Art Deco in der Pampa

16 11 2007

So kann man sich irren. Buenos Aires und Argentinien hatte ich nicht auf der Rechnung, was den kunsthistorischen Beitrag zu Art Deco Bewegung der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts betrifft. Das ist komplett falsch. Ausserdem sind die Argentinier was die Adaption von europäischen Strömungen betrifft, total verrückt.

Es bedurfte schon einer Ausstellung im Centro Cultural Borges, ganz in der Nähe von meinem Hotel, um mir die Augen zu öffnen. Mit offenen Augen fällt einem dann auch mal was ins Auge. So zum Beispiel die Garage Guido im Stadtteil Recolta. Wie von selbst fand ich dann in San Telmo eine Antiqutätenladen, der wahrscheinlich die weltweit größten Bestände an Möbeln, Lampen und Kunstgewerbe dieser Richtung anbietet: Die Galerie Guevara.

Der absolute Krönung sind jedoch die Arbeiten des argentinischen Arhitekten Francisco Salamone. Zwischen 1930 und 1940 baute er im Auftrag des Gouverneurs der Provinz Buenos Aires, der ein glühender Verehrer von Mussolini gewesen ist, mehr als 60 öffentliche Gebäude: Rathäuser, Friedhofseingänge und Schlachthäuser.

Dieses Bild stammt aus dem Blog Francisco Salamone. Weitere Informationen, unter anderem auch über den Standort der Gebäude, gibt es
bei dem Fotografen Leandro Aguirre.





Jeder ein Künstler. Lebenslänglich.

11 10 2007

Gerade döse ich ein wenig auf meiner Couch herum, da höre ich, wie Gert Scobel in 3satbuchzeit den us-amerikanischen Autor Richard Ford interviewt. Richard Ford sagt gerade, dass man als Autor nur episodenhaft denkt. Man hat ein Projekt und danach das nächste. Wie er das genau meint, weiß ich nicht, aber mir fällt etwas ein.

Dem geneigten Leser bin ich noch eine Kleinigkeit schuldig. Vor vielen Wochen ging es um die Thesen von rethinking Business. Dazu wollte ich mich nochmals äußern. Heute äußere ich mich endlich zu These 8: „Kern einer sich verändernden Wirtschaftsweise wird der projektwirtschaftliche Sektor sein, der von kreativen Wissensarbeitern und einem florierendem Unternehmertum getragen sein wird.“ Richard Ford hat sich gerade als Teil des projektwirtschaftlichen Sektors geoutet. Für einen Schriftsteller, wie auch für Angehörige anderer künstlerischer Berufe, ist das nichts besonderes. Jazzmusiker beispielsweise kann man ebenfalls als Zeugen für die Ausweitung des projektwirtschaftlichen Sektors in der Gesellschaft anführen. In den Big Bands der 20er und 30er Jahre herrschten noch weitgehend klare Abhängigkeitsverhältnisse. Der Bandleader war der Boss, die Musiker hatten meist ein festes Engagement mit einem relativ sicheren Einkommen. Anders ist das Business einer Big Band kaum zu betreiben. Mit der weiteren Entwicklung des Jazz etablierten sich kleinere musikalischer Einheiten, mit der Folge, dass sich der projektwirtschafliche Sektor im Jazz immer mehr ausweitete. Musiker taten sich auf eigene Rechnung und eigenes Risiko für einen begrenzten Zeitraum zusammen und trennten sich danach wieder. Das Zauberwort dafür ist auch heute noch „Projekt“. Ganz nachdrücklich habe ich dazu noch ein Konzert vom 22.10.2004 in Erinnerung: Alexander von Schlippenbach und Die Enttäuschung spielen das Gesamtwerk von Thelonious Monk. Das war ein tolles Projekt und ein tolles Konzert.

Nun bin ich der Meinung, dass Kunst gesellschaftliche Entwicklungen immer ein wenig – manchmal auch ein wenig mehr – vorwegnimmt. So könnte es sein, dass die Denker von rethinking Business auf der richtigen Spur sind: Anstatt in gesicherten Arbeitsverhältnissen arbeiten immer mehr Menschen auf eigene Rechnung und auf eigenes Risiko. In Frankreich hat das vor zwei Jahren zum Aufstand der Praktikanten geführt: Der Aufstand einer gesellschaftlichen Gruppe ohne Perspektive, die projektwirtschaftlich von einem zum nächsten unterbezahlten Projekt durchgereicht wurde. Hier zeigten sich die Grenzen und die Gefahren der Ausdehnungsfähigkeit des projektwirtschaftlichen Sektors.

Für die Kunstproduktion läßt sich historish belegen, dass der Künstler sich früh als Ich AG in der Gesellschaft zurechtfinden mußte. Viele bildende Künstler sichern diese prekäre Situation noch immer dadurch ab, dass sie als Kunsterzieher eine Basisversorgung beziehen. Der Kunstmarkt ist ein hartes Geschäft und in diesem Teich überleben vor allem die Haifische.

Apropos Haifische. Damien Hirst, der bekanntetste Vertreter der „Young British Artists“, wurde mit einem in Formaldehyd eingelegte Tigerhai bekannt. Vor einigen Wochen las ich in der Süddeutschen Zeitung, dass Damien Hirst einen Schädel mit Diamanten versehen hat. Gemeinsam mit anderen Investoren kaufte er das Kunstwerk für 75 Millionen selbst (siehe Süddeutsche.de). Das nennt man eine spekulatives Geschäft auf die eigene Zukunft. Aber dafür braucht man ein Grundkapital, das sich nicht aus den Bezügen eines Kunsterziehers aufbauen läßt. Da muss man Haifisch oder Heuschrecke sein.

Man muss also schon fragen, wer in der Projektwirtschaft wen über den Tisch ziehen kann. Ein modernes Wirtschaftsmagazin hat eine lesenswerte Kolumne mit dem Titel „Die kleinste wirtschaftliche Einheit: der Mensch“. Der Mensch ist nicht nur die kleinste wirtschaftliche Einheit, sondern auch die schwächste. Und da ist die kritische Frage, die der Zukunftsforschung eine ernste Angelegenheit sein sollte, wieviel Projektwirtschaft verträgt eine Gesellschaft und welche Organisationsformen beschränken die Macht der wirtschaftlich Mächtigen? Sonst könnte es so sein, dass Andy Warhols „15 minutes of fame“ zu lebenslänglicher Perspektivlosigkeit wird. Das wäre dann Künstlerpech.

Dies ist ein Update zu Thesen und Tatsachen und An die Wand geworfen!

Das Foto zeigt Jimmy Carter und Andy Warhol bei einem Empfang im weißen Haus am 14. Juni 1977. Es steht unter Creative Commons Licence.





Die Welt in drei Zahlen

23 09 2007

Heute habe ich Radio gehört, Tagesschau geschaut und Tatort gesehen. Das hat immerhin für drei gewichtige Zahlen gereicht, die ich aus dem medialen Rauschen herausdestillieren konnte.

Die Documenta vermeldete nach den bekannten Hundert Tagen einen Besucherrekord. Trotz der Kritik der Kunstkritik an der Ausstellung – was streng genommen auch Aufgabe der Kunstkritik sein sollte – gibt es einen neuen Besucherrekord: 700.000 Besucher waren in diesem Jahr in Kassel.

Die Internationale Automobilausstellung in Frankfurt baut ebenfalls heute Nacht den ganzen Tand und Tanderadei wieder ab. Auf der IAA waren in 10 Tagen eine Million Besucher. Eine Steigerung um rund 35.000 Besucher, im Vergleich zum Vorjahr.

Das Oktoberfest hat erst Gestern um Punkt zwölf Uhr die Parole ausgegeben: „Ozapft is“. In 17 Tagen werden mehr als 6,5 Millionen Besucher erwartet. Am ersten Wochenende waren es bereits über eine Million.

Das ist eine schöne Bestätigung für den Satz von Bertolt Brecht: „Erst kommt das Fressen und dann die Moral.“ Erst kommt das Saufen, dann muss man schauen, wie man wo hinkommt und dann vielleicht – wenn es passt – ein wenig Kunst, Kultur und Moral. Das ist die Welt in drei Zahlen. Wer will, kann darüber nüchtern werden.

Das Foto stammt aus Wikimedia Commons und steht unter Creative Commons Licence.