Strategien – und weniger riskante. Man kann sich einen Bart wachsen lassen, und sich dann häufiger im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan herumtreiben. Bald ist man in den Medien. Garantiert. Als aktiver Geiselnehmer geht es natürlich schneller. Oder auch als erfolgreicher Brandstifter. Dagobert hat es als Erpresser zu einer nationalen Berühmtheit gebracht. Als einfacher Ladendieb hat man dagegen wenig Chancen. Vor einigen Jahren konnte man als Hausbesetzer noch eine gewisse lokale Berühmtheit erlangen. Heute empfiehlt sich Wortbesetzung.

Meine Agentur hat sich vor einigen Monaten dazu etwas einfallen lassen. Sie klebte an das, was sie macht, ein neues Etikett: Branded Publishing. Wir haben dabei auch ein wenig Wortdesign betrieben, weil wir Brand und Publishing zusmmengeschweißt haben. Design ist manchmal ein wenig banal. Trotzdem ist das ein sehr beliebter Trick bei uns Werbern, der allerdings nicht immer funktioniert. Hier hat es funktioniert. Google liefert bei der Suche nach Branded Publishing bei den ersten zehn Einträgen, sechsmal einen Bezug zu meiner Agentur. Das ist schon ein Erfolg.

Allerdings weiß ich nicht, wie oft nach diesem Begriff gesucht wird. Vielleicht muss ich da mal die Jungs aus unserer IT-Abteilung fragen. Genau da liegt der Hase im Pfeffer. Wenn man eine hohe Trefferquote hat, bei Begriffen die keiner sucht, dann gilt die schöne Formulierung von Friedrich K. Waechter: “Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein!”

Das Web 2.0 schafft es, zwei sich ausschließende Existenzweisen zusammenzubringen. Die des Nomaden und die des Seßhaften. Im World-Wide-Web gibt einerseits die seßhaften Nomaden, andererseits die nomadisiernden Seßhaften. Zwischen beiden Typen gibt es keinen bemerkenswerten Unterschied. Ich beispielsweise bin ständig auf der Suche, ohne mich zu bewegen. Ich bin hier, ich bin dort, aber nie bin ich fort. Ich sitze vor meinem Rechner und durchstreife die Weiten des bekannten Universums. Zwischendurch hänge ich die Wäsche auf.

Bei diesen Streifzügen bemerkte ich, dass bei der Suche nach Informationen zum Thema Projektwirtschaft eine mir bekannte Website in den Trefferlisten auftauchte. Warum ich nach diesem Begriff suchte, weiß ich nicht mehr. Als nomadisierender Seßhafter, oder auch als seßhafter Nomade, weiß man nicht immer so genau, was man sucht. Jedenfalls hatte es mein Freund Klaus Burmeister mit seiner Firma z-punkt in die Top-Ten der Google-Treffer zum Suchbegriff Projektwirtschaft geschafft.

Mit dem Begriff Projektwirtschaft ist bei z-punkt ein Projekt verknüpft, dass ich inhaltlich interessant finde. Gemeinsam mit der Forschungsabteilung der Deutschen Bank geht es um die Zukunft des Standorts Deutschland. Das Projekt heißt so, wie ein Projekt heute heißen muss: rethinking business – und hat, wie es sich gehört, einen Blog. Die 15 Thesen dieses Projekts seien hier mit dem Kürzel fyi zur Kenntnis gegeben. Man mag sie lesen, oder auch nicht. Ich finde die Thesen interessant, und werde sie bei passender Gelegenheit aufgreifen.

These # 01
Es gibt keine globale Wirtschaft. Regionen sind die ökonomischen Machtzentren und Erfolge erzielt man nur auf lokalen Märkten.

These # 02
Der freie Austausch von Wissen und Kreativität sind die Grundlagen des zukünftigen Wohlstands. Die Wirtschaft tut sich mit beidem schwer.

These # 03
Nur offene Gesellschaften sind kreativ. Die Demokratie ist ein vergessener Standortfaktor.

These # 04
Der ökonomische „Shift to Asia“ ist das Vorzeichen einer neuen Weltordnung. Europa braucht ein neues kulturelles Selbstverständnis und muss seine Rolle in der Welt neu definieren.

These # 05
Börsennotierte Unternehmen sind durch kurzfristige Kapitalinteressen blockiert. Der Mittelstand übernimmt eine Führungsposition bei der Sicherung langfristiger Zukunftschancen.

These # 06
Globale Unternehmen werden zu komplex und sind kaum mehr steuerbar. Sie müssen lernen, auf Selbstorganisation umzuschalten, Verantwortung zu delegieren, um dezentral handlungsfähig zu sein.

These # 07
Das hermetisch abgeschottete Unternehmen hat ausgedient. Wertschöpfungsnetze und Kooperationen werden zu Schlüsselfaktoren.

These # 08
Kern einer sich verändernden Wirtschaftsweise wird der projektwirtschaftliche Sektor sein, der von kreativen Wissensarbeitern und einem florierendem Unternehmertum getragen sein wird.

These # 09
Eine zukunftsfähige Gesellschaft benötigt Gestaltungsspielräume und einen erweiterten Innovationsbegriff, der in neuartigen Arenen die Interessen von Wissen, Wirtschaft, Staat und Gesellschaft austariert.

These # 10
Der Gegensatz von Ökonomie und Ökologie ist ein Relikt. Nur nachhaltige Zukunftsmärkte sichern das Überleben von Unternehmen und Gesellschaft.

These # 11
Das Paradigma der Informationsgesellschaft verblasst. Ein neues ist im Entstehen: Wir sind auf dem Weg zur „Bionic Society“.

These # 12
Die Eingriffstiefe konvergenter Technologien ermöglicht eine zweite Evolution. Das Menschenbild der Gesellschaften im Osten wie im Westen gerät hierzu in Konflikt. Gegen Fundamentalismus hilft nur ein neuer Wertekanon.

These # 13
Kunden werden zu anspruchsvollen Partnern. Vertrauen, Kommunikation und Interaktion bilden das Fundament eines neuen Social Commerce. Märkte sind Gespräche.

These # 14
Die Polarisierung der Gesellschaft spaltet und treibt die Suche nach einem neuen sozialen Konsens voran. Die neue Mitte ist der Akteur des Wandels.

These # 15
Innovation heißt Selbstreflexion und kultureller Wandel. Wir brauchen ein Gemeinwesen, das Innovationskultur lebt – und auch das Scheitern kultiviert.

Das war jetzt harter Tobak. Mit den 15 Thesen liefert z-punkt einen ersten “Aufschlag für die Debatte über die Zukunftsperspektiven des Wirtschaftsstandorts Deutschland in der globalisierten Welt und ein ‘Manifest in Progress’”.

Am Ende sei noch daran erinnert, dass “Wortbesetzung” keine Erfindung von uns “Werbefuzzies” ist. Wir haben von der Politik gelernt. Die Worte Demokratischer Sozialismus waren lange und eindeutig von der SPD besetzt. Von Ostberlin, der Hauptstadt der DDR sprach nur die SED. Von Westberlin war nur in der Bundesrepublik Deutschland die Rede. Die DDR wurde hier lange nur als Sowjetische Besatzungszone in den Medien benannt. Es ist ähnlich, wie mit Voldemort bei Harry Potter: Am Anfang steht oft der Mut, sich mit Worten anzulegen.

PS: Das mit dem “Kultivieren des Scheiters” in der 15. These kann ich gut gebrauchen, für meine längere Abhandlung zur Demutsforschung in Deutschland. Danke, lieber Klaus.





Norweger nörgeln nicht

15 07 2007

Norweger sind angenehme Zeitgenossen. Sie sehen aus wie x-beliebige Mitteleuropäer. Das hat eine fatale Konsequenz: Wir Deutschen sehen aus wie sie. Deshalb wird man überall mit einem herzlichen “Hey” begrüßt, und dann mit norwegischen Sätzen eingedeckt. Das ist sehr freundlich, dient aber nicht der problemlosen Verständigung.

Dabei sieht die geschriebene norwegische Sprache für Menschen deutscher Zunge recht vertraut aus. Übersieht man so seltsamen Vokale, wie das å, das œ und das ø, dann erschließen sich Worte wie “følgende” oder auch “fastlandforbindelse” relativ schnell. Auch der Hinweis: “Ferdig: desember 2007” sieht lustig aus, ist aber einfach zu verstehen (siehe Foto). Am Flughafen, der von Norwegern poetisch als “Lufthaven” bezeichnet wird, weist das Schild “Ankomst” problemlos den richtigen Weg. Sobald der Norweger allerdings spricht, versteht man kein Wort.

Vielleicht liegt es daran, dass die norwegische Sprache achtzehn Monophthonge und sieben Diphthonge kennt, das Deutsche aber nur fünfzehn Monophthonge und nur drei Diphthonge. Das wäre ja immerhin ein plausible Erklärung, für das seltsame Phänomen, dass man norwegische Texte einigermaßen lesen kann, aber die gesprochene Sprache trotzdem nicht versteht.

An dieser Stelle bedarf es einer kleinen Präzisierung. Wenn hier von Norwegern die Rede ist, dann handelt es sich streng genommen um die Bewohner der Lofoten. Diese werden in einem kleinen Buch über “Die Geschichte der Lofoten” Lofotinger genannt. Und hier im hohen Norden, so berichten einschlägige Nordlandkenner, ist man besonders freundlich und angenehm. Der Unterschied von normalen Norwegern zu Lofotingern ist ungefähr der, wie zwischen engstirnigenSchwaben und weltoffenen Kurpfälzern. In manchen Gegenden Schwabens muss man als Zugezogener mindesten über drei Generationen die Kehrwoche fehlerlos eingehalten haben, bis man einigermaßen als Einheimischer und Nachbar akzeptiert wird. Vorausgesetzt man ist Protestant. Die Kurpfälzer sehen das nicht so eng. Wenn überhaupt gefegt wird, dann diente dies traditionell eher der Kommunikation mit den Nachbarn. Die Gehwege werden dadurch nicht wesentlich sauberer.

Aber zurück zu den Sprach- und Verständnisproblemen von uns Mitteleuropäern in Norwegen. Dass nicht nur Monophthonge und Diphthonge für dieses Probleme verantwortlich sind, sondern eine grundlegende kulturelle Differenz behauptet werden kann, zeigt das folgende Beispiel einer komplett mißlungenen Kommunikation, die in Englisch geführt wurde.

Das englische to be in a hurry benutzt der Lofotinger in einer Art und Weise, die bei Mitteleuropäern sprachloses Erstaunen hervorruft. Dies mag geografische Gründe haben. Wir befanden uns schließlich auf den Lofoten, die bekanntlich ein erkleckliches Stückchen nördlich des Polarkreises liegen. Wir waren zu einem Zeitpunkt dort, an dem Sätze, wie “Komm laß uns fahren, damit wir vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sind”, nicht gesagt werden können. Die Sonne scheint – wie es so schön in einem alten Lied der Arbeiterbewegung heißt – “ohn’ Unterlaß”. Das dehnt die Zeitspanne, in der Dinge erledigt werden können, beträchtlich aus. Das scheint Wörtern wie “Eile” – oder dem Englische to be in a hurry – eine ganz andere Bedeutung zu geben.

Wir waren in dem schönen Ort Reine, etwa acht Kilometer nordlich von Å angekommen und saßen in der Gammelbua. Dies ist ein sehr vehement empfohlenes Restaurant mit Biergarten, wenn man den einschlägigen Reiseführern für Mitteleuropäer folgt. Erstaunlich schnell konnten wir unsere Bestellung für Kaltgetränke aufgeben. Es dauerte dann allerdings zwanzig Minuten bevor ein Mineralwasser und ein Bier vor uns standen. In der Zwischenzeit unterhielten uns andere Servicekräfte mit der Frage, ob wir etwas bestellen wollten. Wir verwiesen höflich auf den bereits ausgelösten Bestellvorgang. Als unsere Getränke geliefert wurden, fragten wir nach der Karte, da uns mittlerweile der Hunger zwickte. Nach weiteren zwanzig Minuten erschien unsere Servicekraft mit der Karte, sehr bemüht und beflissen mit dem Hinweis, dass nun nicht mehr die Mittagsgerichte geordert werden könnten, sondern die Abendkarte gelte. Wir konnten keinen Unterschied feststellen.

Gewarnt durch unsere bisherige Verweildauer, stellten wir die entscheidende Frage: “Geht das schnell, mit dem Essen?” Unsere Servicekraft antwortete darauf mit der Gegenfrage “Are you in a hurry?” Wir waren so perplex, dass wir nicht antworten konnten, sondern damit begannen unsere Situation grundsätzlich zu überdenken. In der Tat: Wir waren nicht in Eile. Wir waren etwas hungrig und nicht gewillt, weitere Minuten des Wartens mit Gesprächen zu füllen. Wir wollten, ohne große Eile, bald weiter, um das Ziel unseres Ausflugs zu erreichen.

Da wir, in tiefes Nachdenken versunken, keine schnelle Antwort auf die Frage fanden, wie wir mit der Gegenfrage der Servicekraft umgehen sollten, sagte die freundliche Servicekraft, sie wolle sich jetzt in der Küche erkundigen, ob es schnell ginge. Sprach’s und verschwand. In den letzten fünfzehn Minuten, die wir in der Gammelbua zubrachten, ward sie nicht mehr gesehen.

Norweger – insbesondere aber Lofotinger – haben offenbar eine ganz eigene Vorstellung davon, was wann zu erledigen ist. Das Zeitempfinden unter dem Einfluß der Mitternachtssonne – aber auch während der Polarnacht – scheint stark von unserem Zeitempfinden abzuweichen. Dies wäre ein sehr ergiebiges Forschungsthema für die Chronopsychologie. Statt die Augenbewegungen von Rhesusaffen zu erforschen, könnten die Chronopsychologen auch einfach mal in Nordnorwegen ein Bier bestellen.

Generell kann man sagen, dass der Norweger stark auf Eigeninitiative setzt. In der Kneipe muss man Getränke und Speisen an der Theke bestellen. Man zahlt sofort, nimmt sein Getränk mit und sollte auf die Lieferung der bestellten Speisen nicht ohne weiteres vertrauen. Reklamiert man nach einer halben Stunde, dann wird auch geliefert.

Mit dem Thema Service, gehen Norweger sehr entspannt um. Norweger nörgeln nicht. Umgekehrt bedeutet das für mitteleuropäische Reisende in diesem Land, dass man sich nicht großartig um sie kümmert. Hätten wir am letzten Tag unseres Aufenthalts nicht selbst den Weg zur Rezeption unseres Ferienhütten-Vermieters gefunden, wir hätten ohne zu bezahlen abreisen können.

Die Fotos stammen vom Autor des Beitrags und stehen unter Creative Commons Licence





Ungelöste Menschheitsfragen

14 07 2007

Heute befand ich mich auf Einkaufstour in der City und wollte bei einem Buchhändler “Das Lexikon des Unwissens” erstehen. Der Buchhändler schaute ins Verzeichnis lieferbarer Bücher und wußte: Das Buch ist für Juli angekündigt, aber noch nicht ausgeliefert. Damit wußte auch ich mehr.

Für alle Unwissenden: Autoren dieses Buches sind Aleks Scholz und Kathrin Passig. Beide bloggen in www.riesenmaschine.de und versuchen mit diesem Buch mannigfaltige Wissenslücken aufzureißen. Kathrin Passig ist außerdem Preisträgerin des Ingeborg Bachmann Preises 2006. Die Berliner Literaturkritik schreibt über das Buch: “Die Landkarte des menschlichen Wissens weise erstaunlich viele weiße Flecken auf. Selbst auf Gebieten, auf denen dies nicht vermutet würde, gäbe es eine Fülle ungeklärter Fragen.”

Schade nur, dass es noch nicht ausgeliefert ist und ich mich ein weiteres Wochenende mit einer ungelösten Menschheitsfrage herumschlagen muss. Nicht dass ich mir vom “Lexikon des Unwissens” eine restlose, oder auch nur ansatzweise Klärung meiner Frage erwarten würde. Nein, aber es würde mir helfen, wenn meine Frage dort aufgenommen ist, und folglich keiner nix genaues darüber weiß.

Meine Frage mag zunächst marginal, subjektiv, uninteressant und bedeutungslos klingen. Da man aber, so weit ich weiß, nichts darüber weiß, kann man die Bedeutung einer möglichen Antwort für die Menschheit auch nicht abschätzen. Ich frage mich spätestens seit mir die Bommelgeschäfte in Marrakesh auffielen, warum Araber zu kleine Halbschuhe kaufen und dann die Fersen heruntertreten? Wüßte jemand darauf eine Antwort, so könnten wir diese Geschichte, und vielleicht auch noch einige andere, abhaken.

Zaudert also nicht entsprechende Kommentare und Lösungsvorschläge dem Navigationssystem des fliegenden Teppichs kundzutun. Vermutlich steigert ein passender, bequemer Schuh das Wohlbefinden im Hier und Jetzt, und senkt die Sehnsucht nach dem Paradies und den dort wartenden Jungfrauen.

Weitere ungelöste Menschheitsfragen sollten ganz ungeniert als Kommentar den Piloten des fliegenden Teppichs mitgeteilt werden. Wir werden uns darum kümmern.

Das verwendete Foto stammt vom Autor des Beitrags und steht unter Creative Commons Licence