Mit Übergepäck durchs Internet

29 08 2007

Als einer der größten Hersteller des Klimawandels gilt mittlerweile Google. Eine Suchanfrage bei Google koste, das haben Tüftler der New York Times ausgerechnet, „so viel Strom wie eine Energiesparlampe in einer Stunde.“ So stand es zumindest in der Zeit. „Rechenzentren“, so heißt es da, „verschlingen so viel Energie wie der Flugverkehr.“ Da sollte man doch öfter mal wieder fliegen und das Internet zuhause lassen.

Wir hatten kürzlich festgestellt (und zwar hier), dass Unternehmen oft mit Produkten und Dienstleistungen ihr Geld verdienen, die mit dem vermeindlichen Kerngeschäft herzlich wenig zu tun haben. Um beim Fliegen zu bleiben: Ryanair verdient viel Geld damit, dass Menschen nicht fliegen. Leider gibt es keine Statistik darüber, wieviel Prozent der Buchungen verfallen. Darüberhinaus verdient Ryanair wahrscheinlich horrende Summen damit, sogenanntes Übergepäck zu transportieren (hier die aktuellen Tarife). Dieses Geschäft ist so lukrativ, dass man gerne auf die Beförderung von Passagieren verzichten würde, könnte man ihnen einen guten Grund liefern, trotzdem ihr Übergepäck transportieren zu lassen.

Heute vermeldete die Süddeutsche Zeitung: Apple und VW führen Gespräche in Kalifornien. „Am Ende“, so die Süddeutsche Zeitung, „könnte ein „iCar‘‘ herauskommen in Anlehnung an die begehrten iMac-Computer und iPod-Musikgeräte von Apple.“ Das wäre ein ganz großer Deal. VW könnte sich weiterhin um seine Banksparte kümmern und den Zusammenbau des iCars Apple und seiner weltweiten Lieferkette überlassen. Ich bin gespannt, ob das Lenkrad durch ein ClickWheel ersetzt wird. Der entscheidende Vorteil wird sein: Auch bei Urlaubsfahrten mit dem Auto hätte man sein Internet immer dabei. Das ist zwar schlecht für das Klima, aber besser Apple baut Autos, als Microsoft Flugzeuge (siehe Video unten). Womit wir wieder beim Fliegen wären. Und beim Klimawandel. Und beim Internet.

Quellen: Den Hinweis auf Apple, VW und die Süddeutsche Zeitung verdanke ich dem Blog fscklog. Das Video fand ich im Blog Der Schockwellenreiter.

Das Foto stammt aus Wikipedia und steht unter Creative Commons Licence.





Ross und Reiter – Endemol

16 08 2007

Es geht nicht um die Springreiter Europameisterschaft in Mannheim, wie die Überschrift vielleicht nahelegt. Es geht um Endemol N.V., MTV und um Zocker in teuren Anzügen. Es geht um die schwierige Frage, ob das, was nicht verboten ist, damit gleichzeitig erlaubt ist. Und es geht um diejenigen, die in der Grauzone einer ungeregelten Rechtssituation mit zweifelhaften Methoden Millionen verdienen.

Der Medienjornalist Stefan Niggemeier zeichnet verantwortlich für einen Blog, der in diesem Jahr mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet wurde. Die Begründung der Jury kann man nachlesen. Stefan Niggemeier tut das, wofür er ausgezeichnet wurde: Kritisch über die Welt der Medien berichten. Stefan Niggemeier wurde jetzt von der Firma callactive abgemahnt, weil ein Kommentar zu den Geschäftspraktiken der Firma callactive in seinem Blog erschienen ist, den er nicht sofort, sondern erst einige Stunden später gelöscht hat. Sollte diese Abmahnung gerichtlich bestätigt werden, wäre dies mit einer starken Einschränkung der Meinungsfreiheit verbunden und es wäre das Ende der Blogosphäre, wie wir sie kennen und lieben. Soweit in Kurzfassung für Nichtjuristen.

Natürlich wird dies in vielen Blogs diskutiert und kommentiert. Aber die Argumentation dort greift meist zu kurz. callactive ist ein Unternehmen der Endemol Corporate Communications. Die Abbildung ist ein Screenshot der Website der Endemol N.V. mit Sitz in Hilversum und zeigt das Management Board – lauter Dunkelmänner? callactive, die Tochter von Endemol, ist nach eigenen Angaben auf “den Bereich Transaktionsfernsehen spezialisiert.” Eines der Formate heiß Money Express und es geht um Geldpakete und schwachsinnige Rätsel die erstaunlicherweise kaum jemand errät. Selber kucken macht schlau: Das satirisch-kritische TV Magazin Fernsehkritik hat sich das angeschaut. Seltsam erscheint dem TV Magazin Fernsehkritik, dass die Stimmen mancher Anrufer sich ähneln. Ist das ein Hinweis auf Fake-Anrufe?

callactive hat sich vorgenommen ein dickes Brett zu bohren. Juristisch geht das Unternehmen gegen alle vor, die sich kritisch zu den Sendungen äußern. Nebenbei erwähnt: Das Forum von Marc Doehler mit dem Namen Call-in-TV wurde bereits abgemahnt, da die Animateurinnen der Zockerprogramme auf Verletztung ihrer Persönlichkeitsrechte geklagt hatten, weil sie als Animösen bezeichnet wurden. In Zukunft sollte man sie also lieber als „Anschafferinnen“ bezeichnen, da das ihren ausgeübten Beruf genauer kennzeichnet. Aber das ist nur ein Vorschlag und bedarf noch der juristischen Prüfung.

Aber wir wollten ja Ross und Reiter nennen und das sind – im übertragenen Sinne – nicht die kleinen Luder, die in Daddies-Hobby-Bar am Tresen sitzen und den Kunden das Geld aus der Tasche ziehen. Es sind die Betreiber des Etablisments.

Zu nennen ist da zunächst der verantwortlicher Geschäftsführer der Callactive GmbH Stephan Mayerbacher. Ohne ihn wird nicht abgemahnt. Im Vergleich zu Endemol ist Stephan Mayerbacher allerdings nur ein kleines Licht. Der Deutschland-Chef von Endemol heißt Borris Brandt. Da sind wir schon eine Stufe höher. Der ist wiederum ein kleines Licht im Vergleich zum „global leader in television“, wie sich Endemol auf seiner internationalen Website präsentiert. Der Chef des Ganzen heißt Aat Schouwenaar. Da werden sich schon manche Details finden lassen, die – im übertragenen Sinne – nicht die armen Luder am Tresen für das Zockertum im Deutschen Fernsehen verantwortlich machen, sondern den Dunkelmännern dahinter Feuer geben. Natürlich profitieren von der Zockerei auch Sender wie MTV Networks Germany GmbH mit den Geschäftsführern Catherine Mühlemann und Martin Michel, die diese Gewinnspiele auf ihren Sendern laufen lassen.

Übrigens: Eines der erfolgreichsten Formate von Endemol im deutschen Fernsehen ist ”Wer wird Millionär”. Günther Jauch, der Saubermann des deutschen Fernsehjournalismus – seine Absage, die Nachfolge von Sabine Christiansen zu übernehmen, ist noch gut in Erinnerung – arbeitet für ein Format, für das ein Unternehmen kassiert (Endemol), dessen Tochter callactive in zweifelhaftem Fahrwasser agiert – wirklich pikant! Herr Jauch, wie wäre es mit einem Interview zu diesem Thema?

Wie gesagt: Was nicht verboten ist, ist noch lange nicht erlaubt. Die Auseinandersetzung mit Endemol und callactive hat eine juristische, aber auch eine Komponente, die aus öffentlichem Druck besteht. An beiden Auseinandersetzungen beteilige ich mich gern. Aat Schouwenaar, sie können kommen!


Quellen: Stefan Niggmeier erklärt, wie es sich mit Call-in-TV und Medienaufsicht verhält: Callactive siegt über Meinungsfreiheit. Alle Einträge zum Thema Callactive in Stefan Niggemeiers Blog findet man hier.

Das Forum vom Marc Doehler: Call-In-TV-de


Die Abbildung ist ein Screenshot der Website der Endemol N.V. mit Sitz in Hilversum und erreicht nicht die Geataltungshöhe, die für ein Copyright notwendig wäre.





Thesen und Tatsachen II – An die Wand geworfen

27 07 2007

Bei der Beschäftigung mit der zweiten These des Projekts rethinking business dachte ich an jene Werbung für die Gelben Seiten, in der es heißt: “Warum fragen sie nicht jemanden, der sich damit auskennt?” Den Thesen hätte das gut getan.

Nachdem wir schon bei der ersten These feststellen konnten, dass die Autoren von Wirtschaft sprachen, wir aber nicht wußten, was sie mit Wirtschaft meinten, setzt sich das bei der zweiten These fort. Beim Nachdenken über diese Thesen, geht es mir ein wenig wie der Königstochter in dem Märchen Der Froschkönig, die beim Spielen im Wald Dinge findet, die sie gar nicht sucht.

These # 02
“Der freie Austausch von Wissen und Kreativität sind die Grundlagen des zukünftigen Wohlstands. Die Wirtschaft tut sich mit beidem schwer.”

Aha, die Wirtschaft tut sich schwer. Das wissen wir, das tut sie meistens – bei Arbeitsplätzen, bei Ausbildungsplätzen, bei Zukunftsperspektiven, bei Antworten auf den demografischen Wandel und bei so mancherlei. Wer aber ist die Wirtschaft? Die Wirtschaft, das ist in diesem Zusammenhang so unspezifisch, wie die Politik, die Kultur, die Wissenschaft, die Findlingseigentümer oder die Hundebesitzer. In ungezählten Politikerstatements wird an solche ungreifbare Subjekte appelliert – an die Hundbesitzer zuletzt, als es darum ging eine Maulkorbpflicht für aggressive Hundrassen zu stoppen. Diese Appelle zeigen nie irgendeine Wirkung, außer einer aufschiebenden. Ersetzte man Wirtschaft durch Unternehmen, dann könnte man darüber vielleicht noch sinnvoll reden. Man hätte sich dann diese These aber auch sparen können, da in These 7 diejenigen Unternehmen als nicht zukunftsfähig erklärt werden, die sich abschotten.

Die These möchte, dass wir darüber diskutieren, ob der “freie Austausch von Wissen und Kreativität (…) die Grundlagen des zukünftigen Wohlstands sind”. Ich kann mir vorstellen, wie ein Austausch von Wissen funktionieren könnte – schließlich bin ich lange Jahre in die Schule gegangen und ein wenig Wissen ist, durch den Einfluß dieser Institution, auch bei mir angekommen. Aber wie funktioniert der Austausch von Kreativität? Nach einer gängigen Definition hängt Kreativität “von Begabungen, Motivationen und Persönlichkeitseigenschaften ab”. Wie tauscht man die Eigenschaften einer Persönlichkeit? Indem man, wie es in einigen schriftlosen Kulturen üblich war, die Hirne der Verstorbenen ißt? Oder funktioniert es, wie in dem Science Fiction Klassiker Invasion der Körperfresser? Oder kann die, in These 11 erwähnte, Bionic Society helfen?

In der letzten Ausgabe der Zeit (vom 26. Juli 2007) las ich mit Vergnügen den Beitrag von Josef Joffe über das Phänomen, dass Power-Point Präsentationen den Geist beschädigen (“An die Wand geworfen” auf Seite 42). Er zitiert dort Edward E. Tuftes Buch The Cognitive Style of PowerPoint mit den Worten: “Bullet outlines can make us stupid.” Die Merkmale der Sprache in PowerPoint-Präsentationen sind die Redundanz (Wiederholung) und das Generische – der Allgemeinplatz. Es wird gesprochen ohne zu denken. “Wir verdummen uns selber,” so Joffe, “wenn wir nichts mehr sagen, sondern nur noch reden.” Die “stumpfe Sprache stumpft auch das Gehirn ab – des Redners wie des Zuhörers.” “Und deshalb dräut der Untergang des Abendlandes, dieser wunderbaren Kultur, deren festes Fundament der klare Gedanke, das rigorose Räsonnieren, die präzise Sprache waren.” So schließt Josef Joffe.

Und ich – ich würde meinen, dass Unternehmen, die sich mit Zukunftsforschung beschäftigen, wie z-punkt – The Foresight Company, die Sprache der Zukunft vielleicht vorwegnehmen. Das hat seinen Preis. Die Probleme der Gegenwart bleiben ungelöst, da sie in einer Sprache formuliert werden, in der man nicht sinnvoll antworten kann. Statt unbedachte Bullet Points zu produzieren, wäre es sinnvoller intelligente Fragen zu stellen. Nach Ludwig Wittgenstein ist “der Sinn einer Frage (…) die Methode ihrer Beantwortung. Sage mir wie du suchst, und ich werde dir sagen, was du suchst.” Ich würde sagen, The Foresight Company sucht noch nach der richtigen Formulierung für wichtige Zukunftsfragen. Der Verzicht auf PowerPoint eröffnet da eine zukunftsfähige und nachhaltige Perspektive.

In all dem Überfluß gibt es keinen Mangel an offenen Fragen: Wovon hängt der zukünftige Wohlstand ab? Geht es um unseren zukünftigen Wohlstand, oder um den Wohlstand aller Erdenbürger? Geht es um Wohlstand für einige, oder um Gerechtigkeit für alle? Ist auch der zukünftige Wohlstand Gegenstand von Verteilungskämpfen und Machtinteressen? Ist der freie Austausch von Wissen in der Sphäre der Wirtschaft nur ein romantischer Gedanke, wie der fromme Spruch “Don’t be evil” von eBay? Tummeln sich im Web 2.0 nur gute Menschen oder, neben der Abmahnindustrie, auch jede Menge anderer Betrüger? Geht es um die Kontrolle der Wertschöpfung, wie das Beispiel iPod zeigt, oder darum, wie bei einem Pfadfindertreffen, alles brüderlich zu teilen? Ist Industriespionage vielleicht sogar der Kern einer neuen Kreativitätsindustrie, die die Basis für zukünftigen Wohlstand schafft?

Vielleicht bewegen wir uns jetzt endlich auf dem Terrain der ungelösten Menschheitsfragen. Aber vielleicht sind die Fragen jetzt auch nur so gestellt, dass es darauf sinnvolle Antworten geben kann. Darauf kann ich nur warten.

Am Ende fällt mir noch einmal das Märchen vom Froschkönig ein. In diesem Märchen mußte man nur eine häßliche Kröte an die Wand werfen, damit sie sich in einen schönen Prinzen verwandelte. Den konnte man sogar in echt heiraten, und war glücklich bis ans Ende aller Tage. Das war (Originaltext) “in den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat.” In der Sprache der Bullet Points werden statt Kröten meist Märchen an die Wand geworfen, die werden dadurch nicht schöner und das Wünschen hilft nicht mehr.


Bildnachweis: Lizenzbedingungen der Abbildung der Königstochter.





Thesen und Tatsachen I – Wer hat’s erfunden?

25 07 2007

Im Beitrag “Wortbesetzung statt Hausbesetzung” hatte ich die fünfzehn Thesen des Projekts rethinking business vorgestellt. Die nächsten Beiträge werden sich diese Thesen einzeln vornehmen. Ich beginne heute ganz vorne – mit These 01. Nebenbei wird ein iPod auseinander genommen und man erfährt, wo das meiste Geld landet, das man für dieses Gerät auf den Tisch legt.

Vorausschicken möchte ich: Es gab zwei Kommentare zu den Thesen. Der erste Kommentar fragte “sollen Märkte wirklich Gespräche sein?” Der zweite Kommentar stellt einen Widerspruch in den dort aufgestellten Behauptungen fest. Auf beide Kommentare möchte ich zunächst antworten.

Dem Kommentar von Sebastian, der bemerkte, dass die Thesen 3 und 10 nicht zu der Aussage in These 4 passen, kann ich nur zustimmen. Die Frage von Christophe, “sollen Märkte wirklich Gespräche sein”, möchte ich mit dem Hinweis auf das Cluetrain Manifest beantworten. Die Behauptung „Märkte sind Gespräche“ ist die erste These dieses Manifests, das 1999 veröffentlicht wurde. Das Cluetrain Manifest hat einige Zeit für Wirbel in der Werbe- und Marketingszene gesorgt. Kurz zusammengefasst ist seine Aussage, dass die klassischen Methoden des Marketings ausgedient haben. Das Internet bringt die Menschen zusammen und fördert den ehrlichen und offenen Dialog. „Unternehmen, die nicht zu einer ‘Community’ des Austausches gehören, werden sterben.“

Wie wir sehen, sind Thesen die eine Seite der Medaille – nämlich Behauptungen über die Wirklichkeit, die noch bewiesen werden müssen. Die andere Seite ist, wie diese Thesen ihre Tauglichkeit in der Wirklichkeit beweisen. Acht Jahre nach der Veröffentlichung des Cluetrain Manifests sind die meisten Unternehmen noch quicklebendig. Aber: Die Hoffnungen und Ängste gegenüber der Entwicklung, für die Web 2.0 als Synonym steht, sind die Fortsetzung von Cluetrain unter erweiterten technischen Möglichkeiten. Die einen freuen sich auf das Ende der großen Medienkonzerne durch Musiktauschbörsen und journalistische Blogs. Die Medienkonzerne wiederum arbeiten an Strategien auch diesen Hype für ihre Zwecke auszunutzen. Wie das ausgeht, ist schwer zu sagen. Sagen kann man aber, dass das Cluetrain Manifest eine richtige Tendenz beschrieben hat – allerdings mit zu optimistischen Schlussfolgerungen.

Thesen sind Behauptungen, die sich an der Wirklichkeit messen lassen müssen. Schauen wir also welche Wirklichkeit die erste These des Projekts rethinking business beschreibt, und ob diese These die Wirklichkeit plausibel erklärt.

These 01
“Es gibt keine globale Wirtschaft. Regionen sind die ökonomischen Machtzentren und Erfolge erzielt man nur auf lokalen Märkten.”

Was wird hier unter Wirtschaft verstanden? Ist es der Kapital- und Geldmarkt, der weltweit vernetzt, an jedem Tag Billionen von US-Dollar rund um den Globus pumpt, der nicht global ist? Sind es die Investmentbanker in London, New York und Singapur, die Megadeals zwischen australischen Minenunternehmen und indischen Stahlwerken einfädeln, die nicht global sind? Wie ich gerade lese, belastet die Angst vor einer Ausweitung der US-Immobilienkrise die Aktienmärkte in Europa. Warum, wenn Wirtschaft nicht global ist?

Erzielt man Erfolge wirklich nur auf lokalen Märkten? Wird Porsche nur in Schwaben verkauft und Coca Cola nur in Atlanta? Kommen unsere Fernseher noch immer von Grundig, oder sitzen wir nicht längst vor Sony, Panasonic und Sharp? Tragen wir alle Trigema, weil wir Herrn Grupp so nett finden und es außerdem keine Textilien aus anderen Ländern bei uns zu kaufen gibt?

Ein kleines Körnchen nachvollziehbarer Wahrheit steckt allerdings in dieser Behauptung. Globale Marketingstrategien sind oft gescheitert. Erfolg haben in der Regel Unternehmen, die ihre Marketingstrategien an die regionalen Besonderheiten anpassen – an die Kultur, die Wertvorstellungen und die Sprache derjenigen, die die Produkte kaufen sollen. Diese Märkte sind nicht lokal, sie sind regional oder national.

Die Geschichte von Steve, den drei ”i’s” und dem big business
Um den Leser nicht länger zu langweilen, möchte ich eine kleine Geschichte erzählen, auf die ich in der New York Times vom 28.6.2007 gestoßen bin. Sie handelt von meinem Lieblingsunternehmen, der Apple Inc., mit Sitz in Cupertino. Es geht dabei um ein Produkt, das wir alle kennen: Den iPod.

Unter der Überschrift „An iPod Has Global Value. Ask the (Many) Countries That Make It” berichtet der Autor über eine Studie des Personal Computing Industry Centers, die der Frage nachging “Who Captures Value in a Global Innovation System? The case of Apple’s iPod”. Untersucht wurde die globale Lieferkette eines 30 GB iPod der 5. Generation.

Erfunden hat den iPod ein Mann namens Steve Jobs. Das ist der Mann, der vor vielen Jahren den Personal Computer erfunden hat. Manche meinen, das sei ein Mann mit dem Vornamen Bill gewesen, aber das stimmt nicht. Nach all den Jahren ohne neue Erfindung, war es Steve etwas langweilig und so erfand er erst den iMac, dann den iPod und dann iTunes. Das „i“ steht für „I made it“, weil Steve auch etwas eitel ist. Steve ist aber auch clever. Deshalb überlegte er, wie er die drei „i“’s unter einen Hut bekommt. Aus dem iMac machte er das stationäre Multimediacenter für Musik und Film. Aus dem iPod machte er die mobile Abspielstation und aus iTunes, den Laden, in dem man die ganze Musik und die Filme kaufen kann. Da Ideen haben schon viel Arbeit ist, wollte Steve nicht auch noch alle diese tollen Geräte selbst zusammenschrauben. Also suchte er sich Leute, die das für ihn machen wollten.

Steves iPod kostet in den USA $299,-. Das kleine Wunderding besteht aus etwas mehr als vierhundert Einzelteilen. Für diesen ganzen Kleinkram suchte er sich auf der ganzen Welt Firmen, die ihm seine Erfindung zusammenbauen sollten. Die zehn teuersten Einzelteile und Leistungen die Steve weltweit einkauft sind: die Festplatte (Hersteller Toshiba/Japan), das Display (Toshiba-Matsushita/Japan), der Multimediaprozessor (Broadcom/USA), die CPU (PortalPlayer/USA), Montage und Test (Inventec/Taiwan), Aku (unbekannt), Bildschirmtreiber (Renesas/Japan), SDRAM Memory (Samsung/Korea) und zwei weitere Komponenten, deren Hersteller uns unbekannt sind. An der Spitze seiner Zulieferern stehen Unternehmen, die ihren Sitz in Japan haben, aber teilweise in China produzieren lassen. Der Wert dieser zehn Komponenten, die Steve in seinen iPod einbauen läßt – in Fabrikpreisen gerechnet – beträgt $123,12. Die restlichen rund 390 Komponenten haben einen geschätzen Wert von $21.28.

Dafür, dass Leute seine Geräte in die Läden in den USA transportieren und dort verkauften, zahlt Steve rund $75,-. Bei einem Verkaufspreis von $299,- hat Steve $80,- in seinem Säckel, ohne viel zu tun. Steves Wertschöpfungsanteil ist höher als der Preis jeder einzelnen Komponente. Das nennt man in Amerika big business. Und das ist ein gutes Geschäft. Für Amerika ist es auch ein gutes Geschäft, da der Anteil der Wertschöpfung, der dort bleibt, mit $163,- sehr hoch ist. Japans Anteil ist $26,- und Korea muss mit $1,- zufrieden sein.

Hier endet die Geschichte von Steve und den drei “i”’s. Steve Jobs ist der Gründer und Chef von Apple. Apple produziert den iPod mit einer ausgefeilten Lieferkette von globaler Dimension. Wer profitiert von der globalen Vernetzung von Zulieferen und einer Logistik, die dafür sorgt, dass jedes Teil rechtzeitig am richtigen Ort ist? Die Schlussfolgerung der Studie ist sehr einsichtig und lautet in der deutschen Übersetzung wie folgt:

”Was können wir nach dieser Analyse darüber sagen, wer den größten Gewinn aus Innovationen zieht? Zuerst: Apple ist der große Gewinner – eine amerikanisches Unternehmen, mit vorwiegend amerikanischen Beschäftigten und Aktionären.”

Soviel zu der These “Es gibt keine globale Wirtschaft”. Allerdings, und das zeigt wie komplex die Fragestellung ist, stützt das Beispiel iPod die These 03. Andere Meinungen oder Ergänzungen sind herzlich willkommen.

Quellen: Die Studie kann hier als PDF heruntergeladen werden. Auf die Spur dieser Studie gebracht, hat mich der Beitrag von steffenh “Der Globale iPod”.
Bildnachweis: Die Rechte für die Abbildung des iPods liegen bei Apple Inc. (Lizenzbedingungen).





Wortbesetzung statt Hausbesetzung

18 07 2007

Wie kommt man in die Medien? Dafür gibt es riskante Strategien – und weniger riskante. Man kann sich einen Bart wachsen lassen, und sich dann häufiger im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan herumtreiben. Bald ist man in den Medien. Garantiert. Als aktiver Geiselnehmer geht es natürlich schneller. Oder auch als erfolgreicher Brandstifter. Dagobert hat es als Erpresser zu einer nationalen Berühmtheit gebracht. Als einfacher Ladendieb hat man dagegen wenig Chancen. Vor einigen Jahren konnte man als Hausbesetzer noch eine gewisse lokale Berühmtheit erlangen. Heute empfiehlt sich Wortbesetzung.

Meine Agentur hat sich vor einigen Monaten dazu etwas einfallen lassen. Sie klebte an das, was sie macht, ein neues Etikett: Branded Publishing. Wir haben dabei auch ein wenig Wortdesign betrieben, weil wir Brand und Publishing zusmmengeschweißt haben. Design ist manchmal ein wenig banal. Trotzdem ist das ein sehr beliebter Trick bei uns Werbern, der allerdings nicht immer funktioniert. Hier hat es funktioniert. Google liefert bei der Suche nach Branded Publishing bei den ersten zehn Einträgen, sechsmal einen Bezug zu meiner Agentur. Das ist schon ein Erfolg.

Allerdings weiß ich nicht, wie oft nach diesem Begriff gesucht wird. Vielleicht muss ich da mal die Jungs aus unserer IT-Abteilung fragen. Genau da liegt der Hase im Pfeffer. Wenn man eine hohe Trefferquote hat, bei Begriffen die keiner sucht, dann gilt die schöne Formulierung von Friedrich K. Waechter: “Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein!”

Das Web 2.0 schafft es, zwei sich ausschließende Existenzweisen zusammenzubringen. Die des Nomaden und die des Seßhaften. Im World-Wide-Web gibt einerseits die seßhaften Nomaden, andererseits die nomadisiernden Seßhaften. Zwischen beiden Typen gibt es keinen bemerkenswerten Unterschied. Ich beispielsweise bin ständig auf der Suche, ohne mich zu bewegen. Ich bin hier, ich bin dort, aber nie bin ich fort. Ich sitze vor meinem Rechner und durchstreife die Weiten des bekannten Universums. Zwischendurch hänge ich die Wäsche auf.

Bei diesen Streifzügen bemerkte ich, dass bei der Suche nach Informationen zum Thema Projektwirtschaft eine mir bekannte Website in den Trefferlisten auftauchte. Warum ich nach diesem Begriff suchte, weiß ich nicht mehr. Als nomadisierender Seßhafter, oder auch als seßhafter Nomade, weiß man nicht immer so genau, was man sucht. Jedenfalls hatte es mein Freund Klaus Burmeister mit seiner Firma z-punkt in die Top-Ten der Google-Treffer zum Suchbegriff Projektwirtschaft geschafft.

Mit dem Begriff Projektwirtschaft ist bei z-punkt ein Projekt verknüpft, dass ich inhaltlich interessant finde. Gemeinsam mit der Forschungsabteilung der Deutschen Bank geht es um die Zukunft des Standorts Deutschland. Das Projekt heißt so, wie ein Projekt heute heißen muss: rethinking business – und hat, wie es sich gehört, einen Blog. Die 15 Thesen dieses Projekts seien hier mit dem Kürzel fyi zur Kenntnis gegeben. Man mag sie lesen, oder auch nicht. Ich finde die Thesen interessant, und werde sie bei passender Gelegenheit aufgreifen.

These # 01
Es gibt keine globale Wirtschaft. Regionen sind die ökonomischen Machtzentren und Erfolge erzielt man nur auf lokalen Märkten.

These # 02
Der freie Austausch von Wissen und Kreativität sind die Grundlagen des zukünftigen Wohlstands. Die Wirtschaft tut sich mit beidem schwer.

These # 03
Nur offene Gesellschaften sind kreativ. Die Demokratie ist ein vergessener Standortfaktor.

These # 04
Der ökonomische „Shift to Asia“ ist das Vorzeichen einer neuen Weltordnung. Europa braucht ein neues kulturelles Selbstverständnis und muss seine Rolle in der Welt neu definieren.

These # 05
Börsennotierte Unternehmen sind durch kurzfristige Kapitalinteressen blockiert. Der Mittelstand übernimmt eine Führungsposition bei der Sicherung langfristiger Zukunftschancen.

These # 06
Globale Unternehmen werden zu komplex und sind kaum mehr steuerbar. Sie müssen lernen, auf Selbstorganisation umzuschalten, Verantwortung zu delegieren, um dezentral handlungsfähig zu sein.

These # 07
Das hermetisch abgeschottete Unternehmen hat ausgedient. Wertschöpfungsnetze und Kooperationen werden zu Schlüsselfaktoren.

These # 08
Kern einer sich verändernden Wirtschaftsweise wird der projektwirtschaftliche Sektor sein, der von kreativen Wissensarbeitern und einem florierendem Unternehmertum getragen sein wird.

These # 09
Eine zukunftsfähige Gesellschaft benötigt Gestaltungsspielräume und einen erweiterten Innovationsbegriff, der in neuartigen Arenen die Interessen von Wissen, Wirtschaft, Staat und Gesellschaft austariert.

These # 10
Der Gegensatz von Ökonomie und Ökologie ist ein Relikt. Nur nachhaltige Zukunftsmärkte sichern das Überleben von Unternehmen und Gesellschaft.

These # 11
Das Paradigma der Informationsgesellschaft verblasst. Ein neues ist im Entstehen: Wir sind auf dem Weg zur „Bionic Society“.

These # 12
Die Eingriffstiefe konvergenter Technologien ermöglicht eine zweite Evolution. Das Menschenbild der Gesellschaften im Osten wie im Westen gerät hierzu in Konflikt. Gegen Fundamentalismus hilft nur ein neuer Wertekanon.

These # 13
Kunden werden zu anspruchsvollen Partnern. Vertrauen, Kommunikation und Interaktion bilden das Fundament eines neuen Social Commerce. Märkte sind Gespräche.

These # 14
Die Polarisierung der Gesellschaft spaltet und treibt die Suche nach einem neuen sozialen Konsens voran. Die neue Mitte ist der Akteur des Wandels.

These # 15
Innovation heißt Selbstreflexion und kultureller Wandel. Wir brauchen ein Gemeinwesen, das Innovationskultur lebt – und auch das Scheitern kultiviert.

Das war jetzt harter Tobak. Mit den 15 Thesen liefert z-punkt einen ersten “Aufschlag für die Debatte über die Zukunftsperspektiven des Wirtschaftsstandorts Deutschland in der globalisierten Welt und ein ‘Manifest in Progress’”.

Am Ende sei noch daran erinnert, dass “Wortbesetzung” keine Erfindung von uns “Werbefuzzies” ist. Wir haben von der Politik gelernt. Die Worte Demokratischer Sozialismus waren lange und eindeutig von der SPD besetzt. Von Ostberlin, der Hauptstadt der DDR sprach nur die SED. Von Westberlin war nur in der Bundesrepublik Deutschland die Rede. Die DDR wurde hier lange nur als Sowjetische Besatzungszone in den Medien benannt. Es ist ähnlich, wie mit Voldemort bei Harry Potter: Am Anfang steht oft der Mut, sich mit Worten anzulegen.

PS: Das mit dem “Kultivieren des Scheiters” in der 15. These kann ich gut gebrauchen, für meine längere Abhandlung zur Demutsforschung in Deutschland. Danke, lieber Klaus.





De Jean vum Newedisch – Entropie im Internet

23 05 2007

“De Jean vum Newedisch” war einmal eine Kolumne in der Frankfurter Rundschau. Belanglose Gespräche, aufgeschnappt am Nebentisch, wurden auf ihren tieferen Gehalt untersucht. Nach dem Motto “Volkes Mund, tut Wahrheit kund!”, kam dabei so manche Perle zu Tage. Im World Wide Web gibt es heute unzählige Jean‘s und ihre Zahl nimmt täglich zu. Auch die Nebentische sind zahlreicher geworden. Im Web 2.0 wird die ganze Welt zum Nebentisch. Ein untrügliches Zeichen von Entropie.


Entropie ist ein schillernder Begriff, der mich schon lange fasziniert. Das Schillernde rührt daher, dass Entropie einen sehr abstrakten physikalischen Sachverhalt beschreibt, der sich alltagspraktisch allerdings sofort nachvollziehen läßt. Entropie ist – so eine der einfachsten Definitionen – das Maß für die spontane Zunahme der Unordnung im Raum. In der Spontaneität dieses Ablaufs liegt das Spannende. Nehmen wir mal mein Kinderzimmer im Jahre 1964. Betrachten wir dieses Zimmer als geschlossenes System. Ohne Zutun irgendeines lebenden Wesens, nahm in diesem geschlossenen System die Entropie spontan zu. Wenn mein Mutter dies bemerkte, sagte sie: “Du könntest mal wieder Staub wischen.”

Fügte man diesem geschlossene System mich hinzu, und würde ich wirklich nur spontan agieren – also nicht Staubwischen – nähme die Unordnung im Raum ebenfalls zu – und zwar schnell. Das ist, seit ich denken kann, meine Erfahrung mit Räumen, in denen ich mich befinde. Einige Zeit hat mich das als persönlicher Makel verfolgt und deprimiert. Seit ich weiß, dass dahinter ein universelles physikalisches Gesetz steckt, komme ich besser zurecht.

Interessant ist eine Methode, mit der man die Entropie kurzfristig in Griff bekommen kann. Meine Mutter war, ohne es zu wissen, Entropiespezialistin. Sie veranlasste mich, durch sanften Druck, die Entropie in meinem Zimmer nicht ausufern zu lassen. Sie benutzte dafür das Wort “aufräumen”. In physikalischen Begriffen formuliert, habe ich nicht aufgeräumt, sondern dem “System Zimmer” Information hinzugefügt: Legosteine in diese Kiste, Matchbox-Autos in die andere Kiste, Stofftiere aufs Bett, Klamotten in den Kleiderschrank oder in die Wäschebox – und Staubwischen. Information ist das einzige wirksame Mittel gegen Entropie. Bei ausufernder Entropie findet man nichts mehr. Fügt man einem Zimmer Information hinzu – was recht mühsam sein kann – weiß man, wo die Legosteine sind. Dass einem danach immer noch gelbe Zweier fehlen, steht auf einem anderen Blatt.

Man kann sich ein Leben lang abmühen und seinem Zimmer, seiner Firma, seinem Arbeitsplatz Information hinzufügen – in ganz großen Dimensionen gedacht, wird man scheitern. Die Experten sind sich da einig. Zimmer aufräumen nutzt nix. Am Ende wird das gesamte Universum an spontan zunehmender Unordnung zugrunde gehen. Es stirbt, so die Experten, den Wärmetod. Das ist übrigens auch schlecht für Eisbären.

Wenn man in Gesellschaft mal ein wenig angeben will und sich sibyllinisch ausdrücken möchte, dann kann man statt von Entropie, auch von Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik sprechen. Den Ersten Hauptsatz der Thermodynamik kennt im Grunde jeder. Nur in der Konversation spielt er meist keine Rolle, obwohl man damit gut Frauen anmachen könnte. Generationen von Physiklehrern haben seinen Ruhm begründet. In einfachem Schuldeutsch, handelt es sich um den Energieerhaltungssatz. Sprich: Zündet man mit einem Feuerzeug eine Zigarette an, dann steigt die Raumtemperatur. Oder: Bremst man sein Auto, schmilzt ein Gletscher. Die leicht mystische Form ist: Bläst man ein Kerze aus, dann stirbt ein Seemann. Das ist allerdings nicht bewiesen.

An der Thermodynamik ungemein interessant ist, dass es auch einen Nullten Hauptsatz gibt. Darauf möchte ich jetzt aber nicht eingehen. Für Leute, die bei belanglosen Gesprächen Eindruck schinden möchten, sei nur soviel erwähnt: Der Nullte Hauptsatz erklärt, warum ein Thermometer, das in Kontakt mit dem zu messenden Objekt steht, die Temperatur überhaupt messen kann. Man merkt schon, wie interessant Thermodynamik sein kann. Für Leute, die jetzt voll darauf abfahren, sei erwähnt, es gibt da auch noch einen Maxwellschen Dämon, der in dieser Sphäre sein Unwesen treibt.

Nach dieser kurzen Vorrede, zurück zu Jean und den Nebentischen: Werden die Nebentische zahlreicher und sitzt an jedem ein Jean, dann nimmt das Grundrauschen zu. Man weiß, an den Nebentischen wird gesprochen, aber man versteht nichts mehr. Das kann ganz gehörig nerven. Entropie ist nicht nur das Maß für die Zunahme der Unordnung im Raum, es ist auch das Maß für die Zunahme des Unwissens. Man weiß eben mehr über eine aufgerümte Schublade, als über eine unaufgeräumte. Nimmt die Entropie zu, dann nimmt das Wissen ab. Dafür bin nicht ich verantwortlich, das ist Physik. Web 2.0, das ist User-Generated-Contend, das sind Blogs, das sind Tag-Clouds und das ist Wikipedia. Nebentische über Nebentische. In der virtuellen Welt schreitet das Unwissen schneller voran, als in der wirklichen Welt. Das World-Wide-Web ist Vorreiter in Sachen Entropie. Schlaue Menschen kaufen sich ein Lexikon oder lesen Bücher.

Am Beispiel der Tag Clouds wird das deutlich: Tag Clouds sind im Grunde gewichtete Listen. Man kann auch “Wichtel-Listen” dazu sagen. Das was die Vielen interessiert, wird hervorgehoben. Das was hervorgehoben wird, interessiert die Nächsten. Dies führt zur weiteren Hervorhebung des Hervorgehobenen – kurz gesagt: zu Uniformität. Web 2.0 ist Herdentrieb pur. Dadurch verschwindet die Differenz, der Unterschied. Alles eine Soße.

Zweites Beispiel Wikipedia: Wikipedia-Inhalte sind frei. Sie werden kopiert und zitiert. Sucht man im Internet Informationen, dann steht häufig Wikipedia ganz vorne. Liest man die nachfolgenden Fundstellen, dann findet man oft Wikipediainhalte auf anderen Webseiten. Das entropische Kopieren ist insofern korrekt, als es darauf hinweist, dass die Inhalte aus Wikipedia übernommen wurden. Das Resultat ist trotzdem erschütternd. Man findet Wikipedia-Inhalte bei jedem weiteren Klick – schlauer wird man nicht.

Da Lob ich mir den alten Jean vom Nebentisch und eine gute Eckkneipe. Meine Prognose: Bevor der letzte Gletscher geschmolzen ist, wird das World-Wide Web den Wärmetod gestorben sein.





Tag Cloud Lyrics

14 05 2007

Kaum treibt man sich mal ein paar Tage zu einem Kurzurlaub in Second Life herum, schon hat man den nächsten Hype verpasst. Wolken sind flüchtig. Tag Clouds hingegen scheinen dauerhaft in der Welt der Websites hängen zu bleiben.

Fast hätte ich diese Wolke nicht bemerkt. Ich war noch gesättigt von Reportagen, Berichten, Prognosen, Statistiken, Stellungnahmen, Kommentaren und Visionen zu Second Life – da schnappte ich am Rande meiner Berufstätigkeit den Begriff “Tag Cloud” auf. Neue englische Begriffe machen mich immer und sofort hellhörig. Hört man einen englischer Begriff, eingebettet in einen deutschen Satz, dann spricht vieles dafür, dass man solch einen Begriff sobald nicht wieder los werden wird.

Tag Cloud, das ist eine treffende Wortschöpfung. Der Begriff drückt sehr direkt aus, was damit gemeint ist: “Eine Wortwolke (englisch tag cloud) ist die Methode zur Informations- visualisierung, bei der eine Wortliste zweidimensional alphabetisch sortiert angezeigt wird, wobei einzelne unterschiedlich gewichtete Worte größer oder auf andere Weise hervorgehoben dargestellt werden.” (Wikipedia)

Tag Clouds, so glaubt man nach dieser Definition, sind rational und praktisch. Dabei sind sie pure Poesie. Tag Clouds mögen darüber Auskunft geben, welche Begriffe in einem definierten Zeitraum häufiger gesucht und welche weniger nachgefragt waren – aber so betrachtet, sind sie vollkommen uninteressant. Wen wundert schon, wenn nach der Bürgerschaftswahl in Bremen die Tag Cloud von Spiegel Online die Nachrichtenlage des Tages erwartungsgemäß wiedergibt. Logisch, dass Bremen und Wahlergebnisse vollfett hervorgehoben sind – um das zu wissen, braucht es keine Tag Cloud.

Interessant wird es, wenn der Erwartungs- horizont der Suchenden unspezifischer wird. Die Tag Cloud eines namhaften deutschen Softwareherstellers bietet dafür ein schönes Beispiel. Plötzlich steht dort sex neben SOA, pussy neben security und porn neben profitability. Erstens fragt man sich, welcher “sap” (engl. Trottel) glaubt eigentlich, die Website eines deutschen Softwareherstellers würde außer Software auch noch Hardcore bieten. Da es sich um die englischsprachige Tag Cloud des namhaften deutschen Softwareherstellers handelt, hat man – mit einer etwas reservierten Haltung, dem amerikanischen Brudervolk gegenüber – eine Antwort schnell parat: Bush-Wähler. Zweitens aber, sieht man hier den interessanteren Aspekt der Tag Cloud: das Unwahrscheinliche geschehen lassen, das Disperate zusammenbringen, das Zufälligen bedeutsam machen.

Tag Clouds sind die Wiederauferstehung des Dadaismus, mit den Mitteln der Informationstechnologie. 1917 verfassten die Dadaisten Tristan Tzara, Walter Serner und Hans Arp, sogenannte „Simultangedichte“. Assoziativ und zufällig wurden dabei Worte zu Texten verbunden. Diese Schreibtechnik wurde später von den Surrealisten aufgegriffen und “automatisches Schreiben” genannt. Das Ziel dieser Methode: Die Akteure wollten dem Unbewußten zum Ausdruck verhelfen. Damit hofften sie, an die ursprünglichen und unverfälschten Eindrücke, Gefühle und Empfindungen zu gelangen. Die Ergebnisse des “automatischen Schreibens” wurden dem Publikum präsentiert, indem mehrere Texte simultan vorgetragen wurden. Was in diesen Rezitationen entstand, war nichts anderes als eine “Wortwolke”.

Tag Clouds sind im schlechtesten Falle unnütz. Im besten Fall, sind sie literarisch-dadaistische Kunstwerke. Das “automatische Schreiben” wird heute nicht mehr nur von einigen Wenigen betrieben, sondern ein Programm fasst das Schreiben von Hunderten, Tausenden oder auch Zehntausenden zusammen. Die bewußte – wenn auch privat, intim und individuell verfasste – Eingabe in die Suchmaske einer Website, wird zu einer kollektiven, öffentlichem Äußerung. Finden sich in der statistische Zusammenfassung einer Tag Cloud noch Spuren der bewußten Entscheidung des Einzelnen? Ist sie Ausdruck eines “gesellschaftlichen Bewußtseins”? Oder haftet ihr etwas von einem ominösen “kollektiv Unbewußten” an?

Keine Ahnung! Eines jedenfalls ist sicher: Das Ganze ist wieder einmal mehr, als die Summe seiner Teile. Wir wissen, dass wir mit hoher Geschwindigkeit unterwegs sind, aber wir wissen nicht wohin die Reise geht.

Tag Clouds finden sich inzwischen auch dort, wo man sie am wenigsten erwartet: Im “Spam”. Mein Freund Jochen hat mich vor einigen Tagen darauf aufmerksam gemacht, dass einige der Mails, die sich in meinem Spam-Ordner befanden, Poesie enthielten: Tag Cloud Lyrics. Hier ein – von mir leicht bearbeitetes – Beispiel:

CARBON RACE (WKN 15Q105)
NDGB.F
Letzter Kurs: 0,95
52W Spanne: 0,50 – 1,16

Responsive
but not
freakishly

Ich verstehe einfach
sein Lamentieren nicht.

Es geht nicht um umweltschutz,
sondern die formulierung eines gesetztes.

Finde sie geschmacklos.
Dieses seltsam anmutende
Headline des
Tagis vom 05.
If marketing is a profitable activity,
it still doesn’t
mean that what it is
communicating to the universe
of buyers
is building the business.

Die Chaoten waren peinlich.
Wer wird da entwickelt?
Wenn Muslime
in einem stillgelegten Industrieareal
eine Moschee einrichtet
wird niemand hinschauen.

Ich verstehe einfach
sein Lamentieren nicht.

Werbung: Registriert und angemeldet sehen Sie diese Werbung nicht mehr.

Gargi sagt:
Der Klimawandel scheint
keinen Einfluss
auf das Kaufverhalten zu haben,
weiterhin werden vor allem grosse
und starke Fahrzeuge gekauft.
Und was ist jetzt das Problem der SVP-Politiker?

The analysts
who predict the future
success of a company
and then punish them
for falling short?
Marketers are constantly reminded
that more leads are needed.

Ich verstehe einfach
sein Lamentieren nicht.

Wer wird da entwickelt?
Ich empfinde es eher
als eine Art Wohnhaftierung
in einer Zivilisolation.

I can tell you that
it does take time
to use a nurturing approach,
but you will end up
with better and more
profitable relationships, whether
it be personal or professional.
It offers
15 luxurious guest rooms
and suites,
each with a private bath
and many with private decks.

Ich verstehe einfach
sein Lamentieren nicht.

In erster Linie waren es Jugentliche
die einfach ihrem Frust
freien Lauf lassen wollten.
In addition,
we can’t ignore research
showing the average tenure
of a CEO is six years.

So eine Art Sodom und Comora.
Wie hat sich die Schuldenlast der
ehemaligen Kolonien entwickelt,
wie viel Prozent des Lebensmittelmarkts
sind in ihrer Hand?

Zum Vergleich ein Gedicht des Dadaisten Hans Arp:

te gri ri ri gri ti gloda sisi dül fejin iri
back back glü glodül ül irisi glü bü bü da da
ro ro gro dülhack bojin gri ti back
denn
berge mit eingebauten lärmapparaten
apportieren erzene schmetterlinge

Mit Bert Brecht schließen wir: “Der Vorhang zu und alle Fragen offen.”