Produktvergreisung

25 09 2007

Wenn ich schon mal da bin, dachte ich mir, bleib ich noch ein Weilchen. „Ya que estas ahi!“, wie meine halbargentinische Exfrau häufig zu sagen pflegte. Was auf Deutsch soviel heißt wie, „Wenn Du schon mal da bist, kannst Du auch abtrocknen!“ Vor einigen Tagen ging es um Demut und Manufactum. Heute geht es um Manufactum, Apple und Demut.

Der folgender Text aus dem neusten Manufactum Katalog bleibt ohne einen bildhaften Hinweis durchaus rätselhaft: „Wer mit größeren Katastrophen – chipfressenden Kugelblitzen, einem auszufüllenden Formular oder kalifornischen Energieversorgungszu- ständen – rechnet, dem wird der Besitz dieses informa- tionsverarbeitenden Geräts eine herzerwärmende Beruhigung sein. (…) Werkzeuge wirken nicht nur auf das Werkstück ein, sondern auch auf den Handwerker und dessen Kunst.“

Die Frage ist, worum handelt es sich. Ist es der „GÄNSEKIEL GESTUTZT“, von bayrischen Gänsen stammend und in heißem Quarzsand „gehornt“ für nur 4,90 Euro (Antwort A)? Oder ist es die „MECHANISCHE SCHREIBMASCHINE OLYMPIA SG 3N“ für immerhin 550,- Euro (Antwort B)? Oder handelt es sich dabei um das „MANUFACTUM ATOMA NOTITZBUCH- UND METHODIKSYSTEM“ mit einem Preis, der sich modular in die Höhe schraubt (Antwort C)?

Unter den richtigen Einsendungen verlose ich einen MANUFACTUM BROTTOPF EMAILLIERT mit leichten Gebrauchsspuren. Antworten erbitte ich über die Kommentarfunktion – möglichst mit identifizierbaren Absenderangaben – oder per Mail. Der Rechtsweg ist natürlich vollständig und gnadenlos ausgeschlossen.

Aber machen wir zum Thema Manufactum ruhig ein Fass auf, von dem ich nicht weiß, ob es sich in diesem Text rund und schlüssig wieder schließen lässt. Da es nicht die Büchse der Pandora ist, müssen wir uns darum auch nicht sorgen. „Produktvergreisung“, so bezeichnete Wolfgang Fritz Haug 1971 in seiner „Kritik der Warenästhetik“ jene Form der Zeitbeschleunigung, in der Produkte viel schneller Älter wurden als die Menschen, die sie benutzen. Inzwischen ist dies keine marginale Erscheinung mehr sondern eine alltägliche Erfahrung all jener, die vor der Frage stehen, wie weiter konsumieren? „Produktvergreisung“ betrifft nicht mehr nur geringwertige Produkte mit einem modisch-trendigen Äußeren. Zunehmend vergreisen auch Produkte im Zeitraffer, für die man ein paar hundert Euro hinlegen muss.

In jenen fernen Zeiten, in denen ich Kind war, waren Schränke, Möbel und andere Gebrauchsgegenstände noch so haltbar konstruiert und verarbeitet, dass sie ein ganzes Menschenleben hielten. Die besten Stücke wurden auch gerne vererbt. Das Sofa im Wohnzimmer meiner Großmutter stammte noch von ihren Eltern und war der bevorzugte Platz von drei Generationen für den Mittagsschlaf. Mein Patenonkel schenkte mir zur Kommunion eine Armbanduhr. Schon Wochen vorher war ich aufgeregt, da ich ein Geschenk von erheblichem Wert erwartete, das mir die Pforte zum Erwachsenwerden aufstoßen würde. Für die Uhr musste mein Patenonkel richtig sparen. Auf dem Zifferblatt stand in dezenter Schrift „17 Saphire“. Mit einer solchen Armbanduhr war man Jemand.

Ich trug sie ungefähr fünfzehn Jahre lang täglich an meinem linken Arm. Ihr unrühmliches Ende musste mein Patenonkel Gott sei Dank nicht miterleben. In einer Lebensphase, in der ich ziemlich viel dadaistischen Unsinn trieb, nagelte ich sie in einer kleinen privaten Performance in einer Zimmerecke, hoch oben unter der Decke, an die Wand. Dies war als klares Statement gegen den Terror der Zeitmessung gedacht und sollte mich unabhängig vom unaufhaltsamen Vorrücken des Sekundenzeigers machen, der Lebenszeit als ruckhaftes Voranschreiten darstellte, anstatt als fließendes Kontinuum. Dort oben an der Wand blieb die Uhr auch hängen, als ich auszog. Ich habe sie niemals wieder gesehen.

Seit etwa zehn Jahren trage ich wieder eine Armbanduhr. Es ist ein Fliegerchronometer mit Handaufzug und hat – wen wundert es – siebzehn Steine. Von einer kleinen Firma im Schwarzwald wird er in überschaubaren Stückzahlen hergestellt. Der Sekundenzeiger rückt in kaum sichtbaren kleinen Schritten voran. Vergesse ich die Uhr anzulegen, fehlt mir etwas.

Mein iPod hingegen ist ein High-Tech Produkt und kommt direkt aus China. Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich mir die Version mit 60 Gigabyte Festplatte gegönnt und rund 250 Euro dafür hingelegt. Die 6o Gigabyte-Variante gibt es nicht mehr. Die vergleichbaren Geräte mit 80 oder 160 Gigabyte Festplatte nennen sich heute beschönigend „Classic“. Im Vergleich zum neuen iPod touch sehen sie richtig alt aus.

Apple ist die Computerfirma, deren Innovationszyklen demnächst im Nanosekundenbereich liegen werden. Kauft man ein Apple-Produkt, kann man sicher sein, sich gleich anschließend darüber zu ärgern, nicht noch ein paar Sekunden gewartet zu haben. Das vergällt einem auf Dauer jegliche Konsumeuphorie. Wie toll hingegen ist mein Fernsehgerät der Marke Philips aus dem Jahr 1993. In Bezug auf Zuverlässigkeit, Benutzerfreundlichkeit und Bildqualität schlägt er noch jeden Liquid Crystal Display Firlefanz inklusive Ambilight.

Ganz anders bei den Produkten mit dem angebissenen Apfel. Wofür steht dieses Symbol? Genau: Für den Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies. Statt unsterblich zu sein, driftet der Mensch seitdem unaufhaltsam in Richtung Verfall und Tod. Wer vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, wird vielleicht schlau aber nicht glücklich. Apples angebissener Apfel ist ein klassisches Vanitas-Motiv. Vanitas bezeichnet die christlich-jüdische Vorstellung von der Vergänglichkeit alles Irdischen. In der Kunst der Renaissance findet dieser Konflikt zwischen Demut und Selbstbewusstsein in zahlreichen Kunstwerken Ausdruck. Apples angebissener Apfel sagt uns klar und deutlich: „Nicht nur Du bist sterblich, sondern das Gerät, das vor Dir steht, wird schnell eitler Tand sein. Du wirst es sehen, kaum ist eine Sekunde vorüber, schon gibt es die nächste Generation noch tollerer Geräte und das, auf das du jetzt noch stolz bist, ist hinfällig und ein Entsorgungsfall.“

Eines ist sicher: Mit dem Gänsekiel von Manufactum, in heißem Quarzsand „gehornt“, wird das nicht passieren.

Die Abbildung am Beginn des Artikels zeigt eine Metallschere aus dem Lexikon der gesamten Technik (1904) von Otto Lueger und steht unter Creative Commons Licence.

Die zweite Abbildung zeigt den Sündenfall von Michelangelo und steht unter Creative Commons Licence.





Das Leben der Autos

1 06 2007

Es ist wahr: Autos leben. Und das nicht erst seit gestern. Bereits im Jahre 1930 erschien im Berliner Malik-Verlag Ilja Ehrenburgs Roman “Das Leben der Autos”. Seit dieser Zeit sind Autos, mit jedem Jahr ein klein wenig lebendiger geworden. Neuerdings nervt mich das.

Im Schaufenster einer Fahrschule las ich vor Jahren den Werbespruch “Lkw und Pkw beleben unsere Straßen!” Das war ein sehr anspruchsvoller und existenz- philosophischer Gedanke, der dort in den profanen Dienst gestellt wurde, Menschen zu Führerscheinbesitzern zu machen. Mich plagt seither die Vision, wie es um unsere Straßen, Schnellstraßen, Umgehungsstraßen und Autobahnen – aber auch um die Stichstraßen, Sackgassen, Zubringer, Abfahrten, Ein- und Ausfahrten – bestellt wäre, hätten Gottlieb Daimler und Carl Benz nicht das Auto, sondern Schweizer Kräuterbonbons erfunden. All die schönen Straßen, nutzlos und verweist. Unbelebte, glatte, mit sauberen Mittelstreifen verzierte und von Leitplanken gesäumte Brachflächen – totes Gelände, inmitten blühender Landschaften.

Gottseidank wurde das Kräuterbonbon bereits kurz nach dem Rütlischwur von einem Schweizer namens “Ricola” erfunden. Gottlieb Daimler und Carl Benz hingegen konnten sich – wahrscheinlich inspiriert von all den wunderbaren Straßen – dazu durchringen, lieber das Auto zu erfinden. Das hat ihnen nicht nur eine Menge Ärger mit den Schweizern erspart, es hat auch viele Menschen in Brot und Arbeit gebracht, die jetzt als Ingenieure, Fließbandarbeiter, Kfz-Mechaniker und Fahrschullehrer damit beschäftigt sind, diese wunderbaren Straßen zu beleben.

Ich für meinen Teil, habe gerade letzte Woche ein Mobilitätsexperiment abgeschlossen, das darin bestand, vier Monate ohne Auto zu existieren. Ich habe mich dem quirligen Leben auf auf all den Straßen bewußt entzogen und mich auf die relativ unbelebten Areale der Fußgängerwege zurückgezogen. Das klappte ganz gut. Ich konnte dabei viele Erkenntnisse über das Zufußgehen und über den Öffentlichen Personennahverkehr sammeln.

Bei Mobilitätsengpässen allerdings lieh mir meine Freundin Walli ab und an ihren Volvo. Dabei merkte ich, dass Volvos inzwischen quicklebendige Autos geworden sind. Vorrausschicken sollte ich, dass die Personenkraftfahrzeuge der Marke Volvo bei mir noch nie positive Emotionen geweckt haben. Die Lastkraftwagen hingegen fand ich immer schon richtig schick. Volvos für den Privatgebrauch aber waren für mich so attraktiv wie die Mitteilungsbretter der Hausverwaltung in Eigentumswohnanlagen. Das verrückte ist: Der geliehene, quicklebendige Volvo war ein ebensolches Mitteilungsbrett.

Dabei waren und sind Volvos sehr beliebte Autos. In us-amerikanischen Filmen der 70er und 80er Jahre fuhren die Protagonisten sehr oft Volvo. Tauchte ein Volvo auf, dann wußte man, es gibt jede Menge interpersonellen Stress und Psychoencounter, aber keine Autoverfolgungsjagden. Woody Allan, so glaube ich fest, setzte Volvos als ironisierendes Stilmittel ein, um klarzustellen, dass seine Filme von den Ängsten und Problemen der us-amerikanischen Mittelschicht handelten. Einer dieser Filme hieß “Der Stadtneurotiker”.

Der von mir geliehene, quicklebendige Volvo entpuppte sich als waschechter Neurotiker. Kennzeichnend für Neurotiker ist, dass ihre Macken unkontrollierbar und automatisch ablaufen. Waschzwang zum Beispiel. Der von mir geliehene Volvo hatte gottseidank keine Phobien. Er scheute nicht vor Spinnen, Schlangen oder Menschen mit Regenschirmen und mied auch leere Plätze nicht. Dafür war er ein lupenreiner Zwangsneurotiker. Ich mußte nur die Zündung betätigen und schon wies mich ein Piepston darauf hin, dass ich den Sicherheitsgurt anlegen solle. Wohlgemerkt, ich fuhr nicht! Ich hatte noch nicht einmal einen Gang eingelegt! In Eigentumswohnanlagen stehen auf den Mitteilungsbrettern Anweisungen wie “Bitte nach 22 Uhr unnötigen Lärm im Treppenhaus vermeiden und die Haustür geschlossen halten!” Wieso eigentlich sollte ich unnötigen Lärm in Treppenhäusern veranstalten. Mache ich Lärm, dann ist dieser nötig. Ein Volvo piepst, bei unbotmäßigem Verhalten, rund um die Uhr. Ausserdem sendet er seinem Fahrer Anweisungen, die dieser gar nicht erhalten möchte. Beispielsweise dann, wenn sich auf dem Rücksitz jemand die Jacke auszieht und deshalb kurz den Sicherheitsgurt löst. Prompt wird das Radio leiser, ein akustisches Terrorsignal ertönt und im Display erscheint eine Warnung. Lieber Volvo, falls du mich hören kannst: Man kann es auch übertreiben.

Für einen Volvo ist der Fahrer ein unvernünftiges Mangelwesen, das durch Anweisungen und ein akustisches Erziehungsprogramm auf Kurs gebracht werden muß. Sollte die These stimmen, dass Maschinen menschenähnlich sind, sobald sie in der Lage sind psychische Defekte aufzuweisen, dann ist ein Volvo schon sehr lebendig.

Diese These stimmt aber nicht. Der lebendige Volvo, das ist, um Roß und Reiter zu nennen, das Werk der Ingenieure und der Marketingspezialisten von Volvo. Die Neurosen dieses Autos sind menschengemacht. Zwangsneurosen sind einfach zu programmieren. Programme sind, in ihrer einfachsten Form, der pure Zwang – die Neurose kann man ihnen dann leicht andichten. Solche Programme kennen kein “Wenn” und sie kennen kein ”Aber”. Den Zwang rauszunehmen, das wäre ein zu hoher und unwirtschaftlicher Aufwand. Da nimmt man es lieber in Kauf ganz normale und geistig gesunde Menschen mit neurotischen Akustiksignalen und sinnlosen Nachrichten zu quälen.

Besagte Freundin Walli erzählte mir kürzlich, sie habe in einer Talkshow den Begriff “Tugendterror” aufgeschnappt. Ich hörte ihr nicht weiter zu, was nicht so ungewöhnlich ist. Aber ich dachte: Tugendterror, das bringt vieles auf den Begriff, über das ich mir so meine Gedanken mache. Eben auch dieses Eigenleben der Autos. Volvos haben ein “Tugendterror-Modul”, mit dem sie rücksichtslos die Einhaltung der von ihnen gesetzten Normen erzwingen.

Ilja Ehrenburg schrieb 1930: “Das Auto ist gekommen, um den Uneinsichtigen zu beweisen, dass die Erde rund ist, dass das Herz nur ein dichterisches Requisit ist, dass der Mensch zwei Standardzähler in sich trägt: der eine zeigt die Kilometer, der andere die Minuten an.” Und er hat recht. Die Gefahr besteht nicht darin, dass Maschinen immer menschenähnlicher werden. Es ist umgekehrt. Zahlreiche Experten und Programme arbeiten daran, dass der Mensch den Maschinen immer ähnlicher wird. Das ist ähnlich verquert, wie die Geschichte von den Straßen, die belebt werden müssen.