Kommode kommt von Comedy

28 08 2007

Gerade macht ein schwedisches Unternehmen, das vor allem witzige Montageanleitungen produziert, mit der Behauptung auf sich aufmerksam, Mode käme von Kommode. Das ist natürlich Unsinn. Soll aber witzig sein.

Gibt man bei Google „Montagean- leitungen Ikea“ ein, führt der erste Eintrag – na, wohin wohl? Zu Ikea! Dort liest man: „Wir sind gerade dabei, Montageanleitungen auf unserer Website zugänglich zu machen“. Jetzt winken rosige Zeiten für die Liebhaber der witzigen kleinen Comics.

Bisher suchte man die lustigen Zeichnungen vergebens im Internet. Das lag daran, dass die Ikea-Montageanleitungen urheberrechtlich geschützt waren und Ikea kein Interesse daran hatte, den Erwerb der Montageanleitungen freizugeben. In ihren Besitz konnte man nur gelangen, wenn man das dazu passende Möbelstück erwarb. Endlich – so kann man die Ankündigung von Ikea deuten – muss man nicht mehr teure Möbel kaufen, um an die begehrten Zeichnungen zu kommen.

Noch vollkommen unklar ist, mit was Ikea in Zukunft Geld verdienen will. Als nahezu ausgeschlossen gilt, dass dies allein mit Möbeln möglich sein wird. Die Ikea-Montageanleitungen haben den Kultstatus der Marke Ikea maßgeblich mitgeprägt. Von einer eher ungeliebten und gesetzlich geforderten Beigabe, wurde die Montageanleitung zum entscheidenden Alleinstellungsmerkmal der Marke Ikea – zu einem Produktbestandteil, der Ikea sehr wirksam von konkurrierenden Marken, wie beispielsweise Interlübke, Vitra, USM und Bulthaupt, abgrenzte.

Die Ikea-Montageanleitungen haben es sogar geschafft als „Ikea-Klausel“ Eingang in die Rechtsprechung zu finden. Der § 434 des Bürgerlichen Gesetzbuches enthält seit Januar 2002 folgende Formulierung: „Ein Sachmangel liegt bei einer zur Montage bestimmten Sache ferner vor, wenn die Montageanleitung mangelhaft ist, es sei denn, die Sache ist fehlerfrei montiert worden.“ Genau das ist die „Ikea-Klausel“.

Mit was will Ikea also in Zukunft Geld verdienen, wenn die Montageanleitungen frei im Internet verfügbar sind? Andere Unternehmen und Konzerne haben es bereits vorgemacht. Die Deutsche Bahn zum Beispiel, transportiert nur noch aus nostalgischen Gründen Menschen und Güter. Eigentlich betreibt sie, in gut frequentierten Lagen, Shopping Malls. Die Volkswagen AG ist in erster Linie eine Bank. Nur zum Schein werden noch Autos verkauft. McDonalds ist eine Promotionagentur für Filme und Events. Fastfood wird nur noch verkauft, um mit einem profitablen Franchise-Modell globale Promotionareas anbieten zu können.

Harald Schmidt, der gerade im Fernsehen fünfzig wurde, ist ein gutes Beispiel für Veränderungen des Geschäftsmodells. Als Schauspieler mit kleinen Rollen gestartet, war der erste Schritt zu großen Karriere, seine Mitarbeit im Düsseldorfer Kom(m)ödchen. Vom Schauspieler wurde er zum Kabarettist. Aber erst mit Comedy und Late-Night-Shows kam das große Geld. Was er heute macht, weiß niemand so ganz genau. ARD-Kollegen reden ihn mit „Mein Teuerster“ an.

Was SAP, der weltweit führende Hersteller von Unternehmenssoftware, in Zukunft machen wird, weiß man auch nicht ganz genau. Dass SAP ins Unterhaltungsgeschäft einsteigen will und mit Unternehmen wie Endemol oder der Walt Disney Company in Wettbewerb treten wird, ist unbestätigt. Obgleich das Beispiel aus GoogleVideo (siehe unten) hoffnungsvolle Ansätze in Richtung Comedy enthält. Wer weiß, vielleicht entwickelt SAP eine taugliche Version von globalem Denglisch 1.0 – und wir alle müssen Lizenzgebühren zahlen, weil wir so sprechen.


Das Foto stammt vom Autor des Beitrags und steht unter Creative Commons Licence





Sprachpflege in Erlangen und anderswo

26 08 2007

Nahezu sprachlos machte mich heute, dass in Erlangen seit 27 Jahren ein Poetenfest stattfindet. Warum sagt einem das denn niemand? Hat man einmal ein Fass aufgemacht, kann es schnell bodenlos werden. Erlangen läßt mich nicht mehr los. Andere sprachpflegerische Nachrichten erreichten mich aus der Bachstadt Köthen und aus der Domstadt Köln.

In einem Beitrag zum Erlanger Poetenfest von Deutschlandradio Kultur gestand Martin Mosebach, der diesjährige Büchnerpreisträger: „In Erlangen war ich noch nie!“ Und das, obwohl das Poetenfest von Kritikern als „die größte Deutschstunde der Welt“ bezeichnet wird. Vielleicht auch gerade deshalb. Denn die Kritik zielt auf eine Beliebigkeit, die Literatur zum Event aufbläht. Bodo Birk, Festivalleiter und Sachgebietsleiter im Erlanger Kulturamt, ist offen für diese Kritik, betont aber, dass „was den Kern des Poetenfests anbelangt“, das Bemühen groß ist „es nicht überzueventisieren“. Damit ist ihm, in sprachpflegerischer Hinsicht, ein ganz großer Coup gelungen.

Zeitgleich mühten sich in der Bachstadt Köthen die Mitglieder der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft auf ihrem 1. Köthener Sprachtag der Übereventisierung der Sprache Paroli (= französisches Lehnwort, das soviel bedeutet, wie Widerstand entgegen setzten) zu bieten. Die Neue Fruchtbringende Gesellschaft knüpft an die Tradition der Altvorderen an. Die alte Fruchtbringende Gesellschaft wurde am 24. August 1617 im Stadtschloß zu Weimar gegründet und galt als die einflußreichste sprachpflegerische Vereingung des Barock. „Der Name Fruchtbringend / darum / damit ein jeder / so sich hinein begiebet / oder zu begeben gewillet / anders nichts / als was fruchtmeßig / zu Früchten / Bäumen / Blumen / Kräutern oder dergleichen gehörig / aus der Erden wächset / und davon entstehet / ihme erwehlen / und darneben überall Frucht zuschaffen äußerst beflissen seyn solle.“ (Georg Neumark: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1668.)

Als Ethnologe würde mich schon interessieren, wie der Palmenbaum (siehe Abbildung), als teutscher Baum, plötzlich im Signet dieser verdienstvollen Vereinigung auftauchen konnte. Aber das stellen wir jetzt zurück.

Seit dem 18. Januar 2007 wird das alte Programm durch die Neue Fruchtbringende Gesellschaft neu gecovert und das hört sich ganz gut an: Der Slavistik Professor Friedrich Wenzel konstatiert: Früher seinen die Erzeugnisse solide gewesen. Die Qualität und Dauerhaftigkeit habe für sich gesprochen. Heute sei die Wirklichkeit durch Wort und Grafikdesign ersetzt worden. Dies deute auf einen tiefgreifenden Mentalitäts- und Kulturwandel hin. Aber, so Wenzel: „Deutschland hat keine andere Ressource als die Köpfe. Und die Köpfe arbeiten ganz entscheidend mit der Sprache. Und so gut und scharf dieses Instrument Sprache ist, so gut ist die Arbeit dieser Köpfe.“

Vermeintlich gute Arbeit, in sprachpflegerischer Absicht, leistet sich die GEZ, mit Sitz in Köln – ausgeschrieben: Die Gebühreneinzugszentrale (GEZ) der öffentlich-rechtlichen Landesrundfunkanstalten (ARD), des Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) und des Deutschlandradio (DR). Viele Jahre hatte ich das Gefühl, als Gebührenzahler der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, sei ich im wesentlichen verdächtig meine Gebühren nicht zu zahlen. Seit einigen Wochen mehren sich bedenkliche Hinweise in den Programmen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, dass ich als zahlender Kunde und König wahrgenommen werde. Plötzlich bedankt man sich öffentlich in Rundfunk und Fernsehen bei mir, dass durch meine Gebühren ein derart hochwertiges und werbefreies Programm ermöglicht werde. Gleichzeitig nähert sich die gefühlte Qualität der Programme dem Niveau des Vergnügunsparks Haßloch. Ich selbst werde zur Nischenexistenz, die nur noch bei Arte und 3Sat Zuflucht und Zuspruch findet.

Die GEZ also, die all die Gebühren eintreibt, mit denen Programme finanziert werden, die ich nicht sehen will, betreibt mit meinem Geld jetzt auch noch Sprachpflege. Die GEZ hat die Wissensplattform akademie.de abgemahnt Begriffe wie „GEZ-Gebühren“, „PC-Gebühr“, „Gebührenfahnder“, „GEZ-Anmeldung“ oder „GEZ-Abmeldung“ nie wieder zu verwenden. Das Verbot wird damit begründet, dass die Nutzung der Begriffe nur dazu diene, „ein negatives Image der GEZ hervorzurufen“. Tschuldigung, liebe GEZ. Ihr verehrtes Image ist so gut wie die Programme, die durch ihren Gebühreneinzug finanziert werden. Ich verwahre mich entschieden dagegen, dass sie mit meinen Gebühren Sprachpflege betreiben. Kümmern sie sich um ihren Kram und machen sie hier nicht einen auf Sprachdiktatur im Sinne von George Orwells 1984.

Quellen:
Beitrag aus Deutschlandradio Kultur zum Erlanger Poetenfest
Beitrag aus Deutschlandradio Kultur zum 1. Köthener Sprachtag

Die Abbildung des Signets der „Fruchtbringenden Vereinigung“ stammt aus Wikipedia und steht unter Creative Commons Licence.





Nabelschau – Wissenswertes über Schildau

18 08 2007

Vor einigen Wochen las ich in Bastian Sicks Kolumne Zwiebelfisch unter dem Titel “Willkommen in der Marzipanstadt” einen erhellenden Beitrag über die Namenszusätze von Städten, die ihrem Stadtmarketing die Arbeit erleichtern wollen. Am letzten Mittwoch befand ich mich in einer ausgelassenen Gesellschaft, die ausgiebig das Thema Bauchnabel besprach. Wie geht das zusammen? Mal sehen!

Neben der von Bastian Sick im Zwiebelfisch aufgeführten „Rattenfänger- stadt Hameln“, der „Störtebe- kerstadt Ralswiek“ und der „Leineweber- stadt Bielefeld“ gibt es noch jede Menge anderer Städte, die sich mit Namenszusätzen interessant machen wollen. Da gibt es die Bundesstadt Bonn, die mal Hauptstadt war und sich jetzt mit einem zweifelhaften Status begnügen muss, wie sonst nur Bern in der Schweiz. Es gibt die „Skatstadt Altenburg„, die „Otto-Dix-Stadt Gera„, die „Mohrenstadt Eisenberg„, die „Konrad-Zuse-Stadt Hoyerswerda„, die „Wissenschaftsstadt Darmstadt„, die „Barbarossastadt Gelnhausen„, die „Niebelungenstadt Worms„, die „Glasstadt Zwiesel„, die „Lichtstadt Jena„, die „Schöfferstadt Gernsheim„, die „Brüder-Grimm-Stadt Hanau„, die „Schillerstadt Marbach„, die „Ringelnatzstadt Wurzen„, die Barlachstadt Güstrow, die „Musikstadt Markneukirchen“ und die „Pferdestadt Warendorf„. Die Liste ist unvollständig und kann jederzeit über Kommentare ergänzt werden.

Alle diese Städte haben eines gemeinsam. Sie wollen sich durch ihre Namenszusätze zum Nabel der Welt machen – sich in die Mitte rücken und aufbauschen wie die Schweizer. Dabei konkurrieren sie mit Orten wie Delphi und der Osterinsel, die bereits seit Jahrhunderten als Nabel der Welt eingeführt sind.

Weder die Osterinsel noch Delphi haben bisher Schildau auf dem Radar. Dabei hat Schildau das Zeug zum neuen Nabel der Welt zu werden. Schildau liegt im Freistaat Sachsen. Genauer: im Landkreis Torgau-Oschatz. Schildau hat bereits einen Namenszusatz: Gneisenaustadt Schildau. Der bringt allerdings nicht viel. Wer will schon wirklich wissen, wer Gneisenau war.

Schildau ist die Stadt, die sich schon im 16. Jahrhunder mit Schildbürgerstreichen ein Alleinstellungsmerkmal im Wettbewerb der Städte sichern wollte. Die Quellenlage dazu ist aber nicht ganz eindeutig, da auch Schilda in Brandenburg, Beckum und Teterow die Ehre der Schildbürgerschaft für sich beanspruchen. Imagemäßig ist das auf lange Sicht im Wettbewerb der Städte sowieso kein entscheidender Vorteil.

Hoffnung weckt nun eine private Initative, die Schildau als Nabelstadt neu positionieren will. Das Forum www.bauchnabelvergleich.de bietet den Bauchnabelinteressierten allerhand. Die Idee für das fingierte Ortsschild (Abbildung links) stammt von dieser Website. Unter anderem werden geboten: Nabelvoting, Nabelupload, Nabelspiele, Nabellinks und Partynabel. Für jeden ist da etwas dabei. Nur für mich nicht. Ich bin eher Nabelverächter. Daran ist nichts zu ändern. Auch wenn „Bauchnabel“ in anderen Sprachen viel netter klingt: Ombligo auf spanisch, oder bellybutton auf englisch. Bei der Sicherheitseinweisung auf Flugreisen kann ich mir das besonders schön vorstellen: „In case of emergency please press your bellybutton“.

Den eigenen Nabel hat man immer bei sich. In der Regel weiß man auch ganz genau, wo er sich befindet. Städte müssen schauen, wo sie bleiben und wo sie ihren Nabel finden. Die einen versuchen es mit einem Prädikat. Andere wollen sich mit einem Slogan zum Nabel der Welt machen. Hier eine kleine Auswahl von Städten und Gemeinden, denen ein vorangestelltes Prädikat nicht ausreicht. Sie haben sich Slogans erfunden:

Bad Dürkheim – Kur-, Wein- und Erlebnis-Stadt
Bad Liebenzell – im Schwarzwald ganz oben
Bad Wörrishofen – Gesundheit auf dem besten Weg
Bebra – sieh mal da!
Birkenau – Das Dorf der Sonnenuhren
Brandenburg – Die Stadt im Land
Braunschweig – Die Löwenstadt
Castrop-Rauxel – Europastadt im Grünen
Bingen – einfach sympathisch
Datteln – Leben am Wasser
Eberstadt – Leben in traubenhafter Umgebung
Eberswalde – Tradition in Bewegung
Ennepetal – Stadt der Kluterthöhle
Frankenberg – Das Beste zwischen Himmel und Eder
Emden – Das Meer an Leben
Friedberg beflügelt
Göttingen – Stadt die Wissen schafft
Groß-Umstadt – Odenwälder Weininsel
Karlsruhe – Denkfabrik mit Lebensart
Kirn – Nahe am Leben
Lindenfels – Perle des Odenwalds
Mainz – Die Gutenberg- und Medienstadt
Papenburg – offen für mehr
Regensburg – Spitze an der Donau
Rinteln – rundum sympathisch
Rüdesheim – Lebensart in Rheinkultur
Saalfeld – die Feengrottenstadt an der Saale
Scharbeutz – Strand fürs Leben
Schweinfurt – Zukunft findet Stadt
Spechbach – middezwischedrin
Wandlitz – Im Herzen des Naturparks Barnim
Wittenberge – Stadt zwischen Turm und Strom
Wolfsburg – Lust an Entdeckungen

Im Wettbewerb der Städte ist der blanke Wortwitz gut vertreten. Für Karlsruhe gibt es auch noch den Spruch „Karlsruhe – viel vor, viel dahinter!“. Eine löbliche Ausnahme ist Spechbach im Odenwald, mit dem Slogan middezwischedrin. Man muss allerdings wissen, dass es Spechbach gar nicht nötig hätte einen Zusatz zu erfinden. Spechbach heißt überall in der Region Schimmeldiwoog – ein wirkungsvolleres Alleinstellungsmerkmal kann man nicht verlangen!

Apropos Wortwitz und v-Erlangen: Erlangen soll hier zum Abschluß positiv gewürdigt werden. Obwohl Siemens dort einen wichtigen Standort hat, ist Erlangen wirklich innovativ. Erlangen hat keinen Slogan, sondern ein Jahresmotto. Das heißt für 2007: natürlich Erlangen. Dem Frankenblog und Lisa Neun sei gedankt, dass Erlangen nicht weiter als langweilig in langweiligen Blogs gedemütigt wird.

Und ganz zum Schluß: Wiesloch in Baden hat auch keinen Slogan. Könnte aber einen haben. Wiesloch ist in der Region Rhein-Neckar vor allem durch das dort ansässige Psychiatrische Landeskrankenhaus bekannt. Der Slogan „Wiesloch – einfach irre!“ hat aber keine Chance. Das ist schade.


Quellen: Das Forum www.bauchnabelvergleich.de hat mir wertvolle Einsichten in die Welt des Nabels eröffnet. Auch die Idee für das – noch – fiktive Ortsschild von Schildau stammt von dort. Danke.

Dieser Artikel ist ein Update zu Wissenswertes über Erlangen


Das Ortsschild der Bundesstadt Bonn stammt von Wikipedia und steht unter Creative Commons Licence.

Bei dem Ortsschild von Schildau handelt es sich um ein Composing. Das ursprüngliche Bild stammt von Wikimedia Commons und steht ebenfalls unter Creative Commons Licence.





Sammelsalarium

30 06 2007

Es gibt Worte, die sehen vertraut aus, dabei gibt es sie gar nicht. Es gibt aber auch Worte, die schaut man an, und je länger man hinschaut, umso fremder wirken sie. Alexander Kluge läßt in seine Film Die Patriotin eine Stimme aus dem Off sagen: „Je näher man ein Wort anschaut, um so ferner schaut es zurück“.

Sammelsalarium ist zweifellos ein schönes Wort. Jeder weiß, dieses Wort gibt es im Deutschen nicht. Gemeint ist natürlich Sammelsurium, das umgangssprächlich für Unordnung, Durcheinander und fehlende Systematik steht. Unklar ist, ob der Vater von Sabine, von dem dieses Sammelsalarium stammt, Sammelsurium bewußt verballhornt (Verballhornung: auch ein schönes Wort), oder ob er sich ganz im Einklang mit der korrekten Sprech- und Schreibweise wähnt.

Meine Mutter beispielsweise glaubt seit einem halben Jahrhundert, dass sie das Wort Tschüß richtig ausspricht. Dabei sagt sie jedes Mal Schüß – also mit einem “Sch” zu Beginn, wie bei “Schülerausweis”. Mein Mutter kauft seit einem halben Jahrhundert ihren Kaffee bei Tchibo und dieses Tchibo spricht sie vollkommen korrekt aus. Dass ihr “Schüß” irgendwann einmal wie Tchibo anfängt, daran glaube ich nicht mehr.

Ähnliches ist mir neulich selbst widerfahren und mein Freund Bernhard hat dies in seinem Kommentar zum Beitrag Berufswunsch:Grantler zum Thema gemacht. Er beginnt mit der Beobachtung, dass mir eine gewisse Rechtschreibschwäche, vor allem auch in der Interpunktion, zu Recht nachgesagt werden könnte. In der Tat ist die Anwendung von Regeln nicht so ganz mein Ding. Schon in der Schule definierte ich die Anzahl der Kommata in einem Text nach dem arithmetisches Mittel, und setzte sie an den Stellen ein, wo sie am Besten aussahen. Was Bernhard allerdings länger beschäftigte, war das von mir gewählte Wort Obzession. Sein Kommentar schließt mit den Worten: “Bitte erlöse mich: War es nur ein Schreibfehler? Oder steckt mehr dahinter?”

Lieber Bernhard, es war nicht nur ein Schreibfehler und es steckt auch nicht mehr dahinter! Deine Frage muss ich also mit einem entschiedenen Weder-Noch beantworten. Wenn man so will, dann war es zunächst nur ein singulär auftretender Fehler in meiner Aussprache – im Unterschied zu ständig und allerorten auftretenden Sprach- oder auch Sprechfehlern. Es steckt allerdings insofern mehr dahinter, als man sich mit der Aussage “Das Finnische ist einfach, weil man so spricht, wie man schreibt!” vollkommen neu auseinandersetzen müßte. Ganz davon abgesehen, dass das Finnische alles andere als einfach ist, gilt diese Aussage für keine der mir bekannten Sprachen. Auch im Deutschen spricht man nicht, wie man schreibt. Allerdings schreibt man – fatalerweise – manchmal wie man spricht.

Ich jedenfalls habe das beanstandete Wort Obzession in der Vergangenheit höchst selten geschrieben. Grantelnd benutze ich es schon sehr lange, und dabei immer mit einem “z” nach dem einleitenden “obs”. Also so, als ob ich “obszön” sagen wollte. Deine Irritation hätte ich vermeiden können, hätte ich von “Besessenheit” gesprochen. Aber jetzt ist mir meine Aussprache ins Schriftliche geraten und das hat seine Weiterungen.

“Je näher man ein Wort anschaut, um so ferner schaut es zurück”. Kurz hatte ich bei der Niederschrift gestutzt, und andere Schreibweisen in Erwägung gezogen. Viele kamen nicht in Frage. Die vermutlich Richtige wurde ohne Konsultation des Duden verworfen, da sie – nach meinem Geschmack – nicht gut aussah. Obsession – das riecht doch stark nach Parfüm. Interessant sind aber Deine vergleichenden Studien, nach denen Du feststelltest, dass Obzession, in der von mir zugedachten Bedeutung, kein deutsches und auch kein englische Wort sein kann.

Im Spanischen bedeutet obsession neben Zwangsvorstellung auch Besessenheit und – Leidenschaft. Dies kommt dem von mir angestrebten Sinn des Textes sehr entgegen. Für die Zukunft gelobe ich: Ich werde meine Rechtschreibung durch eine Verfeinerung meiner Aussprache verbessern. Dort wo es möglich ist, werde ich, globalisierungskritisch, nach dem entsprechenden deutschen Wort suchen. Für das Sammelsalarim, dass ich dadurch angerichtet habe, dass ich schrieb, wie ich sprach, entschuldige ich mich bei allen, denen ich Kopfzerbrechen bereitet habe. Sammelsalarium finde ich viel besser, als Sammelsurium, da es augenscheinlich ein viel größeres Durcheinander anrichtet.

Gerade komme ich aus Norwegen zurück. Ein wunderbares Land mit ebenso wunderbaren 4.681.100 Einwohnern. Die norwegische Sprache kennt kein “Z”. Unser Zentrum heißt dort Sentrum. So kann man sich viel Ärger ersparen. Allerdings spricht auch der Norweger nicht wie er schreibt. Das Norwegische kennt, nach meiner Schätzung, etwa vierhundertdreiundneunzig Aussprachen des Buchstabens “A”. Das “Å” spricht man aber wie “O”.

Dieser Artikel bezieht sich auf den Kommentar von Bernhard zu Berufswunsch: Grantler