Bombiertes Weißblech

23 09 2007

Der gerade erschienene Warenkatalog Nr. 20 des Waltroper Versandhauses Manufactum glänzt erwartungsgemäß nicht nur durch Dinge, die dem Vergessen entrissen werden, sondern auch mit einer feinen Ironie, die man von einem solchen Katalog kaum erwarten kann. Manufactum liefert, nach eigenem Bekunden, eine „fast literarische Warenkunde von Küche, Möbel, Kleidung, Werkzeug bis Spielzeug“. Manufacum, das ist die tiefere Wahrheit, lehrt uns vor allem die Demut vor den Dingen.

Bereits vor sieben Jahren unternahm Frank Müller unter dem Titel „Im Reich der Dinge“ den Versuch das Phänomen Manufactum umfassend zu beschreiben. So hieß es bereits im Katalog Nr. 11 aus dem Jahr 1999: „Von jedem Thermometer, jedem Küchenherd, jeder Armbanduhr und jeder Personenwaage hat man heute schrille Töne zu vergegenwärtigen. Der Mensch-Maschine-Dialog wird alltagsmächtig, und es ist abzusehen, wie er endet: eine entfesselt fiepsende Gerätschaft auf der einen und eine nervlich zerrüttete Menschheit auf der anderen Seite. Wir halten dagegen: die letzten schweigsamen Geräte.“ „Wohl aus diesen Gründen“, so schreibt Frank Müller, „belegt der Katalog auf der im Streiflicht der „Süddeutschen Zeitung“ vom 20.1.1999 geführten Rangliste der wichtigsten Bücher einen ehrenhaften zweiten Platz, nur noch übertroffen von Ovids „Liebeskunst“.

Es gibt sie auch in diesem Jahr noch, die guten Dinge. Sie sind aus bombiertem Weißblech oder anodisiertem Aluminium. Viel Bakelit ist dabei, aber auch Duroplast bekommt seine Chance. Man erfährt, dass kaum etwas dichter gewebt ist, als eine zweilagige Mullbindung. Skalen und Beschriftungen werden im „Untereloxaldruck appliziert“ oder „tiefgeätzt“. Der „Klingenhalter mit System“ ist aus „Zamak, vernickelt und mattverchromt.“ Der Griff der Saphirfeile hingegen ist aus Galalith.

Aber kommen wir zum literarischen Teil – zu den manchmal ironischen Produktbeschreibungen, den kulturgeschichtlichen Exkursen und den warentheoretischen Glaubensbekenntnissen. Da ist der Wäschesprenger aus Bakelit (Seite 252) und dazu heißt es: „Dem, der den Umgang mit technisch komplexen Dampfbügeleisen meidet, hilft dieser althergebrachte Wäschesprenger.“ Die Hosenträger Herkules (Seite 285) „stehen im Ruf, den deutschen Mann zusammenzuhalten.“ Oder (Seite 208): „Eine Teekanne, die nicht tropft, müsste aller Erfahrung nach ein Ding sein, das seine Existenz höherer als Menschenmacht verdankt.“ Ich möchte hinzufügen, dass ich ähnliches über Gasthermen vermute. Über den ZENA Rahmschläger (Seite 191) heißt es: „nach unseren Strichlisten ist dies eines der meistbegehrten Opfer der allgemeinen Küchenelektrifizierung“ – was immer das auch heißen,und für was das stehen mag!

Auf Seite 48 finden wir, als Präambel zu den Polstermöbeln, den Satz: „Der Polstermöbelbau ist zu einer Spielwiese für Möbeldesigner geworden, was wir gar nicht tadeln würden, wenn unter den mehr oder minder gelungenen Formen nicht regelmäßig das nackte Elend hauste.“ Apropos Spielwiese: Für die Kassette mit Rommé, Skat und Würfelspiel (Seite 347) findet man folgende Worte: „Spielkarten zeichnen sich dadurch aus, daß sie, wenn man sie braucht, nicht am vermuteten Platz und, ausnahmsweise doch dort angetroffen, nicht vollständig sind.“ Wie es gelingen könnte, dieses Ärgernis mit Hilfe der angebotenen Kassette aus der Welt zu schaffen, wird nicht erklärt.

Mein unangefochtener Liebling im neuen Katalog ist die Reliefkarte aus gebördeltem, bombiertem und geprägtem Weißblech auf Seite 39. „Die 70 cm breite Weltkarte aus Stahlblech zeigt die Welt mit ihren Höhen (die Tiefen läßt sie aus)“. Das steht für sich genommen schon für eine sehr positive und optimistische Welt- und Weitsicht. Aus dem Marianengraben heraus, kann man nicht besonders weit sehen, was ihn in touristischer Hinsicht sehr unattraktiv macht.

Äußerst gelungen finde ich den abschließenden Satz: Die Reliefkarte aus Stahlblech ist eine „filigran zu nennende Projektion unserer Erde, die die Gewalt der großen Gebirgsformationen ertastbar macht und etwa den Bergisch-Gladbacher auf beeindruckende Weise der Illusion beraubt, er lebe ziemlich weit oben.“

Das ist ein Seitenhieb, der sitzt. Da muss den Bergisch-Gladbachern doch schwindelig werden, ob dieser Zurückstutzung in die Höhenregionen einer kaum ertastbaren Erhebung. Im Vergleich zur Schweiz, Österreich und Nepal ist man höhenmäßig höchst mittelmäßig aufgestellt. Da fragt man sich schon was die Waltroper im Kreis Recklinghausen mit den Bergisch-Gladbachern im Rheinisch Bergischen Kreis für einen Strauß auszufechten haben. Waltrop liegt übrigens noch 200 Meter tiefer als Bergisch Gladbach, also bei Auslassung der Tiefen, knapp über der Darstellungsgrenze.

Dank Wikipedia weiß ich jetzt, dass als Bombieren eine wölbende Verformung bezeichnet wird. Allein schon das Maß an Unwissenheit, das wir uns bei der Lektüre des Versandhauskatalogs eingestehen müssen, nötigt uns zur Demut: vor den Machern und vor den Dingen. Frank Müller schrieb: „Denn der Mensch, er paßt gar nicht so recht in das Universum der Dinge. Und wenn er sich doch einmal einschleicht, dann werden ihm von Hoof und Mitarbeitern unnachsichtig die Leviten gelesen.“

Inwieweit sich Manufactum verformt, nachdem das literarische Versandhaus seit kurzer Zeit eine hundertprozentige Tochter der Otto-Gruppe ist, bleibt abzuwarten.

Die Abbildung zeigt die Weltkarte von Fra Mauro aus dem Jahre 1459 und steht unter Creative Commons Licence.





Pardauz: Pfefferkuchen

4 09 2007

Es mag am fortgeschrittenen Sommer liegen, der in meiner Erinnerung schon so verblasst ist, als habe er nie stattgefunden. Gestern dachte ich ganz plötzlich an Pfefferkuchen. Heute hab ich im Supermarkt Dominosteine gekauft. Und gerade hab ich die Heizung angeworfen.

Ich weiß nicht, ob die Warenwirt- schaftssysteme des deutschen Lebensmittel- einzelhandels mit Jörg Kachelmanns Firma Meteomedia so verkuppelt sind, dass sie dort die „gefühlte Temperatur“ extrahieren können: Die Temperatur sinkt und plötzlich wird’s Weihnachten in den Regalen. Wahrscheinlich ist es viel simpler. Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem plötzlichen Auftauchen von Apfel, Nuss und Mandelkern und dem Ende der Sommerpause von Reinhold Beckmann, ist wahrscheinlich vollkommen aus der Luft gegriffen. Weshalb sollte das angenehme Auftauchen von saisonalen Süßigkeiten in Supermärkten mit einem unangenehmen Ereignis, wie der Rückkehr von Beckmanns Talkshow im Ersten in einem direkten Zusammenhang stehen? Vielleicht ist man der Ansicht, alles im Leben habe seinen Preis? Und Ying und Yang bringe die saisonalen Süßigkeiten mit Beckmanns Rückkehr aus der Sommerpause in einen untergründigen Zusammenhang des Ausgleichs der Gegensätze? Eine ähnlich windige Theorie wäre, dass die vorweihnachtliche Völlerei zu medialen Katastrophen führe und insgesamt für das lausige Fernsehprogramm verantwortlich sei. Strafverschärfend dann gleich für das ganze Jahr. Oder sorge für Überschwemmungen in Griechenland.

Wenn man die High-Tech-Erklärung ebenso ausschließt, wie die esoterische Vernetzungstheorie von Allem mit Jedem und Jedem mit Allem, dann bleibt nur noch eine sehr einfache Erklärung übrig. Noch bevor der Letzte aus dem Sommerurlaub zurück ist, werden die Regale mit süßen Verheißungen gefüllt, die dem Rückkehrer zurufen: „Halt durch, bald ist Weihnachten!“ Dies scheint umso notwendiger, da die gefühlte Urlaubserholung, nach drei Wochen am Arbeitsplatz komplett aufgebraucht ist (laut Wirtschaftsmagazin Capital Nr. 18 auf Seite 12). Für Süßes und Genussvolles beginnt nach der sommerlichen Urlaubszeit zudem ein jährlicher wiederkehrender Wachstumszyklus. Denken wir nur an die alljährliche stattfindende Inkarnation von Mon Chéri.

Während Bären sich auf der nördliche Halbkugel allerorten ihren Winterspeck anfressen, Eichhörnchen emsig wie Eichhörnchen Nüsse sammeln und Zugvögel in Zugvogelschwärmen nach Süden ziehen, endet für viele Menschen jene Phase, die im Vorfrühling mit Frühlingsdiäten und Fitnesstraining begonnen hat. Nach all den Entbehrungen, wird das Leben wieder süß und üppig. „Süßer die Glocken nie klingen“ – wir hören sie schon jetzt. In ihrem Klang lassen wir uns ein wenig gehen, denn die gefühlte Entfernung zu Weihnachten ist nicht mehr so weit. Als Ethnologe könnte man behaupten, all diese Dinge beschleunigen unsere Zeitwahrnehmung. Valentinstag und Halloween bringen zusätzlichen Stress in den Ablauf der Dinge. Ein Ereignis jagt das nächste. Zwischen Frühlingsdiät und herbstlichem Zulegen, liegen gefühlte drei Wochen Urlaub. Natürlich ist man in diesen drei Wochen mobil erreichbar und im Grunde gar nicht fort, sondern nur ein wenig weg und trotzdem ständig verfügbar. Ich weiß nicht, ob andere Ethnologen, außer mir, dies behaupten. So kurz vor Weihnachten fehlt mir die Zeit für eine gründlichere Recherche. Wie sagte doch mein Freund Markus: „Sag mir mal, wann das war, damit ich ein Gefühl dafür bekomme, wie lange das her ist!“

Jedenfalls ist flugs das gesamte Repertoire der weihnachtlichen Süßigkeiten mit Kawumm in den Regalen des Einzelhandels gelandet. Kürzlich gab es noch Grillkohle in rauen Mengen. Und jetzt, pardauz, ist Vorweihnachtszeit.

Vordergründig habe ich bisher über Zeitwahrnehmung, Sommer und vorweihnachtliche Süßigkeiten gesprochen. Ein wenig hintergründiger geht es um Worte. Bei meinen Recherchen habe ich herausgefunden, dass man Wortpate werden kann, um bedrohte Worte vor dem Untergang zu retten. Bastian Sick beispielsweise hat sich das Wort „einander“ ausgesucht. Eine gute Wahl, wie ich finde. Nina Ruge hingegen will sich für die Wortfolge „Alles wird gut“ einsetzen. Keine gute Wahl! Liest man sich die Liste der prominenten Wortpaten durch, dann weiß man wie schwachsinnig wohlmeinende Initiativen im Internet enden können: Silberhochzeit – Iris Berben, Familiensinn – Dr. Ursula von der Leyen, Inkontinenz – SCA Hygiene Products GmbH, Freiheit – Ulrich Wickert, Drogeriemarkt – Dirk Rossmann GmbH.

Es gibt eine Initiative, die das Thema seriös behandelt. Bodo Mrozek, Autor des Buches „Lexikon der bedrohten Wörter“ veröffentlicht auf seiner „Website“ eine Rote Liste der Wörter, die vom Aussterben bedroht sind. In diese Liste würde ich meine schützenswerten Vokabeln einreihen. Diese sind: Pfefferkuchen, Kawumm, flugs und Pardauz.

Für den lautmalerischen Begriff Kawumm gibt es nicht einmal einen Eintrag im Duden. Pardauz ist dort als veraltet gebranntmarkt. Eine nicht mehr existierende Webseite meint, Pardauz gehöre „zur Kleinkindsprache“ und besage „soviel wie ‘hingefallen’“. Kleine Kinder sagen allerdings nicht „pardauz“, wenn sie hinfallen. Sie schreien. Pardauz sagten früher Erwachsene, wenn ganz flugs, plötzlich und überraschend ein Ereignis mit Kawumm eintrat, das so nicht unbedingt vorhersehbar war. Mit Pardauz fielen Bilder von den Wänden, oder Regale brachen mit Getöse zusammen. Padrauz sagte man hin und wieder, wenn endlich einmal ein Kind hinfiel. Das hieß dann soviel wie, „Da bist du aber mit Schwung aus vollem Lauf auf die Fresse gefallen“.

Ich meine, die Worte flugs, Kawumm und Pardauz könnten in unserer komplexen Welt eine ganz große Zukunft haben. Mit ihnen kann man das folgende aktuelle Geschehen ganz trefflich beschreiben: Da investiert ein sächsische Landesbank, über eine irländische Tochtergesellschaft, in us-amerikanische Immobilienfonts und, pardauz, mit heftigem Kawumm ist das ganze Geld futsch. Flugs wird der ganze Laden an die LBBW verkauft.

Kleine Notiz am Rande: Wäre die Demutsforschung in Deutschland weiter, und wäre sie in den Vorstandsetage der deutschen Konzerne als ernstzunehmender Forschungszweig etabliert, das Risikobewusstsein für solche Transaktionen wäre sicher höher.

Und zum Schluß: Trefflich ist auch so ein Begriff, der zur weiteren Verwendung von mir empfohlen wird. Aber darüber läßt sich trefflich streiten.

Das Foto stammt aus Wikimedia Commons und steht unter Creative Commons Licence.





Sprachpflege in Erlangen und anderswo

26 08 2007

Nahezu sprachlos machte mich heute, dass in Erlangen seit 27 Jahren ein Poetenfest stattfindet. Warum sagt einem das denn niemand? Hat man einmal ein Fass aufgemacht, kann es schnell bodenlos werden. Erlangen läßt mich nicht mehr los. Andere sprachpflegerische Nachrichten erreichten mich aus der Bachstadt Köthen und aus der Domstadt Köln.

In einem Beitrag zum Erlanger Poetenfest von Deutschlandradio Kultur gestand Martin Mosebach, der diesjährige Büchnerpreisträger: „In Erlangen war ich noch nie!“ Und das, obwohl das Poetenfest von Kritikern als „die größte Deutschstunde der Welt“ bezeichnet wird. Vielleicht auch gerade deshalb. Denn die Kritik zielt auf eine Beliebigkeit, die Literatur zum Event aufbläht. Bodo Birk, Festivalleiter und Sachgebietsleiter im Erlanger Kulturamt, ist offen für diese Kritik, betont aber, dass „was den Kern des Poetenfests anbelangt“, das Bemühen groß ist „es nicht überzueventisieren“. Damit ist ihm, in sprachpflegerischer Hinsicht, ein ganz großer Coup gelungen.

Zeitgleich mühten sich in der Bachstadt Köthen die Mitglieder der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft auf ihrem 1. Köthener Sprachtag der Übereventisierung der Sprache Paroli (= französisches Lehnwort, das soviel bedeutet, wie Widerstand entgegen setzten) zu bieten. Die Neue Fruchtbringende Gesellschaft knüpft an die Tradition der Altvorderen an. Die alte Fruchtbringende Gesellschaft wurde am 24. August 1617 im Stadtschloß zu Weimar gegründet und galt als die einflußreichste sprachpflegerische Vereingung des Barock. „Der Name Fruchtbringend / darum / damit ein jeder / so sich hinein begiebet / oder zu begeben gewillet / anders nichts / als was fruchtmeßig / zu Früchten / Bäumen / Blumen / Kräutern oder dergleichen gehörig / aus der Erden wächset / und davon entstehet / ihme erwehlen / und darneben überall Frucht zuschaffen äußerst beflissen seyn solle.“ (Georg Neumark: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1668.)

Als Ethnologe würde mich schon interessieren, wie der Palmenbaum (siehe Abbildung), als teutscher Baum, plötzlich im Signet dieser verdienstvollen Vereinigung auftauchen konnte. Aber das stellen wir jetzt zurück.

Seit dem 18. Januar 2007 wird das alte Programm durch die Neue Fruchtbringende Gesellschaft neu gecovert und das hört sich ganz gut an: Der Slavistik Professor Friedrich Wenzel konstatiert: Früher seinen die Erzeugnisse solide gewesen. Die Qualität und Dauerhaftigkeit habe für sich gesprochen. Heute sei die Wirklichkeit durch Wort und Grafikdesign ersetzt worden. Dies deute auf einen tiefgreifenden Mentalitäts- und Kulturwandel hin. Aber, so Wenzel: „Deutschland hat keine andere Ressource als die Köpfe. Und die Köpfe arbeiten ganz entscheidend mit der Sprache. Und so gut und scharf dieses Instrument Sprache ist, so gut ist die Arbeit dieser Köpfe.“

Vermeintlich gute Arbeit, in sprachpflegerischer Absicht, leistet sich die GEZ, mit Sitz in Köln – ausgeschrieben: Die Gebühreneinzugszentrale (GEZ) der öffentlich-rechtlichen Landesrundfunkanstalten (ARD), des Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) und des Deutschlandradio (DR). Viele Jahre hatte ich das Gefühl, als Gebührenzahler der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, sei ich im wesentlichen verdächtig meine Gebühren nicht zu zahlen. Seit einigen Wochen mehren sich bedenkliche Hinweise in den Programmen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, dass ich als zahlender Kunde und König wahrgenommen werde. Plötzlich bedankt man sich öffentlich in Rundfunk und Fernsehen bei mir, dass durch meine Gebühren ein derart hochwertiges und werbefreies Programm ermöglicht werde. Gleichzeitig nähert sich die gefühlte Qualität der Programme dem Niveau des Vergnügunsparks Haßloch. Ich selbst werde zur Nischenexistenz, die nur noch bei Arte und 3Sat Zuflucht und Zuspruch findet.

Die GEZ also, die all die Gebühren eintreibt, mit denen Programme finanziert werden, die ich nicht sehen will, betreibt mit meinem Geld jetzt auch noch Sprachpflege. Die GEZ hat die Wissensplattform akademie.de abgemahnt Begriffe wie „GEZ-Gebühren“, „PC-Gebühr“, „Gebührenfahnder“, „GEZ-Anmeldung“ oder „GEZ-Abmeldung“ nie wieder zu verwenden. Das Verbot wird damit begründet, dass die Nutzung der Begriffe nur dazu diene, „ein negatives Image der GEZ hervorzurufen“. Tschuldigung, liebe GEZ. Ihr verehrtes Image ist so gut wie die Programme, die durch ihren Gebühreneinzug finanziert werden. Ich verwahre mich entschieden dagegen, dass sie mit meinen Gebühren Sprachpflege betreiben. Kümmern sie sich um ihren Kram und machen sie hier nicht einen auf Sprachdiktatur im Sinne von George Orwells 1984.

Quellen:
Beitrag aus Deutschlandradio Kultur zum Erlanger Poetenfest
Beitrag aus Deutschlandradio Kultur zum 1. Köthener Sprachtag

Die Abbildung des Signets der „Fruchtbringenden Vereinigung“ stammt aus Wikipedia und steht unter Creative Commons Licence.





Eine Schnitte und ein Buchstabe

6 08 2007

Es gibt sie noch. Seit 74 Jahren steht sie in den Regalen der Lebensmittelläden. Ihre Verpackung wurde, seit mindestens zwanzig Jahren, kaum verändert. In den Vereingten Staaten von Amerika ist sie der Renner. Man ißt sie dort auf gebuttertem Brot, gebacken oder gegrillt, bis sie mit der Butter verschmilzt. Gäbe es sie nicht mehr im Laden, man könnte sie, zum doppelten Preis, bei Manufaktum bestellen.

Es geht um die Eszet Schnitte. Ein tapferer kleiner Brotbelag aus dem Vor-Nutella-Zeitalter. Kein Scheinnougatderivat mit der Konsistenz von Gips, sondern massive, ehrliche Schokolade, in Form von dünnen Täfelchen. Wie gemacht für ein Brötchen mit Butter.

In meiner Kindheit gab es nur ganz ausnahmsweise mal ein Brötchen mit dick Butter und Eszet-Schnitte. Ich hätte das gerne öfter gehabt. Als süßen Brotaufstrich. Stattdessen gab es dick Butter und eine der selbsteingekochten Marmeladen der zahlreichen Schwestern meiner Mutter. Gerne Brombeer, auch mal Himbeer oder Erdbeer und meist Mirabelle oder Pfirsich. Die Schwestern meiner Mutter lebten alle in einem Weinanbaugebiet und dort ist der Pfirsich, aber auch die Mirabelle, in Gärten leicht zu haben. Wahrscheinlich stehen noch immer einige ungeöffnete Gläser Mirabellenmarmelade im Keller meiner Mutter.

Beliebt war bei uns zu Hause auch die Zuckerschmer. Schmer steht für Fett und Schmalz. Hier steht es für dick Butter auf Brot mit Zucker. Wichtig war meiner Mutter die gute Butter. Es gab sie nur mit dem Attribut „gut“. Margarine hatte bei uns keine Chance. Bei dem, was auf die gute Butter kam, wurde allerdings gespart. Deshalb hatte ich nur selten eine Chance auf Eszet Schnitten. Es gab ja die selbsteingekochte Marmelade oder Zucker.

Das sich bald etablierende Nutella-Zeitalter ging komplett an mir vorüber. Ich hatte meine Nahrungsgewohnheiten schon auf salzig umgestellt, als Ferrero anfing den Markt der selbsteingekochten Marmeladen und Zuckerschmeren aufzurollen. Meiner Mutter bin ich bis heute dankbar, dass sie mich vor der verlogenen Welt einer Claudia Bertani (Kirschenverkosterin bei Ferrero) und vor dem tristen Snobismus von Raffaello gerettet hat. Trotzdem: Die eine oder andere Eszet Schnitte mehr hätte es schon sein können.

Nach allem, was man über Marketing und Werbung zu wissen glaubt: Es ist ein Wunder, dass die Eszet Schnitte bis heute überlebt hat. Diese Robustheit ist vielleicht dem geschuldet, was eine Marke im Kern ausmachen sollte: Qualität.

Für besondere Qualitäten steht auch ein kleiner Buchstabe. Als Großen gibt es ihn nicht. Es ist das Eszett. Das Eszett ist weder verwandt noch verschwägert mit der Eszet Schnitte. Die Eszet Schnitte hat ihren Namen von dem Unternehmen, das sie erfunden hat: Die Anfangsbuchstaben von Staengel & Ziller. Das Eszett hat auch Erfinder, aber deren Namen sind unbekannt.

In früheren Zeiten wurden Buchstaben noch geschnitten – auch eine kleine Gemeinsamkeit mit der schokoladigen Schnitte – und dann in Blei gegossen. Buchstaben waren Schwergewichte, wie Schokolade. Heute sind sie eine kleine Datei, die eine mathematische Beschreibung aller Buchstaben eines Alphabets enthält. Die Datei wiegt nichts. Man könnte sie essen ohne zuzunehmen. Buchstaben kann man im Internet bestellen und man bekommt sie auch übers Internet geliefert. Kein Postbote muß sich mehr mit Buchstaben abschleppen – es sei denn sie sind auf Papier gedruckt.

Das deutsche Alphabet war früher ein wenig schwerer als das Alphabet der Schweizer. Heute – als digitalisierte Schrift – wiegen beide Alphabete nichts mehr. Die deutsche Schriftsprache hat trotzdem noch etwas ganz spezielles. Es unterscheidet sie von allen anderen Schriftsytemen auf dieser Welt: das Eszett. Unser kleines Eszett ist das Kriterium, das den Unterschied macht. Im Vergleich zur Schweiz, ist des Eszett dafür verantwortlich, dass wir wenigstens einmal nachweisbar reicher sind, als die Schweizer. Die Schweizer können nicht unterscheiden zwischen den Bussen und der Buße. Die Busse fahren bei uns auf Straßen, in der Schweiz tut man Busse auf Strassen. In der Schweiz macht es oft die Masse, aber welche Maße da zugrundegelegt werden, ist unklar. In der Schweiz sind es die Masse.

Zugegeben – die Entscheidung, wann ein Eszett steht, wann ein Doppel-S und wann ein einfaches „s“ ist manchmal schwierig und nicht immer logisch. Die Unlogik ändert sich auch mit der Rechtschreibreform nicht. In einem Aufsatz zum Eszett schreibt Dieter E. Zimmer “Wir reformieren doch nicht die Inkonsequenz weg.” Dieter E. Zimmer mag das Eszett nicht und er findet es hässlich. Vor der Rechtschreibreform hätte er es häßlich finden müßen.

Ich hingegen finde das Eszett ausgesprochen hübsch. Für sich genommen mag es – wie ich finde – schon eine Schönheit sein. Ein Zeichen, das aus zwei Zeichen entstanden ist – also, wie man in der Sprache der Typographen sagt, eine Ligatur. Ein Zeichen, das beim Nachdenken über die korrekte Schreibweise etwas Mühe macht, aber beim Schreiben selbst Mühe erspart: Buy One Get Two. Darüber hinaus ein Zeichen, mit dem Status eines Buchstabens, das selbst kein Buchstabe ist, sondern ein Dehnungszeichen für den Laut davor. Das Eszett ist also in jeder Hinsicht etwas ganz besonderes.

Seine ganze Schönheit entfaltet sich aber erst im Zusammenspiel mit anderen Buchstaben. Das Eszett und das “f” sind die einzigen Kleinbuchstaben, die in der handschriftlichen Ausführung von Schrift (mittlerweile relativ unüblich), in der Kalligraphie und im kursiven Schriftschnitt die größtmögliche vertikale Ausdehnung einer Schrift ausnutzten. Die kleinen Buchstaben „f“ und „ß“ haben eine Oberlänge und eine Unterlänge. Damit schwingen Sie in der größten Amplitude, die das typografische Liniensystem einem Buchstaben zugestehen kann. Nur das große “J” und das große “Q” können da noch mithalten.

Mit diesem Ausschlag von ganz unten, nach ganz oben, setzt das Eszett Akzente und erzeugt Aufmerksamkeit und Rhythmik im langen eintönigen Fluß der Buchstaben. Es erzeugt, wie die Synkope im Art-Rock, oder die Clave in der lateinamerikanischen und afrikanischen Musik, eine komplexe Rhythmik.

Das Eszett ist nicht nur ein Zeichen, das man nach logischen Gesichspunkten gut oder schlecht finden kann. Darüberhinaus hat es eine ästhetische Qualität, ist Ausdruck unserer regionalen Schriftgeschichte und es sorgt dafür, dass handschriftliche und kursiv gedruckte Texte eine dynamische Qualität bekommen, die in anderen lateinischen Schriftsystemen in dieser Form nicht vorkommen. Wie die Eszet Schnitte ist das Eszett der pure Luxus, und außerdem kurios und einzigartig.

Am Ende gibt es zwei gute Nachrichten: Die Eszet Schnitte hat sich behauptet, indem sie sich treu geblieben ist. Vielleicht haben die karriereorientierten Produktmanger sie auch in den ganzen Jahre nicht beachtet. Heute könnte sie das Potenzial zu einer Kultmarke haben. Mein Appell: Mütter und Väter in Mutterschaft, kauft euren Kindern Eszet-Schnitten.

Der Buchstabe Eszett wird auch die Rechtschreibreform überstehen und – wie im April diesen Jahres in Focus und TypoWiki berichtet wurde: Ein Großbuchstabe des Eszett (das Versal-Eszett) ist in Arbeit. Damit verschwinden einige Kuriositäten aus unserem STRAßENBILD und unseren Drucksachen. Auch das kann man bedauern.

Weitere Quellen:
- Die Eszett-Seite
- Terradigitalis.net über die Eszet Schnitte


Das Foto stammt vom Autor des Beitrags und steht unter Creative Commons Licence





Almut und Helmut

1 08 2007

“Der, die, das – wie, wo, was – wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt bleibt dumm!” Manchmal bleibt man dumm, auch wenn man fragt. In der Demutsforschung gibt es noch viele offene Fragen. Bastian Sick, bekannt durch den Bestseller Der Dativ ist dem Genetiv sein Tod, hat eine solche Frage aufgeworfen.

In seiner Kolumne Zwiebelfisch in spiegel online ging es unter der Überschrift “Die weibliche Mut” um die Frage, weshalb der Mut männlich, die Demut aber weiblich ist. Dies macht die Wörter, die auf -mut enden, ein wenig rätselhaft. Der Edelmut, der Hochmut, der Kleinmut, der Wankelmut, der Wagemut sind männlich. Die Anmut, die Armut, die Langmut, die Sanftmut, die Schwermut, die Wehmut und eben auch die Demut sind weiblich.

Die Antwort, die von den Sprachforschern angeboten wird, befriedigt Bastian Sick nicht. Mich noch viel weniger. „Extrovertierte Affektbegriffe“ seien, so die Linguisten, „meist maskulin, introvertierte meist feminin“. Auch wenn sich nach dieser Regel die Zuordnung einigermassen plausibel machen läßt, so fragt man sich doch, warum soll Gleichmut extrovertierter sein als Langmut.

Es zeigt sich, dass auch in der Sprachforschung noch einiges im Ungewissen liegt. Das Ungewisse aber ist das Gebiet, aus dem die Demutsforschung ihre wesentlichen Impulse bezieht. Ganz am Anfang des gerade erschienenen Buchs Das Lexikon des Unwissens kommt Donald Rumsfeld als Theoretiker des Unwissens zu Wort:

„There are known knowns:
There are things we know that we know.
There are known unknows: that is to say
there are thinks that we know we don’t know.
But there are also unknown unknowns:
There are thinks we do not know we don’t know.
And each year we discover
a few more of those unknown unknows.“

Da ist es tröstlich, dass man andere Dinge ganz sicher weiß: Als Bastian Sick die Sache mit den auf -mut endenden Wörtern vor einer Schulklasse ansprach, sagte einer der Schüler: „Bei uns daheim ist das auch so! Meine Mama heißt Almut und mein Papa heißt Helmut!“


Dieser Artikel ist ein Update zu: Zum Stand der Demutsforschung in Deutschland


Die Abbildung zeigt das Bild von Eugéne Delacroix La liberté guidant le peuple. Die Abbildung steht unter Creative Commons Licence





Thesen und Tatsachen II – An die Wand geworfen

27 07 2007

Bei der Beschäftigung mit der zweiten These des Projekts rethinking business dachte ich an jene Werbung für die Gelben Seiten, in der es heißt: “Warum fragen sie nicht jemanden, der sich damit auskennt?” Den Thesen hätte das gut getan.

Nachdem wir schon bei der ersten These feststellen konnten, dass die Autoren von Wirtschaft sprachen, wir aber nicht wußten, was sie mit Wirtschaft meinten, setzt sich das bei der zweiten These fort. Beim Nachdenken über diese Thesen, geht es mir ein wenig wie der Königstochter in dem Märchen Der Froschkönig, die beim Spielen im Wald Dinge findet, die sie gar nicht sucht.

These # 02
“Der freie Austausch von Wissen und Kreativität sind die Grundlagen des zukünftigen Wohlstands. Die Wirtschaft tut sich mit beidem schwer.”

Aha, die Wirtschaft tut sich schwer. Das wissen wir, das tut sie meistens – bei Arbeitsplätzen, bei Ausbildungsplätzen, bei Zukunftsperspektiven, bei Antworten auf den demografischen Wandel und bei so mancherlei. Wer aber ist die Wirtschaft? Die Wirtschaft, das ist in diesem Zusammenhang so unspezifisch, wie die Politik, die Kultur, die Wissenschaft, die Findlingseigentümer oder die Hundebesitzer. In ungezählten Politikerstatements wird an solche ungreifbare Subjekte appelliert – an die Hundbesitzer zuletzt, als es darum ging eine Maulkorbpflicht für aggressive Hundrassen zu stoppen. Diese Appelle zeigen nie irgendeine Wirkung, außer einer aufschiebenden. Ersetzte man Wirtschaft durch Unternehmen, dann könnte man darüber vielleicht noch sinnvoll reden. Man hätte sich dann diese These aber auch sparen können, da in These 7 diejenigen Unternehmen als nicht zukunftsfähig erklärt werden, die sich abschotten.

Die These möchte, dass wir darüber diskutieren, ob der “freie Austausch von Wissen und Kreativität (…) die Grundlagen des zukünftigen Wohlstands sind”. Ich kann mir vorstellen, wie ein Austausch von Wissen funktionieren könnte – schließlich bin ich lange Jahre in die Schule gegangen und ein wenig Wissen ist, durch den Einfluß dieser Institution, auch bei mir angekommen. Aber wie funktioniert der Austausch von Kreativität? Nach einer gängigen Definition hängt Kreativität “von Begabungen, Motivationen und Persönlichkeitseigenschaften ab”. Wie tauscht man die Eigenschaften einer Persönlichkeit? Indem man, wie es in einigen schriftlosen Kulturen üblich war, die Hirne der Verstorbenen ißt? Oder funktioniert es, wie in dem Science Fiction Klassiker Invasion der Körperfresser? Oder kann die, in These 11 erwähnte, Bionic Society helfen?

In der letzten Ausgabe der Zeit (vom 26. Juli 2007) las ich mit Vergnügen den Beitrag von Josef Joffe über das Phänomen, dass Power-Point Präsentationen den Geist beschädigen (“An die Wand geworfen” auf Seite 42). Er zitiert dort Edward E. Tuftes Buch The Cognitive Style of PowerPoint mit den Worten: “Bullet outlines can make us stupid.” Die Merkmale der Sprache in PowerPoint-Präsentationen sind die Redundanz (Wiederholung) und das Generische – der Allgemeinplatz. Es wird gesprochen ohne zu denken. “Wir verdummen uns selber,” so Joffe, “wenn wir nichts mehr sagen, sondern nur noch reden.” Die “stumpfe Sprache stumpft auch das Gehirn ab – des Redners wie des Zuhörers.” “Und deshalb dräut der Untergang des Abendlandes, dieser wunderbaren Kultur, deren festes Fundament der klare Gedanke, das rigorose Räsonnieren, die präzise Sprache waren.” So schließt Josef Joffe.

Und ich – ich würde meinen, dass Unternehmen, die sich mit Zukunftsforschung beschäftigen, wie z-punkt – The Foresight Company, die Sprache der Zukunft vielleicht vorwegnehmen. Das hat seinen Preis. Die Probleme der Gegenwart bleiben ungelöst, da sie in einer Sprache formuliert werden, in der man nicht sinnvoll antworten kann. Statt unbedachte Bullet Points zu produzieren, wäre es sinnvoller intelligente Fragen zu stellen. Nach Ludwig Wittgenstein ist “der Sinn einer Frage (…) die Methode ihrer Beantwortung. Sage mir wie du suchst, und ich werde dir sagen, was du suchst.” Ich würde sagen, The Foresight Company sucht noch nach der richtigen Formulierung für wichtige Zukunftsfragen. Der Verzicht auf PowerPoint eröffnet da eine zukunftsfähige und nachhaltige Perspektive.

In all dem Überfluß gibt es keinen Mangel an offenen Fragen: Wovon hängt der zukünftige Wohlstand ab? Geht es um unseren zukünftigen Wohlstand, oder um den Wohlstand aller Erdenbürger? Geht es um Wohlstand für einige, oder um Gerechtigkeit für alle? Ist auch der zukünftige Wohlstand Gegenstand von Verteilungskämpfen und Machtinteressen? Ist der freie Austausch von Wissen in der Sphäre der Wirtschaft nur ein romantischer Gedanke, wie der fromme Spruch “Don’t be evil” von eBay? Tummeln sich im Web 2.0 nur gute Menschen oder, neben der Abmahnindustrie, auch jede Menge anderer Betrüger? Geht es um die Kontrolle der Wertschöpfung, wie das Beispiel iPod zeigt, oder darum, wie bei einem Pfadfindertreffen, alles brüderlich zu teilen? Ist Industriespionage vielleicht sogar der Kern einer neuen Kreativitätsindustrie, die die Basis für zukünftigen Wohlstand schafft?

Vielleicht bewegen wir uns jetzt endlich auf dem Terrain der ungelösten Menschheitsfragen. Aber vielleicht sind die Fragen jetzt auch nur so gestellt, dass es darauf sinnvolle Antworten geben kann. Darauf kann ich nur warten.

Am Ende fällt mir noch einmal das Märchen vom Froschkönig ein. In diesem Märchen mußte man nur eine häßliche Kröte an die Wand werfen, damit sie sich in einen schönen Prinzen verwandelte. Den konnte man sogar in echt heiraten, und war glücklich bis ans Ende aller Tage. Das war (Originaltext) “in den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat.” In der Sprache der Bullet Points werden statt Kröten meist Märchen an die Wand geworfen, die werden dadurch nicht schöner und das Wünschen hilft nicht mehr.


Bildnachweis: Lizenzbedingungen der Abbildung der Königstochter.





Sammelsalarium

30 06 2007

Es gibt Worte, die sehen vertraut aus, dabei gibt es sie gar nicht. Es gibt aber auch Worte, die schaut man an, und je länger man hinschaut, umso fremder wirken sie. Alexander Kluge läßt in seine Film Die Patriotin eine Stimme aus dem Off sagen: „Je näher man ein Wort anschaut, um so ferner schaut es zurück“.

Sammelsalarium ist zweifellos ein schönes Wort. Jeder weiß, dieses Wort gibt es im Deutschen nicht. Gemeint ist natürlich Sammelsurium, das umgangssprächlich für Unordnung, Durcheinander und fehlende Systematik steht. Unklar ist, ob der Vater von Sabine, von dem dieses Sammelsalarium stammt, Sammelsurium bewußt verballhornt (Verballhornung: auch ein schönes Wort), oder ob er sich ganz im Einklang mit der korrekten Sprech- und Schreibweise wähnt.

Meine Mutter beispielsweise glaubt seit einem halben Jahrhundert, dass sie das Wort Tschüß richtig ausspricht. Dabei sagt sie jedes Mal Schüß – also mit einem “Sch” zu Beginn, wie bei “Schülerausweis”. Mein Mutter kauft seit einem halben Jahrhundert ihren Kaffee bei Tchibo und dieses Tchibo spricht sie vollkommen korrekt aus. Dass ihr “Schüß” irgendwann einmal wie Tchibo anfängt, daran glaube ich nicht mehr.

Ähnliches ist mir neulich selbst widerfahren und mein Freund Bernhard hat dies in seinem Kommentar zum Beitrag Berufswunsch:Grantler zum Thema gemacht. Er beginnt mit der Beobachtung, dass mir eine gewisse Rechtschreibschwäche, vor allem auch in der Interpunktion, zu Recht nachgesagt werden könnte. In der Tat ist die Anwendung von Regeln nicht so ganz mein Ding. Schon in der Schule definierte ich die Anzahl der Kommata in einem Text nach dem arithmetisches Mittel, und setzte sie an den Stellen ein, wo sie am Besten aussahen. Was Bernhard allerdings länger beschäftigte, war das von mir gewählte Wort Obzession. Sein Kommentar schließt mit den Worten: “Bitte erlöse mich: War es nur ein Schreibfehler? Oder steckt mehr dahinter?”

Lieber Bernhard, es war nicht nur ein Schreibfehler und es steckt auch nicht mehr dahinter! Deine Frage muss ich also mit einem entschiedenen Weder-Noch beantworten. Wenn man so will, dann war es zunächst nur ein singulär auftretender Fehler in meiner Aussprache – im Unterschied zu ständig und allerorten auftretenden Sprach- oder auch Sprechfehlern. Es steckt allerdings insofern mehr dahinter, als man sich mit der Aussage “Das Finnische ist einfach, weil man so spricht, wie man schreibt!” vollkommen neu auseinandersetzen müßte. Ganz davon abgesehen, dass das Finnische alles andere als einfach ist, gilt diese Aussage für keine der mir bekannten Sprachen. Auch im Deutschen spricht man nicht, wie man schreibt. Allerdings schreibt man – fatalerweise – manchmal wie man spricht.

Ich jedenfalls habe das beanstandete Wort Obzession in der Vergangenheit höchst selten geschrieben. Grantelnd benutze ich es schon sehr lange, und dabei immer mit einem “z” nach dem einleitenden “obs”. Also so, als ob ich “obszön” sagen wollte. Deine Irritation hätte ich vermeiden können, hätte ich von “Besessenheit” gesprochen. Aber jetzt ist mir meine Aussprache ins Schriftliche geraten und das hat seine Weiterungen.

“Je näher man ein Wort anschaut, um so ferner schaut es zurück”. Kurz hatte ich bei der Niederschrift gestutzt, und andere Schreibweisen in Erwägung gezogen. Viele kamen nicht in Frage. Die vermutlich Richtige wurde ohne Konsultation des Duden verworfen, da sie – nach meinem Geschmack – nicht gut aussah. Obsession – das riecht doch stark nach Parfüm. Interessant sind aber Deine vergleichenden Studien, nach denen Du feststelltest, dass Obzession, in der von mir zugedachten Bedeutung, kein deutsches und auch kein englische Wort sein kann.

Im Spanischen bedeutet obsession neben Zwangsvorstellung auch Besessenheit und – Leidenschaft. Dies kommt dem von mir angestrebten Sinn des Textes sehr entgegen. Für die Zukunft gelobe ich: Ich werde meine Rechtschreibung durch eine Verfeinerung meiner Aussprache verbessern. Dort wo es möglich ist, werde ich, globalisierungskritisch, nach dem entsprechenden deutschen Wort suchen. Für das Sammelsalarim, dass ich dadurch angerichtet habe, dass ich schrieb, wie ich sprach, entschuldige ich mich bei allen, denen ich Kopfzerbrechen bereitet habe. Sammelsalarium finde ich viel besser, als Sammelsurium, da es augenscheinlich ein viel größeres Durcheinander anrichtet.

Gerade komme ich aus Norwegen zurück. Ein wunderbares Land mit ebenso wunderbaren 4.681.100 Einwohnern. Die norwegische Sprache kennt kein “Z”. Unser Zentrum heißt dort Sentrum. So kann man sich viel Ärger ersparen. Allerdings spricht auch der Norweger nicht wie er schreibt. Das Norwegische kennt, nach meiner Schätzung, etwa vierhundertdreiundneunzig Aussprachen des Buchstabens “A”. Das “Å” spricht man aber wie “O”.

Dieser Artikel bezieht sich auf den Kommentar von Bernhard zu Berufswunsch: Grantler