Tag Cloud Lyrics

14 05 2007

Kaum treibt man sich mal ein paar Tage zu einem Kurzurlaub in Second Life herum, schon hat man den nächsten Hype verpasst. Wolken sind flüchtig. Tag Clouds hingegen scheinen dauerhaft in der Welt der Websites hängen zu bleiben.

Fast hätte ich diese Wolke nicht bemerkt. Ich war noch gesättigt von Reportagen, Berichten, Prognosen, Statistiken, Stellungnahmen, Kommentaren und Visionen zu Second Life – da schnappte ich am Rande meiner Berufstätigkeit den Begriff “Tag Cloud” auf. Neue englische Begriffe machen mich immer und sofort hellhörig. Hört man einen englischer Begriff, eingebettet in einen deutschen Satz, dann spricht vieles dafür, dass man solch einen Begriff sobald nicht wieder los werden wird.

Tag Cloud, das ist eine treffende Wortschöpfung. Der Begriff drückt sehr direkt aus, was damit gemeint ist: “Eine Wortwolke (englisch tag cloud) ist die Methode zur Informations- visualisierung, bei der eine Wortliste zweidimensional alphabetisch sortiert angezeigt wird, wobei einzelne unterschiedlich gewichtete Worte größer oder auf andere Weise hervorgehoben dargestellt werden.” (Wikipedia)

Tag Clouds, so glaubt man nach dieser Definition, sind rational und praktisch. Dabei sind sie pure Poesie. Tag Clouds mögen darüber Auskunft geben, welche Begriffe in einem definierten Zeitraum häufiger gesucht und welche weniger nachgefragt waren – aber so betrachtet, sind sie vollkommen uninteressant. Wen wundert schon, wenn nach der Bürgerschaftswahl in Bremen die Tag Cloud von Spiegel Online die Nachrichtenlage des Tages erwartungsgemäß wiedergibt. Logisch, dass Bremen und Wahlergebnisse vollfett hervorgehoben sind – um das zu wissen, braucht es keine Tag Cloud.

Interessant wird es, wenn der Erwartungs- horizont der Suchenden unspezifischer wird. Die Tag Cloud eines namhaften deutschen Softwareherstellers bietet dafür ein schönes Beispiel. Plötzlich steht dort sex neben SOA, pussy neben security und porn neben profitability. Erstens fragt man sich, welcher “sap” (engl. Trottel) glaubt eigentlich, die Website eines deutschen Softwareherstellers würde außer Software auch noch Hardcore bieten. Da es sich um die englischsprachige Tag Cloud des namhaften deutschen Softwareherstellers handelt, hat man – mit einer etwas reservierten Haltung, dem amerikanischen Brudervolk gegenüber – eine Antwort schnell parat: Bush-Wähler. Zweitens aber, sieht man hier den interessanteren Aspekt der Tag Cloud: das Unwahrscheinliche geschehen lassen, das Disperate zusammenbringen, das Zufälligen bedeutsam machen.

Tag Clouds sind die Wiederauferstehung des Dadaismus, mit den Mitteln der Informationstechnologie. 1917 verfassten die Dadaisten Tristan Tzara, Walter Serner und Hans Arp, sogenannte „Simultangedichte“. Assoziativ und zufällig wurden dabei Worte zu Texten verbunden. Diese Schreibtechnik wurde später von den Surrealisten aufgegriffen und “automatisches Schreiben” genannt. Das Ziel dieser Methode: Die Akteure wollten dem Unbewußten zum Ausdruck verhelfen. Damit hofften sie, an die ursprünglichen und unverfälschten Eindrücke, Gefühle und Empfindungen zu gelangen. Die Ergebnisse des “automatischen Schreibens” wurden dem Publikum präsentiert, indem mehrere Texte simultan vorgetragen wurden. Was in diesen Rezitationen entstand, war nichts anderes als eine “Wortwolke”.

Tag Clouds sind im schlechtesten Falle unnütz. Im besten Fall, sind sie literarisch-dadaistische Kunstwerke. Das “automatische Schreiben” wird heute nicht mehr nur von einigen Wenigen betrieben, sondern ein Programm fasst das Schreiben von Hunderten, Tausenden oder auch Zehntausenden zusammen. Die bewußte – wenn auch privat, intim und individuell verfasste – Eingabe in die Suchmaske einer Website, wird zu einer kollektiven, öffentlichem Äußerung. Finden sich in der statistische Zusammenfassung einer Tag Cloud noch Spuren der bewußten Entscheidung des Einzelnen? Ist sie Ausdruck eines “gesellschaftlichen Bewußtseins”? Oder haftet ihr etwas von einem ominösen “kollektiv Unbewußten” an?

Keine Ahnung! Eines jedenfalls ist sicher: Das Ganze ist wieder einmal mehr, als die Summe seiner Teile. Wir wissen, dass wir mit hoher Geschwindigkeit unterwegs sind, aber wir wissen nicht wohin die Reise geht.

Tag Clouds finden sich inzwischen auch dort, wo man sie am wenigsten erwartet: Im “Spam”. Mein Freund Jochen hat mich vor einigen Tagen darauf aufmerksam gemacht, dass einige der Mails, die sich in meinem Spam-Ordner befanden, Poesie enthielten: Tag Cloud Lyrics. Hier ein – von mir leicht bearbeitetes – Beispiel:

CARBON RACE (WKN 15Q105)
NDGB.F
Letzter Kurs: 0,95
52W Spanne: 0,50 – 1,16

Responsive
but not
freakishly

Ich verstehe einfach
sein Lamentieren nicht.

Es geht nicht um umweltschutz,
sondern die formulierung eines gesetztes.

Finde sie geschmacklos.
Dieses seltsam anmutende
Headline des
Tagis vom 05.
If marketing is a profitable activity,
it still doesn’t
mean that what it is
communicating to the universe
of buyers
is building the business.

Die Chaoten waren peinlich.
Wer wird da entwickelt?
Wenn Muslime
in einem stillgelegten Industrieareal
eine Moschee einrichtet
wird niemand hinschauen.

Ich verstehe einfach
sein Lamentieren nicht.

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Gargi sagt:
Der Klimawandel scheint
keinen Einfluss
auf das Kaufverhalten zu haben,
weiterhin werden vor allem grosse
und starke Fahrzeuge gekauft.
Und was ist jetzt das Problem der SVP-Politiker?

The analysts
who predict the future
success of a company
and then punish them
for falling short?
Marketers are constantly reminded
that more leads are needed.

Ich verstehe einfach
sein Lamentieren nicht.

Wer wird da entwickelt?
Ich empfinde es eher
als eine Art Wohnhaftierung
in einer Zivilisolation.

I can tell you that
it does take time
to use a nurturing approach,
but you will end up
with better and more
profitable relationships, whether
it be personal or professional.
It offers
15 luxurious guest rooms
and suites,
each with a private bath
and many with private decks.

Ich verstehe einfach
sein Lamentieren nicht.

In erster Linie waren es Jugentliche
die einfach ihrem Frust
freien Lauf lassen wollten.
In addition,
we can’t ignore research
showing the average tenure
of a CEO is six years.

So eine Art Sodom und Comora.
Wie hat sich die Schuldenlast der
ehemaligen Kolonien entwickelt,
wie viel Prozent des Lebensmittelmarkts
sind in ihrer Hand?

Zum Vergleich ein Gedicht des Dadaisten Hans Arp:

te gri ri ri gri ti gloda sisi dül fejin iri
back back glü glodül ül irisi glü bü bü da da
ro ro gro dülhack bojin gri ti back
denn
berge mit eingebauten lärmapparaten
apportieren erzene schmetterlinge

Mit Bert Brecht schließen wir: “Der Vorhang zu und alle Fragen offen.”





Good News, Bad News – ein Abend mit Joseph Weizenbaum

8 05 2007

Das Buch “Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft” von Joseph Weizenbaum hat mich vor 25 Jahren sehr beeindruckt. Im Februar 1982 habe ich es gelesen. Heute, am 9. Mai 2007, hat der inzwischen 84jährige emeritierte Professor des Massachussets Institute of Technology einen Vortrag in Mannheim gehalten. Das hat mich gefreut, und es hat mich nachdenklich gemacht.

Ob der Eindruck des zerstreuten Professors, ein vom Redner gewolltes dramaturgisches Element oder tatsächlich dem Alter geschuldet war, kann ich nicht beurteilen. In der Gerontogie gibt eine These, die besagt, dass alte Menschen Strategien entwickeln, die ihre Leistungsfähigkeit erhalten. Eine dieser Strategien ist “Optimierung”. Joseph Weiszenbaum hat seine Vortragstechnik in dreifacher Hinsicht optimiert. Sie entspricht den Vorurteilen des Auditoriums gegenüber zerstreuten Professoren, sie entspricht den Vorurteilen gegenüber alten Menschen und sie ist unterhaltsam. Professor Weizenbaum hat sein Publikum dort abgeholt, wo er es erwarten konnte.

Der letzte Aspekt – der unterhaltsame – hat mich nicht überrascht. Als us-amerikanischer Professor muß man das können. Der Vortrag schien vollkommen improvisiert. Kleine launige Bemerkungen zu den Gastgebern, Eloquenz im Umgang mit dem Anlaß der Rede, kurze Bezüge auf das Thema “Gestaltung”, ohne genaue Festlegung, und dazwischen Selbstgespräche, über das, was man eigentlich sagen oder nicht sagen will. Allerdings hatte ich die kleinen Anekdoten, die er einstreute, bei meiner Recherche im Internet bereits gelesen. Da ist die, von seiner kleinen Tochter, die ihn fragte, wie spät ist sei. Und dann gleich ergänzte: “Ich möchte einfach nur wissen, wie spät es ist, ohne dass du mir dabei die Uhr erklärst.”

Nach fünfundzwanzig Jahren erhielt ich an diesem Abend die weitgehend kurzweilige Kurzfassung eines Buches, das ich vor fünfundzwanzig Jahren mit Interesse, aber auch mit Geduld und Akribie, gelesen habe. Joseph Weizenbaum hat sich angestrengt einen optimistischen Vortrag zu halten. Das gut gemachte Entertainment hat das unterstützt. Aber die Botschaft war trotz allem – oder gerade deswegen – sehr pessimistisch. Menschen tun, was in ihren technologischen Fähigkeiten liegt. Die Frage nach den Konsequenzen – den Folgen ihres Tuns – findet nur in einem Randbereich ihrer grauen Zellen statt. Menschen tun, im Namen des naturwissenschaftlichen Paradigmas, was in ihren ökonomischen, politischen, persönlichen Interessen liegt. Das war, kurzgefasst, die Warnung von Joseph Weizenbaum, in “Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft”, und in seinem heutigen Vortrag. er hat dies in eine weitere kurze Geschichte gefasst: Ein Flugzeug fliegt fern von jedem Flughafen über den Pazifik und der Pilot macht eine Durchsage an die Passagiere: “Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für sie. Die gute Nachricht: Wir haben Rückenwind und fliegen mit 1800 Stundenkilometern. Die schlechte Nachricht: Alle Instrumente sind ausgefallen und wir wissen weder wo wir sind, noch wohin wir fliegen.“

Die Entwicklung seit der Veröffentlichung von “Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft” macht ihn zum Propheten. In gewisser Weise aber auch zum Narren. Alles was er prophezeit hat, ist eingetreten. Auch wenn er es sich wünscht – ein Ende dieser sich erfüllenden Prophezeiungen ist nicht absehbar. Da hilft auch der von ihm zitierte tröstende Satz von Elie Wiesel nicht, dass man an das “undenkbare glauben muß.” Joseph Weizenbaum, mir und allen anderen wünsche ich, dass es immer mehr Menschen gibt, die durchsetzen, was nötig ist. Bisher setzt sich stattdessen all das durch, was möglich ist – im Namen von Geld, Macht, Technologie und naturwissenschaftlichem Fortschrittsmythos.

Einen seiner schönsten Sätze hat er an diesem Abend nicht gebracht. Der lautet: “Ich bin kein Computerkritiker. Computer können mit Kritik nichts anfangen. Ich bin Gesellschaftskritiker.”

Weitere Bücher zu diesem Thema:

  • Arthur Koestler: Die Wurzeln des Zufalls
  • Paul Feyerabend: Erkenntnis für freie Menschen
  • Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen
  • Paul Virilio: Geschwindigkeit und Politik

Weitere Informationen im Web: