Norweger nörgeln nicht

15 07 2007

Norweger sind angenehme Zeitgenossen. Sie sehen aus wie x-beliebige Mitteleuropäer. Das hat eine fatale Konsequenz: Wir Deutschen sehen aus wie sie. Deshalb wird man überall mit einem herzlichen “Hey” begrüßt, und dann mit norwegischen Sätzen eingedeckt. Das ist sehr freundlich, dient aber nicht der problemlosen Verständigung.

Dabei sieht die geschriebene norwegische Sprache für Menschen deutscher Zunge recht vertraut aus. Übersieht man so seltsamen Vokale, wie das å, das œ und das ø, dann erschließen sich Worte wie “følgende” oder auch “fastlandforbindelse” relativ schnell. Auch der Hinweis: “Ferdig: desember 2007” sieht lustig aus, ist aber einfach zu verstehen (siehe Foto). Am Flughafen, der von Norwegern poetisch als “Lufthaven” bezeichnet wird, weist das Schild “Ankomst” problemlos den richtigen Weg. Sobald der Norweger allerdings spricht, versteht man kein Wort.

Vielleicht liegt es daran, dass die norwegische Sprache achtzehn Monophthonge und sieben Diphthonge kennt, das Deutsche aber nur fünfzehn Monophthonge und nur drei Diphthonge. Das wäre ja immerhin ein plausible Erklärung, für das seltsame Phänomen, dass man norwegische Texte einigermaßen lesen kann, aber die gesprochene Sprache trotzdem nicht versteht.

An dieser Stelle bedarf es einer kleinen Präzisierung. Wenn hier von Norwegern die Rede ist, dann handelt es sich streng genommen um die Bewohner der Lofoten. Diese werden in einem kleinen Buch über “Die Geschichte der Lofoten” Lofotinger genannt. Und hier im hohen Norden, so berichten einschlägige Nordlandkenner, ist man besonders freundlich und angenehm. Der Unterschied von normalen Norwegern zu Lofotingern ist ungefähr der, wie zwischen engstirnigenSchwaben und weltoffenen Kurpfälzern. In manchen Gegenden Schwabens muss man als Zugezogener mindesten über drei Generationen die Kehrwoche fehlerlos eingehalten haben, bis man einigermaßen als Einheimischer und Nachbar akzeptiert wird. Vorausgesetzt man ist Protestant. Die Kurpfälzer sehen das nicht so eng. Wenn überhaupt gefegt wird, dann diente dies traditionell eher der Kommunikation mit den Nachbarn. Die Gehwege werden dadurch nicht wesentlich sauberer.

Aber zurück zu den Sprach- und Verständnisproblemen von uns Mitteleuropäern in Norwegen. Dass nicht nur Monophthonge und Diphthonge für dieses Probleme verantwortlich sind, sondern eine grundlegende kulturelle Differenz behauptet werden kann, zeigt das folgende Beispiel einer komplett mißlungenen Kommunikation, die in Englisch geführt wurde.

Das englische to be in a hurry benutzt der Lofotinger in einer Art und Weise, die bei Mitteleuropäern sprachloses Erstaunen hervorruft. Dies mag geografische Gründe haben. Wir befanden uns schließlich auf den Lofoten, die bekanntlich ein erkleckliches Stückchen nördlich des Polarkreises liegen. Wir waren zu einem Zeitpunkt dort, an dem Sätze, wie “Komm laß uns fahren, damit wir vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sind”, nicht gesagt werden können. Die Sonne scheint – wie es so schön in einem alten Lied der Arbeiterbewegung heißt – “ohn’ Unterlaß”. Das dehnt die Zeitspanne, in der Dinge erledigt werden können, beträchtlich aus. Das scheint Wörtern wie “Eile” – oder dem Englische to be in a hurry – eine ganz andere Bedeutung zu geben.

Wir waren in dem schönen Ort Reine, etwa acht Kilometer nordlich von Å angekommen und saßen in der Gammelbua. Dies ist ein sehr vehement empfohlenes Restaurant mit Biergarten, wenn man den einschlägigen Reiseführern für Mitteleuropäer folgt. Erstaunlich schnell konnten wir unsere Bestellung für Kaltgetränke aufgeben. Es dauerte dann allerdings zwanzig Minuten bevor ein Mineralwasser und ein Bier vor uns standen. In der Zwischenzeit unterhielten uns andere Servicekräfte mit der Frage, ob wir etwas bestellen wollten. Wir verwiesen höflich auf den bereits ausgelösten Bestellvorgang. Als unsere Getränke geliefert wurden, fragten wir nach der Karte, da uns mittlerweile der Hunger zwickte. Nach weiteren zwanzig Minuten erschien unsere Servicekraft mit der Karte, sehr bemüht und beflissen mit dem Hinweis, dass nun nicht mehr die Mittagsgerichte geordert werden könnten, sondern die Abendkarte gelte. Wir konnten keinen Unterschied feststellen.

Gewarnt durch unsere bisherige Verweildauer, stellten wir die entscheidende Frage: “Geht das schnell, mit dem Essen?” Unsere Servicekraft antwortete darauf mit der Gegenfrage “Are you in a hurry?” Wir waren so perplex, dass wir nicht antworten konnten, sondern damit begannen unsere Situation grundsätzlich zu überdenken. In der Tat: Wir waren nicht in Eile. Wir waren etwas hungrig und nicht gewillt, weitere Minuten des Wartens mit Gesprächen zu füllen. Wir wollten, ohne große Eile, bald weiter, um das Ziel unseres Ausflugs zu erreichen.

Da wir, in tiefes Nachdenken versunken, keine schnelle Antwort auf die Frage fanden, wie wir mit der Gegenfrage der Servicekraft umgehen sollten, sagte die freundliche Servicekraft, sie wolle sich jetzt in der Küche erkundigen, ob es schnell ginge. Sprach’s und verschwand. In den letzten fünfzehn Minuten, die wir in der Gammelbua zubrachten, ward sie nicht mehr gesehen.

Norweger – insbesondere aber Lofotinger – haben offenbar eine ganz eigene Vorstellung davon, was wann zu erledigen ist. Das Zeitempfinden unter dem Einfluß der Mitternachtssonne – aber auch während der Polarnacht – scheint stark von unserem Zeitempfinden abzuweichen. Dies wäre ein sehr ergiebiges Forschungsthema für die Chronopsychologie. Statt die Augenbewegungen von Rhesusaffen zu erforschen, könnten die Chronopsychologen auch einfach mal in Nordnorwegen ein Bier bestellen.

Generell kann man sagen, dass der Norweger stark auf Eigeninitiative setzt. In der Kneipe muss man Getränke und Speisen an der Theke bestellen. Man zahlt sofort, nimmt sein Getränk mit und sollte auf die Lieferung der bestellten Speisen nicht ohne weiteres vertrauen. Reklamiert man nach einer halben Stunde, dann wird auch geliefert.

Mit dem Thema Service, gehen Norweger sehr entspannt um. Norweger nörgeln nicht. Umgekehrt bedeutet das für mitteleuropäische Reisende in diesem Land, dass man sich nicht großartig um sie kümmert. Hätten wir am letzten Tag unseres Aufenthalts nicht selbst den Weg zur Rezeption unseres Ferienhütten-Vermieters gefunden, wir hätten ohne zu bezahlen abreisen können.

Die Fotos stammen vom Autor des Beitrags und stehen unter Creative Commons Licence





Sackgasse Superrelativismus

3 07 2007

In der deutschen Ausgabe der Vanity Fair antwortet Dennis Hopper auf die Frage, ob er Perfektionist sei, er sei Accidentionalist. Als ich dies las, stellt sich mir die Frage: ”Und was bin ich?” Ich denke, ich versuche es heute mal als Superrelativist.

Gestern besuchte ich meinen Freund Bernhard in Neu-Ulm. Aus der ersten Etage seines liebevoll renovierten Hauses hat man einen schönen Blick auf seinen Garten und den Findling, der dort an exponierter Stelle die Blicke auf sich zieht. Nahezu beiläufig erfuhr ich, dass dieser Stein aus Brasilien stammt. Ich war mir sogleich sicher, dass ich das Glück hatte, die umfangreichste Sammlung brasilianischer Findlinge in Neu-Ulm betrachten zu dürfen. Ich habe einfach einen Hang zu Superlativen, die sich manchmal sehr schnell relativieren. Vielleicht gibt es schon in Ulm, um Ulm, oder um Ulm herum jemanden, der zwei brasilianische Findlinge in seinem Garten hat. Wer weiß!

Letzte Woche bin ich – wie aufmerksame Leser bereits wissen – von einer Norwegenreise zurückgekehrt. Diese Reise hatte nur ein Ziel. Ich wollte den Ort besuchen, dessen Name aus nur einem Buchstaben besteht – Å. Dieser Ort liegt am südwestlichen Ende der Straße, die die Lofoten von Norden nach Süden erschließt. Straßen die enden, erhöhen die Attraktivität von Superlativen. Wenn eine Straße an solch einem Ort endet, dann ist das ein Hyperlativ.

Vor einigen Jahren stand ich in einer ähnlichen Sackgasse. Vor mir ein Schild, mit dem Text: ”Bahia Lapataia, República Argentina, Aqui finaliza la Ruta Nac. No 3. Buenos Aires 3063 km”. Ich war am Ende der Welt angekommen – Feuerland und Ushuhaia, die südlichste Stadt der Welt. Auf der gleichen Reise besuchte ich die Peninsula de Valdes. Dort gibt es eine Seelöwenkolonie. Die Jungen der Seelöwinnen werden gerne von Orcas verspeist. Außerdem ist dort eine Senke, die mit 35 Metern unter dem Meeresspiegel als tiefster Punkt Südmerikas gilt.

Einige Jahre später konnte ich das bei einem Besuch im Death Valley noch toppen. Badwater liegt mit 85 Metern unter dem Meeresspiegel bedeutend tiefer, als die kleine Senke in Argentinien. Und Devil’s Golf Course im Death Valley ist wahrscheinlich der Golfplatz, der am intensivsten bewässert werden muss. Da fällt mir ein, dass ich mich, bei unpassender Gelegenheit, einmal mit Dietmar Hopp, dem SAP Gründer und Milliardär, über die Bewässerung seines Golfplatzes zu unterhalten versuchte. Da ich als ausgewiesener Experte für trockene Golfplätze gelten kann, hätte ich da schon mehr Interesse erwartet.

Andererseits gibt es Dinge, die fallen mir einfach so zu. Auf den Lofoten, die ich nur besuchte, um Å in die Liste meiner Superlative aufzunehmen, befindet sich der nördlichste Golfplatz der Welt. Wir saßen um Mitternacht dort, nahmen ein Getränk zu uns und schauten den Golfspielern zu. Damit befinden sich zwei Golfplätze in meiner Top-Superlativ-Liste. Vielleicht sollte ich doch mal einen Schnupperkurs im Golfen belegen.

Ich habe da noch ein paar andere Sachen in der Hinterhand, über die ich mich jetzt nicht näher äußern möchte. Beispielsweise glaube ich, dass ich – mit einem normalen Mietwagen – den Streckenrekord zwischen Puerto Bertrand und Puerto Montt aufgestellt habe. Außerdem gehöre ich zu den wenigen Menschen, die illegal in einem Segelsack nach Uruguay eingeschmuggelt wurden. Und wer hat sich jemals in der eigenen Wohnung nackt im eigenen Schrank versteckt, um dem Gasableser zu entgehen?

Superlative sind relativ. Meistens enden sie in Sackgassen oder in dunklen Schränken. Absurd ist das allemal. Vor einigen Monaten war ich bei der Gala des Art Directors Club, bei dem zahlreiche Awards verliehen wurden. Die Kategorien waren so zahlreich, dass ein Award für die umfangreichste Sammlung brasilianischer Findlinge in Neu-Ulm nicht aufgefallen wäre. Meinem Freund Bernhard hätte ich diese Auszeichnung gegönnt.

Einen schönen Artikel über Steine findet ihr in Riesenmaschine

Nachträglich erreichte mich noch dieses schöne Bild von Nicole. Superlative, wie der Ort Å auf den Lofoten, scheinen auch auf andere Menschen eine gewisse Anziehungskraft auszuüben.

Die Fotos stammen vom Autor des Beitrags (1 und 3), WikiMedia Commons (2), Nicole Ellmann (4) und stehen unter Creative Commons Licence