Autoradio – ratlos

12 10 2007

Es ist Herbst und die Nobelpreise fallen von den Bäumen. Für die Demutsforschung ist wieder keiner heruntergefallen. Aber vielleicht könnte man Al Gore dafür vereinnahmen. Heute erreichte mich eine Leserzuschrift zum Thema Technik und Demut. Da muss ich mir nur noch die Arbeit machen, diesen Vorspann zu schreiben. Sonst ist alles gesagt. Autoradios wurden perfektioniert, um uns die Endlichkeit unserer Existenz vor Augen zu führen. Ein Menschenleben reicht nicht aus, sie zu begreifen.

Früher waren Radios sehr einfach. Sie hatten einen Drehknopf zur Senderwahl und einen für die Lautstärke. Dazu kamen einige, wenige Tasten zur Auswahl des Frequenzbereichs. Kinderleicht. Auch heute muss man die Funktionsweise von Radios nicht verstehen. Aber – vor allem die Unterspezies des Autoradios – kann man nicht mehr bedienen, ohne intensive Schulung. Hier eröffnet sich ein weites Feld für die Demutsforschung. Zu Radios und Internet erreichte mich folgende Lesezuschrift:

Lieber Reinhard,

nachdem ich nun so glücklich war durch Deine Ausführungen zu Gesellschaft, Politik und sozialem Leben umfassend und dabei doch objektiv und wertfrei über das Weltgeschehen informiert zu werden, endlich mein Abo der „Zeit“ abbestellen zu können (die Entsorgung des Altpapiers hat mich schon immer genervt und hast Du schon mal versucht im Bett die „Zeit“ zu lesen?), die lästigen Termine zum Tagesschau und Kulturzeit kucken nicht mehr einhalten zu müssen (stattdessen kann ich jetzt endlos mit meinen Freundinnen telefonieren) und ein neues Billy Regal von Ikea muss ich auch nicht anschaffen, denn was brauche ich Bücher wenn ich Deine mails habe, und überhaupt es ist Buchmesse und weißt Du was da neu erscheint, und was die kosten und ich hab ja auch schon ein paar – also, wie gesagt, nachdem ich dachte meine vormals grauen Tage bekämen durch Dich neuen Glanz, mein Leben würde effizienter, ich endlich schlauer und die Bildung finanzieller Rücklagen fürs drohende Alter nun auch möglich – was soll ich Dir sagen: ich krieg die Links nicht auf!!!

Ich drück auf das so schön blau markierte Feld, dann erscheint die Meldung, dass dieser Link nicht geöffnet werden kann und zu allem Überfluss tutet der PC dann auch noch so komisch. Ich erschreck mich jedesmal!

Sabine sagt, das gibts nicht, bei ihr funktioniere alles! Und echt, Reinhard, das kränkt mich! Ok, zugegebermaßen, ich bin keine Leuchte mit der Technik, vor ein paar Tagen habe ich mir einen tragbaren CD-Player gekauft fürs Auto, weil ich das Auto jetzt seit vierzehn Jahren habe und immer noch nicht weiß wie man den Radiosender umstellt, und mir dachte, pah, höre ich halt beim Fahren die Musik die ich mag und muß mir nicht immer das Geschwätze von grenzdebilen Moderatoren antun, und habe mich auch richtig gefreut, dass ich überhaupt auf die einfache Lösung des Problems gekommen bin, aber das Ding funktioniert nicht ( den CD-Player meine ich, das Auto im Moment auch nicht so gut, morgens gurgelt es immer so komisch beim Anlassen – wahrscheinlich die Batterie, na ja), also, was wollte ich sagen?

Ja, ich traue mich nicht in den Elektrofachhandel wegen dem CD-Player, weil da sind immer so junge Männer die mich dann ganz mitleidig ansehen, und ich fühl mich dann ganz alt und dumm und dann wieder die zeitintensiven Therapiestunden, wo ich doch (siehe oben) gerade meine Zeit gespart zu haben, Du weißt schon: wegen Deiner Beiträge!

Wahrscheinlich gibt es ja einen ganz simplen Trick (obwohl, was ist im Zusammenhang mit Technik schon simpel? Also, ich meine im technischen Sinne simpel, weil wenn ich sehe wer alles so was kann, so was technisches, was ich nicht kann, aber was die alles nicht können, was ich kann, also nicht im technischen ), dann wäre es sowas von entgegenkommend von Dir mir denselbigen zu verraten, weil sonst muss ich wieder jemanden fragen, der mich dann so mitleidig anschaut – na, Du weißt schon!

Und Du musst mich ja nicht anschauen wenn Du mir den Trick per Mail verrätst. Du kannst ja dann ganz für Dich alleine mitleidig schauen, ich sehe es ja nicht.
Also, lieber Reinhard. nix fer ungut und ansonsten einen schönen Tag

(Übrigens hättest Du Deinen Balkon im Sommer schon ein bißchen üppiger bepflanzen können, ich meine ich gehe da fast täglich vorbei und ich mache mir ja auch die Mühe und schlepp Erde und Gießkannen und weißt Du was das für ein Kraftakt das ist, das Zeug im Winter ins Treppenhaus zu schleppen?)

Mit der Bepflanzung meines Balkons hatte ich mich in diesem Jahr ein wenig angestrengt. Wie sich herausstellte, waren es vor allem Bodendecker und Unkraut, die sich bei mir breit machten. Das sieht von unten nicht gut aus. Okay, ich räum den Schrott jetzt rein!

Das Foto zeigt ein Röhrenradio. Es steht unter Creative Commons Licence.





Produktvergreisung

25 09 2007

Wenn ich schon mal da bin, dachte ich mir, bleib ich noch ein Weilchen. „Ya que estas ahi!“, wie meine halbargentinische Exfrau häufig zu sagen pflegte. Was auf Deutsch soviel heißt wie, „Wenn Du schon mal da bist, kannst Du auch abtrocknen!“ Vor einigen Tagen ging es um Demut und Manufactum. Heute geht es um Manufactum, Apple und Demut.

Der folgender Text aus dem neusten Manufactum Katalog bleibt ohne einen bildhaften Hinweis durchaus rätselhaft: „Wer mit größeren Katastrophen – chipfressenden Kugelblitzen, einem auszufüllenden Formular oder kalifornischen Energieversorgungszu- ständen – rechnet, dem wird der Besitz dieses informa- tionsverarbeitenden Geräts eine herzerwärmende Beruhigung sein. (…) Werkzeuge wirken nicht nur auf das Werkstück ein, sondern auch auf den Handwerker und dessen Kunst.“

Die Frage ist, worum handelt es sich. Ist es der „GÄNSEKIEL GESTUTZT“, von bayrischen Gänsen stammend und in heißem Quarzsand „gehornt“ für nur 4,90 Euro (Antwort A)? Oder ist es die „MECHANISCHE SCHREIBMASCHINE OLYMPIA SG 3N“ für immerhin 550,- Euro (Antwort B)? Oder handelt es sich dabei um das „MANUFACTUM ATOMA NOTITZBUCH- UND METHODIKSYSTEM“ mit einem Preis, der sich modular in die Höhe schraubt (Antwort C)?

Unter den richtigen Einsendungen verlose ich einen MANUFACTUM BROTTOPF EMAILLIERT mit leichten Gebrauchsspuren. Antworten erbitte ich über die Kommentarfunktion – möglichst mit identifizierbaren Absenderangaben – oder per Mail. Der Rechtsweg ist natürlich vollständig und gnadenlos ausgeschlossen.

Aber machen wir zum Thema Manufactum ruhig ein Fass auf, von dem ich nicht weiß, ob es sich in diesem Text rund und schlüssig wieder schließen lässt. Da es nicht die Büchse der Pandora ist, müssen wir uns darum auch nicht sorgen. „Produktvergreisung“, so bezeichnete Wolfgang Fritz Haug 1971 in seiner „Kritik der Warenästhetik“ jene Form der Zeitbeschleunigung, in der Produkte viel schneller Älter wurden als die Menschen, die sie benutzen. Inzwischen ist dies keine marginale Erscheinung mehr sondern eine alltägliche Erfahrung all jener, die vor der Frage stehen, wie weiter konsumieren? „Produktvergreisung“ betrifft nicht mehr nur geringwertige Produkte mit einem modisch-trendigen Äußeren. Zunehmend vergreisen auch Produkte im Zeitraffer, für die man ein paar hundert Euro hinlegen muss.

In jenen fernen Zeiten, in denen ich Kind war, waren Schränke, Möbel und andere Gebrauchsgegenstände noch so haltbar konstruiert und verarbeitet, dass sie ein ganzes Menschenleben hielten. Die besten Stücke wurden auch gerne vererbt. Das Sofa im Wohnzimmer meiner Großmutter stammte noch von ihren Eltern und war der bevorzugte Platz von drei Generationen für den Mittagsschlaf. Mein Patenonkel schenkte mir zur Kommunion eine Armbanduhr. Schon Wochen vorher war ich aufgeregt, da ich ein Geschenk von erheblichem Wert erwartete, das mir die Pforte zum Erwachsenwerden aufstoßen würde. Für die Uhr musste mein Patenonkel richtig sparen. Auf dem Zifferblatt stand in dezenter Schrift „17 Saphire“. Mit einer solchen Armbanduhr war man Jemand.

Ich trug sie ungefähr fünfzehn Jahre lang täglich an meinem linken Arm. Ihr unrühmliches Ende musste mein Patenonkel Gott sei Dank nicht miterleben. In einer Lebensphase, in der ich ziemlich viel dadaistischen Unsinn trieb, nagelte ich sie in einer kleinen privaten Performance in einer Zimmerecke, hoch oben unter der Decke, an die Wand. Dies war als klares Statement gegen den Terror der Zeitmessung gedacht und sollte mich unabhängig vom unaufhaltsamen Vorrücken des Sekundenzeigers machen, der Lebenszeit als ruckhaftes Voranschreiten darstellte, anstatt als fließendes Kontinuum. Dort oben an der Wand blieb die Uhr auch hängen, als ich auszog. Ich habe sie niemals wieder gesehen.

Seit etwa zehn Jahren trage ich wieder eine Armbanduhr. Es ist ein Fliegerchronometer mit Handaufzug und hat – wen wundert es – siebzehn Steine. Von einer kleinen Firma im Schwarzwald wird er in überschaubaren Stückzahlen hergestellt. Der Sekundenzeiger rückt in kaum sichtbaren kleinen Schritten voran. Vergesse ich die Uhr anzulegen, fehlt mir etwas.

Mein iPod hingegen ist ein High-Tech Produkt und kommt direkt aus China. Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich mir die Version mit 60 Gigabyte Festplatte gegönnt und rund 250 Euro dafür hingelegt. Die 6o Gigabyte-Variante gibt es nicht mehr. Die vergleichbaren Geräte mit 80 oder 160 Gigabyte Festplatte nennen sich heute beschönigend „Classic“. Im Vergleich zum neuen iPod touch sehen sie richtig alt aus.

Apple ist die Computerfirma, deren Innovationszyklen demnächst im Nanosekundenbereich liegen werden. Kauft man ein Apple-Produkt, kann man sicher sein, sich gleich anschließend darüber zu ärgern, nicht noch ein paar Sekunden gewartet zu haben. Das vergällt einem auf Dauer jegliche Konsumeuphorie. Wie toll hingegen ist mein Fernsehgerät der Marke Philips aus dem Jahr 1993. In Bezug auf Zuverlässigkeit, Benutzerfreundlichkeit und Bildqualität schlägt er noch jeden Liquid Crystal Display Firlefanz inklusive Ambilight.

Ganz anders bei den Produkten mit dem angebissenen Apfel. Wofür steht dieses Symbol? Genau: Für den Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies. Statt unsterblich zu sein, driftet der Mensch seitdem unaufhaltsam in Richtung Verfall und Tod. Wer vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, wird vielleicht schlau aber nicht glücklich. Apples angebissener Apfel ist ein klassisches Vanitas-Motiv. Vanitas bezeichnet die christlich-jüdische Vorstellung von der Vergänglichkeit alles Irdischen. In der Kunst der Renaissance findet dieser Konflikt zwischen Demut und Selbstbewusstsein in zahlreichen Kunstwerken Ausdruck. Apples angebissener Apfel sagt uns klar und deutlich: „Nicht nur Du bist sterblich, sondern das Gerät, das vor Dir steht, wird schnell eitler Tand sein. Du wirst es sehen, kaum ist eine Sekunde vorüber, schon gibt es die nächste Generation noch tollerer Geräte und das, auf das du jetzt noch stolz bist, ist hinfällig und ein Entsorgungsfall.“

Eines ist sicher: Mit dem Gänsekiel von Manufactum, in heißem Quarzsand „gehornt“, wird das nicht passieren.

Die Abbildung am Beginn des Artikels zeigt eine Metallschere aus dem Lexikon der gesamten Technik (1904) von Otto Lueger und steht unter Creative Commons Licence.

Die zweite Abbildung zeigt den Sündenfall von Michelangelo und steht unter Creative Commons Licence.





Welcome to the Machine

15 09 2007

Gerade komme ich von meiner kleinen Reise zurück und schon gibt es Probleme in meinem heimischen Maschinenpark. Meine Gastherme – gemeinhin als Durchlauferhitzer bezeichnet (siehe Bild unten) – thermt nicht mehr. Will sagen, sie bleibt kalt. Maschinen sind, nach einer unausgesprochenen Übereinkunft zwischen uns Menschen, dazu da, eine angenehme und problemlose Versorgung mit angenehmen und problemlosen Dingen sicherzustellen. Manchmal schaffen Maschinen aber Probleme, von denen man nicht dachte, dass man sie haben würde, wenn man gerade aus dem Urlaub zurückkommt. Mein größtes Problem ist: Morgen muss ich kalt duschen.

Durchlauferhitzer sind die kompliziertesten Maschinen, die man sich vorstellen kann. Bei Gasthermen spielen Gas, Strom und Wasser in einer Weise zusammen, die sich den meisten Menschen niemals erschließen wird. Das nebenstehende Foto vermittelt davon nur einen unzureichenden Eindruck. Dass mir gerade jetzt Welcome to the Machine von Pink Floyd (hier der Text) einfällt, ist Zufall, führt aber weiter hinein, in die Welt der Maschinen. An dieser Stelle wäre es vielleicht angebracht, zu erwähnen, dass meine kleine Reise unter dem Motto stand, „Der Weg ist das Ziel“. Vor vielen Jahren habe ich schon einmal eine ähnliche Reise mit meinem damaligen Reisegefährten Reimer F. unternommen. Als wir nach einem dreiwöchigen Urlaub unsere Urlaubsfotos zeigten, fiel allen auf, dass alle Bilder in voller Fahrt aus dem Auto heraus aufgenommen worden waren. Wir hatten das damals noch bestehende Jugoslawien und Griechenland hin und zurück durchquert. In der Türkei lag der Scheitelpunkt unserer Reise irgendwo an einem nassen, grauen Strand am Schwarzen Meer. Nach einer grauenvollen und nassen Nacht im Auto ging es den ganzen langen Weg zurück.

Mit Hilfe meines Automobils habe ich auch dieses Mal gewaltige Strecken zurückgelegt. Im Unterschied zu damals, hatte ich auf dieser Fahrt ein Navigationssystem. Zerstreuung lieferte die eingebaute Vorrichtung, mit der ich meinen iPod anschließen konnte. Automobile, Navigationssysteme und iPods sind, nebenbei erwähnt, nicht annähernd so kompliziert wie Gasthermen. Wen weder Automobile, noch Navigationssysteme, iPods oder Gasthermen interessieren, sollte jetzt aus dem Text aussteigen und lieber das Essay von Pier Paolo Pasolini Über das Verschwinden der Glühwürmchen lesen.

Wer viel unterwegs ist, weiß nicht immer, wann er wo gewesen ist. Maschinen könnten da helfen: Welcome my son, welcome to the machine. Where have you been? It’s alright we know where you’ve been. Meine iPod-Maschine weiß, dass ich am 29. Mai 2004 um 1 Uhr und 33 Minuten Night and Day von Billie Holiday zum letzten Mal gehört habe. Ich kann mich leider nicht erinnen, wo das gewesen sein soll. Meine iPod-Maschine weiß auch, dass ich am 13. September um 15 Uhr und 23 Minuten Slowpoke von Crosby, Stills, Nash and Young gehört habe. Danach, das weiß ich, drang ich mit meinem Automobil in den Sendebereich des Bayerischen Rundfunks ein. Ich schaltete den iPod ab und das Radio ein. Dort lief wenig später ein interessantes Wissenschaftsfeature über „Orientierung und die Welt der Daten“. Dabei ging es um Geoinformationssysteme.

Geoinformationssystem sind momentan überhaupt das ganz große Ding. Das Navigationssystem in meinem Auto ist so ein Ding. Lasse ich es zu, vollständig informiert zu sein, dann sehe ich vor lauter Hotels, Restaurants, Sehenswürdigkeiten, Rast- und Tankstellen, Nationalparks und Einkaufszentren die Landkarte nicht mehr. Dieses ganz große Ding ist allerdings nur ein Teil eines noch größeren Dings. Dieses größere Ding umfasst ein Infodings, mit dem man Verkehrsdurchsagen, wann immer man will, nochmals hören kann. Es umfasst ein weiteres Dings, das die Verkehrsdurchsagen einblendet, wenn man gerade iPod hört. Ein weiteres Dings leitet die auf dem Mobiltelefon eingehenden Anrufe auf die zum Dings gehörende Freisprecheinrichtung.

Man glaubt es nicht, wie häufig die Hinweise des Navigationsdings, Verkehrsdurchsagen und eingehende Anrufe in einer ganz unwahrscheinlichen Synchronizität eingehen. Kaum nimmt man einen Anruf entgegen, plärrt das Navigationsdings „Achtung, Gefahrensituation in 30 Kilometern!“. Das Verkehrsdurchsagedings quäkt dazwischen „Auf der A1 zwischen Nonnweiler-Primstal und Tholey-Hasborn in Fahrtrichtung Saarbrücken blockiert eine Doppelhaushälfte beide Fahrbahnen.“ Während man sich noch wundert, was Leute alles auf Autobahnen verlieren, soll man gleichzeitig telefonieren. Das ist der ultimative multimediale Overkill. Ich bin schon über rote Ampeln gefahren, weil mich die auf allen Kanälen eingehenden Informationen so abgelenkt haben, dass ich vollkommen vergessen hatte, dass ich gerade Auto fuhr.

Das ultimative Ding in der nächsten Zukunft wird allerdings sein, dass die Informationen auf meinem iPod mit Geoinformationssystemen verknüpft werden. Dann weiß ich nicht nur wann ich einen bestimmten Song gehört habe, sondern auch wo. Die googelige Firma, mit Sitz in Mountain View, sollte es doch hinkriegen mit ihrem Nachbarn aus Cupertino, dafür die Grundlagen zu schaffen.

Ich erinnere mich noch, dass ich in einem bestimmten Lebensalter immer „Wish you were here“ von Pink Floyd gehört habe. Das hat meine damalige Liebste ziemlich genervt. Dieser Song war noch in Vinyl gepresst und lief auf meinem Dual-Plattenspieler über einen Kenwood-Verstärker. Die genauen Abspieldaten lassen sich deshalb leider nicht mehr ermitteln. Im Gegenzug nervte mich meine Ex-Frau monatelang mit dem Bruce Hornsby Titel The Way It Is. Das muss zwischen 1985 und 1987 gewesen sein. Leider läßt sich auch das weder zeitlich noch räumlich genauer verorten. Aber damit ist hoffentlich bald Schluss.

Wo ich morgen duschen kann, weiß ich immer noch nicht. Vielleicht kennt mein Navigationssystem ein Fitnessstudio in meiner Nähe, das gerade Schnupperduschen zum Schnäppchenpreis anbietet.

Das Foto stammt aus Wikipedia und steht unter Creative Commons Licence.





Moderne Zahlungssysteme

11 06 2007

Neulich war ich auf einem Konzert von Herbert Grönemeyer in der Commerzbank Arena. Die Tatsache, dass Stadien nicht mehr nach ihrem Namen benannt werden, sondern nach ihrem Sponsor – in diesem Fall war es das Frankfurter Waldstadion – ist eine zweifelhafte Neuerung. Die Tatsache, dass man bei diesem Besuch mit modernen Zahlungssystemen konfrontiert wird, führt nicht nur zu Zweifeln an der Moderne – meist hat man echt schlechte Karten.

Geld ist eine wunderbare Erfindung, wenn man welches in der Tasche hat. Man muss nicht mehr alles selber machen oder sogar Landwirtschaft betreiben. Früher musste man die halbe Apfelernte in halbe Schweine tauschen, damit man als Obstbauer Fleisch zwischen die Zähne bekam. Neue Schuhe, das bedeutete wochenlanges Korbflechten und die Mühsal, einen zu finden, der des Schusterns kündig war und gerade zufällig auch noch Körbe brauchte. Geld ist da schon sehr praktisch. Theoretisch konnte man früher mit Geld auf Konzerte gehen und bekam dafür Getränke und Essen. Die Zeiten sind vorbei.

Schuld daran sind Firmen wie die SFM Payment GmbH, die wiederum eine hundertprozentige Tochter der Stadion Frankfurt Management GmbH ist. Das Produkt dieser Firma nennt sich pay|clever. Wer einmal der Diktatur dieses Produkts ausgesetzt war, wünscht sich nichts sehnlicher, als den Abstieg der Frankfurter Eintracht in die unterste Spielklasse.

Aber beginnen wir am Anfang: Gut ausgestattet mit Bargeld, diversen Kreditkarten und einer Geldkarte meiner Hausbank betrat ich den Innenraum der Commerzbank Arena, um mir einen bequemen Stehplatz zu sichern. Die nächsten Stunden sollten unbeschwertem Konsum vorbehalten sein: Bratwurst, kalte Getränke, frenetische Zuschauer und Live-Musik. Bei einem Konzert schaut man nicht auf’s Kleingeld. Die körperlichen Grundbedürfnisse sollten den Musikgenuß auf keinen Fall trüben. Also stand ich bald nach der Ankunft, mit meinen Beleiterinnen und Begleitern, vor einer der Versorgungsstationen, die Getränke und kleine Speisen in zweifelhafter Qualität, aber in ausreichenden Mengen offerierten.

Beim Blick auf die Spitze der Schlange stellte ich fest, dass dort nicht Bargeld den Besitzer wechselte, sondern alle mit schwarz-braunen Scheckkarten bezahlten. Mir schwante Übles, denn ich hatte schlechte Karten – meine waren alle blau. Die Nachfrage bei anderen Konsumwilligen verschaffte mir Klarheit: “Sie brauchen eine pay|clever-Karte und die bekommen Sie bei den Menschen mit den gelben Jacken.”

Also raus aus der Schlange und beim pay|clever-Verkaufsagenten angestellt. Der erklärte mir, weshalb die Idee dieses modernen Zahlungssystems so clever sei. Man kauft eine Karte, die mit fünfzehn Euro aufgeladen ist. Restbeträge könne man sich problemlos nach dem Ende des Konzerts an einer Kasse, mit all den anderen 24.000 Besuchern, auszahlen lassen. Echt clever!

Durch diese Erklärung gewarnt, kaufte ich nur eine der Karten und wollte meine Begleiterin zu einem Bier und einer Bratwurst einladen. Clever wie ich bin, hatte ich ausgerechnet, dass dies mit fünfzehn Euro locker zu schaffen sei. Also zurück in die Schlange am Versorgungsstand und nach knapp fünf Minuten konnte ich meine Bestellung aufgeben.

“Leider hat ihre Karte zu wenig Guthaben”, eröffnete mir die Servicekraft, “denn auf den beiden Bechern sind insgesamt fünf Euro Pfand!” Wieder raus aus der Schlange und, bereits gehörig verärgert, zurück zum pay|clever-Verkaufsagenten. Anschließend mit zwei pay|clever-Karten zurück in die Schlange. Bier und Bratwurst stillten den Hunger und den ersten Durst. Nach der Vorgruppe meldete sich der zweite Durst.

Da eine der Damen im Begriff war, eine der Toiletten aufzusuchen, traf es sich gut, dass sie sich bereit erklärte, auch den Getränkenachschub zu übernehmen. Ausgestattet mit mehreren pay|clever-Karten machte sie sich auf den Weg.

Toilettenbesuche auf Konzerten können sich hinziehen, das weiß jeder. Aber nach einer knappen halben Stunde begannen wir uns ernsthaft Sorgen zu machen. Als unsere Wohltäterin endlich auftauchte, war sie in einem emotionalen Ausnahmezustand. Statt der drei Getränke hatte sie nur zwei. Ihre Schilderung der Ereignisse der letzten halben Stunde waren die, einer Odysee, durch die absurden Abgründe einer “cleveren” Idee.

1. Leere Becher konnten an den Versorgungsstationen nicht zurückgegeben werden. Dafür waren eigene Rückgabestationen eingerichtet worden.

2. Gebrauchte, leere Becher konnten an den Versorgungsstationen nicht erneut gefüllt werden, da Beträge ohne Pfand nicht gebucht werden konnten.

3. Die Rückgabestationen – und das ist wahnsinnig clever – schrieben die Pfandbeträge nicht auf den Karten gut, sondern zahlten den Betrag in bar aus.

4. An den Versorgungsstation war es nicht möglich, den Rechnungsbetrag mit den Guthaben von mehreren Karten zu begleichen.

Das sind die Gründe, weshalb wir nur zwei Getränke bekamen, statt der gewünschten drei. Das sind die Gründe, weshalb unsere Wohltäterin eine halbe Stunde lang durch den Irrgarten des pay|clever-Systems irrte und fortan für Modernes kaum zu begeistern sein wird. Und das sind die Gründe, weshalb sich auf jeder unserer cleveren Karten am Ende des Konzertes noch Minibeträge zwischen sechzig Cent und drei Euro befanden.

Die drei Euro-Guthaben fraßen wir ganz am Ende auf. Bei den Bratwürsten für 2,60 Euro das Stück, wurden – gottseidank – keine fünfzig Cent Serviettenpfand verlangt. Auf einer meiner Karten befindet sich noch ein Guthaben von vierzig Cent. Ich überlege ernsthaft die Rückerstattung einzuklagen, obwohl die Geschäftsbedingungen der SFM Payment GmbH dies ausschließen. Morgen rede ich mit meinem Rechtsanwalt.

Ich weiß nicht, wer mit dieser cleveren Idee, wen übers Ohr haut. Mein Verdacht ist, dass der konsumwillige Konzertbesucher unterm Strich der Gelackmeierte ist. Aber: Statt vier Getränke, hatte ich nur zwei. Dafür aber eine Bratwurst, die ich nicht wollte.

In Buenos Aires wurde vor einigen Wochen ein Bahnhof verwüstet, weil die Kunden sich nicht länger mit der Willkür des Bahnbetreibers abfinden wollten. Ich könnte auch verstehen, wenn sich ein solcher Zorn, eines fernen Tages, gegen moderne Zahlungssysteme richtet. Man sollte nicht nur den Tugendterror (siehe meine Postings zu Volvos und Freundlichkeit) aufmerksam beobachten. Man sollte auch die cleveren Jungs der Stadion Frankfurt Management GmbH nicht aus den Augen lassen.

Für die nächsten fünf Spielzeiten wünsche ich der Frankfurter Eintracht den Abstieg.

Berichte zu den Grönemeyer-Konzerten:

littlesirius.mleo.net
Bondeas Tagebuch
HaiTech-Blog