Witzige Kreaturen

1 10 2007

In der sogenannten Blogosphäre trifft man manchmal Kreaturen, die den Fantasien eines Science Fiction Autors entsprungen sein könnten. Eines dieser Aliens nennt sich Don Alphonso – mit bürgerlichem Namen Rainer Mayer – und von Beruf will er Journalist sein. Aber eigentlich ist er so etwas wie der Pinochet der Bloggerscene. Auch für eine Praktikantenstelle bei der Militätdiktatur von Myanmar könnte er sich mit guten Chancen bewerben.

Was in den letzten Stunden geschah! Auf einen substanzlosen Beitrag des sogenannten Don Alphonso zum Thema Tag Clouds postete ich eine Kommentar mit dem Tenor, es gäbe Wichtigeres als Glaubenskriege um Tag Clouds zu entfachen. Im schlechtesten Falle seien sie überflüssig. Im besten Falle sind sie Lyrik. Der Kommentar enthielt einen Link auf meinen Beitrag zum Thema Tag Cloud Lyrics. Wenig später war mein Kommentar gelöscht und ich konnte stattdessen dort folgende Drohung lesen: „[Schön langsam wird mir die Eigenwerbung diversen Preisvergleicher, Küchentisch-PRler und Awarenessnörgelis zu viel. Wer damit unbedingt auffallen will, sollte sich überlegen, ob er später wirklich mal als Spammer auf einer schwarzen Liste auftauchen will. Ganz oben bei Google mit vielen Daten. Don]„.

Drohungen von Möchtegernjournalisten schüchtern mich niemals ein. Mein Kommentar zu dem überschriebenen Kommentar lautete in etwa wie folgt. „Ups, dem schlechten Ruf der Ihnen vorauseilt, werden sie ja in sekundenschnelle gerecht. Gruß vom Küchentisch.“ Rund zehn Minuten später war auch dieser Kommentar gelöscht.

Da ich noch ein wenig Zeit hatte postete ich diese wenigen Worte: „Ups, da waren es wieder nur 24 Kommentare. Die Kleingeistigkeit mit der Don Kommentare löscht überrascht mich doch. Nochmals Gruß vom Küchentisch.“ Auch dieser Kommentar wurde innerhalb einer knappen Viertelstunde gelöscht.

Minuten später erschien auf Blogbar.de der folgender Beitrag von Don Alphonso:

„Kennen mittlerweile ziemlich viele Blogger: Da kommt ein Kommentar von einem, von dem man noch nie was gehört hat, der entweder ein paar halgbare Worte der Bestätigung hinterherschiebt, oder trollmässig abkotzt und seinen eigenen Link reinklatscht. Verknüpft wird das in der Eingabemaske mit Webseiten wie Tarifedurchchecken23.de, kuchentischpr2000.com, patronenstoff.net, astrologieconsultundhilfe.net und supadollemarketingberatung.co.uk. Manchmal sind es kommerzielle Blogs, oft auch einfach Kommerzseiten. Der Themenbezug ist minimal, oft haben die Knilche noch nicht mal begriffen, worum es eigentlich geht.

Das Problem dieser händisch eingetippten Scheisse ist im momentanen Ausmass – an der Blogbar z bis zu 5 Kommentare am Tag – vergleichsweise neu. es begann vor etwa drei Monaten und wird ganz offensichtlich von den Seiteninhabern selbst betrieben. Ich frage mich, ob es da irgendwelche Seminare, Ratschläge oder Mailings gibt, die das in den letzten Monaten empfehlen. Nach meiner Beobachtung sind davon vor allem “grössere” Blogs betroffen, bei denen man sich zum Kommentieren nicht extra anmelden muss. Nur zwei dieser Spammer sind bislang auch auf meinem Blogger.de-Blog aufgetaucht.

Bislang habe ich den Krempel manuell gelöscht, aber nach dem heutigen Radaubruder, der partout sein PR-Blog ins Gespräch bringen wollte, frage ich einfach mal in die Runde: Was tun? Rechtlich wird es wacklig, weil es tatsächlich nicht reiner Spam ist. Also, was dann? Könnte eine Art Prangerliste bei diesen Freunden helfen? Jojo hat es mal mit der Einstellung der Verlinkung probiert, aber genau das würde ich nicht machen wollen; schliesslich erschwert das die Orientierung beim kommentieren und diskutieren enorm.“

Also der Mann ist entweder im Dauerrausch, ein Alien oder er ist ernsthaft krank. Wie anders als händisch, sollte man seine Kommentare sonst eintippen. Spracherkennung? Die Frage ist, kann man ihm helfen oder sollte man ihn zurück auf Alpha Centauri schießen? Ich tendiere zur letztgenannten Option.

Die Abbildung steht unter Creative Commons Licence.





Sehapparate – hört, hört!

17 09 2007

Heute hatte ich vor, zu schweigen. Bei meiner Recherche zu „Verpönte Kulturtechniken – das Barren“ habe ich einige antiquierte bewegte Bilder entdeckt, die einen schönen Gegenpol zum lärmenden Getöse in YouTube bilden. Die wollte ich zeigen – kommentarlos. Daraus wird aber nichts.

Bei diesem bewegten Bild handelt es sich um die Illusion von Bewegung. Schaut man etwas länger hin, dann wird einem schwindelig. Das finde ich für jede Art der medial vermittelten Wahrnehmung sehr angemessen. Die Illusion von Bewegung wird von einem Phenakistiskop hervorgerufen. Das ist ein Apparat, der mittels eines Stroboskopeffekts die Eigenschaft der menschlichen Netzhaut ausnutzt, so genannte Nachbilder zu erzeugen. Technisch etwas perfektioniert nannte man das einige Zeit später Film, Fernsehen und Video. Interessant ist, dass die ganze multimedial-virtuelle Welt noch immer auf dieser Illusion beruht, die eben jene Eigenschaft unseres Sehapparates ausnutzt Nachbilder zu erzeugen: Ohne Nachbilder kein Film!

Es scheint, dass dies auch ein nützliches Unterscheidungskriterium sein könnte, um einen gefilmten Sonnenuntergang von einem Sonnenuntergang zu unterscheiden, den man mit eigenen Augen sieht. Vieles spricht dafür, dass Sonnenuntergänge in der Wirklichkeit nicht mit 24 fps (= Frames per Second) ablaufen, sondern weniger ruckelig sind. Das käme auch den Benutzern von Facettenaugen sehr entgegen – also beispielsweise Glühwürmchen – da die zeitliche Auflösung bei deren Sehapparaten deutlich höher ist, als bei Linsenaugen, wie sie bei uns Menschen sehr gebräuchlich sind. Mit wie vielen Frames per Second Sonnenuntergänge in der wirklichen Wirklichkeit ablaufen, hat meines Wissens noch niemand ausgerechnet. Ich vermute, dass dabei eine relativ große Zahl herauskäme oder man landet bei der Heisenbergschen Unschärferelation.

Die Eigenschaft unsere Netzhaut Nachbilder zu erzeugen, wird mitunter und manchmal auch als Trägheit unseres Auges – genauer der Rezeptoren auf unserer Netzhaut – beschrieben. Interessant finde ich daran, dass Trägheit und Illusion hier in einen direkten Zusammenhang geraten, den ich jetzt weder philosophisch, noch erkenntnistheoretisch, noch wahrnehmungspsychologisch und schon gar nicht anthropologisch deuten möchte. Medienkritisch könnte man sich allerdings hinter der Behauptung versammeln, dass die gesamte Film- und Fernsehindustrie mit dieser physiologisch bedingten Trägheit so gute Geschäfte macht, dass einem schwindelig werden könnte.

Zum Abschluss möchte ich Vilém Flusser zu Wort kommen lassen. Das Zitat handelt nicht von Sehapparaten und auch nicht von Sprechapparaten. Es geht um Hörapparate. Der Sinn ist aber übertragbar:

Meine Damen und Herren,[...] Glauben Sie bitte nicht, dass ich etwa besser als Sie sähe, nur weil ich schlechter höre. [...] Die griechischen Theorien waren kurzsichtig, weil die Griechen schwerhörig waren. Die Stimme, die in den jüdischen Schriften zu Wort kommt, reichte nicht weit, weil die Juden kurzsichtig waren. [...] Was ich ihnen mitteilen wollte, war also dieses: seitdem ich einen Hörapparat besitze, sehe ich die Welt anders. [...] Wenn Sie auf die Welt hinhören, dann werden Sie merken, dass ihre Geräusche instrumentiert sind. Nicht ein weißes Summen kommt in die Ohren, sondern ein orchestriertes Schwingen. Ein programmierter Lärm. Es muss daher angenommen werden, dass zwischen Ihnen und der Welt irgend ein Tonsieb eingeschaltet wurde, ein Hörapparat eben. [...] Ich habe Sie schon gebeten gehabt, nicht viel von meinen Einsichten ins Hören zu erwarten. [...] Ich bin so kurzsichtig wie Sie, weil meine Taubheit nicht tief genug ist. Auch ich, wenn ich glaube aufzuhorchen, gehorche. Das ist eben so bestellt mit der menschlichen Freiheit. Und doch meine ich, Ihnen einen kleinen Beitrag [...] geboten zu haben. Eben jenen Beitrag, den Schwerhörige dem allgemeinen Gespräch bieten können: nämlich die Aufforderung, sich die Hörapparate anzusehen.

Vilém Flusser, „Hörapparate

Übrigens: Bauteile, mit denen man sich ein Phenakistiskop bauen kann, gibt es bei Fischertechnik. Man sollte jetzt schon an originelle Weihnachtsgeschenke denken! Gerade für Väter, die Golf spielen, ist das ein sehr schönes Präsent für ihre heranwachsenden Söhne. Selbstgemachte Fotosequenzen auf der Driving Range können mit einem mechanischen Spielzeug so kombiniert werden, dass selbst Golf ganz interessant rüberkommt. Weihnachten ist in unseren Breiten ja auch im Winter. Und da haben Väter witterungsbedingt etwas mehr Zeit zum basteln. Es sei denn, sie gehen Skifahren.

Das Foto stammt aus Wikimedia Commons und steht unter Creative Commons Licence.





Sprachpflege in Erlangen und anderswo

26 08 2007

Nahezu sprachlos machte mich heute, dass in Erlangen seit 27 Jahren ein Poetenfest stattfindet. Warum sagt einem das denn niemand? Hat man einmal ein Fass aufgemacht, kann es schnell bodenlos werden. Erlangen läßt mich nicht mehr los. Andere sprachpflegerische Nachrichten erreichten mich aus der Bachstadt Köthen und aus der Domstadt Köln.

In einem Beitrag zum Erlanger Poetenfest von Deutschlandradio Kultur gestand Martin Mosebach, der diesjährige Büchnerpreisträger: „In Erlangen war ich noch nie!“ Und das, obwohl das Poetenfest von Kritikern als „die größte Deutschstunde der Welt“ bezeichnet wird. Vielleicht auch gerade deshalb. Denn die Kritik zielt auf eine Beliebigkeit, die Literatur zum Event aufbläht. Bodo Birk, Festivalleiter und Sachgebietsleiter im Erlanger Kulturamt, ist offen für diese Kritik, betont aber, dass „was den Kern des Poetenfests anbelangt“, das Bemühen groß ist „es nicht überzueventisieren“. Damit ist ihm, in sprachpflegerischer Hinsicht, ein ganz großer Coup gelungen.

Zeitgleich mühten sich in der Bachstadt Köthen die Mitglieder der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft auf ihrem 1. Köthener Sprachtag der Übereventisierung der Sprache Paroli (= französisches Lehnwort, das soviel bedeutet, wie Widerstand entgegen setzten) zu bieten. Die Neue Fruchtbringende Gesellschaft knüpft an die Tradition der Altvorderen an. Die alte Fruchtbringende Gesellschaft wurde am 24. August 1617 im Stadtschloß zu Weimar gegründet und galt als die einflußreichste sprachpflegerische Vereingung des Barock. „Der Name Fruchtbringend / darum / damit ein jeder / so sich hinein begiebet / oder zu begeben gewillet / anders nichts / als was fruchtmeßig / zu Früchten / Bäumen / Blumen / Kräutern oder dergleichen gehörig / aus der Erden wächset / und davon entstehet / ihme erwehlen / und darneben überall Frucht zuschaffen äußerst beflissen seyn solle.“ (Georg Neumark: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1668.)

Als Ethnologe würde mich schon interessieren, wie der Palmenbaum (siehe Abbildung), als teutscher Baum, plötzlich im Signet dieser verdienstvollen Vereinigung auftauchen konnte. Aber das stellen wir jetzt zurück.

Seit dem 18. Januar 2007 wird das alte Programm durch die Neue Fruchtbringende Gesellschaft neu gecovert und das hört sich ganz gut an: Der Slavistik Professor Friedrich Wenzel konstatiert: Früher seinen die Erzeugnisse solide gewesen. Die Qualität und Dauerhaftigkeit habe für sich gesprochen. Heute sei die Wirklichkeit durch Wort und Grafikdesign ersetzt worden. Dies deute auf einen tiefgreifenden Mentalitäts- und Kulturwandel hin. Aber, so Wenzel: „Deutschland hat keine andere Ressource als die Köpfe. Und die Köpfe arbeiten ganz entscheidend mit der Sprache. Und so gut und scharf dieses Instrument Sprache ist, so gut ist die Arbeit dieser Köpfe.“

Vermeintlich gute Arbeit, in sprachpflegerischer Absicht, leistet sich die GEZ, mit Sitz in Köln – ausgeschrieben: Die Gebühreneinzugszentrale (GEZ) der öffentlich-rechtlichen Landesrundfunkanstalten (ARD), des Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) und des Deutschlandradio (DR). Viele Jahre hatte ich das Gefühl, als Gebührenzahler der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, sei ich im wesentlichen verdächtig meine Gebühren nicht zu zahlen. Seit einigen Wochen mehren sich bedenkliche Hinweise in den Programmen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, dass ich als zahlender Kunde und König wahrgenommen werde. Plötzlich bedankt man sich öffentlich in Rundfunk und Fernsehen bei mir, dass durch meine Gebühren ein derart hochwertiges und werbefreies Programm ermöglicht werde. Gleichzeitig nähert sich die gefühlte Qualität der Programme dem Niveau des Vergnügunsparks Haßloch. Ich selbst werde zur Nischenexistenz, die nur noch bei Arte und 3Sat Zuflucht und Zuspruch findet.

Die GEZ also, die all die Gebühren eintreibt, mit denen Programme finanziert werden, die ich nicht sehen will, betreibt mit meinem Geld jetzt auch noch Sprachpflege. Die GEZ hat die Wissensplattform akademie.de abgemahnt Begriffe wie „GEZ-Gebühren“, „PC-Gebühr“, „Gebührenfahnder“, „GEZ-Anmeldung“ oder „GEZ-Abmeldung“ nie wieder zu verwenden. Das Verbot wird damit begründet, dass die Nutzung der Begriffe nur dazu diene, „ein negatives Image der GEZ hervorzurufen“. Tschuldigung, liebe GEZ. Ihr verehrtes Image ist so gut wie die Programme, die durch ihren Gebühreneinzug finanziert werden. Ich verwahre mich entschieden dagegen, dass sie mit meinen Gebühren Sprachpflege betreiben. Kümmern sie sich um ihren Kram und machen sie hier nicht einen auf Sprachdiktatur im Sinne von George Orwells 1984.

Quellen:
Beitrag aus Deutschlandradio Kultur zum Erlanger Poetenfest
Beitrag aus Deutschlandradio Kultur zum 1. Köthener Sprachtag

Die Abbildung des Signets der „Fruchtbringenden Vereinigung“ stammt aus Wikipedia und steht unter Creative Commons Licence.





Ross und Reiter – Endemol

16 08 2007

Es geht nicht um die Springreiter Europameisterschaft in Mannheim, wie die Überschrift vielleicht nahelegt. Es geht um Endemol N.V., MTV und um Zocker in teuren Anzügen. Es geht um die schwierige Frage, ob das, was nicht verboten ist, damit gleichzeitig erlaubt ist. Und es geht um diejenigen, die in der Grauzone einer ungeregelten Rechtssituation mit zweifelhaften Methoden Millionen verdienen.

Der Medienjornalist Stefan Niggemeier zeichnet verantwortlich für einen Blog, der in diesem Jahr mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet wurde. Die Begründung der Jury kann man nachlesen. Stefan Niggemeier tut das, wofür er ausgezeichnet wurde: Kritisch über die Welt der Medien berichten. Stefan Niggemeier wurde jetzt von der Firma callactive abgemahnt, weil ein Kommentar zu den Geschäftspraktiken der Firma callactive in seinem Blog erschienen ist, den er nicht sofort, sondern erst einige Stunden später gelöscht hat. Sollte diese Abmahnung gerichtlich bestätigt werden, wäre dies mit einer starken Einschränkung der Meinungsfreiheit verbunden und es wäre das Ende der Blogosphäre, wie wir sie kennen und lieben. Soweit in Kurzfassung für Nichtjuristen.

Natürlich wird dies in vielen Blogs diskutiert und kommentiert. Aber die Argumentation dort greift meist zu kurz. callactive ist ein Unternehmen der Endemol Corporate Communications. Die Abbildung ist ein Screenshot der Website der Endemol N.V. mit Sitz in Hilversum und zeigt das Management Board – lauter Dunkelmänner? callactive, die Tochter von Endemol, ist nach eigenen Angaben auf “den Bereich Transaktionsfernsehen spezialisiert.” Eines der Formate heiß Money Express und es geht um Geldpakete und schwachsinnige Rätsel die erstaunlicherweise kaum jemand errät. Selber kucken macht schlau: Das satirisch-kritische TV Magazin Fernsehkritik hat sich das angeschaut. Seltsam erscheint dem TV Magazin Fernsehkritik, dass die Stimmen mancher Anrufer sich ähneln. Ist das ein Hinweis auf Fake-Anrufe?

callactive hat sich vorgenommen ein dickes Brett zu bohren. Juristisch geht das Unternehmen gegen alle vor, die sich kritisch zu den Sendungen äußern. Nebenbei erwähnt: Das Forum von Marc Doehler mit dem Namen Call-in-TV wurde bereits abgemahnt, da die Animateurinnen der Zockerprogramme auf Verletztung ihrer Persönlichkeitsrechte geklagt hatten, weil sie als Animösen bezeichnet wurden. In Zukunft sollte man sie also lieber als „Anschafferinnen“ bezeichnen, da das ihren ausgeübten Beruf genauer kennzeichnet. Aber das ist nur ein Vorschlag und bedarf noch der juristischen Prüfung.

Aber wir wollten ja Ross und Reiter nennen und das sind – im übertragenen Sinne – nicht die kleinen Luder, die in Daddies-Hobby-Bar am Tresen sitzen und den Kunden das Geld aus der Tasche ziehen. Es sind die Betreiber des Etablisments.

Zu nennen ist da zunächst der verantwortlicher Geschäftsführer der Callactive GmbH Stephan Mayerbacher. Ohne ihn wird nicht abgemahnt. Im Vergleich zu Endemol ist Stephan Mayerbacher allerdings nur ein kleines Licht. Der Deutschland-Chef von Endemol heißt Borris Brandt. Da sind wir schon eine Stufe höher. Der ist wiederum ein kleines Licht im Vergleich zum „global leader in television“, wie sich Endemol auf seiner internationalen Website präsentiert. Der Chef des Ganzen heißt Aat Schouwenaar. Da werden sich schon manche Details finden lassen, die – im übertragenen Sinne – nicht die armen Luder am Tresen für das Zockertum im Deutschen Fernsehen verantwortlich machen, sondern den Dunkelmännern dahinter Feuer geben. Natürlich profitieren von der Zockerei auch Sender wie MTV Networks Germany GmbH mit den Geschäftsführern Catherine Mühlemann und Martin Michel, die diese Gewinnspiele auf ihren Sendern laufen lassen.

Übrigens: Eines der erfolgreichsten Formate von Endemol im deutschen Fernsehen ist ”Wer wird Millionär”. Günther Jauch, der Saubermann des deutschen Fernsehjournalismus – seine Absage, die Nachfolge von Sabine Christiansen zu übernehmen, ist noch gut in Erinnerung – arbeitet für ein Format, für das ein Unternehmen kassiert (Endemol), dessen Tochter callactive in zweifelhaftem Fahrwasser agiert – wirklich pikant! Herr Jauch, wie wäre es mit einem Interview zu diesem Thema?

Wie gesagt: Was nicht verboten ist, ist noch lange nicht erlaubt. Die Auseinandersetzung mit Endemol und callactive hat eine juristische, aber auch eine Komponente, die aus öffentlichem Druck besteht. An beiden Auseinandersetzungen beteilige ich mich gern. Aat Schouwenaar, sie können kommen!


Quellen: Stefan Niggmeier erklärt, wie es sich mit Call-in-TV und Medienaufsicht verhält: Callactive siegt über Meinungsfreiheit. Alle Einträge zum Thema Callactive in Stefan Niggemeiers Blog findet man hier.

Das Forum vom Marc Doehler: Call-In-TV-de


Die Abbildung ist ein Screenshot der Website der Endemol N.V. mit Sitz in Hilversum und erreicht nicht die Geataltungshöhe, die für ein Copyright notwendig wäre.





Fußball und Demut

8 08 2007

Wir mögen Helden. Wir lieben es, wenn David gegen Goliath antritt. Wir sind mit all unseren Sinnen dabei, wenn ein Kleiner einen Großen an den Rand der Niederlage bringt. Selbst das tragische Scheitern unserer Helden betört uns. Ausgenommen davon sind die Fans des FC Bayern München. Im Gegensatz zu den Fans von Borussia Mönchengladbach sind sie erfolgsverwöhnte kleine Schalträger, die nichts von den Tragödien der wirklichen Welt wissen. Demut kennen sie nicht – Gott sei Dank werden sie manchmal gedemütigt.

Am Montag, den 6. August 2007 ereignete sich einer jener Momente, in denen deutlich wird, dass Symbole über die Wahrnehmung der Wirklichkeit entscheiden. Schauplatz dieses Lehrstücks war das Stadion des SV Wacker Burghausen. Die Akteure: Der Spitzenclub der Ersten Deutschen Fußball Bundesliga, der FC Bayern München und der Regionalligist SV Wacker Burghausen.

Man muss sich nicht für Fußball interessieren, um dieser Geschichte etwas abzugewinnen. Um Fußball geht es nur am Rande. Der Fußball ist nur die Bühne, auf der hier Helden geboren oder vernichtet werden. Die sportlichen Rahmenbedingungen sind schnell erzählt.

Es ist die altbekannte Geschichte von David gegen Goliath. Das arme Wacker Burghausen spielte in der Vorrunde des Deutschen Fußball-Pokals gegen den reichen FC Bayern München. Die Bayern hatten in der Sommerpause viel investiert, um wieder in der europäischen Spitze mitspielen zu dürfen. Für 70 Millionen Euro haben sie neue Spieler gekauft. Darunter auch Luca Toni aus der italienischen Serie A – was an sich schon ein Tabubruch ist, wenn man den Ausgang des Halbfinales der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nicht vergessen hat. Aber das verstehen nur Fußball-Enthusiasten und es ist für diese Geschichte ohne Belang.

Von Belang ist: Nach 90 Minuten stand es in diesem ungleichen Duell 1:1. Nach der Verlängerung stand es immer noch 1:1. Wacker Burghausen hatte wahrhaft wacker dagegengehalten und in der regulären Spielzeit sogar die Führung erzielt. Herausragend spielte ihr 18jähriger Torhüter Manuel Riemann. Beim entscheidenden Elfmeterschießen stand es nach vier Elfmetern noch immer unentschieden. Manuel Riemann hatte bis zu diesem Zeitpunkt einen Elfmeter gehalten. Das allein hätte ihm schon Anerkennung gebracht, aber es hätte ihn nicht zum Helden dieses Spiels gemacht.


Link: sevenload.com

Das war die Situation vor den letzten beiden regulären Elfmetern: Der Fünfte für Burghausen stand noch aus. Und der Fünfte und entscheidende für Bayern München. Für alle überraschend legte sich der junge Burghausener Torwart Manuel Riemann den Ball zurecht – lief an und der Ball war im Netz (siehe das Amateurvideo von sevenload).

Dass am Ende Bayern München gewann, ist nicht weiter wichtig. Nur insofern spielt es eine Rolle, weil Helden in der griechischen Tragödie am Ende immer Scheitern. Wichtig ist, dass Manuel Riemann, mit seinem verwandelten Elfmeter zum – natürlich jugendlichen – Helden wurde. Wichtig daran ist, dass dieses Heldentum, die Demütigung des gegnerischen Torwart bedingt: 18jährige Endorphine gewannen gegen 38jährige Arroganz. Und wichtig ist, dass der FC Bayern München zwar gewann, aber nur knapp der Katastrophe entkam. Auch das ist eine Demütigung.

Ablauf und Ende dieses Spiels folgten dem Muster einer antiken Tragödie. Dieses Muster beruht auf einem “geschickt angelegtes Wechselspiel der Ereignisse zwischen der Sympathie mit dem Helden, dem Erschrecken vor dem näher rückenden, unabänderlichen Ende und der immer wieder angeregten Hoffnung auf einen günstigeren Ausgang”. “Das Scheitern des tragischen Helden ist dabei unausweichlich.” Die Ursache liegt “in der Konstellation und dem Charakter der Figur. Der Keim der Tragödie ist, dass der Mensch über das ihm zugeteilte Schicksal hinausgehen will.”

Ein aus der Antike überliefertes Muster beweist auch heute noch seine Medientauglichkeit. Die Stücke werden nicht mehr im Theater aufgeführt und begründen den Ruhm der Stückeschreiber. Die Stücke werden in Fußballstadien zelebriert und die Autoren sind die Akteure auf dem Spielfeld. Der Held dieses Spiels ist 18 Jahre alt, heißt Manuel Riemann, spielt bei Wacker Burghausen und hat das Stück mit seinen Mannschaftskameraden selbst geschrieben und inszeniert. Respekt.

Respekt verdient auch der Mut des Trainers des SV Wacker Burghausen seinen Torwart den entscheidenden Elfmeter schießen zu lassen. Die Symbolkraft dieser Situation, hat die Wahrnehmung in den Medien stark beeinflußt – Symbole prägen die Wahrnehmung.

An dieser Stelle sei erwähnt: Auch Demütigungen und die Situationen, die sie herbeiführen, wären ein Gegenstand der nicht existierenden Demutsforschung.


Dieser Artikel ist ein Update zu Zum Stand der Demutsforschung in Deutschland

Quellen: Die Zitate stammen aus Wikipedia


Das Wappen von Wacker Burghausen stammt aus Wikipedia. Lizenzbedingungen





“manager magazin” hebt ab

10 07 2007

Erratische Blöcke, um mein letztes Thema als Überleitung zu nutzen, findet man auch bei der Lektüre der Wirtschaftspresse. Ein Findling kam mir bei der Lektüre der letzten Ausgabe des manager magazin unter die Augen. Erratisch ist dieser Artikel deshalb, weil er wenig Information enthält, dafür aber zu literarischen Höhenflügen ansetzt. Maurice Ravel sagte über sein Stück Bolero: “Schade nur, dass es überhaupt keine Musik enthält.” Ähnlich kann man über den Artikel Blockadepolitik von Klaus Boldt urteilen.

Worum geht es in diesem Artikel? In wenigen Sätzen kann der Informations- gehalt zusam- mengefasst werden: Um den neuen Haupt- stadt-Superflug- hafen in Berlin Schönefeld bauen zu dürfen, mußte das Land Berlin die Schließung der Flughäfen in Tegel und Tempelhof zusichern. Allerdings, so ein Rechtsgutachten, würde ein eingeschränkter Flugbetrieb in Tempelhof, den Planfeststellungsbeschluß zugunsten des Großflughafen Schönefeld nicht gefährden. Der Berliner Senat – mit Klaus Wowereit an der Spitze – hat einen Planfeststellungsbeschluß, aber keinen Plan, was aus Tempelhof werden soll. Der Unterhalt der Immobilie kostet das Land Berlin jährlich rund 15 Millionen Euro. Jetzt steht mit Ronald S. Lauder, dem Sohn von Estée Lauder, ein potenter Investor auf der Matte. Mister Lauder will 480 Millionen Dollar investieren, 1000 Arbeitsplätze schaffen und hat ein gutes Konzept. Dieses Konzept erfordert aber, dass in Tempelhof ein eingeschränkter Flugbetrieb stattfinden kann. Klaus Wowereit und der rot-rote Berliner Senat üben sich im Tricksen und Täuschen und wollen den Investor mit sanfter Ironie abschrecken. Die Pläne von Ronald S. klängen, so Wowereit, doch wie ein “Märchen ” vom “reichen Onkel aus Amerika”. Lauder läßt sich davon jedoch nicht entmutigen und so läuft die ganze Geschichte auf einen Showdown zu, der dem rot-roten Senat die Legitimation kosten könnte.

Soweit der Informationsgehalt und die Fakten. Klaus Boldt braucht dafür vier Druckseiten und das hat seinen Grund. Man findet in diesem Artikel Formulierungen, die man in einem Medium, wie dem manager magazin nicht erwartet.

Seinen Eindruck von Ronald S. Lauder beschreibt der Journalist wie folgt (bermerkenswerte Formulierungen sind kursiv hervorgehoben): “Lauder … hat das seelenruhige Naturell des Diplomaten. Er vermeidet überflüssige Bewegungen, wie Gesten sie bisweilen notwendig machen, trägt eine Patek Philippe von 1912, und hat den etwas verhangenen Blick eines Herzogs, der die Vorteile höflicher Formalitäten zu schätzen weiß. Freundlichkeit klappt auf wie ein Regenschirm.” Auf Fragen antworte der verhangene Herzog mit “mehligem Lächeln”.

Man kann daraus schließen, dass Gesten bei Mister Lauder nicht vorkommen, und die Mimik weitgehend “verhangen” ist. Das erinnert an bestimmte Szenen aus den Sketchen von Mister Bean. Was allerdings ein “seelenruhiges Naturell” sein soll, kann ich nur ahnen. Seelenruhig, so erwartet man das Unvermeidliche oder, dieser Zustand stellt sich unvermittelt ein, wenn man in einer Extremsituation agieren soll. Mit einem ruhigen oder ausgeglichenen Naturell könnte ich etwas anfangen, aber warum hier die Seele bemühen wird, ist eine Frage, auf die der Autor die Antwort schuldig bleibt. Ein “mehliges Lächeln” hingegen ist ein Bild, das ich auch schon einmal irgendwo gesehen habe. War nicht Marlon Brando in dem Mafia-Epos Der Pate damit ausgestattet? Ob die Patek Philippe dazu passt? Vielleicht dann doch eher eine Rollex.

Wowereit hingegen und der ganzen politischen Mischpoke, die den Investor zu vergraulen trachtet, werden “persönliche Animositäten” unterstellt. So sei die Formulierung vom “reichen Onkel aus Amerika” eine Bemerkung, “mit der der Regierende die Pläne derb-kennerhaft ernüchterte und sozusagen dämonisch umwitterte, ja in linkspolitische Zweifel zog.” Wow, Wowereit – was geht da ab? Derb-kennerhaft ernüchtern und dämonisch umwittern? Das ist schon die hohe Kunst der Sabotage, bei der ein Leser wie ich ernüchtert aussteigt. Einige Zeilen später werden die politisch Handelnden auch noch in den “Ruch des völlig Verkrustet-Verfilzten” gerückt.

Was für mich als Leser der vier Druckseiten bleibt, ist der Eindruck, dass hier mehlig lächelnde Mafiabosse gegen die verkrustet-verfilzte Berliner Politikmafia antreten. Das Lächeln der Berliner Politiker würde ich mir als verbissen vorstellen. Dabei wäre mir ein Flughafen Tempelhof nur recht, da ich dann weiterhin Berlin-Mitte in zwei Stunden erreichen könnte. Linkspolitische Zweifel sind mir da vollkommen egal. Was außerdem bleibt ist, dass der Autor Klaus Boldt weit über das Ziel hinausschießt. Ein nüchterner Bericht über die Fakten hätte eine weitere Anzeigenseite frei gemacht. Stattdessen wird das Thema dramatisch so überhöht, dass mir am Ende alle Beteiligten so zuwider sind, dass ein rationales Urteil kaum noch möglich ist.

Lieber Klaus Boldt, in ihrem Blog würde ich so etwas vielleicht gerne lesen, aber nicht in einem Magazin, das ich für teures Geld abonniert habe.

Lieber Klaus Wowereit, schwulsein allein enthebt einen nicht auf Dauer den Schwulitäten der Tagespolitik. Weniger Event-Hascherei und mehr Substanz sei hier angeraten.

Lieber Ronald S. Lauder, bei mir kommt Ihr Stil an. Aber bei Interviews mit Top-Jornalisten sollten Sie sich einer lebhafteren Gestik und eines weniger verhangenen Blickes befleißigen. Vielleicht könnten Sie ihrem Lächeln auch ein wenig Süßstoff hinzufügen.

PS: Einige meiner treuesten Leser bemängelten den fehlenden Branchenbezug in meinen letzten Postings. Ich kann nicht ganz ausschließen, dass Findlinge in Freundesgärten zu selbstverliebt den Focus verengen, und die drängenden Probleme unserer Zeit unkommentiert bleiben. Deshalb der Themenwechsel. Lesermeinungen und Kommentare sind natürlich willkommen.

Quellen: Das verwendete Bild der Empfangshalle des Flughafens Tempelhof stammt aus Wikipedia. Informationen zum Copyright findet man hier.