Jeder ein Künstler. Lebenslänglich.

11 10 2007

Gerade döse ich ein wenig auf meiner Couch herum, da höre ich, wie Gert Scobel in 3satbuchzeit den us-amerikanischen Autor Richard Ford interviewt. Richard Ford sagt gerade, dass man als Autor nur episodenhaft denkt. Man hat ein Projekt und danach das nächste. Wie er das genau meint, weiß ich nicht, aber mir fällt etwas ein.

Dem geneigten Leser bin ich noch eine Kleinigkeit schuldig. Vor vielen Wochen ging es um die Thesen von rethinking Business. Dazu wollte ich mich nochmals äußern. Heute äußere ich mich endlich zu These 8: „Kern einer sich verändernden Wirtschaftsweise wird der projektwirtschaftliche Sektor sein, der von kreativen Wissensarbeitern und einem florierendem Unternehmertum getragen sein wird.“ Richard Ford hat sich gerade als Teil des projektwirtschaftlichen Sektors geoutet. Für einen Schriftsteller, wie auch für Angehörige anderer künstlerischer Berufe, ist das nichts besonderes. Jazzmusiker beispielsweise kann man ebenfalls als Zeugen für die Ausweitung des projektwirtschaftlichen Sektors in der Gesellschaft anführen. In den Big Bands der 20er und 30er Jahre herrschten noch weitgehend klare Abhängigkeitsverhältnisse. Der Bandleader war der Boss, die Musiker hatten meist ein festes Engagement mit einem relativ sicheren Einkommen. Anders ist das Business einer Big Band kaum zu betreiben. Mit der weiteren Entwicklung des Jazz etablierten sich kleinere musikalischer Einheiten, mit der Folge, dass sich der projektwirtschafliche Sektor im Jazz immer mehr ausweitete. Musiker taten sich auf eigene Rechnung und eigenes Risiko für einen begrenzten Zeitraum zusammen und trennten sich danach wieder. Das Zauberwort dafür ist auch heute noch „Projekt“. Ganz nachdrücklich habe ich dazu noch ein Konzert vom 22.10.2004 in Erinnerung: Alexander von Schlippenbach und Die Enttäuschung spielen das Gesamtwerk von Thelonious Monk. Das war ein tolles Projekt und ein tolles Konzert.

Nun bin ich der Meinung, dass Kunst gesellschaftliche Entwicklungen immer ein wenig – manchmal auch ein wenig mehr – vorwegnimmt. So könnte es sein, dass die Denker von rethinking Business auf der richtigen Spur sind: Anstatt in gesicherten Arbeitsverhältnissen arbeiten immer mehr Menschen auf eigene Rechnung und auf eigenes Risiko. In Frankreich hat das vor zwei Jahren zum Aufstand der Praktikanten geführt: Der Aufstand einer gesellschaftlichen Gruppe ohne Perspektive, die projektwirtschaftlich von einem zum nächsten unterbezahlten Projekt durchgereicht wurde. Hier zeigten sich die Grenzen und die Gefahren der Ausdehnungsfähigkeit des projektwirtschaftlichen Sektors.

Für die Kunstproduktion läßt sich historish belegen, dass der Künstler sich früh als Ich AG in der Gesellschaft zurechtfinden mußte. Viele bildende Künstler sichern diese prekäre Situation noch immer dadurch ab, dass sie als Kunsterzieher eine Basisversorgung beziehen. Der Kunstmarkt ist ein hartes Geschäft und in diesem Teich überleben vor allem die Haifische.

Apropos Haifische. Damien Hirst, der bekanntetste Vertreter der „Young British Artists“, wurde mit einem in Formaldehyd eingelegte Tigerhai bekannt. Vor einigen Wochen las ich in der Süddeutschen Zeitung, dass Damien Hirst einen Schädel mit Diamanten versehen hat. Gemeinsam mit anderen Investoren kaufte er das Kunstwerk für 75 Millionen selbst (siehe Süddeutsche.de). Das nennt man eine spekulatives Geschäft auf die eigene Zukunft. Aber dafür braucht man ein Grundkapital, das sich nicht aus den Bezügen eines Kunsterziehers aufbauen läßt. Da muss man Haifisch oder Heuschrecke sein.

Man muss also schon fragen, wer in der Projektwirtschaft wen über den Tisch ziehen kann. Ein modernes Wirtschaftsmagazin hat eine lesenswerte Kolumne mit dem Titel „Die kleinste wirtschaftliche Einheit: der Mensch“. Der Mensch ist nicht nur die kleinste wirtschaftliche Einheit, sondern auch die schwächste. Und da ist die kritische Frage, die der Zukunftsforschung eine ernste Angelegenheit sein sollte, wieviel Projektwirtschaft verträgt eine Gesellschaft und welche Organisationsformen beschränken die Macht der wirtschaftlich Mächtigen? Sonst könnte es so sein, dass Andy Warhols „15 minutes of fame“ zu lebenslänglicher Perspektivlosigkeit wird. Das wäre dann Künstlerpech.

Dies ist ein Update zu Thesen und Tatsachen und An die Wand geworfen!

Das Foto zeigt Jimmy Carter und Andy Warhol bei einem Empfang im weißen Haus am 14. Juni 1977. Es steht unter Creative Commons Licence.





Die Kunst Knoblauch zu zerkleinern

23 08 2007

Kleine Details sorgen oft für den entscheidenden Unterschied. Dass Alfons Schuhbeck bei der Zubereitung seines Wiener Schnitzels zerbröseltes Weißbrot als Panade empfiehlt und dem Eigelb einen Löffel geschlagene Sahne zufügt, ist so ein wichtiges Detail. Und das hat eine bemerkenswerte Wirkung. Zukunftsforscher, Marketingverantwortliche und Architekten könnten sich da ein Vorbild nehmen.

Knoblauch, das ist eine sehr heikle Angelegenheit. Deshalb wird es weder in der Architektur, noch im Marketing, noch in der Zukunfts- forschung verwendet. Falsches zerkleinern von Knoblauchzehen kann am Ende das komplette Werk verderben. Wenn Architektur, Marketing und Zukunftsforschung am Ende oft ein geistloses Gebilde produzieren, liegt das jedenfalls nicht am Knoblauch. An der Frage des richtigen Zerkleinerns einer Knoblauchzehe scheiden sich die Geister. Es gibt prinzipiell drei Sorten von Menschen: Es gibt die Presser, die Quetscher und die Hacker (siehe auch die Große Leserumfrage: Sind Sie Hacker, Quetscher oder Presser?).

Einer der prominentesten Vertreter der Hacker ist der schon erwähnte Alfons Schuhbeck. Er steht mit dieser Haltung stellvertretend für all diejenigen, die für einen schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen plädieren. In der Aromafrage bezieht er eindeutig Stellung: Hacken schützt die natürlichen Aromen und bringt sie mit hohem Wirkungsgrad in die zu würzende Speise. Hacker sind häufig konservativ. Diese Grundorientierung verschmilzt mit Versatzstücken einer postmateriellen Einstellung die globalisierungs- und technikkritische Elemente enthält.

Ganz anders die Quetscher. Quetscher muss man nochmals unterteilen in Schälquetscher und Quetschschäler. Der Schälquetscher schält zuerst die Knoblauchzehe und quetscht dann. Beim Quetschschäler ist es umgekehrt. Quetscher jedweder Couleur vertreten ihre Technik des Zerkleinerns nicht offensiv in der Öffentlichkeit. Sie gelten eher als Pragmatiker unter den Knoblauchanwendern, denen Aromen wichtig sind, die aber die zeitsparende Variante des Quetschens, der zeitraubenden und gefährlicheren Alternative des Hackens vorziehen. Quetscher sind experimentierfreudige Hedonisten. Sicher sind auch einige Moderne Performer darunter.

Die Presser hingegen sind ganz eindeutig Konsum-Materialisten, denen Komfort und Status gleichermaßen wichtig sind. Deshalb schaffen sie sich für teures Geld Designer-Knoblauchpressen an, die jegliches Aroma killen und gleichzeitig noch schwer zu reinigen sind. Zu den prominenten Vertretern der Presser gehören wahrscheinlich Leute wie Dieter Bohlen, die – so unterstelle ich – eine große Sammlung von Designer-Knoblauchpressen ihr Eigen nennen.

Mein persönlicher Werdegang vollzog sich vom Hacker zum Quetscher. Ganz zu Anfang war für mich das Hacken die natürliche Form des Zerkleinerns von Knoblauch. Ganz ähnlich, wie in sogenannten primitiven Gesellschaften, gab es dazu keine Alternative. Vor vielen Jahren zeigte mir mein Freund Eckart, während eines Urlaubs in Spanien, dass man eine zuvor geschälte Knoblauchzehe anschließend zeitsparend mit einem Löffel und einer Prise Salz zu Knoblauchmus zerquetschen konnte. So wurde ich zum Schälquetscher. Vor zwei Jahren war mein Freund Bernd – ein Koch mit langjähriger internationalen Erfahrung – bei mir zu Gast. Ich sah wie er eine ungeschälte Knoblauchzehe aromaschonend und zeitsparend mit dem Rücken eines breiten Messers zerquetschte und dann ganz leicht die Schale ablösen konnte. Dieser Anschauungsunterricht machte mich zum Quetschschäler.

Dieses Thema hat nichts damit zu tun, dass es bei einer anderen Tätigkeit ebenfalls drei Kategorien von Menschen gibt, nämlich Falter, Knüller und Wickler. Die Stuttgarter Zeitung behauptet fälschlicherweise es gäbe nur Knüller oder Falter. Meine Feldforschung hat diese Simplifizierung inzwischen widerlegt. Dieses Thema hat jedoch wenig bis gar keine Bezüge zu Architektur, Marketing und Zukunftsforschung. Das hat eher Bedeutung für die Toilettenpapierforschung und schlägt erst anschließend beim Marketing auf. Bei den Architekten und Zukunftsforschern schlägt dabei gar nichts auf. Wer trotzdem etwas über Toilettenpapierforschung erfahren möchte, der lese über „Das große Geschäft“ Kurzweiliges in brand eins.

Damit dieser Beitrag wenigstens einen nützlichen Aspekt für den noch immer maßgebenden männlichen Teil der Architekten, Marketingverantwortlichen und Zukunftsforscher aufweist, zeige ich zum guten Ende ein Video. Man sieht hier sehr anschaulich, wie man einen Windsorknoten bindet. Diejenigen, die die Fliege bevorzugen – auch Krawattenschleife genannt – und die Krawattenmuffel ignoriere ich.

Übrigens: Die Begriffe Postmaterialist, Hedonist, Moderner Performer, Konsum-Materialist und Konservativer stammen aus den Sinus-Milieus, mit denen man sich eine „Basissegmentation von Gesellschaften auf der Grundlage von Wertorientierungen“ basteln kann.

Quellen: An die Sinus-Milieus erinnert hat mich dieser Beitrag von Lisa Neun.

Die Abbildung des Knoblauchs stammt aus Wiki Commons und steht unter Creative Commons Licence.





Zeit totschlagen

13 08 2007

Ich erinnere mich noch gut an einen Spruch, der im Aufenthaltsraum eines Studentenwohnheims an der Wand stand: “Kann man die Zeit totschlagen, ohne die Ewigkeit zu verletzten?” Über diese Frage habe ich lange nachgedacht. So lange, dass dies die Ewigkeit eigentlich bemerkt haben müsste.

Zeit ist eine eher lästige Eigenschaften des bekannten Universums (Die nebenstehende Abbildung zeigt den bisher tiefsten Blick ins Universum – langweilig, oder?). Wissenschaftlich kann man Zeit nicht in 30 Sekunden erklären. Das macht sie ungeeignet für Werbespots. Zeit taucht meist in negativen Zusammenhängen auf – zum Beispiel mit Arbeit. Eine Imagekampagne, die Zeit mit positiven Emotionen auflädt, wäre längst vonnöten. Aber da hat sich noch niemand rangetraut. Zeit wird nach wie vor totgeschlagen, vergeudet, verloren und vertrieben.

Ohne Zeit wäre vieles einfacher. Neudeutsche Begriffe wie Timing oder Momentum gäbe es nicht. Eine positive Konsequenz daraus wäre: Man müsste nicht den richtigen Moment abwarten, sondern könnte immer alles gleich sagen. Das würde auch in Beziehungen viel Zeit sparen. Telefongespräche könnten ewig dauern und man würde trotzdem nichts verpassen.

Auch die Sprache wäre viel einfacher. Es gäbe die verschiedenen Tempi nicht und man müsste nicht zwischen Perfekt, Präteritum und Plusquamperfekt hin- und herschaukeln. Wir wären gleichzeitig alle im Hier und Jetzt und könnten uns im Präsenz unterhalten. Auch die ganze Esoterik und die Religionen wären vollkommen uninteressant, da es ein Danach nicht geben würde. Ohne Zeit könnte man die Zeit endlich sinnvoll nutzen. Auch Zukunftsforscher könnten sich anderweitig nützlich machen und als Präsenzforscher auf Parties auftreten.

Gut wäre auch, dass alles gleich fertig wäre und nichts auf Morgen verschoben werden müsste. In der reichlich vorhandenen Freizeit könnte man dann überlegen, ob man Austreten gehen möchte, oder ob Sommer oder Winter sein soll. Auch das Problem des Raumes und der weiten Entfernungen wäre damit erledigt. Lange Flugreisen wären von Gestern. Man wäre nicht nur immer im Hier und Jetzt, sondern auch gleichzeitig Da und Weg. Staus auf Autobahnen gäbe es auch nicht mehr. Positiv wäre auch: Man käme nie mehr zu spät und müsste nicht nach Ausreden suchen, weil man einfach nur verschlafen hat.

Die Abschaffung der Zeit wäre ein lohnendes Projekt. Soweit ich die internationale Forschungslandschaft überblicke, arbeiten zwar einige Astrophysiker und Astronomen an der Theorie der Schwarzen Löcher und den dort auftretenden Singularitäten der Raumzeit. An der Abschaffung der Zeit arbeiten sie jedoch auch nicht. Ein junger Mann mit dem Kürzel “JK” hingegen hat ohne Budget und ohne Unterstützung der internationalen Forschungsgemeinschaft den Versuch unternommen, die Zeit, wenn nicht abzuschaffen, aber doch so zu komprimieren, dass man sie vielleicht irgendwann einmal in ein Einmachglas stecken könnte, und sie dann unbeachtet für die nächsten 748 Milliarden Jahre im Keller steht. Acht Jahre hat er in einem Video von einer Minute und 43 Sekunden komprimiert. Das sollte man sich anschauen.

Auch wenn solche Videos dann nicht mehr möglich wären – ich wäre schon dafür die Zeit totzuschlagen. Allerdings bin ich mir noch immer nicht sicher, wie die Ewigkeit reagiert. Bei mir hat sie sich noch nicht gemeldet. Aber das muss nichts heißen.


Quellen: Der Hinweis auf das Video stammt von : blogschrott. Vielen Dank.


Der tiefste Blick ins Universum stammt von Wikipedia





Thesen und Tatsachen II – An die Wand geworfen

27 07 2007

Bei der Beschäftigung mit der zweiten These des Projekts rethinking business dachte ich an jene Werbung für die Gelben Seiten, in der es heißt: “Warum fragen sie nicht jemanden, der sich damit auskennt?” Den Thesen hätte das gut getan.

Nachdem wir schon bei der ersten These feststellen konnten, dass die Autoren von Wirtschaft sprachen, wir aber nicht wußten, was sie mit Wirtschaft meinten, setzt sich das bei der zweiten These fort. Beim Nachdenken über diese Thesen, geht es mir ein wenig wie der Königstochter in dem Märchen Der Froschkönig, die beim Spielen im Wald Dinge findet, die sie gar nicht sucht.

These # 02
“Der freie Austausch von Wissen und Kreativität sind die Grundlagen des zukünftigen Wohlstands. Die Wirtschaft tut sich mit beidem schwer.”

Aha, die Wirtschaft tut sich schwer. Das wissen wir, das tut sie meistens – bei Arbeitsplätzen, bei Ausbildungsplätzen, bei Zukunftsperspektiven, bei Antworten auf den demografischen Wandel und bei so mancherlei. Wer aber ist die Wirtschaft? Die Wirtschaft, das ist in diesem Zusammenhang so unspezifisch, wie die Politik, die Kultur, die Wissenschaft, die Findlingseigentümer oder die Hundebesitzer. In ungezählten Politikerstatements wird an solche ungreifbare Subjekte appelliert – an die Hundbesitzer zuletzt, als es darum ging eine Maulkorbpflicht für aggressive Hundrassen zu stoppen. Diese Appelle zeigen nie irgendeine Wirkung, außer einer aufschiebenden. Ersetzte man Wirtschaft durch Unternehmen, dann könnte man darüber vielleicht noch sinnvoll reden. Man hätte sich dann diese These aber auch sparen können, da in These 7 diejenigen Unternehmen als nicht zukunftsfähig erklärt werden, die sich abschotten.

Die These möchte, dass wir darüber diskutieren, ob der “freie Austausch von Wissen und Kreativität (…) die Grundlagen des zukünftigen Wohlstands sind”. Ich kann mir vorstellen, wie ein Austausch von Wissen funktionieren könnte – schließlich bin ich lange Jahre in die Schule gegangen und ein wenig Wissen ist, durch den Einfluß dieser Institution, auch bei mir angekommen. Aber wie funktioniert der Austausch von Kreativität? Nach einer gängigen Definition hängt Kreativität “von Begabungen, Motivationen und Persönlichkeitseigenschaften ab”. Wie tauscht man die Eigenschaften einer Persönlichkeit? Indem man, wie es in einigen schriftlosen Kulturen üblich war, die Hirne der Verstorbenen ißt? Oder funktioniert es, wie in dem Science Fiction Klassiker Invasion der Körperfresser? Oder kann die, in These 11 erwähnte, Bionic Society helfen?

In der letzten Ausgabe der Zeit (vom 26. Juli 2007) las ich mit Vergnügen den Beitrag von Josef Joffe über das Phänomen, dass Power-Point Präsentationen den Geist beschädigen (“An die Wand geworfen” auf Seite 42). Er zitiert dort Edward E. Tuftes Buch The Cognitive Style of PowerPoint mit den Worten: “Bullet outlines can make us stupid.” Die Merkmale der Sprache in PowerPoint-Präsentationen sind die Redundanz (Wiederholung) und das Generische – der Allgemeinplatz. Es wird gesprochen ohne zu denken. “Wir verdummen uns selber,” so Joffe, “wenn wir nichts mehr sagen, sondern nur noch reden.” Die “stumpfe Sprache stumpft auch das Gehirn ab – des Redners wie des Zuhörers.” “Und deshalb dräut der Untergang des Abendlandes, dieser wunderbaren Kultur, deren festes Fundament der klare Gedanke, das rigorose Räsonnieren, die präzise Sprache waren.” So schließt Josef Joffe.

Und ich – ich würde meinen, dass Unternehmen, die sich mit Zukunftsforschung beschäftigen, wie z-punkt – The Foresight Company, die Sprache der Zukunft vielleicht vorwegnehmen. Das hat seinen Preis. Die Probleme der Gegenwart bleiben ungelöst, da sie in einer Sprache formuliert werden, in der man nicht sinnvoll antworten kann. Statt unbedachte Bullet Points zu produzieren, wäre es sinnvoller intelligente Fragen zu stellen. Nach Ludwig Wittgenstein ist “der Sinn einer Frage (…) die Methode ihrer Beantwortung. Sage mir wie du suchst, und ich werde dir sagen, was du suchst.” Ich würde sagen, The Foresight Company sucht noch nach der richtigen Formulierung für wichtige Zukunftsfragen. Der Verzicht auf PowerPoint eröffnet da eine zukunftsfähige und nachhaltige Perspektive.

In all dem Überfluß gibt es keinen Mangel an offenen Fragen: Wovon hängt der zukünftige Wohlstand ab? Geht es um unseren zukünftigen Wohlstand, oder um den Wohlstand aller Erdenbürger? Geht es um Wohlstand für einige, oder um Gerechtigkeit für alle? Ist auch der zukünftige Wohlstand Gegenstand von Verteilungskämpfen und Machtinteressen? Ist der freie Austausch von Wissen in der Sphäre der Wirtschaft nur ein romantischer Gedanke, wie der fromme Spruch “Don’t be evil” von eBay? Tummeln sich im Web 2.0 nur gute Menschen oder, neben der Abmahnindustrie, auch jede Menge anderer Betrüger? Geht es um die Kontrolle der Wertschöpfung, wie das Beispiel iPod zeigt, oder darum, wie bei einem Pfadfindertreffen, alles brüderlich zu teilen? Ist Industriespionage vielleicht sogar der Kern einer neuen Kreativitätsindustrie, die die Basis für zukünftigen Wohlstand schafft?

Vielleicht bewegen wir uns jetzt endlich auf dem Terrain der ungelösten Menschheitsfragen. Aber vielleicht sind die Fragen jetzt auch nur so gestellt, dass es darauf sinnvolle Antworten geben kann. Darauf kann ich nur warten.

Am Ende fällt mir noch einmal das Märchen vom Froschkönig ein. In diesem Märchen mußte man nur eine häßliche Kröte an die Wand werfen, damit sie sich in einen schönen Prinzen verwandelte. Den konnte man sogar in echt heiraten, und war glücklich bis ans Ende aller Tage. Das war (Originaltext) “in den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat.” In der Sprache der Bullet Points werden statt Kröten meist Märchen an die Wand geworfen, die werden dadurch nicht schöner und das Wünschen hilft nicht mehr.


Bildnachweis: Lizenzbedingungen der Abbildung der Königstochter.