Die Gesichter von Buenos Aires

12 11 2007

„Die Geschichte von Buenos Aires steht im Telefonbuch der Stadt geschrieben: Pompeji Romanow, Emilio Rommel, Crespina D. Z. de Rose, Ladislao Radziwil und Elizabeta Marta Callman de Rothchild – fünf Namen, aufs Geradewohl unter dem Buchstaben R ausgewählt, erzählen eine Geschichte von Exil, Enttäuschung und Angst hinter Spitzengardinen.“ Dies schrieb Bruce Chatwin 1977 ganz am Anfang seines Buches In Patagonien. Und das ist die Wahrheit.

Diese europäischen Wurzeln sieht man auch heute noch, wenn man durch Buenos Aires flaniert. Was im Stadtbild fehlt sind die „Eingeborenen“, die Indios oder – politisch korrekt – die Indigenas. Die Einwanderung und die Landnahme hat in Argntinien von ihnen so gut wie nichts übrig gelassen.




Alle oben gezeigten Portraits entstanden bei einer vaterländischen Zermonie auf dem Friedhof Recoleta, deren Zeuge ich zufällig wurde. Geehrt wurden die Helden einer Schlacht, die vor vielen hundert Jahren, an der Grenze zu Boliven stattfand. Es wurden vaterländische Reden gehalten, ein katholische Priester mit streng gescheiteltem lichtem Haar weihte die Fahnen und ein Trompeter in Uniform blies in sehr korrekter Haltung eine melancholische kleine Melodie.

Wenn es etwas gibt, das die Argentinier von anderen Menschen auf diesem Planeten unterscheidet, dann ist es ihre Fähigkeit selbst profanen Dingen jede Menge Pathos zu verleihen. Die vaterländische Zeremonie auf dem Friedhof Recoleta endete mit dem Absingen der argentinischen Nationalhymne, die im Unterschied zur Deutschen sehr schwer zu singen ist. Vor Pathos triefen aber auch Texte, die beispielsweise die Geschichte einer Druckerei beschreiben, die ich hier in Buenos Aires besuchte. Dort heißt es: „Unsere Geschichte beginnt im Jahre 1987. Seit dieser Zeit sind wir mit Opferbereitschaft, starkem Willen, Anstrengung und Würde den Weg des Wachstums und der Selbstvervollkommnung gegangen.“ So klingt hier vieles, was offiziel gesagt oder geschrieben wird.

Die Kehrseite von Pathos und Vaterlandsliebe ist ein tiefes Mißtrauen gegenüber allen Institutionen. Dafür gibt es auch gute Gründe. Das führt schnell zu gewaltsamen Ausbrüchen, wie beispielsweise vor einigen Monaten geschehen. Der Bahnhof Retiro wurde damals von einer Menschenmenge verwüstet, weil ein Nahverkehrszug ohne Angabe von Gründen ausgefallen war. Heute saß ich in einem Café und sah im Fernsehen, wie demonstrierende Arbeiter sich mit Polizisten prügelten. Es war die Rede von zwölf Verletzten.

Die Photos stammen vom Autor des Beitrags und stehen unter Creative Commons Licence.





Die Toten von Buenos Aires

11 11 2007

Die Zahl der Toten übertrifft die Zahl der Lebenden um ein Vielfaches. Das ist uns meist nicht bewußt und auch ziemlich egal. Es läßt sich auch nicht ändern.

Der Großraum Buenos Aires ist mit rund 13,5 Millionen Lebenden nach Sao Paulo die zweitgrößte Stadt Lateinamerikas. Buenos Aires lebt – wie jede andere Stadt – auf ungezählten Toten. Aber: Hier sorgen die Lebenden gut für ihre Toten – und die Toten von Buenos Aires, sorgen so gut sie können, für die noch Lebenden.

Paris hat den Pere Lachaise und Wien den Zentralfriedhof, London den Highgate Cemetery und die USA haben Arlington. Buenos Aires aber hat gleich zwei berühmte Friedhöfe. La Chacarita und Recoleta. Der eine, La Chacarita, gilt als die nationale Begräbnisstätte Argentiniens. Hier sind alle Volkshelden begraben: Carlos Gardel selbstverständlich und natürlich auch Juan Perón. Ausserdem der Tangosänger Roberto Goyeneche, der Komponist Carlos Acuñader, der Flugpionier Jorge Newbery, der Boxer Óscar Bonavena und der Fußballer Adolfo Pedernera. Es gibt eine Ausnahme: Evita Perón – Don’t cry for me Argentina – die Volkstribunin par exellence, ist auf dem Friedhof von Recoleta begraben. Recoleta, das ist die vergleichsweise konservativere und vaterländischere Begräbnisform. Hier ruhen die Gründer und Bewahrer der Republica Argentina: Alvear, Sarmiento, Saavedra, Pellegrini, Mitre und Yrigoyen.

Evita Perón ist ein Mythos und als solcher wird die wirkliche Person von dem überlagert, was die mediale Wahrnehmung hinzufügte und noch immer hinzufügt. Selbst wenn in kommenden Zeiten die meisten glauben werden, sie habe ausgesehen wie Madonna, ändert das nichts daran, dass sich in Evita Perón Hoffnung und Schicksal in einer Weise verbinden, wie es so kitschig und wahr nur in Argentinien geschehen konnte. Evita und Peròn, das ist Tango als Politik. Einerseits eine Farce, andererseits eine Tragödie. Evita Duarte, die spätere Perón, stammte aus der argentinischen Unterschicht, verdiente sich ihren Lebensunterhalt im Rotlichmilieu, heiratet den Emporkömling Juan Domingo Perón Sosa, der eine militärische Karriere machte, wurde Präsidentengattin und Volkstribunin und starb mit 33 Jahren an Gebärmutterkrebs.

Die kundigen Führer durch den Friedhof von Recoleta können lange Geschichten über Evita erzählen. In einer Tiefe von fünf Metern ruhe ihr einbalsamierter Körper in der Familiengruft der Duartes. Um ihn zu konservieren, sei eigens ein Spezialist aus Europa eingeflogen worden. Ihre Haut sei so glatt wie Marmor und ihr Körper sei vollkommen erhalten, inklusive der inneren Organe. Man könne sogar die Geschwulst sehen, die ihr das Leben gekostet habe.

Die beiden Friedhöfe La Chacarita und Recoleta sind ein warmer und dauerhafter Regen für den Tourismus und für den Arbeitsmarkt von Buenos Aires. Beide Friedhöfe sind eine Touristenattraktion und eine krisenfeste Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für kundige Führer, aber auch für Handweker und Reinigungspersonal.

Mausoleen müssen gewischt und gewienert werden. Was in Gruften passiert ist viel weniger bekannt, da es sich im wesentlichen unterirdisch und im Verborgenen abspielt. Bisher war ich der Meinung, dass da wo der Tod zugeschlagen hat, nicht mehr viel zu tun übrig bleibt. Da ist Tabula rasa und nicht mehr viel zu holen. Natürlich sind auch in Deutschland Begräbnisse ein gutes Geschäft. Bei der Grabpflege wird ab und an ein wenig geharkt und mal ein neues Lorbeerbäumchen gepflanzt. Aber sonst überläßt man die Toten sich und ihresgleichen. Kürzlich gab es zum Geschäft mit Begräbnissen einen interessanten Artikel in brand eins: Aufschwung durch Ableben. Aber die deutsche Sepulkralkultur – also das, was kulturell an den Umgang mit dem Tod gekoppelt ist – hat in dieser Hinsich viel weniger Potenzial als der argentinische Way of Death.

Wenn ich es richtig beobachtet habe, dann wird nicht nur gewischt, geputzt und gewienert, es wird auch gelüftet. Selbst den in der Holzklasse Begrabenen öffnet man kurz das Türchen und läßt die schlechten Winde in die Buenos Aires entweichen.

Zwischen Lebenden und Toten scheinen die Geschäfte gut zu laufen. Die Toten haben oft den Gundstein für beträchtliche Vermögen gelegt. Auf den Friedhöfen La Chacarita und Recoleta haben sich Dynastien ihre Denkmäler gesetzt. Dynastien, die in der Geschichte Argentiniens nicht nur große Vermögen, sondern auch Macht angehäuft haben. Die Pflege lassen sich die Erben etwas kosten. Sie pflegen ihren Status und das Andenken an diejenigen, denen sie ihren Wohlstand verdanken.

Heute erschien in Clarin, der führenden Tageszeitung Argentiniens, auf den Seiten 56 und 57 ein Artikel über die zunehmende Verwahrlosung des Friedhofs Recoleta. Auch das ist ein Teil der Wahrheit. In den ersten sechs Monaten des Jahres 2007 gab es hier nur 127 Beisetzungen. Zum Vergleich: La Chacarita hatte 6711 Begräbnisse. La Chacarita ist damit Marktführerin in Buenos Aires. In La Chacarita gibt es 8925 Mausoleen. In Recoleta 4691. Davon sind 94 Bauwerke als historisch bedeutend klassifiziert und werden vom Staat unterhalten. Die Leute wollen aber heute, so endet der Artikel in Clarin, weniger aufwendige Begräbnisformen. Und deshalb wird die Erhaltung des Friedhofs der Helden der Nation in Zukunft ein öffentliche Aufgabe sein. Man sieht, auch Friedhöfe können sterben.

Die Fotos stammten vom Autor des Beitrags und stehen unter Creative Commons Licence.

Interessante Links: Größte Agglomerationen der Welt





Produktvergreisung

25 09 2007

Wenn ich schon mal da bin, dachte ich mir, bleib ich noch ein Weilchen. „Ya que estas ahi!“, wie meine halbargentinische Exfrau häufig zu sagen pflegte. Was auf Deutsch soviel heißt wie, „Wenn Du schon mal da bist, kannst Du auch abtrocknen!“ Vor einigen Tagen ging es um Demut und Manufactum. Heute geht es um Manufactum, Apple und Demut.

Der folgender Text aus dem neusten Manufactum Katalog bleibt ohne einen bildhaften Hinweis durchaus rätselhaft: „Wer mit größeren Katastrophen – chipfressenden Kugelblitzen, einem auszufüllenden Formular oder kalifornischen Energieversorgungszu- ständen – rechnet, dem wird der Besitz dieses informa- tionsverarbeitenden Geräts eine herzerwärmende Beruhigung sein. (…) Werkzeuge wirken nicht nur auf das Werkstück ein, sondern auch auf den Handwerker und dessen Kunst.“

Die Frage ist, worum handelt es sich. Ist es der „GÄNSEKIEL GESTUTZT“, von bayrischen Gänsen stammend und in heißem Quarzsand „gehornt“ für nur 4,90 Euro (Antwort A)? Oder ist es die „MECHANISCHE SCHREIBMASCHINE OLYMPIA SG 3N“ für immerhin 550,- Euro (Antwort B)? Oder handelt es sich dabei um das „MANUFACTUM ATOMA NOTITZBUCH- UND METHODIKSYSTEM“ mit einem Preis, der sich modular in die Höhe schraubt (Antwort C)?

Unter den richtigen Einsendungen verlose ich einen MANUFACTUM BROTTOPF EMAILLIERT mit leichten Gebrauchsspuren. Antworten erbitte ich über die Kommentarfunktion – möglichst mit identifizierbaren Absenderangaben – oder per Mail. Der Rechtsweg ist natürlich vollständig und gnadenlos ausgeschlossen.

Aber machen wir zum Thema Manufactum ruhig ein Fass auf, von dem ich nicht weiß, ob es sich in diesem Text rund und schlüssig wieder schließen lässt. Da es nicht die Büchse der Pandora ist, müssen wir uns darum auch nicht sorgen. „Produktvergreisung“, so bezeichnete Wolfgang Fritz Haug 1971 in seiner „Kritik der Warenästhetik“ jene Form der Zeitbeschleunigung, in der Produkte viel schneller Älter wurden als die Menschen, die sie benutzen. Inzwischen ist dies keine marginale Erscheinung mehr sondern eine alltägliche Erfahrung all jener, die vor der Frage stehen, wie weiter konsumieren? „Produktvergreisung“ betrifft nicht mehr nur geringwertige Produkte mit einem modisch-trendigen Äußeren. Zunehmend vergreisen auch Produkte im Zeitraffer, für die man ein paar hundert Euro hinlegen muss.

In jenen fernen Zeiten, in denen ich Kind war, waren Schränke, Möbel und andere Gebrauchsgegenstände noch so haltbar konstruiert und verarbeitet, dass sie ein ganzes Menschenleben hielten. Die besten Stücke wurden auch gerne vererbt. Das Sofa im Wohnzimmer meiner Großmutter stammte noch von ihren Eltern und war der bevorzugte Platz von drei Generationen für den Mittagsschlaf. Mein Patenonkel schenkte mir zur Kommunion eine Armbanduhr. Schon Wochen vorher war ich aufgeregt, da ich ein Geschenk von erheblichem Wert erwartete, das mir die Pforte zum Erwachsenwerden aufstoßen würde. Für die Uhr musste mein Patenonkel richtig sparen. Auf dem Zifferblatt stand in dezenter Schrift „17 Saphire“. Mit einer solchen Armbanduhr war man Jemand.

Ich trug sie ungefähr fünfzehn Jahre lang täglich an meinem linken Arm. Ihr unrühmliches Ende musste mein Patenonkel Gott sei Dank nicht miterleben. In einer Lebensphase, in der ich ziemlich viel dadaistischen Unsinn trieb, nagelte ich sie in einer kleinen privaten Performance in einer Zimmerecke, hoch oben unter der Decke, an die Wand. Dies war als klares Statement gegen den Terror der Zeitmessung gedacht und sollte mich unabhängig vom unaufhaltsamen Vorrücken des Sekundenzeigers machen, der Lebenszeit als ruckhaftes Voranschreiten darstellte, anstatt als fließendes Kontinuum. Dort oben an der Wand blieb die Uhr auch hängen, als ich auszog. Ich habe sie niemals wieder gesehen.

Seit etwa zehn Jahren trage ich wieder eine Armbanduhr. Es ist ein Fliegerchronometer mit Handaufzug und hat – wen wundert es – siebzehn Steine. Von einer kleinen Firma im Schwarzwald wird er in überschaubaren Stückzahlen hergestellt. Der Sekundenzeiger rückt in kaum sichtbaren kleinen Schritten voran. Vergesse ich die Uhr anzulegen, fehlt mir etwas.

Mein iPod hingegen ist ein High-Tech Produkt und kommt direkt aus China. Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich mir die Version mit 60 Gigabyte Festplatte gegönnt und rund 250 Euro dafür hingelegt. Die 6o Gigabyte-Variante gibt es nicht mehr. Die vergleichbaren Geräte mit 80 oder 160 Gigabyte Festplatte nennen sich heute beschönigend „Classic“. Im Vergleich zum neuen iPod touch sehen sie richtig alt aus.

Apple ist die Computerfirma, deren Innovationszyklen demnächst im Nanosekundenbereich liegen werden. Kauft man ein Apple-Produkt, kann man sicher sein, sich gleich anschließend darüber zu ärgern, nicht noch ein paar Sekunden gewartet zu haben. Das vergällt einem auf Dauer jegliche Konsumeuphorie. Wie toll hingegen ist mein Fernsehgerät der Marke Philips aus dem Jahr 1993. In Bezug auf Zuverlässigkeit, Benutzerfreundlichkeit und Bildqualität schlägt er noch jeden Liquid Crystal Display Firlefanz inklusive Ambilight.

Ganz anders bei den Produkten mit dem angebissenen Apfel. Wofür steht dieses Symbol? Genau: Für den Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies. Statt unsterblich zu sein, driftet der Mensch seitdem unaufhaltsam in Richtung Verfall und Tod. Wer vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, wird vielleicht schlau aber nicht glücklich. Apples angebissener Apfel ist ein klassisches Vanitas-Motiv. Vanitas bezeichnet die christlich-jüdische Vorstellung von der Vergänglichkeit alles Irdischen. In der Kunst der Renaissance findet dieser Konflikt zwischen Demut und Selbstbewusstsein in zahlreichen Kunstwerken Ausdruck. Apples angebissener Apfel sagt uns klar und deutlich: „Nicht nur Du bist sterblich, sondern das Gerät, das vor Dir steht, wird schnell eitler Tand sein. Du wirst es sehen, kaum ist eine Sekunde vorüber, schon gibt es die nächste Generation noch tollerer Geräte und das, auf das du jetzt noch stolz bist, ist hinfällig und ein Entsorgungsfall.“

Eines ist sicher: Mit dem Gänsekiel von Manufactum, in heißem Quarzsand „gehornt“, wird das nicht passieren.

Die Abbildung am Beginn des Artikels zeigt eine Metallschere aus dem Lexikon der gesamten Technik (1904) von Otto Lueger und steht unter Creative Commons Licence.

Die zweite Abbildung zeigt den Sündenfall von Michelangelo und steht unter Creative Commons Licence.





Rosinen im Kopf

30 08 2007

Seit der Geschichte über Rosinen in Käsekuchen – nachzulesen unter dem Titel „Verpönte Kulturtechniken – das Barren“ – gehen mir die Rosinen nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe mir extra zwei Bücher von Douglas Adams gekauft, weil ich dachte, da war doch was. Bisher hab ich jedoch kein kleines, rosiniges Etwas darin gefunden.

Das Erstaunliche an der menschlichen Existenz ist ja, dass man beispielsweise seinen Reisepass sucht und stattdessen Kekse findet, die in dieser Schublade absolut nichts verloren haben. Oder man sucht Tankquittungen und findet den Lieblingssocken, von dem man dachte, die Waschmaschine habe ihn gefressen und der das Lieblingsockenpaar wieder vollständig macht. Genauso erstaunlich ist es, dass Reisepässe oder Tankquittungen meist rechtzeitig wieder auftauchen. Oft dann, wenn man Kekse oder Socken sucht. Leider ist diese Strategie des Findens kein Patentrezept. Denn manchmal findet man, wenn man Kekse sucht tatsächlich Kekse statt Reisepässe – oder man findet Socken. Kein Wunder, dass daraus Religionen entstehen können.

Die beiden Bücher von Douglas Adams habe ich in der Hoffnung gelesen, etwas über Rosinen herauszufinden. Ich war mir absolut sicher, dass Douglas Adams irgendetwas Universelles über Rosinen geschrieben hat. Schließlich stammt aus seiner Feder The Hichhiker’s Guide to the Galaxy. Aber Fehlanzeige! Kein einziges Wort über Rosinen. Stattdessen schreibt er über viele andere Sachen. Er schreibt über holistische Privatdetektive, über Lizards und Blizzards, über Amerikaner, Kanadier und Australier – und über kleine Bammeldinger. Doch davon ein wenig später. Erstaunlicherweise findet man bei ihm auch eine Aufstellung von Unternehmen, die mit ganz anderen Dingen Geld verdienen, als man gemeinhin erwarten könnte.

Eine kleine Liste dazu haben wir ja schon: Ikea produziert Montageanleitungen, VW ist eine Bank, die Deutsche Bahn vermietet Immobilien, Google produziert den Klimawandel und Ryanair verfrachtet Übergepäck. Mit der Hilfe von Douglas Adams kann diese Liste jetzt ergänzen werden:

„Viele Leute machen ganz und gar nicht das, was man von ihnen denkt. Xerox zum Beispiel, macht sein Geld mit dem Verkauf von Tonerpatronen. Ihr ganzes Herumgepfusche an der Entwicklung von High-Tech-Kopier- und Druckgeräten ist nur dazu da, um einen Markt an Tonerpatronen zu schaffen, auf dem sie ihre Profite machen.“ HP, möchte man dazwischenrufen, auch! „Fernsehanstalten machen ihr Geschäft nicht damit, dass sie ihre Zuschauer mit Fernsehprogrammen versorgen, sondern damit, dass sie ihre Werbekunden mit Zuschauern versorgen.“ Und so, wie Xerox eigentlich Tonerkartuschen verkauft, kann man vermuten, dass „Sony eigentlich nichts anderes tut, als kleine Bammeldinger-Netzteile zu produzieren.“

„Die kleinen Bammeldinger“, von denen Douglas Adams spricht, „sind die externen Stromadapter, die von Laptops und Palmtops, von externen Laufwerken und Kassettenrecordern, von Anrufbeantwortern, Aktivlautsprechern und anderen unglaublich notwendigen Dingsbumsen benötigt werden“. Auch ich habe eine ganze Kiste davon. Es sind die traurigen Überreste von Geräten, an die ich mich kaum noch erinnern kann. Eine Bodenlosigkeit, in der Kekse, Socken und Reisepässe auf Jahre unauffindbar verschwinden könnten. Gerade habe ich die Kiste nach Rosinen durchsucht, aber auch da habe ich keine gefunden. Auch keine Reisepässe und keine Kekse.

Trotzdem ist die Rosine kulturhistorisch nicht unbedeutend. Wer kennt schon den Unterschied zwischen Sultaninen, Zibeben und Korinthen? Auch wenn ich mich in die Gefahr begebe als Korinthenkacker zu gelten: Selbst in den Naturwissenschaften mischt die Rosine kräftig mit. Zum Beispiel in der Stochastik und bei dem Thema: Über die Poisson-Verteilung oder die Kunst Rosinenbrötchen zu backen. Die Rosine spielte auch eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Universums. Damit hat sie viel mehr erlebt, als der Porphyr.

Das ist aber kein Grund sie in jeden Teig einzubacken. Der Blog der Kaltmammsel, Abteilung Vorspeisenplatte, birgt beispielsweise ein ganz außergewöhnliches Rezept für einen „Käsekuchen nach New Yorker Art„. Der kommt ganz kosmopolitisch ohne Rosinen daher. Allerdings sollte man wissen, dass Sauerrahm in unserem bundesrepublikanischem Sprachraum als Saure Sahne übersetzt werden sollte. Süße Sahne könnte den ganzen Käsekuchen mit einem Schlag zunichte machen und nichts bliebe übrig von der New Yorker Art.

Dieser Artikel ist ein Update zu „Mit Übergepäck durchs Internet„.

Quellen: Die Zitate von Douglas Adams stammen aus „Lachs im Zweifel“.

Das Foto stammt aus Wikipedia und steht unter Creative Commons Licence.





Eine Schnitte und ein Buchstabe

6 08 2007

Es gibt sie noch. Seit 74 Jahren steht sie in den Regalen der Lebensmittelläden. Ihre Verpackung wurde, seit mindestens zwanzig Jahren, kaum verändert. In den Vereingten Staaten von Amerika ist sie der Renner. Man ißt sie dort auf gebuttertem Brot, gebacken oder gegrillt, bis sie mit der Butter verschmilzt. Gäbe es sie nicht mehr im Laden, man könnte sie, zum doppelten Preis, bei Manufaktum bestellen.

Es geht um die Eszet Schnitte. Ein tapferer kleiner Brotbelag aus dem Vor-Nutella-Zeitalter. Kein Scheinnougatderivat mit der Konsistenz von Gips, sondern massive, ehrliche Schokolade, in Form von dünnen Täfelchen. Wie gemacht für ein Brötchen mit Butter.

In meiner Kindheit gab es nur ganz ausnahmsweise mal ein Brötchen mit dick Butter und Eszet-Schnitte. Ich hätte das gerne öfter gehabt. Als süßen Brotaufstrich. Stattdessen gab es dick Butter und eine der selbsteingekochten Marmeladen der zahlreichen Schwestern meiner Mutter. Gerne Brombeer, auch mal Himbeer oder Erdbeer und meist Mirabelle oder Pfirsich. Die Schwestern meiner Mutter lebten alle in einem Weinanbaugebiet und dort ist der Pfirsich, aber auch die Mirabelle, in Gärten leicht zu haben. Wahrscheinlich stehen noch immer einige ungeöffnete Gläser Mirabellenmarmelade im Keller meiner Mutter.

Beliebt war bei uns zu Hause auch die Zuckerschmer. Schmer steht für Fett und Schmalz. Hier steht es für dick Butter auf Brot mit Zucker. Wichtig war meiner Mutter die gute Butter. Es gab sie nur mit dem Attribut „gut“. Margarine hatte bei uns keine Chance. Bei dem, was auf die gute Butter kam, wurde allerdings gespart. Deshalb hatte ich nur selten eine Chance auf Eszet Schnitten. Es gab ja die selbsteingekochte Marmelade oder Zucker.

Das sich bald etablierende Nutella-Zeitalter ging komplett an mir vorüber. Ich hatte meine Nahrungsgewohnheiten schon auf salzig umgestellt, als Ferrero anfing den Markt der selbsteingekochten Marmeladen und Zuckerschmeren aufzurollen. Meiner Mutter bin ich bis heute dankbar, dass sie mich vor der verlogenen Welt einer Claudia Bertani (Kirschenverkosterin bei Ferrero) und vor dem tristen Snobismus von Raffaello gerettet hat. Trotzdem: Die eine oder andere Eszet Schnitte mehr hätte es schon sein können.

Nach allem, was man über Marketing und Werbung zu wissen glaubt: Es ist ein Wunder, dass die Eszet Schnitte bis heute überlebt hat. Diese Robustheit ist vielleicht dem geschuldet, was eine Marke im Kern ausmachen sollte: Qualität.

Für besondere Qualitäten steht auch ein kleiner Buchstabe. Als Großen gibt es ihn nicht. Es ist das Eszett. Das Eszett ist weder verwandt noch verschwägert mit der Eszet Schnitte. Die Eszet Schnitte hat ihren Namen von dem Unternehmen, das sie erfunden hat: Die Anfangsbuchstaben von Staengel & Ziller. Das Eszett hat auch Erfinder, aber deren Namen sind unbekannt.

In früheren Zeiten wurden Buchstaben noch geschnitten – auch eine kleine Gemeinsamkeit mit der schokoladigen Schnitte – und dann in Blei gegossen. Buchstaben waren Schwergewichte, wie Schokolade. Heute sind sie eine kleine Datei, die eine mathematische Beschreibung aller Buchstaben eines Alphabets enthält. Die Datei wiegt nichts. Man könnte sie essen ohne zuzunehmen. Buchstaben kann man im Internet bestellen und man bekommt sie auch übers Internet geliefert. Kein Postbote muß sich mehr mit Buchstaben abschleppen – es sei denn sie sind auf Papier gedruckt.

Das deutsche Alphabet war früher ein wenig schwerer als das Alphabet der Schweizer. Heute – als digitalisierte Schrift – wiegen beide Alphabete nichts mehr. Die deutsche Schriftsprache hat trotzdem noch etwas ganz spezielles. Es unterscheidet sie von allen anderen Schriftsytemen auf dieser Welt: das Eszett. Unser kleines Eszett ist das Kriterium, das den Unterschied macht. Im Vergleich zur Schweiz, ist des Eszett dafür verantwortlich, dass wir wenigstens einmal nachweisbar reicher sind, als die Schweizer. Die Schweizer können nicht unterscheiden zwischen den Bussen und der Buße. Die Busse fahren bei uns auf Straßen, in der Schweiz tut man Busse auf Strassen. In der Schweiz macht es oft die Masse, aber welche Maße da zugrundegelegt werden, ist unklar. In der Schweiz sind es die Masse.

Zugegeben – die Entscheidung, wann ein Eszett steht, wann ein Doppel-S und wann ein einfaches „s“ ist manchmal schwierig und nicht immer logisch. Die Unlogik ändert sich auch mit der Rechtschreibreform nicht. In einem Aufsatz zum Eszett schreibt Dieter E. Zimmer “Wir reformieren doch nicht die Inkonsequenz weg.” Dieter E. Zimmer mag das Eszett nicht und er findet es hässlich. Vor der Rechtschreibreform hätte er es häßlich finden müßen.

Ich hingegen finde das Eszett ausgesprochen hübsch. Für sich genommen mag es – wie ich finde – schon eine Schönheit sein. Ein Zeichen, das aus zwei Zeichen entstanden ist – also, wie man in der Sprache der Typographen sagt, eine Ligatur. Ein Zeichen, das beim Nachdenken über die korrekte Schreibweise etwas Mühe macht, aber beim Schreiben selbst Mühe erspart: Buy One Get Two. Darüber hinaus ein Zeichen, mit dem Status eines Buchstabens, das selbst kein Buchstabe ist, sondern ein Dehnungszeichen für den Laut davor. Das Eszett ist also in jeder Hinsicht etwas ganz besonderes.

Seine ganze Schönheit entfaltet sich aber erst im Zusammenspiel mit anderen Buchstaben. Das Eszett und das “f” sind die einzigen Kleinbuchstaben, die in der handschriftlichen Ausführung von Schrift (mittlerweile relativ unüblich), in der Kalligraphie und im kursiven Schriftschnitt die größtmögliche vertikale Ausdehnung einer Schrift ausnutzten. Die kleinen Buchstaben „f“ und „ß“ haben eine Oberlänge und eine Unterlänge. Damit schwingen Sie in der größten Amplitude, die das typografische Liniensystem einem Buchstaben zugestehen kann. Nur das große “J” und das große “Q” können da noch mithalten.

Mit diesem Ausschlag von ganz unten, nach ganz oben, setzt das Eszett Akzente und erzeugt Aufmerksamkeit und Rhythmik im langen eintönigen Fluß der Buchstaben. Es erzeugt, wie die Synkope im Art-Rock, oder die Clave in der lateinamerikanischen und afrikanischen Musik, eine komplexe Rhythmik.

Das Eszett ist nicht nur ein Zeichen, das man nach logischen Gesichspunkten gut oder schlecht finden kann. Darüberhinaus hat es eine ästhetische Qualität, ist Ausdruck unserer regionalen Schriftgeschichte und es sorgt dafür, dass handschriftliche und kursiv gedruckte Texte eine dynamische Qualität bekommen, die in anderen lateinischen Schriftsystemen in dieser Form nicht vorkommen. Wie die Eszet Schnitte ist das Eszett der pure Luxus, und außerdem kurios und einzigartig.

Am Ende gibt es zwei gute Nachrichten: Die Eszet Schnitte hat sich behauptet, indem sie sich treu geblieben ist. Vielleicht haben die karriereorientierten Produktmanger sie auch in den ganzen Jahre nicht beachtet. Heute könnte sie das Potenzial zu einer Kultmarke haben. Mein Appell: Mütter und Väter in Mutterschaft, kauft euren Kindern Eszet-Schnitten.

Der Buchstabe Eszett wird auch die Rechtschreibreform überstehen und – wie im April diesen Jahres in Focus und TypoWiki berichtet wurde: Ein Großbuchstabe des Eszett (das Versal-Eszett) ist in Arbeit. Damit verschwinden einige Kuriositäten aus unserem STRAßENBILD und unseren Drucksachen. Auch das kann man bedauern.

Weitere Quellen:
- Die Eszett-Seite
- Terradigitalis.net über die Eszet Schnitte


Das Foto stammt vom Autor des Beitrags und steht unter Creative Commons Licence





“Guanchen” in Straßenbahnen

20 05 2007

“Guanchen“ begegnen einem auf Schritt und Tritt – vorausgesetzt man befindet sich auf den kanarischen Inseln. Bewegt man sich im kontinentalen Teil Europas, dann sind “Guanchen” weitgehend unbekannt. Als Nutzer des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) ist mir noch nie einer in der Straßenbahn begegnet. Anders als beispielsweise Türken, Albaner, Serben, Kroaten, Usbeken, Ukrainer, Georgier, Russen und Weißrussen. Es scheint, als spiele der “Guanche“ für die europäische Integration überhaupt keine Rolle. Wenn wir uns da nur nicht täuschen.

Straßenbahnen sind ein ganz eigenes Biotop. Nicht nur, weil man beim Anblick der Sitzbezüge unweigerlich an grellbunte Bakterienkulturen in Petrischalen denkt und sich wünscht, man hätte Latexunterwäsche an. Auch deshalb, weil sich dort die sogenannten Parallelgesellschaften von A nach B bewegen lassen. Als Leasingnehmer eines Wagens der gehobenen Mittelklasse hat man davon natürlich keine Ahnung. Als solcher bewegt man sich klimatisch konditioniert, satellitengestützt, mit Surroundsound und in selbstverschmutzten Sitzen. Aber in Straßenbahnen, da sieht die Welt ganz anders aus.

Die Parallelgesellschaften in Straßenbahnen – dieser Deutung will ich vorbeugen – bestehen nicht einfach nur aus Türken, Albanern, Serben, Kroaten, Usbeken, Ukrainern, Georgiern, Russen und Weißrussen. Sie bestehen aus weiblichen und/oder alten Türken, Albanern, Serben, Kroaten, Usbeken, Ukrainern, Georgiern, Russen und Weißrussen. Junge männliche Türken, Albaner, Serben, Kroaten, Usbeken, Ukrainer, Georgier, Russen und Weißrussen fahren meist dicke BMWs und hören Musik, die beim Eurovision Songkontest eine reele Siegchance hätte, die aber die deutschen Leasingnehmer eines Wagens der gehobenen Mittelklasse niemals hören würden. Die Parallelgesellschaften der weiblichen und/oder alten Türken, Albaner, Serben, Kroaten, Usbeken, Ukrainern, Georgiern, Russen und Weißrussen in Straßenbahnen wird komplettiert von älteren Deutschen, die in der Mehrzahl weiblich sind. Zu den, in der Straßenbahn beobachtbaren Parallelgesellschaften, gehören also neben weiblichen und/oder alten Türken, Albanern, Serben, Kroaten, Usbeken, Ukrainern, Georgiern, Russen und Weißrussen auch unsere älteren deutschen Mitbürgerinnen. Wie die da reingeraten sind, das ist eine ganz andere Geschichte. “Guanchen” jedenfalls sind keine Parallelgesellschaft – weder in Straßenbahen noch sonstwo.

Die “Guanchen” sind die Ureinwohner der Kanaren. Sie waren groß, blond, blauäugig aber dunkelhäutig. Sie lebten in Erdhöhlen, kleideten sich in Felle, kannten weder Rad, Pflug noch Boote, ernährten sich von geröstetem Getreide und hauten 1495 in der Schlacht von La Matanza den spanischen Eroberern kräftig auf die Nüsse. Ein Jahr später machten die Spanier Tabula Rasa und die Guanchen waren Weg vom Fenster. Die Bewohner der Kanaren finden das nach wie vor nicht richtig und hängen an ihren Ureinwohnern. Dabei heißen die meisten Bewohner der Kanaren mittlerweile Sanchez, Ruiz, Gimenez oder Blanes. Genaugenommen ist von den “Guanchen” kaum was übrig geblieben – außer der Verehrung, die ihnen auf den Inseln auf Schritt und Tritt zuteil wird. Die “Guanchen” sind auf den Kanaren sehr überbewertet. Im Rest von Europa sollte man die “Guanchen” trotzdem auf der Agenda haben. Ihre Art sich fortzubewegen war beispielsweise etwas ganz Besonderes.

Die “Guanchen” hatten ihre eigene Methode von A nach B zu gelangen. Bis 1495 benötigten sie dafür keine Straßenbahnen. Sie benutzten lange Stöcke und sprangen in der Art von Stabhochspringern von Hang zu Hang. Um sich dieses mühselige Geschäft etwas zu erleichtern, erfanden sie eine eigene Silbensprache, die aus Pfiffen bestand. Diese Sprache existiert heute noch und heißt “El Silbo”. Bevor der “Guanche” also von Hang zu Hang sprang, versuchte er erstmal seinem Gegenüber auf der anderen Talseite durch Pfiffe beizubringen, was Sache war. Klappte das nicht, oder war ein Schaf weggelaufen, dann kam der Stab zum Einsatz.

Ich war in den späten 90er-Jahren zum ersten Mal auf den Kanaren. Auf Gomera, im Valle Gran Rey, hörte ich zum ersten Mal “El Silbo” und erlebte Mitte Dezember den ersten deutsche Weihnachtsmarkt auf dieser Insel. Es gab einige Tapeziertische mit Fimobroschen, Strohsternen, Selbstgebackenem und anderem Tand. Anschließend spielte eine Gruppe, deren Musik von den ganz besonders magischen Erdstrahlen an diesem Ort inspiriert war. In diesen Tagen liefen mein Freund Eckart und ich jeden Morgen von unserer Unterkunft, am alten Hafen, zur Playe Ingles. Ein ganz flaches, gerades Stück, mehrere Kilometer lang. Wir hatten die Idee, dass eine Straßenbahn, den Tourismus an dieser Ecke der Welt entscheident nach vorne bringen könnte. Eine Trasse durch die Bananenplantagen wäre einfach zu bauen und die Fahrt zur Playa Ingles und zurück wäre fortan bequem und pitoresk.

Im Frühjahr 2007 war ich wieder auf den Kanaren. Die Hauptstadt Teneriffas, Santa Cruiz, war eine einzige Baustelle. Plakate verkündeten, dass die Straßenbahnlinien, der Grund für die Baumaßnahmen, rechtzeitig fertig sein würden. Allerdings viel zu spät für die “Guanchen”.

Man sollte an dieser Stelle hinzufügen, dass die “Guanchen” nicht nur blond und blauäugig waren, sondern recht tumbe und grobe Gestalten, die noch im 15. Jahrhundert auf ihren paar Inseln als neolithische Analphabeten lebten und sich gerne mit Tierfett einschmierten. Aus heutiger Sicht mag man sie mögen – vor allem dann, wenn man als Kanare wenig anderes, historisch Bedeutsames, vorzuweisen hat und sich jeden Sommer der Invasion der Aragonesen, Kastilier, Katalanen, Galizier, Anadalusier mit ihrer reichen Geschichte erwehren muss. In den neuen Straßenbahnen von Santa Cruz wären die “Guanchen” heute allerdings eine recht deutliche Parallelgesellschaft. Schon einige wenige “Guanchen”, ausgestattet mit einer Monatskarte und nach Tierfett riechend, würden dazu führen, dass die Kanaren ihre Einstellung zur eigenen Geschichte sehr schnell überdenken würden.

Um auf den Anfang zurückzukommen: Worin besteht also der Beitrag der “Guanchen” zur europäischen Integration? Erstens: Es ist ganz nett, sich an Mythen zu orientiren, aber Straßenbahnfahren hilft, um Mythen auf ihre Alltagstauglichkeit zu überprüfen. Zweitens: Straßenbahnfahren hilft auch, um über Parallelgesellschaften auf dem Laufenden zu sein. Drittens: Parallelgesellschaften mögen auf den ersten Blick Ausdruck eines kulturelle Unterschieds sein. Auf den zweiten Blick, sind sie nur der Ausdruck eines altbekannten Unterschieds: dem zwischen Arm und Reich. Arm fährt Straßenbahn, reich ist Leasingnehmer. Die “Guanchen” hatten Glück. Hätten die Spanier sie nicht ausgerottet, müssten sie heute und bis in alle Ewigkeit Straßenbahn fahren.

Das Foto stammt von Wikimedia Commons und steht unter Creative Commons Licence





Drei Brokatkissen

27 04 2007

Es scheint eine Frage des Alters zu sein, Kissen, die auf Sofas sitzen, wohlwollend wahrnehmen und schätzen zu können.

Kissen, die nicht in Betten liegen, sondern Wohnräume verschönern, habe ich, so lange ich Denken kann, meist in einen negativen Zusammenhang gebracht. Dies kommt wohl daher, dass in meiner Kindheit die Couchkissen meiner Mutter immer Anlaß für Zwist, Übellaunigkeit und Türenschlagen waren. Diese Kissen – drei an der Zahl – aus Goldbrokat und mit Bordüren an den Nähten, saßen rechts, links und in der Mitte der Couch. Durch einen Handkantenschlag meiner Mutter, wurden sie in eine Form gebracht, die entfernt Ähnlichkeit mit einem Herz hatte, allerdings mit zwei spitzen Zipfeln, die eher an die Zitzen einer stillenden Hündin erinnerten.

Brokatkissen, das möchte ich vorausschicken, haben unangenehme Eigenschaften. Der Stoff ist sehr steif. Wenn Metallfäden, wie im vorliegenden Falle, mitverarbeitet wurden, fühlen sich diese Kissen wie Sandpapier an. Da hilft es auch nichts, wenn die Ränder aus Samt bestehen. Das Ganze ist im Grunde so unangenehm, dass man sich selbst als Heranwachsender, der Frage nicht entziehen kann, “Ist kultureller Fortschritt nur eine Fiktion?”

Drei Kissen hatten unsere Wohnzimmercouch vollkommen okkupiert. Immer wenn ich es mir dort gemütlich gemacht hatte, nahm das Unheil seinen Lauf. Ich war nämlich vollkommen außerstande diese drei Usupatoren anschließend wieder in ihre zitzenhafte Daseinsform zurückzuversetzen. Selbst wenn ich ihnen einen sanften oder auch einen derben Handkantenschlag versetzte – es gelang mir nie, diese eigenartige Bauchigkeit an der Basis herzustellen, die allein für einen festen Stand und eine akkurate Position sorgte. Bei mir sah das immer aus, wie die eilig vertuschten Spuren meiner mittäglichen Couchbesuche und die stolzen Couchbesatzungstruppen ähnelten danach einer Bande von besoffenen Söldnern.

Die kleinbürgerliche Akkuratesse meiner Mutter und die militärische Ausrichtung der Brokatsoldaten hatte in den späten 6oer-Jahren – und von dieser Zeit reden wir hier – selbstverständlich ihre Weiterungen. Wenn jemand schon inmitten des Wirtschaftswunders aus seiner Couch ein Instrument militärischen Drills macht, was hatte der während des Dritten Reiches eigentlich getan? Oder auch nicht getan? Eine Antwort auf diese Frage gab es niemals.

Diese Dimension der Auseinandersetzung um Brokatkissen wurde erst in den späten 60er Jahren erreicht. Davor war die ganze Sache aber auch nicht viel einfacher. Denn meine Daseinsbetrachtungen auf der elterlichen Couch endeten immer damit, dass meine Mutter aus dem Wohnzimmer durch die Wohnung rief: “Wenn Du schon die Kissen nicht in Ordnung bringen kannst, dann räum wenigstens dein Zimmer auf!” Es gab unzählige Variationen, dieser “Wenn-Dann-Beziehung”: “… dann bring wenigstens den Mülleimer runter!”, “… dann putz wenigstens dein Fahrrad!”, “… dann saug wenigsten Staub!”, “… dann hol wenigstens Getränke aus dem Keller!”

Im Nachhinein wundere ich mich, wie geistesgegenwärtig meine Mutter, im Angesicht der betrunkenen Söldnertruppe auf ihrer Couch, immer einen Arbeitsauftrag für mich zu formulieren wusste. Vor diesem Hintergrund ist es wohl nachvollziehbar, dass bis vor einigen Monaten Couchkissen in meinem Leben keine Rolle mehr spielten. Ich ging ihnen bei Besuchen in anderen Wohnungen nicht aus dem Weg, aber ich schaffte mir auch keine an. Sie spielten schlichtweg, seit meinem Auszug aus der elterlichen Wohnung, keine Rolle mehr. In meinem Universum kamen sie nicht mehr vor. Ich sah sie nicht, ich hatte keins und ich war nicht unglücklich in dieser couchkissenlosen Welt.

Bis vor fünf Monaten. Auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für eine liebe Freundin, geriet ich in einen Laden von der Art, wie man ihn als heterosexueller Mann eher meidet: Tischwäsche, Stoffe und Accessoires. Die Farben im Schaufenster waren Klasse. Ganz tolle Kissen in Stoffen, die meiner Freundin vielleicht gefallen würden. Ich ging hinein, kaufte und kam heraus mit zwei Kissen. Soweit ich mich erinnern kann, war ich an diesem Tag gut gelaunt. Dies mag dazu beigetragen haben, dass ich zwischen diesen tollen Stoffen, Tischläufern, Accessoires und Kissen ein wenig die Kontrolle über mein Universum verlor. Mag sein, dass ich mich zwischen zwei Kissen auch nicht schnell genug und definitiv zu entscheiden vermochte. So stahl sich dann der Gedanke in mein Bewusstsein, dass ich eines der Beiden für mich kaufen könnte. Einfach und ganz pragmatisch deshalb, um den Entscheidungsprozess noch etwas aufzuschieben.

Zu Hause packte ich beide Kissen aus. Probierte, wie sie sich ohne Knick und Akkuratesse auf meiner Couch machten. Legte beide unter meine Kopf, fühlte wie sie sich anfühlten und entschied das buntere von beiden als Geschenk zu verpacken. Das andere war eher unifarben und hatte an den schmalen Seiten, statt der mir nach wie vor verhaßten Fransen, einen Fellbesatz. Schon am gleichen Tag, und dieser Zeitpunkt läßt sich genau bestimmen, wurde das mir bisher bekannte Universum, um das Couchkissen erweitert. Während der Sportschau, am 16. Dezember 2006, stand die Partie zwischen Alemania Aachen und dem Hamburger SV zur Halbzeit 0:1 für Hamburg. In der zweiten Halbzeit fielen noch fünf Tore und die Partie endete 3:3. Nach diesen rund fünf Minuten Übertragungszeit und den Toren und Gegentoren, hatte ich mein Couchkissen im Arm und meine Nase in den Fellbesatz getaucht.

Couchkissen, so weiß ich jetzt, vernünftig dosiert und angewendet, stiften Trost und Sicherheit in turbulenten Zeiten. Darüber hinaus aber, und das ist jetzt eine weitere Weiterung des Themas, sind sie eine kulturhistorisch ganz bedeutsame Erfindung. Sie waren ganz sicher vor der Couch da, vor dem Sofa, sogar vor dem Sessel und vor dem Stuhl. Ganz sicher ist das Kissen älter als das Rad. Vielleicht stand am Anfang ein Haufen Blätter, gepackt in eine Tierfell und das alles passierte irgendwo und irgendwann in der Bronzezeit. Nach meiner Recherche gibt es keine “Kulturgeschichte des Kissens”. Und das, obwohl das Kissen in der Geschichte der Menschheit mit Sicherheit eine wichtige Rolle gespielt hat. Friedenspfeifen, so wissen wir alle, werden nicht im Stehen geraucht. Ich räume ein, auch nicht auf Kissen, sondern, soweit wir aus einschlägigen Indianerfilmen wissen, im Schneidersitz ohne polsternde Unterlage. Aber zum Frieden gehört nun mal “sitzen”. Und so wäre eine “Kulturgeschichte des Kissens” untrennbar verknüpft mit einer “Kulturgeschichte des Sitzens”. Ganz interessant finde ich deshalb folgendes Zitat:

“Erst durch den Entscheid zur Sesshaftigkeit hört die Welt auf, ununterbrochen unter den Füssen zu entstehen. Die damit einsetzende Beengung der Befindlichkeit wird kompensiert durch die Aneignung von Macht: gegenüber der Erde, die nun mit Werkzeugen bearbeitet wird (ein Tabu bei den Nomaden), und durch das Erbauen von künstlichen Welten und Ordnungen in Form von Städten.” (Kultur- und religionsgeschichtliche Notiz zum Sitzen).

Dass die Welt aufhört “ununterbrochen unter den Füssen zu entstehen” ist ein interessanter Gedanke. Die “Beengung der Befindlichkeit” im Zusammenhang mit “Aneignung von Macht” ebenfalls. Ich sage nochmals: Frieden wird nur im Sitzen geschlossen und Kissen haben daran ihren Anteil. Im Sitzen wird aus einem Machtgefälle ein Dialog der anscheinend Gleichen. Im Sitzen ist die körperliche Auseinandersetzung ausgesetzt. Das Machtgeklüngel wird geduldig ausgesessen. Die islamische Welt hat auch im 21. Jahrhundert weltweit die besten Kissen. Das sollte man bei allen diplomatischen Initiativen im Auge behalten.

Ich würde allerdings jede Wette eingehen, dass schon die Nomaden, den praktische Wert des Kissens für eine angenehmes Herumstreunen zu schätzen wussten. Kissen sind einfach zu transportierende Gegenstände, die deshalb wahrscheinlich in Nomadenkulturen entstanden sind, genauer an der Schwelle zur “Sesshaftigeit”. Noch heute haben viele Menschen auf Reisen ihr eigenes Kissen im Gepäck. Dies hat nicht nur praktische Gründe, sondern das Kissen ist oft auch ein Stück “mobiles Zuhause”. Ein Kissen braucht zwar Platz, aber es hat kaum Gewicht. Es ist ideal dafür, ein Stück Heimat in der Fremde zu sein.

Seit Gestern hab ich ein weiteres Kissen. Das hat einen Bezug aus Tierfell. Ich hab es “Knut” genannt. Drinnen sind keine Blätter, sondern Daunen und es liegt nomadenhaft auf meiner sesshaften Couch.