Eine Schnitte und ein Buchstabe

6 08 2007

Es gibt sie noch. Seit 74 Jahren steht sie in den Regalen der Lebensmittelläden. Ihre Verpackung wurde, seit mindestens zwanzig Jahren, kaum verändert. In den Vereingten Staaten von Amerika ist sie der Renner. Man ißt sie dort auf gebuttertem Brot, gebacken oder gegrillt, bis sie mit der Butter verschmilzt. Gäbe es sie nicht mehr im Laden, man könnte sie, zum doppelten Preis, bei Manufaktum bestellen.

Es geht um die Eszet Schnitte. Ein tapferer kleiner Brotbelag aus dem Vor-Nutella-Zeitalter. Kein Scheinnougatderivat mit der Konsistenz von Gips, sondern massive, ehrliche Schokolade, in Form von dünnen Täfelchen. Wie gemacht für ein Brötchen mit Butter.

In meiner Kindheit gab es nur ganz ausnahmsweise mal ein Brötchen mit dick Butter und Eszet-Schnitte. Ich hätte das gerne öfter gehabt. Als süßen Brotaufstrich. Stattdessen gab es dick Butter und eine der selbsteingekochten Marmeladen der zahlreichen Schwestern meiner Mutter. Gerne Brombeer, auch mal Himbeer oder Erdbeer und meist Mirabelle oder Pfirsich. Die Schwestern meiner Mutter lebten alle in einem Weinanbaugebiet und dort ist der Pfirsich, aber auch die Mirabelle, in Gärten leicht zu haben. Wahrscheinlich stehen noch immer einige ungeöffnete Gläser Mirabellenmarmelade im Keller meiner Mutter.

Beliebt war bei uns zu Hause auch die Zuckerschmer. Schmer steht für Fett und Schmalz. Hier steht es für dick Butter auf Brot mit Zucker. Wichtig war meiner Mutter die gute Butter. Es gab sie nur mit dem Attribut „gut“. Margarine hatte bei uns keine Chance. Bei dem, was auf die gute Butter kam, wurde allerdings gespart. Deshalb hatte ich nur selten eine Chance auf Eszet Schnitten. Es gab ja die selbsteingekochte Marmelade oder Zucker.

Das sich bald etablierende Nutella-Zeitalter ging komplett an mir vorüber. Ich hatte meine Nahrungsgewohnheiten schon auf salzig umgestellt, als Ferrero anfing den Markt der selbsteingekochten Marmeladen und Zuckerschmeren aufzurollen. Meiner Mutter bin ich bis heute dankbar, dass sie mich vor der verlogenen Welt einer Claudia Bertani (Kirschenverkosterin bei Ferrero) und vor dem tristen Snobismus von Raffaello gerettet hat. Trotzdem: Die eine oder andere Eszet Schnitte mehr hätte es schon sein können.

Nach allem, was man über Marketing und Werbung zu wissen glaubt: Es ist ein Wunder, dass die Eszet Schnitte bis heute überlebt hat. Diese Robustheit ist vielleicht dem geschuldet, was eine Marke im Kern ausmachen sollte: Qualität.

Für besondere Qualitäten steht auch ein kleiner Buchstabe. Als Großen gibt es ihn nicht. Es ist das Eszett. Das Eszett ist weder verwandt noch verschwägert mit der Eszet Schnitte. Die Eszet Schnitte hat ihren Namen von dem Unternehmen, das sie erfunden hat: Die Anfangsbuchstaben von Staengel & Ziller. Das Eszett hat auch Erfinder, aber deren Namen sind unbekannt.

In früheren Zeiten wurden Buchstaben noch geschnitten – auch eine kleine Gemeinsamkeit mit der schokoladigen Schnitte – und dann in Blei gegossen. Buchstaben waren Schwergewichte, wie Schokolade. Heute sind sie eine kleine Datei, die eine mathematische Beschreibung aller Buchstaben eines Alphabets enthält. Die Datei wiegt nichts. Man könnte sie essen ohne zuzunehmen. Buchstaben kann man im Internet bestellen und man bekommt sie auch übers Internet geliefert. Kein Postbote muß sich mehr mit Buchstaben abschleppen – es sei denn sie sind auf Papier gedruckt.

Das deutsche Alphabet war früher ein wenig schwerer als das Alphabet der Schweizer. Heute – als digitalisierte Schrift – wiegen beide Alphabete nichts mehr. Die deutsche Schriftsprache hat trotzdem noch etwas ganz spezielles. Es unterscheidet sie von allen anderen Schriftsytemen auf dieser Welt: das Eszett. Unser kleines Eszett ist das Kriterium, das den Unterschied macht. Im Vergleich zur Schweiz, ist des Eszett dafür verantwortlich, dass wir wenigstens einmal nachweisbar reicher sind, als die Schweizer. Die Schweizer können nicht unterscheiden zwischen den Bussen und der Buße. Die Busse fahren bei uns auf Straßen, in der Schweiz tut man Busse auf Strassen. In der Schweiz macht es oft die Masse, aber welche Maße da zugrundegelegt werden, ist unklar. In der Schweiz sind es die Masse.

Zugegeben – die Entscheidung, wann ein Eszett steht, wann ein Doppel-S und wann ein einfaches „s“ ist manchmal schwierig und nicht immer logisch. Die Unlogik ändert sich auch mit der Rechtschreibreform nicht. In einem Aufsatz zum Eszett schreibt Dieter E. Zimmer “Wir reformieren doch nicht die Inkonsequenz weg.” Dieter E. Zimmer mag das Eszett nicht und er findet es hässlich. Vor der Rechtschreibreform hätte er es häßlich finden müßen.

Ich hingegen finde das Eszett ausgesprochen hübsch. Für sich genommen mag es – wie ich finde – schon eine Schönheit sein. Ein Zeichen, das aus zwei Zeichen entstanden ist – also, wie man in der Sprache der Typographen sagt, eine Ligatur. Ein Zeichen, das beim Nachdenken über die korrekte Schreibweise etwas Mühe macht, aber beim Schreiben selbst Mühe erspart: Buy One Get Two. Darüber hinaus ein Zeichen, mit dem Status eines Buchstabens, das selbst kein Buchstabe ist, sondern ein Dehnungszeichen für den Laut davor. Das Eszett ist also in jeder Hinsicht etwas ganz besonderes.

Seine ganze Schönheit entfaltet sich aber erst im Zusammenspiel mit anderen Buchstaben. Das Eszett und das “f” sind die einzigen Kleinbuchstaben, die in der handschriftlichen Ausführung von Schrift (mittlerweile relativ unüblich), in der Kalligraphie und im kursiven Schriftschnitt die größtmögliche vertikale Ausdehnung einer Schrift ausnutzten. Die kleinen Buchstaben „f“ und „ß“ haben eine Oberlänge und eine Unterlänge. Damit schwingen Sie in der größten Amplitude, die das typografische Liniensystem einem Buchstaben zugestehen kann. Nur das große “J” und das große “Q” können da noch mithalten.

Mit diesem Ausschlag von ganz unten, nach ganz oben, setzt das Eszett Akzente und erzeugt Aufmerksamkeit und Rhythmik im langen eintönigen Fluß der Buchstaben. Es erzeugt, wie die Synkope im Art-Rock, oder die Clave in der lateinamerikanischen und afrikanischen Musik, eine komplexe Rhythmik.

Das Eszett ist nicht nur ein Zeichen, das man nach logischen Gesichspunkten gut oder schlecht finden kann. Darüberhinaus hat es eine ästhetische Qualität, ist Ausdruck unserer regionalen Schriftgeschichte und es sorgt dafür, dass handschriftliche und kursiv gedruckte Texte eine dynamische Qualität bekommen, die in anderen lateinischen Schriftsystemen in dieser Form nicht vorkommen. Wie die Eszet Schnitte ist das Eszett der pure Luxus, und außerdem kurios und einzigartig.

Am Ende gibt es zwei gute Nachrichten: Die Eszet Schnitte hat sich behauptet, indem sie sich treu geblieben ist. Vielleicht haben die karriereorientierten Produktmanger sie auch in den ganzen Jahre nicht beachtet. Heute könnte sie das Potenzial zu einer Kultmarke haben. Mein Appell: Mütter und Väter in Mutterschaft, kauft euren Kindern Eszet-Schnitten.

Der Buchstabe Eszett wird auch die Rechtschreibreform überstehen und – wie im April diesen Jahres in Focus und TypoWiki berichtet wurde: Ein Großbuchstabe des Eszett (das Versal-Eszett) ist in Arbeit. Damit verschwinden einige Kuriositäten aus unserem STRAßENBILD und unseren Drucksachen. Auch das kann man bedauern.

Weitere Quellen:
- Die Eszett-Seite
- Terradigitalis.net über die Eszet Schnitte


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Autopoietische Systeme als mobile Plakatflächen

30 07 2007

“Ein Plakat ist eine Fläche die ins Auge springt!” heißt ein inzwischen vergriffenes Buch von Hans Hillmann und Gunter Rambow. Für den Springreitsport ist das eine Aussage mit Zukunftspotenzial.

Im Vorfeld der Springreiter Europameisterschaft vom 14. bis 19. August in Mannheim wurde vom Veranstalter, der Fédération Equestre Internationale (FEI) mit Sitz in Lausanne, die Aktion 100 Favoriten – unser Pferd für die EM gestartet. Schulen und Bildungseinrichtungen bemalten 100 Pferde aus Fiberglas. Die Ergebnisse sind seit einigen Wochen in den Straßen Mannheims zu sehen.

Was zunächst wie ein harmloser Kreativitätswettbewerb aussah, hat höchst wahrscheinlich einen handfesten wirtschaftlichen Hintergrund. Andere global agierende Sportverbände mit Sitz in der Schweiz, wie die FIFA oder das Internationale Olympische Komitee, sind der FEI, was die Vermarktung ihres Sports betrifft, weit enteilt. Die Aktion 100 Favoriten – unser Pferd für die EM hat als eigentliches Ziel, die Tauglichkeit von Sprinpferden als aufmerksamkeitsstarke Werbeträger zu erforschen.

Man stelle sich vor: Pferde tragen in Zukunft hautenge und atmungsaktive Ganzkörper- anzüge, mit denen Sponsoren ihre Botschaften mitten ins Herz der zahlungs- kräftigen Zielgruppe der Pferdesportbegeisterten springen lassen können. Da winkt ein Riesengeschäft. Mit einem der Prototypen (siehe nebenstehendes Bild), will man vermutlich einen Giganten der Softdrink-Branche von der Idee überzeugen. Auch das Pentagon und Fleurop scheinen interessiert (siehe die Bilder unten).

Die einzige Hürde für eine erfolgreichere Vermarktung des Springreitsports – gleichsam der Doppelochser mit Wassergraben – ist: Zaumzeug, Sattel und Reiter stören das Konzept. Der Reiter lenkt durch sein Gezappel die Zielgruppe von den Botschaften ab. Der Sattel würde die Werbefläche teilweise verdecken. Ohne Sattel und Reiter ist Zaumzeug sowieso überflüssig. Vermutlich denkt man im Hauptquartier der FEI darüber nach, Pferde künftig als autopoietische Systeme aufzufassen, die aus Gründen der Selbsterhaltung auch ohne Reiter den Weg über den Parcours finden. Was in experimentellen Forschungen und in der Praxis mit Eseln (Mohrrübe) und Windhunden (falsche Hasen) funktioniert, sollte für ein durchschnittlich intelligentes Pferd eigentlich kein Problem sein.

Ich könnte mir vorstellen, dass die Pferde hier sehr schnell Zustimmung signalisieren würden. Wäre es doch eine erhebliche Erleichterung für sie, den Parcours ohne die Teils nervösen, Teils ängstlichen und Teils hilflosen Steuerungsversuche ihres menschlichen Ballasts zu bewältigen. Großer Widerstand ist allerdings von den Sattelproduzenten, Zaumzeugherstellern und Reitern zu erwarten. Die einen wollen weiterhin ihre Produkte absetzen und die anderen wollen auf’s Siegertreppchen.

Reiter sollten sich, obwohl sie in der FEI über eine einflußreiche Lobby verfügen, darauf einstellen, dass es in Zukunft im Pferdesport auch ohne sie gehen könnte. Auch sprachlich könnte man sich dann kürzer fassen. Man müßte nicht mehr Ross und Reiter nennen. Das Ross würde genügen. Als Alternative für arbeitslose Reiter bietet sich die Trendsportart Parkour an. Nicht nur wegen der phonetischen Ähnlichkeit von Parcours und Parkour sei dies empfohlen. Beim Parkour geht es ebenfalls nur darum, in kürzester Zeit Hindernisse zu überwinden – allerdings ohne Pferd. Hautenge und atmungsaktive Ganzkörperanzüge für die Athleten befinden sich bereits in der Entwicklung. Viel Spaß, wünsche ich den deutschen Springreitern als Fläche, die ins Auge springt.


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Das Flache und die Fläche

23 07 2007

Gerade komme ich aus der Schweiz zurück. Ein Ziel meiner Reise bestand darin, das Geheimnis des Märitsalats endgültig zu lüften. Auf der Fahrt über die Schweizer Autobahnen kamen mir allerdings ganz andere Dinge in den Sinn.

Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen reduzieren nicht nur den Ausstoß schädlicher Klimakillergase, sie führen beim Fahrer auch zu einer meditativen Haltung, die den Ausstoß an radikalen gedanklichen Abschweifungen ganz erheblich erhöht. Andere gehen dazu – wie mir berichtet wurde – auf die Toilette. Von den vielen Gedanken, die ich so dachte, während ich an Pratteln vorbei fuhr und die Ausfahrten Sissach, Biberist, Aarwangen, Zollikofen, Wünnewil und Bulle hinter mir ließ, sind nicht alle erwähnenswert. Einige seien aber aus dramaturgischen Gründen aufgeführt.

So dachte ich kurz an einen ehemaligen Unternehmenskommunikator, dem vor einigen Monaten fristlos gekündigt wurde und der jetzt bei einem neuen Arbeitgeber untergekommen ist. Ich dachte über die Vor- und Nachteile von Sechs-Gang-Getrieben nach. Dann überlegte ich, ob es von Vorteil ist, wenn Pornodarstellerinnen eine solide Grundausbildung in Gymnastik vorweisen können. Wie immer, wenn ich durch die Schweiz fahre, beschäftigte mich die Frage, wie die Schweizer ihre Weiden so extrem sauber halten und wie sie dieses unvergleichliche Grün hinkriegen. Ist es die reine Gebirgsluft, in der alle Farben einen Tick reiner erscheinen, oder ist es Gentechnik von Monsanto? Mit 120 auf der Autobahn hatte ich viel Muße nachzudenken und so manche offene Frage begleitete mich ein kleines Stück weit.

Kommt man vom flachen Land ins Gebirge, dann ist das – schon für sich genommen – sehr anregend. Plötzlich wird aus dem gewohnt flachen Horizont eine sich ständig verändernde Linie, die in der oberen Hälfte des Blickfeldes herumtanzt. Für Bewohner der Ebene ist das ein sehr ungewohnter Reiz, der einiges an Aufmerksamkeit beansprucht. Die Geschwindigkeitsbegrenzung auf Schweizer Autobahnen fördert die Möglichkeit, diese neue Dimension der Landschaft wahrzunehmen und gleichzeitig offenen Fragen gedanklich nachzugehen.

Zwischen Biberist und Aarwangen überlegte ich, wie viele Einwohner hat die Schweiz? Von der Autobahn sieht die Schweiz nicht nur sehr sauber sondern auch sehr klein aus – und manchmal auch dünn besiedelt. Wie groß ist die Schweiz eigentlich? Hat die Schweiz mehr Einwohner pro Quadratkilometer als beispielsweise Finnland oder Litauen?

Zwischen Aarwangen und Zollikofen beschloss ich diesen Fragen nach meiner Rückkehr nachzugehen. Die Strecke zwischen Zollikofen und Wünnewil – und der ganze Rest – brachte wenig, was der Erwähnung wert wäre. Ich überlegte noch, weshalb Gewitter in den Bergen extremer sind, als in den Ebenen. Aber das ist eine Frage, die ich nicht weiter verfolgen möchte.

Meine erste Erkenntnis aus dieser Autobahnfahrt ist: Als Bewohner der Ebene kommt man gar nicht dazu, sich mit den Fragen zu beschäftigen, die sich Bergmenschen mitunter stellen sollten. Umgekehrt ist das wahrscheinlich genauso. Der meditative Aspekt von Autobahnfahrten unter dem Verdikt von Geschwindigkeitsbegrenzungen, führt zu einer Entgrenzung des Bewusstseins und eröffnet radikal neue Sichtweisen. Geschwindigkeitsbegrenzungen wirken wie Drogen, aber sie sind nicht nur legal – ihre Anwendung ist sogar erwünscht und frei von Nebenwirkungen.

Die zweite Erkenntnis stellte sich nach meiner Rückkehr ein. Die Fläche der Schweiz wird überall mit 41.285 Quadratkilometern angegeben. Aber ist das eine flachgerechnete Schweiz? Oder ist in dieser Fläche, die sich aufbauschende Topographie mit eingerechnet (siehe meinen Beitrag zu Bern)? Schließlich fuhr ich auf meinem Weg durch die Schweiz ständig an schräg stehenden Flächen entlang, die man umgangssprachlich als Berge bezeichnet. Mit anderen Worten: Wird bei dieser Flächenangabe das Matterhorn flachgelegt oder zählt die ganze Erhebung, inklusive der ungezählten Flächen, die ein aufstrebendes Matterhorn hervorbringt?

Der Unterschied wäre schon beträchtlich: Ein Quadrat mit einer Kantenlänge von einem Kilometer hat eine Fläche von einem Quadratkilo- meter. Ein als Pyramide gedachtes Matterhorn mit einer Grundfläche von einem Quadratkilometer und einer Höhe von 1000 Metern bringt es immerhin auf eine Fläche von 2,24 Quadratkilometern. Dabei sind die Grate und Schluchten, Überhänge und Abrisse, Klammen und Tobel, Kamine und Schroffen noch nicht mit eingerechnet.

Mein “Meyers Neuer Weltatlas” aus dem Jahr 2002 gibt keine Auskunft darüber, wie die offiziell ausgewiesenen Flächen der Länder berechnet werden. Nach den Daten im Fischer Weltalmanach steht die Schweiz mit ihren 41.285 Quadratkilometern auf Platz 132 in der Weltrangliste der durch Landesgrenzen eingezäunten Flächen. Auf Platz eins liegt übrigens mit 17.075.200 Quadratkilometern Russland.

Werden Länder wie Nepal, Tibet, Österreich, Lichtenstein und die Schweiz flachgerechnet, dann würden diese Länder weit unter Wert verkauft? Die Niederlande, Bangladesh, Tuvalu und Australien würden, was die Fläche ihres Territoriums betrifft, ziemlich bevorzugt. Gerade in Bezug auf die Niederländer würde mich das sehr ärgern, da diese auch auf Schweizer Autobahnen das Nachdenken nachhaltig unterbrechen, indem sie mit ihren Wohnwagen an Steigungen schlapp machen. Wir Deutschen hingegen hätten mit unserem Alpenanteil und unseren schönen Mittelgebirgen noch Chancen vom 62. Platz um einiges nach vorne zu rücken.

Reduziert man die Fläche auf das Flache, dann werden die erforderlichen Berechnungen natürlich sehr einfach. Allerdings lehren und lernen wir in den Schulen und Universitäten dann auch seit Generationen ziemlichen Schwachsinn, indem wir von einer flachgerechneten Schweiz ausgehen und dann glauben die Schweiz sei kleiner als die Niederlande.

In der Tat tun die Berechner aller Landesflächen noch immer so, als sei die Erde eine Scheibe und alles Erhabene wird flachgeklopft. Sie ignorieren aus Bequemlichkeit die Stereometrie und praktizieren weiter ihre bequeme und einfach zu rechnende Planimetrie. Galileo Galileis Credo der modernen Naturwissenschaft “Messen was meßbar ist, meßbar machen, was nicht meßbar ist” ist bei den Plattmachern in den Katasterämtern, den Vermessungsbefugten in den Landes- und Bundesvermessungsämtern, den Raumordnern und Flurbereinigern offensichtlich noch nicht angekommen.

Den Schweizern ist die Frage nach dem Flachen und der Fläche auch erst kürzlich eingefallen. Sie haben für ein Bergvolk, das außerdem noch für Präzision steht, dazu ziemlich lange gebraucht. Das Bundesamt für Landestopografie der Schweiz – kurz swisstopo genannt – kartographiert seit einigen Jahren das eidgenössische Hoheitsgebiet mit Luftbildkameras und modernen Hochleistungscomputern neu. swisstopo hat es immerhin schon geschafft die Fläche der Schweiz um 5.600 Quadratkilometer zu vergrößern. Und das ohne die immensen Kosten einer Wiedervereinigung – mit wem auch immer. Angestrebt wird eine Verdoppelung der Fläche auf rund 80.000 Quadratkilometer.

Damit könnten die Schweizer endlich im Konzert der ganz Großen mitspielen und würden nicht immer nur als kleines Land des großen Geldes diffamiert. Sie wären dann wirklich etwas dünner besiedelt und die Maßzahl, des in der Schweiz angelegten Geldes pro Quadratkilometer, würde sich halbieren. Gute Aussichten also für die Schweiz.

Übrigens: Der Märitsalat enthält tatsächlich im wesentlichen das Grünzeug, das gerade auf dem Markt angeboten wird. Märitsalat ist Marktsalat – natürlich frisch.





“Der Mann mit der Mütze” und der “Märitsalat”

4 05 2007

Die Bewohner der Stadt Bern, so sagt man, seien langsam. Vor einigen Monaten hatte ich Gelegenheit dies persönlich zu überprüfen. Berner sind wesentlich langsamer als Berliner. Sie sind ungefähr so schnell, wie die Menschen aus Sankt Peter-Ording


Eine Freundin erzählte mir gestern, sie sei auf einem Konzert von Helge Schneider gewesen. Helge Schneider habe auf diesem Konzert behauptet, die Schweiz gäbe es nur wegen der Tektonik der Kontinental-
platten und hätte sich deswegen erst kürzlich “aufgebauscht”.

In der Tat triftete vor zirka 130 Millionen Jahren die afrikanische Kontinentalplatte nach Norden und trieb die adriatische Platte wie einen Sporn in unsere europäische Heimatplatte. Was sich in der Folge ganz langsam aufbauschte ist heute – neben Österreich, dem Kaukasus und dem Himalaya – die Schweiz. Die Schweiz ist damit – und das sollte man wissen – wesentlich jünger als der Rest Europas – außer Österreich.

Besucht man Bern, dann hat man diese Aufbauschung als Tatsache vor Augen. Die “Innere Stadt” – die Altstadt von Bern – liegt in einer Flussbiegung der Aare, die hier eine abrundtiefe Schlucht bildet. Über diesen Abgrund führen nur drei Brücken. Nähert man sich der Altstadt und fährt über eine dieser Brücken, dann denkt man unwillkürlich “Wow, das bauscht sich hier aber mächtig auf!“ – und dabei hat man auch etwas Sorge, in den Abgrund der Erdgeschichte zu stürzen.

Bei meinem Besuch in Bern war ich mit einer kleinen Reisegruppe unterwegs – genauer gesagt der kleinstmöglichen Reisegruppe überhaupt: Wir waren zu Dritt. Wir fanden die Altstadt von Bern ganz putzig. Es gibt hier einen “Kindlifresserbrunnen”, der das Abgründige in der Berner Volksseele zu symbolisieren scheint. Ein Volk, das plattentektonisch so schnell aufgestiegen ist, muss sich seiner Abgründe ständig vergegenwärtigen. Vielleicht gehört die Berner Altstadt wegen dieser “Putzigkeit” auch zum Weltkulturerbe der UNESCO. Das Putzige rührt daher, dass alle Straßen und Bauwerke in diesem Stadtteil irgendwie historisch aufgemöbelt, aufgehübscht, aufgetakelt und aufgeräumt erscheinen. Wirklich hübsch, aber eben doch ein wenig aufgebauscht.

Bern ist – nebenbei bemerkt – nicht die Hauptstadt der Schweiz. Bei einer Einwohnerzahl, die der Heidelbergs entspricht, wäre dies auch ein wenig übertrieben. Dass Bern keine Hauptstadt ist, liegt allerdings nicht an den Bernern. Es liegt am Rest der Schweiz. Der Rest der Schweiz gönnt keiner Stadt, dass sie sich als Hauptstadt aufbauscht. Deshalb ist Bern, durch eine Entscheidung der Eidgenössische Bundesversammlung, seit 1848 einen sogenannte “Bundesstadt” – und nicht die Hauptstadt. Bern ist Hauptstadt de facto, aber nicht de jure. Die geopolitische Bedeutung von Bern wird aber dadurch entscheident aufgewertet, dass diese Stadt seit 1874 Sitz des Weltpostvereins ist. Sie hat ein Weltpost-Denkmal und ein Welttelegrafen-Denkmal. Auch dies lässt gewisse Rückschlüsse auf die Schnelligkeit der Berner zu.

Bei unserem abendlichen Streifzug durch Berns “Innere Stadt” konnten wir feststellen, dass die Berner in einer einzigen Sache sehr schnell sind: im Schließen von Lokalen. Nach dem Abendessen, es ging gegen Mitternacht, wollten wir uns noch etwas aufmöbeln und einen “Schlummerpunsch” nehmen. Die Bar in unserem Hotels war bereits geschlossen. Das zweite Lokal war de facto noch offen. Aber aus Mangel an Gästen schwitzte es eine Traurigkeit aus, die uns zum sofortigen Rückzug veranlasste. Bei der Suche in Berns putzigen Gassen fanden wir schließlich eine Hotelbar, die noch offen hatte.

Das Licht war hell, die Möblierung alpin-rustikal und die noch anwesenden Gäste waren zünftige Berner Stammgäste. Offensichtlich ist diese Bar seit 130 Mllionen Jahren ein Geheimtipp für nachtaktive Berner, im fortgeschrittenen Alter. An den Wänden hingen bemerkenswerte Gemälde, die an Pieter Brueghel den Älteren erinnerten. Allerdings waren alle Akteure auf diesen Gemälden Bären. Bären, die um roh gezimmerte Tische saßen und sich mit Krügen zuprosteten. Bären, die mit Laternen durch die Nacht liefen. Bären, die alles Mögliche taten – bemerkenswert und putzig.

Am Eingang der Bar stand eine Wurlitzer Musikbox. So etwas hatten wir seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Die Stammgäste warfen fleißig Räppli in diese Maschine. Auch die Songs, die ertönten, hatten wir seit Jahrzehnten nicht gehört. Diese Songs lieferten den eindeutigen Beweis dafür, dass in Bern die Uhren anders gehen. Es gibt nach meiner festen Überzeugung ausserhalb der Schweiz, keine Musikbox mehr, in der man “Der Mann mit der Mütze” von Udo Jürgens hören kann. Dieses Lied ist eine Hommage an Helmut Schön, der von 1964 bis 1978 Trainer der Deutschen Fußballnationalmannschaft war. Udo Jürgens schrieb dieses Lied nach dem Rücktritt von Helmut Schön. Der Refrain lautet:

“Der Mann mit der Mütze geht nach Haus.
Die lange Zeit des Langen, sie ist aus.
Der Mann mit der Mütze geht nach Haus.
Und uns’re Achtung nimmt er mit -
und unseren Applaus.”

Helmut Schön gehörte nie zu den Schnellen. Er war eher bedächtig, langsam und blieb sehr lange im Amt. Es sei ihm gegönnt, dass irgendwo in Bern noch eine Wurlitzer Musikbox steht, die langsamen Bernern das hohe Lied des langsamen “Langen” singt. Langsam sollte ich allerdings die Sache mit dem Meretsalat erklären.

In dieser Hotelbar gab es eine Getränke- und Speisekarte, auf der sich leider keine Cocktails fanden. Cocktails sind in Bern vermutlich noch relativ unbekannt. Wir tranken deshalb Weißwein, Bier und Mineralwasser. Angeboten wurde in der Rubrik “Speisen für den eiligen Gast” – man beachte die feine Ironie – ein Märitsalat. Wir bestellten ihn nicht, weil wir weder in Eile noch hungrig waren. Gesättig wie wir waren, fragten wir nicht einmal, was ein Märitsalat ist.

Bis heute wissen wir es nicht genau. Der Berner kommt wahrscheinlich erst in 130 Millionen Jahren dazu, den Märitsalat im Internet zu erklären. Gegoogelt liefert “Märitsalat” insgesamt 92 Einträge. Dabei handelt es sich um die Speisekarten und Wochenmenüs von Berner Restaurants. Rätselhaft bleibt, was genau ein Märitsalat ist. Meine Reisebegleiterin Nicole vermutete, es könnten Blatt- oder Marktsalat sein. Da die Website der Stadt Bern behauptet, “der Bärner Märit” biete bereits “seit Jahrhunderten Woche für Woche Erlebnisshopping”, und dazu das Bild eines Marktstands mit frischem Gemüse veröffentlicht, ist das eine ganz heiße Spur.

Wenn es in der Tat so ist, dass der Bärner Märit seit Jahrhunderten Erlebnisshopping bietet, dann ist das eine plausible Erklärung, für die Langsamkeit der Berner: Der Berner ist seiner Zeit weit voraus. Er kann es sich leisten, langsam zu sein. Mit Erlebnisshopping seit Jahrhunderten ist er uneinholbar für den Rest der Welt. Wir erinnern uns: Kein Land Europas hat sich so schnell aufgebauscht, wie die Schweiz – außer Österreich.

Trotzdem wären wir sehr dankbar für Hinweise auf die Beschaffenheit und die Zutaten zum Märitsalat. Gäbe es eine Wurlitzer Musikbox in Deutschland, die “Der Mann mit der Mütze” noch spielt, würden wir auch das gerne wissen.

Das Foto stammt von Frederic Pasteleurs und steht unter Creative Commons Licence.